entourage (seasons 1 – 5, usa 2004 – 2008)

Veröffentlicht: Oktober 2, 2009 in Film
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entourage[1]Man muss sich wundern, warum vorher nie jemand auf diese Idee gekommen ist: ENTOURAGE verfolgt einen aufstrebenden Jungschauspieler und seine titelgebende Clique auf dem Weg durch Hollywood, konfrontiert sie mit cholerischen Produzenten, abgezockten Agenten, größenwahnsinnigen Schauspielern, überambitionierten Regisseuren und geilen Groupies, lässt sie gemeinsam Erfolge erleben, Fehlentscheidungen treffen, Karrieretiefs durchwaten und auf die nächste Gelegenheit hoffen. Das Konzept, den Zuschauer an einer Sänger-, Sportler oder Managerkarriere teilhaben oder gar diese mitgestalten zu lassen, kennt man ja bereits aus Reality-TV-Formaten oder aber aus Computerspielen. HBO hat das ganze in ein Serienformat gegossen, wissend, dass es nebenbei reichlich quotenträchtige Gelegenheit für Gastauftritte berühmter Showbiz-Persönlichkeiten bietet, die sich selbst spielen und ihr eigenes Image entweder krass überbestätigen (z. B. Gary Busey als reichlich weggetretener Schauspieler-slash-Künstler) oder aber ihre Rollenpersona duplizieren (z. B. Seth Green als intrigantes Arschloch), satirische Seitenhiebe auf die Filmindustrie samt ihrer merkwürdigen Anwandlungen sowie ausufernden Materialismus und – wir haben es hier immerhin mit einer Serie des Pay-TV-Senders HBO zu tun, der sich keine Sorgen um Jugendschutz machen muss – nackte Haut und Sex galore ermöglicht.

Zur Handlung: Vincent Chase (Adrian Grenier) hat soeben seine erste Hauptrolle in einem großen Hollywoodfilm an der Seite von Jessica Alba absolviert. Gemeinsam mit seinem Bruder Johnny Drama (Kevin Dillon), einem abgehalfterten Seriendarsteller, der sich vom Erfolg seines Bruders einen Boost für die eigene brachliegende Karriere verspricht, seinem besten Freund und Manager Eric (Kevin Connolly) und dem gemeinsamen Kumpel Turtle (Jerry Ferrara) genießt er die ersten Früchte des Erfolgs und des Reichtums: Man gibt Geld für Luxusgegenstände aus, hängt auf Partys rum, lernt attraktive Damen kennen und macht sich eher nebenbei Gedanken darüber, wie es denn weitergehen soll. Im Nacken sitzt ihnen dabei der Agent Ari Gold (großartig: Jeremy Piven), dessen Pläne, aus Vincent um jeden Preis einen absoluten Superstar zu machen, jedoch nicht immer auf Gegenliebe stoßen: Denn Vincent und Eric wollen nicht einfach nur reich und berühmt werden, sie wollen dies mit Filmen erreichen, die ihnen etwas bedeuten. Doch leider ist Hollywood vor allem eine große Firma, in der Einzelgänger und Visionäre nur so lange geduldet sind, wie sie kompromissbereit bleiben und sich dann und wann den Regeln fügen. Dem Aufstieg zum Superstardom im erfolgreichsten Film aller Zeiten – Vincent spielt den Superhelden Aquaman im gleichnamigen Blockbuster von James Cameron – folgt bald schon der Abstieg mit dem selbst produzierten künstlerischen wie finanziellen Fiasko „Medellin“, einem überlangen Biopic über das Leben Pablo Escobars, das sich unter der Regie des launischen, exzentrischen und unkontrollierbaren Wunderkinds Billy Walsh (Rhys Coiro) zum Megaflop entwickelt und Vincent zur Persona non grata in Hollywood macht …

