the sopranos (usa 1999 – 2007)

Veröffentlicht: November 19, 2009 in Film
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THE SOPRANOS ist der Grund dafür, dass es hier im Blog zuletzt etwas ruhig gewesen ist. Die 86 Folgen mit jeweils rund 50 Minuten Laufzeit haben mich sowohl zeitlich, aber auch und vor allem geistig ziemlich in Anspruch genommen. Nachdem ich die Serie jetzt eine Woche habe sacken lassen, weiß ich immer noch nicht so recht, ob es sinnvoll ist, in diesem Rahmen darüber zu schreiben. Man kann sich das ja leicht vorstellen: Normalerweise finden sich hier Texte zu Filmen, deren Laufzeit zwischen anderthalb und drei Stunden pendelt, und selbst bei denen ist es manchmal schwierig, die Eindrücke schriftlich zu verarbeiten. Jetzt setze man THE SOPRANOS dazu in Relation: eine epische Serie, in die nicht nur ein Jahrzehnt an schöpferischer Arbeit eingeflossen ist, sondern die auch inhaltlich ein ganzes Jahrzehnt abdeckt, ein Jahrzehnt, in dem sich die Welt zudem gewaltig verändert hat. Wie kann man ein solches Mammutwerk in einen kurzen Text fassen, der ihm auch nur annähernd gerecht wird? Es geht nicht.

Man muss sich also freimachen von edlen, aber auch unrealistischen Vorsätzen, textlich den „Deckel draufzumachen“. Man kann nur an der Oberfläche kratzen, Eindrücke schildern, Gedanken sortieren und Ansätze liefern. Und irgendwie damit leben, einen Text zu schreiben, von dem man schon von vornherein weiß, dass er inadäquat, vorläufig und unvollständig werden wird, ja werden muss. Aber irgendwie ist das gar kein schlechter Ansatz für diese Serie, die schließlich von Inadäquanz und Unzulänglichkeit handelt, die trotz ihrer epischen Breite immer wieder auch Lücken aufweist, Fragen unbeantwortet lässt und die mit einer Szene endet, in der die Kernfamilie der Sopranos in Zeiten des größten Tumults in einem Diner sitzt, Zwiebelringe isst und Journeys „Don’t stop believing“ hört. Wenn diese Serie etwas in Inhalt und Form thematisiert, dann dass das Leben keine Dichtung ist, in der alles seinen Platz, seinen Zweck und seine Bedeutung hat – auch wenn man sich noch so sehr bemüht, es so zu leben.

THE SOPRANOS ist also wie das Leben. Die Serie beginnt mit einer Panikattacke des Mafiabosses Anthony Soprano (James Gandolfini) und folgt ihm daraufhin in die Psychotherapie, von der er zunächst rein gar nichts hält, die ihm dann jedoch hilft zu verstehen, warum er so ist wie er ist, und ihn auf den Weg bringt, ein besserer Mensch zu werden. Es ist ein bisschen wie eine Geburt, ein Aufwachen Anthonys, wie der Aufstieg aus der Höhle von Platons Gleichnis ans Licht, was diese Serie zunächst zu versprechen scheint. Doch die Serie hält dieses „Versprechen“ nicht: Sie endet mit dem Tod, dem Abbruch der Psychotherapie durch seine Therapeutin Dr. Jennifer Melfi (Lorraine Bracco), die erkannt hat, dass es sich bei Anthony Soprano um einen Soziopathen handelt, den sie nicht nur nicht therapieren kann, sondern der die Therapie sogar dazu nutzt, sich moralische Sicherheit und Absolution für seine Schandtaten zu holen. Die Serie bricht ihr Projekt anscheinend ab: Anthony wird das Licht der Vernunft nicht erreichen, auf halbem Weg aus der Höhle stehenbleiben. Doch trotz dieses vernichtenden Urteils durch die Therapeutin ist Anthony Soprano ja „unser“ Protagonist: Wir begleiten ihn auf seinem Weg, sympathisieren, fiebern, leiden und fürchten mit ihm. Warum? Was soll es uns bringen, ihm zu folgen? Vielleicht das: Wenn es ihm schon nicht gelingt, sich zu befreien, vielleicht gelingt es dann uns. Je länger die Serie läuft, umso mehr distanzieren wir uns also auch von ihm. Dass wir die Ursachen und Motivationen kennen lernen, die sein Wesen und seine Handlungen bestimmen, entbindet ihn nicht von der Verantwortung oder „Schuld“: Er weiß schließlich, was er tut, er weiß, dass es falsch ist und tut es trotzdem. Er will so sein wie er ist. Anthony Soprano ist insofern das Strukturmoment der Serie, dass in erster Instanz für die Verwerfungen und Lücken der Handlung verantwortlich ist, dass sich kraft seines Willens dem Gestaltungswillen der Macher widersetzt, die Einheit und Sinn suchen und schaffen wollen. Und wir müssen uns nun ihm widersetzen, uns von ihm befreien, dem Anthony in uns. THE SOPRANOS erzählt also vom freien Willen.

