forty guns (samuel fuller, usa 1957)

Veröffentlicht: September 29, 2009 in Film
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193251.1020.A[1]Ich habe in der jüngeren Vergangenheit ja schon mehrfach ein Loblied auf die Regiekünste des sympathischen Raubeins Samuel Fuller angestimmt, sodass es mir angesichts des  filmgeschichtlich zwar immens einflussreichen, in seiner stilistischen Radikalität dennoch nahezu singulären FORTY GUNS schwerfällt, überhaupt noch Worte zu finden, geschweige denn die richtigen. Was ist das denn für ein Film?

Da schart eine Frau – die stets in strenges schwarz gekleidete Großgrundbesitzerin Jessica Drummond (Barbara Stanwyck) – eine Bande von 40 Männern um sich, unter ihnen sowohl einflussreiche Männer der Stadt als auch ganz ordinäre Strauchdiebe und Revolverhelden, mit denen sie die Umgebung beherrscht, bis der neue Marshall Griff Bonell (Barry Sullivan) ihr einen Strich durch die Rechnung macht, indem er sie kraft der unerwarteten Liebe von der eiskalten Matriarchen in ein frommes Mütterchen verwandelt. Da wird das bis dahin relativ stabile Gefüge des Westerngenres von Fuller unter Zuhilfenahme bizarrer Close-ups und anderer experimentell anmutender Einstellungen, verwirrender Zeitsprünge und einer parabelhaft verkürzten Handlung geradezu in seinen Grundfesten erschüttert. Das eigenwillige Schwarzweiß-Scopeformat ist schon ein erster Anhaltspunkt für das, was den Betrachter des nur 75-minütigen Spielfilms an Entfremdungsstrategien erwartet, und spätestens mit den hochgradig sexuell aufgeladenen Dialogen des Films offenkundig wird. Fuller taucht mit FORTY GUNS tief in das Unbewusste des Westerns ein, holt dessen psychischen Tiefenstrukturen an die Oberfläche und legt so einen wichtigen Grundstein für die Dekonstruktion, die das Genre im folgenden Jahrzehnt durchmachen sollte.

Doch diese Beschreibung wird Fullers Film nicht ansatzweise gerecht, so sehr sie auch faktisch zutreffen mag. FORTY GUNS ist keineswegs intellektuelle Spielerei oder kaltes Kopfkino, er ist viel mehr als das: Gerade mithilfe der genannten Verkürzungen, stilistischen Experimente und Übertreibungen gelingt es Fuller den emotionalen Kern seiner Geschichte freizulegen, indem er immer den kürzesten Weg, immer das klarste Bild findet. FORTY GUNS, das ist unverstellte, ungefilterte Poesie und damit auch eine Rückkehrzum Wesentlichen eines Ende der Fünfzigerjahren schon in seinen Konventionen erstarrten Genres. Ob es der schwankende – und damit die Bewegung ihres Objekts simulierende – Close-Up der Kamera auf das Augenpaar des auf seinen Gegner zugehenden Griff Bonnell ist, der Blick durch einen Gewehrlauf hindurch, der gezielte Einsatz von Unschärfen, die Zeitsprünge, die den gleichmäßigen Fluss des Films immer wieder aufbrechen, oder aber Szenen wie jene, in der Griff und Jessica von einem Wirbelsturm überrascht werden: FORTY GUNS ist von nichts so sehr befeuert, wie von den unbezähmbaren Flammen tosender Leidenschaften.

Das Ende – ein rachsüchtiger Griff erschießt kurzerhand seine Geliebte, um so schließlich auch den Gauner erledigen zu können, der sich hinter ihr verschanzt hatte – hätte den Film würdig beschlossen, doch leider wollten die Produzenten unbedingt ein Happy End, das innerhalb des sonst so geschlossenen Werks zwar erscheint wie ein Fremdkörper, dessen Genialität aber dennoch nichts anhaben kann. Das ist ebenso ausgleichende Gerechtigkeit wie die Tatsache, dass Fuller die geläuterte Jessica dem auf der Kutsche davonfahrenden Griff in der Schlusseinstellung hinterherlaufen lässt wie einen treudoofen Köter …

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