In handlichen 25-minütigen Episoden wird dem Zuschauer bei ENTOURAGE vor allem leichte, locker-flockige Unterhaltung serviert: Große Probleme oder Tragödien sucht man vergebens, was angesichts des Sujets durchaus angemessen ist. Vielmehr werden die einzelnen Folgen vom Spirit des Coming-of-Age- und Highschool- bzw- Collegefilms beatmet, denn mehr noch als von Superstardom und Hollywood handelt ENTOURAGE von Freundschaft. Die vier Freunde – zu denen sich im Verlauf der ersten fünf Staffeln immer mehr auch der zunächst eher antagonistisch gezeichnete Ari Gold hinzugesellt – bestreiten fast jede Szene der Serie gemeinsam oder aber zumindest in Paaren und das dramatische Zentrum der Serie bilden ihre Bemühungen, trotz der wachsenden Verantwortung und Ansprüche die eigene Identität zu wahren und nicht vom System gefressen zu werden. Im Grunde sind sie nur Fremde in Hollywood, Gäste: Eigentlich aus einem bürgerlichen Mittelstandsmilieu im New Yorker Stadtteil Queens entstammend, erzählt ENTOURAGE natürlich auch die altbekannte Geschichte vom amerikanischen Traum, vom Aufstieg des Tellerwäschers (Eric leitet eine Pizzeria bevor er den Job als Manager seines Jugendfreunds übernahm) zum Millionär, jedoch ohne diese melancholisch zu verklären oder zur pathetischen Ode auf die USA zu übersteigern. Den Freunden geht es nicht darum, ein Empire aufzubauen, wie etwa den Helden vergleichbarer Stoffe aus der Phase des klassischen Hollywoodkinos (man denke an CITIZEN KANE oder an GIANT), sondern den Glücksmoment, von dem man ja weiß, dass er nur flüchtig ist, so lange wie möglich auszureizen, was sich im Verlauf der Serie als schwieriger herausstellt als es zunächst den Anschein hat. So materialistisch ENTOURAGE vordergründig auch sein mag mit seinen Product Placements, shopping sprees und Kurztrips nach Las Vegas: Die Serie zeigt durchaus, dass den Luxusgegenständen kein Wert an sich zukommt und immer die Gefahr besteht, im Überfluss das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Die Kaufräusche sind immer auch ein wenig vom Unbehagen gekennzeichnet, das Geld denjenigen bereitet, die nie welches hatten: Zu viel Geld in der Tasche macht Vincent nervös, erst wenn es weg ist, er mit seinen Freunden zusammensitzen und einen durchziehen kann, geht es ihm wieder gut. Diese Konstellation birgt im Rahmen der Serie einiges an Konfliktpotenzial.  

Es sind keinesfalls nur die weiter oben erwähnten Oberflächenreize, die die Serie zu einem solchen Genuss machen, sondern die zunehmend raffiniertere Zeichnung der Figuren und ihre Verkörperung durch die famosen Darsteller. Jeremy Piven, schon ein alter Hase im Film- und Fernsehgeschäft, hat sich mit seinem hyperbolischen Ari Gold einen zweiten Frühling beschert und trägt manche Folgen ganz allein mit seinen kreativen Flüchen und Beleidigungen. Die „Entourage“ – die lose an die Clique angelehnt ist, mit der Mark Wahlberg, der hier als Produzent fungiert, einst Hollywood unsicher machte – hingegen lebt vom Aufeinanderprall ganz unterschiedlicher Charaktere: Vincent ist der Schönling, dem alles Glück zufliegt und dem es unendlich schwer fällt, Verantwortung zu übernehmen; sein älterer Bruder Johnny ist ein Träumer, der sich die Realität immer etwas nach seinem Gusto zurechtbiegt, damit zwar meist auf die große Klappe fliegt, aber eigentlich so etwas wie die gute Seele der Gruppe ist; Turtle ist der Slacker, der es sich im Schatten seines Freundes gut gehen lässt, jedoch mehr und mehr erkennen muss, dass er selbst etwas aus seinem Leben machen muss, und Eric die Stimme der Vernunft, die sich nicht immer gegen die geballte Kraft der unreifen Kumpels durchsetzen kann. Es sind auch ihre lebendigen, kreativen Dialoge, ihre kumpelhaften Neckereien und disses, die den Episoden ihren Esprit bescheren. Der Hip-Hop-Einfluss macht sich nicht nur auf dem Soundtrack und in den gelegentlichen Gastauftritten bemerkbar: Es ist den Schreibern gelungen, jeder Figur eine ganz unverwechselbare Stimme zu verleihen. Es ist auch ihr dicker New Yorker Akzent, der sie einerseits zu Außenseitern stempelt, andererseits ihre Autonomie kennzeichnet. Die ganze Serie ist fantastisch besetzt und es gibt eigentlich keine einzige Figur, die man missen möchte: In Neben- und Gastrollen sieht man neben den genannten etwa Debi Mazar als bissige Publizistin, Beverly D’Angelo und Carla Gugino als knallharte Agentinnen, Malcolm McDowell als hinterhältigen Agenturleiter, Martin Landau als senile, aber kampfeslustige Hollywood-Produzentenlegende, Val Kilmer als bedröhnten Dopedealer, Stellan Skaarsgard als höchst eigenwilligen deutschen Regisseur Verner, Giovanni Ribisi und Lukas Haas als Redneck-Drehbuchautoren, Gary Cole als Fernsehproduzent sowie Jimmy Kimmell, Bob Saget, Frank Darabont, Jason Patric, Martin Scorsese, James Cameron, Mandy Moore, Scarlett Johansson, Ralph Macchio, David Faustino, Pauly Shore, Kanye West, Vanessa Angel, Melinda Clarke, Eric Roberts und Anna Faris, die  allesamt sich selbst spielen.

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