THE SOPRANOS ist auch eine politische Serie. Die Familie, das ist der Staat im Kleinen. Verschiedene Menschen mit verschiedenen Ansichten und Meinungen, verschiedenen Wünschen und Träumen und verschiedenen Methoden, diese Wünsche und Träume zu verwirklichen. Und all diese verschiedenen Menschen wirken aufeinander ein, absichtlich, aber auch unbewusst, sie beeinflussen sich, benutzen sich und setzen damit etwas in Bewegung, das größer ist als sie. Das Leben ist ein Schachspiel, aber gespielt von mittelmäßigen Schachspielern, die nicht weiter als bis zum nächsten Zug vorausschauen können. Man erkennt an THE SOPRANOS wie sich die USA im vergangenen Jahrzehnt verändert haben. Beginnt die Serie heiter und leicht, schlägt sie in den späteren Staffeln immer mehr um, nimmt einen deprimierten, frustrierten Ton an, zeigt psychotische, brutale, misanthrope Züge. Man spürt die kollektive Katerstimmung der USA in den letzten Jahren der Bush-Administration. Nachdem 9/11 in der Serie erstaunlicherweise vollkommen abwesend war (Verdrängung?), werden die Kriegseinsätze im Irak und in Afghanistan explizit thematisiert. Ebenso wie die generelle Faszination der USA mit der Gewalt: Es ist ja schon bezeichnend, dass die Psyche der USA exemplarisch an einer Mafiafamilie analysiert wird, für die Mord quasi zum Alltagsgeschäft gehört. Aber nirgends wird die Sogwirkung von Gewalt deutlicher als im Blick des jugendlichen Sohns AJ Soprano, wenn dieser mit seinen Freunden einen Schwarzen verprügelt. THE SOPRANOS zeigt den Rausch, den das Erkennen der eigenen Fähigkeit zum Bösen auslöst. Vom Vermögen des Menschen, sich gegen seine Vernunft zu verhalten und vom Machtgefühl, das damit einhergeht. Aber wie bekommt man es in den Griff? THE SOPRANOS erzählt von der Verantwortung.

Ich will noch etwas zur Struktur der Serie sagen: Das Große spiegelt sich im Kleinen und umgekehrt. Jede Folge ist ein abgeschlossenes Werk, das sich jedoch wie ein notwendiges Puzzleteil in das sie umgebende größere Ganze einfügt, und das gleiche gilt für die einzelnen Staffeln. Es ist auffällig, dass jede Staffel selbst wie ein Film strukturiert ist: Es gibt einen meist rasanten Einstieg, dem dann der Abschwung auf ein mittleres Erregungsniveau folgt, das von kleinen Ausbrüchen unterbrochen wird, nur um dann gegen Ende wieder anzusteigen. Diese Linie lässt sich erstaunlicherweise über den Verlauf der ganzen Serie verfolgen, die zum Ende so weit eskaliert, dass nur noch die Option bleibt, sie künstlich abzubrechen. Das bringt mich noch einmal zu der grandiosen letzten Szene, die jedoch nicht allerorten auf Begeisterung stieß. Ein großes Finale hätten sich manche gewünscht und vor allem wohl eines: Klarheit. Den Tod Anthony Sopranos oder aber seinen Aufstieg zum obersten Boss der Ostküste vielleicht. Aber wie beendet man eine großartige Serie, eine Serie, die alles erzählt und die also fast so groß wie das Leben ist, ohne zu enttäuschen? Der Tod Anthonys wäre letztlich genauso trivial wie sein Triumph. Die einzige Möglichkeit, sie zu beenden, ist es, nichts davon und gleichzeitig doch alles zu erzählen. Und genau das passiert. Alles ist möglich: dass die Familie Soprano ihre Probleme überwinden oder sich zumindest immer wieder zusammenraufen wird, aber genauso, dass Anthony in den nächsten Sekunden von einer tödlichen Kugel getroffen werden wird. Die von der Kamera in ein verdächtiges Licht gerückten Gestalten im Diner sind vielleicht einfach nur Passanten. Nichts deutet daraufhin, dass sie etwas Böses im Schilde führen, außer der Inszenierung. Wie die Serie endet, bleibt jedem selbst überlassen. „Don’t stop believing“ eben. Aber das heißt nicht, dass man sich hier sein persönliches Lieblingsende aussuchen soll: Es mahnt, daran zu denken, dass in jeder Sekunde alles möglich ist und eben nichts entworfen. THE SOPRANOS erzählt von der Kontingenz. Die Szene erinnert aber auch an ein Staffelende vom Anfang der Serie als sich die Sopranos während eines Sturmes in ihrem Lieblingsrestaurant, dem Vesuvio, einfinden, wo Chefkoch und Freund Artie Bucco für die Zuflucht Suchenden ein Abendessen bei Kerzenlicht improvisiert. Das Restaurant ist in dieser Szene der Aufruhr ein Hafen: Es ist noch alles gut in der Familie Soprano und Anthony richtet einige seiner wenigen wirklich herzlichen Worte an seine Familie und vor allem an seine beiden Kinder: Was immer auch passieren wird, sie sollen sich immer an Momente wie diesen erinnern, kleine Momente, in denen doch alles richtig und gut ist, in denen sie eine Famile waren und nichts da draußen an sie rühren konnte. Es sind diese kurzen Momente, die Sinn im Chaos Lebens stiften. THE SOPRANOS erzählt vom Sinn.

Kommentare
  1. Karsten sagt:

    http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2002/01/10/a0146

    &

    „Hier wird die Kunst des Erzählens gerade neu erfunden. Sie ist noch lange nicht fertig. Hätte ich in dieser Situation das kurze, kompakte Kino, würde ich von ihm symbolistische Gedichte und anarchistische Aphorismen verlangen, Konvulsionen und Aggressionen, Essays und Impromptus. Wenn HBO heute Flaubert und Tolstoi hervorbringt, will ich vom Kino einen voll entwickelten Baudelaire. (Diedrich Diederichsen)

  2. Martin sagt:

    Eine wirklich gut geschriebene und verständliche Beurteilung – sie gibt letztlich den Ausschlag, mir zumindest die erste Staffel anzuschauen.
    Danke !
    Martin

  3. […] So geht das dann weiter: Eine Szene, in der ein Vater (Vincent Pastore, der „Pussy“ aus THE SOPRANOS) von einem unbeweglichen Skorpionmonster aus einer Lautsprecherbox attackiert wird, ist geradezu […]

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