weeds (seasons 1 – 4, usa 2005 – 2008)

Veröffentlicht: Oktober 8, 2009 in Film
Schlagwörter:, ,

WEEDS (season 4)„Little boxes/on the hillside/little boxes made of ticky-tacky“ heißt es im Vorspannsong der mehrfach ausgezeichneten Showtime-Serie WEEDS und dazu sieht man Bilder einer am Reißbrett entstandenen kalifornischen Vorort-Siedlung: entlang der immergleichen Straßen die immergleichen Häuser, auf deren immergleichen Einfahrten die immergleichen SUVs parken und die immergleichen Menschen zu ihren immergleichen Berufen bringen. „They all look just the same“, wie es im Song entsprechend weiter heißt. Die niedliche Melodie des kleinen Liedchens täuscht kaum darüber hinweg, dass dieser Vorspann  fatal an Zack Snyders DAWN OF THE DEAD erinnert und der Verweis auf die „boxes“, der vordergründig natürlich die Häuser meint, eine andere in diesem Zusammenhang viel fruchtbarere Assoziation geradezu aufdrängt: Die „Kisten“ sind Särge und die Bewohner dieser Kisten auch irgendwie Zombies, die im Suburbia-Limbo ihren kleinen alltäglichen Sorgen und Träumen nachhängen, ohne so recht vom Fleck zu kommen.  

Nancy Botwin (Marie-Louise Parker) ist Witwe und alleinerziehende Mutter zweier Söhne, seitdem ihr Ehemann vor einem Jahr beim Joggen unverhofft einem Herzanfall erlag. Aus Ermangelung an Alternativen verdient sie sich ihr Geld mit dem Dealen: Sie verkauft Marihuana an die Bewohner ihrer Wohnsiedlung Agrestic, einem Vorort von Los Angeles voller Grünanlagen, Golfplätze und Kaffeehausketten. Die Drogen bekommt sie von der burschikosen Afroamerikanerin Heylia (Tonye Patano) und deren Weed-Spezialist Conrad (Romany Malco), zu ihren Kunden gehören u. a. der Anwalt Dean Hodes (Andy Milder), der wiederum mit der frustrierten Celia (Elizabeth Perkins) verheiratet ist, die nichts von Nancys geheimem Einkommen weiß und verzweifelt um deren Freundschaft buhlt, und der Stadtratsvorsitzende Doug Wilson (Kevin Nealon), der seinen Posten vor allem dazu nutzt, seine eigene Unzufriedenheit zu kompensieren. Als Nancys Schwager Andy (Justin Kirk) vor der Tür steht, reifen gemeinsam mit dem treuen Kern des Kundenstamms bald schon Pläne für eine Expansion des kleinen Weed-Unternehmens: Mithilfe von Conrad Fachwissen will Nancy ihren eigenen Anbau starten. Ihr Gras schlägt ein wie eine Bombe, doch damit entstehen neue Probleme, die bald schon beängstigende Ausmaße annehmen …

Der obige, kurze Abriss der Handlung von WEEDS umfasst etwa die ersten beiden Staffeln, die jedoch nur andeuten, welche Möglichkeiten sich auch in Staffel 4 dank des grenzenlos scheinenden Einfallsreichtums der Autoren immer noch bieten. Die gelungene Zeichnung des sterilen Vororts und seiner Einwohner sowie das Konfliktpotenzial, das sich aus dem Umstand ergibt, dass eine harmlose Hausfrau Drogen an ihre harmlosen Nachbarn verkauft, täuschen zunächst geschickt über das hinweg, was sich im weiteren Verlauf der Serie immer mehr als eigentlicher Kern herauskristallisiert. Was sich nämlich auf dem Papier wie der Entwurf zu einer zwar skurrilen, aber dann doch sehr harmlosen Comedyserie anhört, die wieder einmal das spießige Vorstadtbürgertum aufs Korn nimmt, entwickelt sich zur cleveren Satire auf das (Mittelklasse-)Leben in den USA der Bush-Administration, das mehr und mehr einem hoffnungslosen Schlafwandeln im oben erwähnten Limbo ähnelt. Es gibt für die Bewohner von Agrestic keine Perspektiven: Zwar haben sie es einigermaßen gemütlich und genießen einen trügerischen Luxus, doch sobald etwas Unerwartetes passiert, droht auch schon der existenzielle Abgrund. Und ein Ausweg in eine materielle und ideelle Sicherheit ist nahezu unmöglich. Eine Aufstiegschance scheint die (Klein-)Kriminalität zu bieten: Steuerhinterziehung, Versicherungsbetrug, Drogenhandel. Doch auch dieser Bereich funktioniert nach den lästigen Gesetzen des Marktes, jede Romantik eines wie auch immer gearteten Außenseitertums ist längst passé. So müssen Nancy und ihre Freunde stets flexibel bleiben, immer darauf vorbereitet sein, unangenehme Entscheidungen zu treffen, neue, bislang unbeschrittene Wege zu gehen, sich von alten Gewohnheiten zu trennen, die Zelte abzubrechen und woanders neu aufzuschlagen.

