Archiv für November, 2009

waxwork (anthony hickox, usa 1988)

Veröffentlicht: November 23, 2009 in Film
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Die College-Freunde Mark (Zach Galligan), Sarah (Deborah Foreman), China (Michelle Stevens) und Tony (Dana Ashbrook) besuchen ein merkwürdiges Wachsfigurenkabinett, das inmitten der Wohnsiedlungen von Beverly Hills seine Pforten geöffnet hat. Doch während des Aufenthalts verschwinden China und Tony. Mark und Sarah stellen Nachforschungen an und kommen einem diabolischen Plan auf die Spur …

Man kann der Inhaltsangabe schon entnehmen, dass der Reiz von Hickox‘ Film definitiv nicht in seiner einfältigen Storyline zu suchen ist, sondern vielmehr in deren Ausschmückung. So wurde der ganze Film um die Szenen im Wachsmuseum herumgestrickt, in denen die ahnungslosen Besucher buchstäblich in die dort aufgebauten Horrorszenarios gesogen und zu ihrer Verwunderung plötzlich zu deren Protagonisten werden. Tony fällt einem Werwolf zum Opfer, China muss sich mit einer ganzen Schar blutdurstiger Vampire herumschlagen, einen Polizisten verschlägt es in die Grabkammer eines rachsüchtigen Pharaos, Sarah erliegt dem fragwürdigen Charme des Marquis de Sade und Mark sieht sich schließlich in die Nacht der lebenden Toten versetzt. Hickox lässt diese liebevoll ausgearbeiteten klassischen Horrorszenarios auf die Gegenwart prallen und erzählt unter der Oberfläche auch etwas über den Horror, sein Medium und seine Rezipienten. Das Wachsfigurenkabinett verweist ja per se schon in die Vergangenheit, trotzdem wird das Dargebotene  für seine Besucher auf eine Art und Weise „real“ wie das eben idealerweise vor allem Filme leisten können. Letztlich ist aber alles nur eine Frage des Glaubens und der Fantasie. Leider hätte sich aus dieser Grundidee ein sehr viel besserer Film hätte machen lassen als WAXWORK dann tatsächlich geworden ist. Im Gegensatz zu den zuletzt hier von mir besprochenen Achtzigerjahre-Horrorfilmen ist er nämlich alles andere als gut gealtert. Richtig Stimmung kommt nur in den eben beschriebenen Sequenzen auf, der Detektiv-Plot drumrum ist eher fad und die letztliche Auflösung einfach uninteressant, auch wenn sie zum Finale Gelegenheit für eine doch recht hübsche slapstickartige Massenkeilerei mit Monstereinsatz gibt. Der Kultstatus, den dieser Film – wohl auch dank der geschnittenen und mit REISE ZURÜCK IN DER ZEIT ungelenk betitelten deutschen Fassung – mal genoss, lässt sich kaum noch aufrechterhalten. Das git im Grunde für fast alle Filme, die Anthony Hickox von Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger drehte (z. B. SUNDOWN, HELLRAISER III: HELL ON EARTH, WARLOCK: THE ARMAGEDDON, FULL ECLIPSE oder das WAXWORK-Sequel SPACESHIFT: WAXWORK II): Alles sind sie durch die Bank als Kinder ihrer Zeit zu erkennen, ohne dies in irgendeiner Form transzendieren zu können. Schlecht ist WAXWORK aber auch wieder nicht: Neben den genannten Meriten sprechen für den Film die gute Besetzung, die neben der entzückenden Deborah Foreman solche Veteranen wie David Warner, John Rhys-Davies ud Patrick Macnee aufbietet, sowie natürlich die vor allem im Vampirsegment happigen Splattereffekte.

supergator (brian clyde, usa 2007)

Veröffentlicht: November 23, 2009 in Film
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Das ist der vierte Ansatz, den ich brauche, um über diesen Film zu schreiben. Das sagt eigentlich schon alles. Die Fakten:

1. SUPERGATOR ist ein amerikanischer Direct-to-DVD-Film mit einem computeranimierten Krokomonster, das auf Hawaii arglose Touristen und Vulkanforscher auffrisst.

2. Der Supergator ist ein von „Wissenschaftlerin“ Kelly TOP GUN McGillis genetisch veränderter Alligator, der jetzt einem längst ausgestorbenen Dinosaurier gleicht, dessen debilen Namen ich aber vergessen habe.

