judgment night (stephen hopkins, usa 1993)

Veröffentlicht: August 11, 2009 in Film
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Die Freunde Frank (Emilio Estevez), Mike (Cuba Gooding, jr.), Ray (Jeremy Piven) und Franks kleiner Bruder John (Stephen Dorff) geraten bei der Fahrt zu einem Boxkampf vom Weg ab und landen in einem ausgesprochen finsteren Stadtteil, wo sie Zeuge des Mordes an einem kleinen Drogendealer werden. Der Killer, Drogenboss Fallon (Denis Leary), will sich die unliebsamen Zeugen natürlich vom Hals schaffen: Die vier Freunde müssen um ihr Leben rennen …

o[1]JUDGMENT NIGHT hatte es damals schwer: Schon lange bevor der Film in Deutschland seine Premiere auf Video feierte, zirkulierte der fulminante Soundtrack, auf dem Alternative-Rock- und Metal-Acts mit Hip-Hop-Größen kollaborierten (u. a. Slayer & Ice-T, Biohazard & Onyx, Pearl Jam & De La Soul, Faith No More & Boo-Yaa T.R.I.B.E., Helmet & House of Pain) und damit meine Prä-Abitur-Feiern soundtechnisch untermalte. Der Film stellte sich dann als deutlich weniger spektakulär heraus, war – gelinde gesagt – eine herbe Enttäuschung aller Hoffnungen auf einen knallharten Ghetto-Actioner. Mit dem Abstand von 15 Jahren relativiert sich das freilich: Auch wenn man sich durchaus fragen muss, warum man diesem doch vergleichsweise zahmen Film den „Ab 18“-Stempel aufdrückte, so verarbeitet JUDGMENT NIGHT sein Thema – die Schuldgefühle der Mittelklasse gegenüber den ökonomischen „Verlierern“ der Wohlstandsgesellschaft – doch auf recht geschickte Art und Weise, verdichtet es in einem betont einfach konstruierten Flucht-Szenario. Der Abstieg der braven Bürger in den Schlund der Hölle, ihre Konfrontation mit der harten Realität und der Verlust der „Unschuld“ durch Adaption der Regeln des Dschungels: Man kennt diese Dramaturgie etwa aus Wes Cravens LAST HOUSE ON THE LEFT und den Vertretern des Backwood-Subgenres. Hopkins liefert mit JUDGMENT NIGHT die städtische Wendung dieser Geschichte, schickt seine braven Bürger in den urbanen Dschungel, in dem diese – mit dem eigenen Tod konfrontiert – recht schnell die Maske der Zivilisation abwerfen. Man kennt das ja: Erst werden die Fenster des teuren Wohnmobils hochgekurbelt – die Welt der Armut „da draußen“ soll schließlich möglichst auf Distanz bleiben. Der Mensch, der wenig später angefahren wird, hat halt Pech gehabt, man kann hier doch unmöglich aussteigen, bloß schnell weg. Der anschließende Mord wird zwar schockiert beobachtet, aber es schwingt auch eine gewisse, nicht zu leugnende Faszination mit. Schlimmer als die Tatsache, dass ein Toter auf der Straße liegt, ist immer noch, dass das nur geliehene Auto in Flammen aufgeht. Schon in diesem frühen Stadium erkennt man, dass es mit der Unschuld der Protagonisten nicht so weit her ist, ihr Wohlstand mit der Armut ihrer Umgebung durchaus in kausaler Verbindung steht. Das daraus resultierende schlechte Gewissen des Bürgertums wird immer wieder thematisiert, wenn die Freunde mit den Bewohnern des Armutsviertels konfrontiert werden: mit den Obdachlosen, die in den Waggons eines Zuges schlafen und sich ihr Stillhalten teuer bezahlen lassen, mit den Bewohnern eines heruntergekommenen Wohnblocks, die den Protagonisten ihre Hilfe ironischerweise verwehren, weil sie gewohnt sind, dass die Bedrohung von außen kommt, und den Protagonisten damit klar machen, wie schnell man auf die falsche Seite gerät. Vertauschte Rollen.

Doch Hopkins bezieht die Dynamik und Spannung nicht aus einer letztlich wieder nur die gültigen Vorurteile bestätigenden Konfrontation von Arm und Reich. Das Ghetto wird bei ihm nämlich zum Schauplatz eines Kampfes der Gewinner: auf der einen Seite die sorgenfreien Mittelständler mit ihren College-Abschlüssen, Familien, Eigenheimen und Ersparnissen, auf der anderen die Drogendealer um Fallon, ihrerseits Weiße, die die Armutsviertel als ihr Geschäftgebiet nutzen und somit dazu beitragen, dass die herrschenden Zustände zementiert werden. Sie sind sich nicht so fremd, der Dealer und die braven Bürger: Das erkennt man, wenn Ray versucht, sich sein Leben zu erkaufen und dazu das Haifischlächeln des Bänkers aufsetzt, oder Mikes Angst plötzlich in sadistische Gewaltfantasien umschlägt: Es obliegt Frank, die Gruppe zusammenzuhalten und ihre moralische Integrität zu wahren. Über die Frage, ob ihm dies nicht nur deshalb gelingt, weil er als Familienvater am meisten „Besitz“ zu verlieren hat, und ob sich JUDGMENT NIGHT hierin nicht doch als ungemein spießige Fabel entpuppt – im Kern ist er tatsächlich ein Märchen -, ließe sich trefflich diskutieren. Darüber, dass JUDGMENT NIGHT recht spannend und darüber hinaus famos fotografiert ist, hingegen nicht.

Kommentare
  1. elbenno sagt:

    Witzigerweise kannte ich jahrelang nur den grandiosen Soundtrack, und habe den Film erst spät zufällig im TV gesehen. Und war ein wenig enttäuscht.

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