house of bamboo (samuel fuller, usa 1955)

Veröffentlicht: August 7, 2009 in Film
Schlagwörter:, ,

poster2_samuel_fuller_house_of_bamboo_dvd_review[1]Eddie Spannier (Robert Stack) reist nach Tokio, um seinen alten Armeefreund Webber (Biff Elliot) aufzusuchen. Dessen Frau, die Japanerin Mariko (Shirley Yamaguchi), kann ihm jedoch nur mitteilen, dass ihr Mann ermordet wurde. Wenig später landet Eddie bei dem Versuch, mit kleinen Gaunereien etwas Geld zu verdienen, beim Gangster Sandy Dawson (Robert Ryan), der Gefallen an dem Eigenbrötler findet und ihn in seine Organisation aufnimmt. Es häufen sich die Hinweise, dass Sandy etwas mit Webbers Tod zu tun hat. Doch auch Eddie hat ein Geheimnis …

Ich weiß, ich habe bisher nicht gerade mit Lob und Superlativen für Fullers Filme gespart, doch HOUSE OF BAMBOO ist das erste handfeste Meisterwerk des sympathischen Raubeins. Vor der faszinierenden, in fantastischen Bildern eingefangenen Kulisse des Tokio der Fünfzigerjahre entfaltet Fuller nicht nur eine spannende und herausragend gespielte Crimestory, er liefert auch einen ausgesprochen fassettenreichen Beitrag zu dem von mir anlässlich meiner Sichtung von Pollacks THE YAKUZA schon einmal skizzierten USA-meets-Japan-Diskurs. HOUSE OF BAMBOO ist ein Film der Grenzüberschreitungen und -ziehungen, der Öffnungen und Schließungen und der gegenseitigen Spiegelung: Er erweist sich als geschickte Ineinanderschachtelung dreier Geschichten, die allesamt um dieses Themenfeld kreisen und die ihnen innewohnenden Konstellationen auf jeweils unterschiedlichen Ebenen wiederholen. Den äußeren Rahmen der Handlung bildet die Kollaboration US-amerikanischer und japanischer Kräfte zur Aufklärung eines Verbrechens (bei einem Zugüberfall auf japanischem Boden wurde ein Mitglied des US-Militärs ermordet), innerhalb dieses Rahmens verfolgen wir Eddies Weg in Dawsons Syndikat, das ebenfalls einem Katz-und-Maus-Spiel aus Verheimlichungen und Offenbarungen gleicht, und in diese Geschichte ist wiederum der Strang um die sich zwischen Eddie und Mariko anbahnende Liebesbeziehung gewoben, die sich aufgrund der kulturellen Barrieren als Wechselspiel aus Anziehung und Abstoßung darstellt. 

Fuller findet immer die passenden Bilder, um dieses komplizierte Verhältnis darzustellen: Als Mariko sich neben Eddie schlafen legt, lässt sie ein dünnes Bambusrollo zwischen beiden herabsinken, das zwar als Trennwand fungiert, jedoch durchsichtig ist. (Später wird dieses Rollo die Funktion des Gitters in einem Beichtstuhl einnehmen, wenn Mariko Eddie erklärt, warum sie als Japanerin nicht mit einem Ausländer zusammen sein kann.)  Als sie Eddie am nächsten Morgen auffordert, ein Bad zu nehmen, ist er es, der ihr – sichtlich irritiert – den Blick mit einer Trennwand, die diesmal jedoch nicht transparent ist, verstellt. Und als sie ihn wenig später bittet, aus der Wanne aufzustehen und frühstücken zu kommen und völlig ungeniert darauf wartet, dass er sich vor ihr nackt aus dem Waschzuber erhebt, weicht er ihr verschämt damit aus, dass er immer in der Badewanne zu frühstücken pflege. In der Beziehung zwischen den beiden geraten nicht nur kulturelle Grenzen ins Wanken, sondern auch geschlechtliche: Es ist unverkennbar – und für einen Betrachter, der Fuller immer nur als frauenfeindlichen Macho rezipiert hat, sicher überaus überraschend -, dass die Rolle des Mannes und der Frau nicht statisch an das biologische Geschlecht gebunden ist: Wenn sich Eddie von Mariko sanft massieren lässt, er sie fragt, was sie an ihm als erstes attraktiv fand, und sie ihm antwortet: „Deine Augen.“, dann ist die traditionelle Rollenverteilung aufgehoben. 