3. Kelly McGillis fand ich schon früher nicht heiß, aber heute sieht sie aus, als würde sie an der VHS Töpferkurse anbieten.

4. Während der Dreharbeiten auf Hawaii war sehr schönes Wetter.

5. Die Zeit, die aufgewendet wird, um die zahlreichen Figuren des Films einzuführen, steht in keinerlei Verhältnis zu deren tatsächlicher Funktion.

6. Klischees: Es gibt vier leichtbekleidete Bikinischönheiten (zwei Models und zwei Touristen) und drei Party-Dudes (einer ist fett), die sterben müssen.

7. In der besten Szene erkennt der Obervulkanologe durch den Blick in ein Kameraobjektiv, was die Kamera vor ca. zehn Minuten aufgezeichnet hat.

8. Die computeranimierten Effekte um das Krokodil wären gar nicht so schlecht, wenn der Film drumrum auch schlecht computeranimiert wäre.

9. In den Krokocloseups sieht man, dass da ganz offensichtlich irgendwelche Assistenten mit übergroßen Plastikkrokoteilen rumhantieren mussten. Die Dreharbeiten waren bestimmt ein großer Spaß, siehe auch 4.

10. Einmal gibt es tatsächlich einen per Computer ins Bild gemalten Osterinselkopf, wahrscheinlich um einen missratenen Effekt zu verdecken (ohne Scheiß!).

11. Die besten Szenen passieren in den ersten 20 Minuten, wer trotzdem bis zum Ende durchhält, dem wird in den Endcredits jeder einzelne verschissene Darsteller per Standbild vorgestellt. Fast wie beim A-TEAM.

12. Der Film ist nicht wirklich gut. Aber die thailändische DVD-Hülle (siehe Bild) ist eine Perle meiner Sammlung.

coming home (hal ashby, usa 1978)

Veröffentlicht: November 21, 2009 in Film
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Captain Bob Hyde (Bruce Dern) kann es kaum erwarten, in Vietnam die Werte der westlichen Welt zu verteidigen. Nach seiner Abreise meldet sich seine Ehefrau Sally (Jane Fonda) als freiwillige Helferin in einem Krankenhaus für Kriegsversehrte – wohl nicht zuletzt, um sich darauf vorzubereiten, auch bald einen Invaliden versorgen zu müssen. Im Krankenhaus lernt sie den querschnittsgelähmten Luke Martin (Jon Voight) kennen, der ganz anders ist als Bob, weil er erkannt hat, dass der Krieg eine große Lüge ist, mit der der Staat die Hoffnungen und  Träume junger amerikanischer Männer gezielt ausnutzt. Sally und Luke verlieben sich – doch über ihrer Liebe schwebt das Datum der Rückkehr von Bob …

Hal Ashbys Film zählt zur ersten Welle der Vietnamkriegsfilme und ist zudem der bekannteste der so genannten Heimkehrerfilme: Filme, die sich mit den Schwierigkeiten der Veteranen bei der Rückkehr in die heimische Normalität befassen. Was COMING HOME auszeichnet, ist dass er trotz seiner zeitlichen Nähe zu den geschilderten Ereignissen ein großes Maß an Differenziertheit aufbringt. Anstatt einseitig gegen den Krieg und seine Protagonisten zu polemisieren, bietet er mit Luke und Bob zwei Charaktere an, die sich zwar hinsichtlich ihrer Einstellung zum Krieg kaum stärker unterscheiden könnten, denen er jedoch gleichermaßen Verständnis und Sympathie entgegenbringt. Bob ist kraft seiner Persönlichkeitsstruktur von der charakterbildenden Funktion des Krieges überzeugt, es ist für ihn das Ereignis, in dem der moderne Mann zum sprichwörtlichen Mann werden kann. Luke, ehemaliger Held seiner Highschool-Footballmannschaft, ist mit denselben Vorstellungen in den Krieg gegangen und als Krüppel und Mörder zurückgekehrt.