Diese Lebensphilosophie beherzigen wohl auch die Macher der Serie: So wird Agrestic als Schauplatz mit Ende der dritten Staffel vollkommen aufgegeben, genauso wie der Drogenhandel Nancys. Stattdessen siedelt ein Teil der  Belegschaft in den Küstenort Ren Mar an der mexikanischen Grenze , um dort sein Glück zu versuchen. Nancy heuert im Imperium von Esteban Reyes (Demián Bichir) an, der nicht nur einen florierenden Drogen-, Waffen- und Mädchenhandel leitet (sein Haupttransportweg verläuft über einen Tunnel, der in Tijuana beginnt und in einem Umstandsmodengeschäft in einer amerikanischen Shopping Mall endet), sondern auch Bürgermeister von Tijuana ist und zum love interest Nancys wird. Andy und Doug machen es sich währenddessen zur Aufgabe, eine humanistische Schlepperorganisation für südamerikanische Emigranten aufzuziehen, Nancys Sohn Silas tritt als Weed-Grower in die Fußstapfen der Mutter und Celia kultiviert eine ausgeprägte Drogensucht. WEEDS vollzieht einen Sprung, der längst nicht selbstverständlich ist, in diesem Fall jedoch wie eine Frischzellenkur wirkt und den Blick freimacht für das, was diese Serie auszeichnet.

WEEDS ist deshalb so fantatstisch, weil sie ihren Charakteren auch in den absurdesten Momenten affektiv verbunden bleibt und immer den Bezug zur Realität wahrt. Ätzenden Zynismus, Schadenfreude und Arroganz sucht man vergebens: Alle Figuren sind glaubwürdig, weil sie fassettenreich gezeichnet und niemals zu bloßen Platzhaltern, zu Vollstreckern der Drehbuchstrategie degradiert werden. Diese Liebe zu den Charakteren bildet die Grundlage, auf der WEEDS ganz entgegen dem monothematisch klingenden Titel (auf den dann ja auch Pro7 hereingefallen ist, wo die Serie als genau jene Art von Kifferkomödie vermarktet wurde, die sie niemals ist, und demzufolge nach einer Staffel abgesägt wurde) ein gewaltiges Themenfeld aufzieht. So wie in WEEDS Politik (Andy muss seinen Kriegsdienst im Irak leisten), über Religion (Agrestic und der Nachbarort Majestic werden von christlichen Fundamentalisten bevölkert) und gesellschaftliche Themen wie Rassenproblematik (der Konflikt zwischen Weiß und Schwarz wird in den ersten drei Staffeln behandelt, in Staffel 4 spielt dann die US-amerikanische Immigrationspolitik eine wichtige Rolle), Kriminalität und Sexualität thematisiert werden, muss man die Serie schon fast als Sittengemälde bezeichnen. Gegen diesen Begriff spricht eigentlich nur die episodische Struktur, die dem Stoff jedoch gerade zum Vorteil gereicht: Ein Film, der Ähnliches versuchte, könnte sich diese entspannte Lockerheit niemals erlauben. Vollendet wird der Genuss durch die fantastischen Darsteller (es gibt Gastauftritte von Martin Donovan, Albert Brooks, Lee Majors, Matthew Modine, Zooey Deschanel, Mary-Kate Olsen, Snoop Dogg  u. a.), den Humor, der weder zu feingeistig noch zu grell ist, den wendungsreichen Handlungsverlauf, der auch in der vierten Staffel kaum ausrechenbar ist, und die gelungene formale Gestaltung, die das Geschehen in das warme Licht der südkalifornischen Sonne hüllt und die Serie dann doch noch von den Zombiefilm-Assoziationen befreit: Hier geht es um Menschen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.