Diese Art der Beziehungsarbeit setzt sich auch zwischen Eddie und Sandy auf der einen und Sandy und seiner rechten Hand Griff (Cameron Mitchell) fort: Eddie erlangt das Vertrauen Sandys, weil er diesem gegenüber einen klaren Standpunkt bezieht und sich nicht bedingungslos aufgibt, während der sich auf seine Treue und Loyalität berufende Griff mehr und mehr an Boden verliert, bis es zu offen ausgetragener Eifersucht kommt. Der Gesinnungswandel Sandy wird in zwei kontratsierenden Ereignissen deutlich: Erst rettet Sandy Eddie gegen seine eigentlichen Prinzipien, die besagen, dass ein Verwundeter nicht nur zurückgelassen, sondern gar erschossen werden muss, damit er nicht singen kann (die Erklärung für Sandys Verhalten – man beachte auch seinen doppelgeschlechtlichen Namen -, die er selbst nicht findet, liegt auf der Hand: Liebe), am Ende erschießt er Griff ausgerechnet in einer Badewanne, weil er ihn für einen Verräter hält. Geradezu zärtlich bittet er den Verstorbenen um Verständnis, dessen Kopf zärtlich im Arm haltend.

Auch bildlich setzt Fuller die hier beschriebene, den ganzen Film durchziehende Dynamik aus aggressiven Vorwärts- und defensiven Rückwärtsbewegungen, die jeweils entsprechenden entgegengesetzten Reaktionen nach sich ziehen, fort. Immer wieder bewegen sich seine Figuren in die Tiefe des Raums, immer wieder öffnen und durchschreiten sie Türen, treten von außen nach innen und umgekehrt. Die erste Begegnung zwischen Eddie und Sandy findet statt, nachdem Eddie von einem Leibwächter durch eine Papierwand hindurch in Sandys Zimmer geprügelt wird (die Kamera folgt Eddie durch die Öffnung – ebenfalls ein Stilmittel, das mehrfach zum Einsatz kommt), am Ende plant Sandy Eddies Ermordung, indem er diesen bewusstlos hinter einer ebensolchen Wand platziert, sodass er von außen deutlich als Schattenriss zu erkennen ist, und der Polizei einen Hinweis auf einen bewaffneten Mann gibt. Sandys Haus schließlich verkörpert selbst Fullers Erzählstrategie, ist ein weiterer Beleg für das ständige Gleiten als dass sich HOUSE OF BAMBOO darstellt: Es gibt keinen Raum, in dem sich alles abspielen würde, sondern ein ständiges Kreisen verschiedener Räume um einen Mittelpunkt. Dieser ist ein begrünter Innenhof mit einem Pavillon (also gleichzeitig ein Innen und ein Außen), in dem an drei entscheidenden Wendepunkten der Geschichte jeweils zwei Charaktere zu einem Gespräch zusammenfinden: Erst weist Sandy Eddie dort in seine Organisation ein, dann treffen sich dort Eddie und Mariko, zum Schluss erfährt Sandy dort von seinem Informanten, dass Eddie ihn verraten und er mit Griff den Falschen umgebracht hat. Jeder Raum in Sandys Haus ist durch verschiebbare Wände von jeder Seite aus zu betreten und wird im Verlaufe des Films aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet. Ein künstlich angelegter Teich erstreckt sich vom inneren des Hauses in den Hof und konkretisiert ebenfalls das „Fließen“ des Films, das sich auch in den von Fuller gewählten transsequenziellen Überblendungen wiederfindet. 

Eine Szene möchte ich stellvertretend für Fullers Strategie und den Zauber des Films anführen: In Sandys Haus trifft sich seine Bande zu einem Fest mit japanischen Geishas. Zu japanischer Volksmusik führen diese einen traditionellen Tanz auf. Bis plötzlich moderne amerikanische Tanzmusik erklingt: Dann reißen sie sich ihre Kimonos vom Leib, offenbaren darunter Petticoats und Blusen und beginnen wie wild mit Sandy Männern zu tanzen.

Ich schätze, ich werde den Film in Kürze noch einmal sehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..