Die Tagline des Films hilft, den Kern des Films zu verstehen: „A man who believed in war! A man who believed in nothing! And a woman who believed in both of them!“ Hal Ashbys COMING HOME ist nicht nur ein Film über das Vietnamtrauma, sondern auch über männliches und weibliches Prinzip im Rahmen moderner Gesellschaften: Während der Mann als Getriebener gezeichnet wird, der immer unter dem Druck steht, sich beweisen zu müssen, der beste und stärkste sein zu müssen, und sich damit oft selbst zerstört, ist es das heilende, offene, verständnisvolle und auch mütterliche Wesen Sallys, das Hoffnung stiftet, Linderung verspricht und Einheit schafft. Sallys Liebe zu Luke und die zu ihrem Mann ist nicht körperlich, sondern spirituell zu verstehen: An ihrer Ehe zweifelt sie trotz der Beziehung zu Luke keine Sekunde. Doch Bob, der an männliche Eigenschaften wie Stärke wohl auch deshalb glaubt, weil er selbst eher feminin ist – dass er mit einer Schusswunde aus dem Krieg zurückkehrt, die er sich aus Versehen selbst zugefüht hat, begreift er als Schande –, der nicht in der Lage ist, sich seiner Frau anzuvertrauen, sich zu öffnen und Schwäche einzugestehen, kann mit dem Wissen, dass da ein anderer Mann war, nicht leben.

Hal Ashby gehört zu den  New-Hollywood-Protagonisten der zweiten Reihe und wird speziell in Europa gern vergessen. Seinen wohl berühmtesten Film, HAROLD & MAUDE, verbindet man kaum mit seinem Namen. Das ist schade, denn jeder seiner Filme – etwa THE LAST DETAIL, SHAMPOO oder BEING THERE – ist immens sehenswert und zeugt von großem inszenatorischen Geschick, Intelligenz und Gefühl. Das alles gilt auch für COMING HOME.

Außerirdische Parasiten, die in den Fünfzigerjahren auf der Erde gelandet sind, verursachen durch einen dummen Streich rund 30 Jahre später eine Zombieepidemie auf dem Campus der „Corman-University“. Dem Treiben stellen sich der junge Chris (Jason Lively) und der Polizist Ray Cameron (Tom Atkins) entgegen, der über mehrere Ecken mit den Ereignissen, die auf die Ankunft der Parasiten unmittelbar folgten, verbunden ist …

Schon der erste Satz macht klar, dass NIGHT OF THE CREEPS der perfekte Partner für ein Double Feature mit CRITTERS ist. Beide teilen den Humor, den locker-flockigen Umgang mit verschiedensten Einflüssen, die ehrliche Betonung des reinen Unterhaltungsaspekts und die erkennbare Liebe ihrer Macher zum Detail. Was NIGHT OF THE CREEPS von CRITTERS unterscheidet und vielleicht schon etwas den Weg in das den Achtzigern folgende Jahrzehnt weist, ist ein gewisser Metaaspekt von Dekkers Film, der sich im Gegensatz zu den Selbstreflexionsorgien der Neunziger jedoch in einem recht harmlosen Namedropping erschöpft. So sind nahezu alle Charaktere nach bekannten Genreregisseuren benannt, deren Werke man auch in NIGHT OF THE CREEPS zum Teil wiederfindet: Cronenbergs SHIVERS dürfte die wurmartigen Parasiten inspiriert haben, Carpenters THE THING steuerte den Körperfresseraspekt bei, der sich dann in einer Romero’schen Zombieseuche äußert, Sam Raimis EVIL DEAD stand bei den lustigen Splattereffekten Pate und das ganze Projekt ist unzweifelhaft vom Geist Roger Cormans beseelt, ohne dessen umfangreiches Oeuvre aus den Sechzigerjahren auch NIGHT OF THE CREEPS kaum denkbar wäre. Dieses Namedropping kommt nie über den spielerischen Charakter hinaus und bewahrt sich gerade so seine Unschuld: Hier ist keine kennerhaft-insidermäßige Cleverness am Werk, mit der listig Hinweise versteckt werden, auf dass die Nerds sich einen auf ihr Finden abwedeln könnten, sondern eine geradezu erfrischende Plumpheit. So heißt eine der Figuren James Carpenter Hooper, weil nach Benennung aller Figuren wohl noch ein Name übrig war, der unbedingt vergeben werden sollte.

Ich bin jetzt auch schon am Ende mit meinem Latein, weil es über NIGHT OF THE CREEPS im Grunde auch nicht mehr zu sagen gibt als über die eben von mir besprochenen THE MONSTER SQUAD und CRITTERS. Das ist aber – so viel sollte klar geworden sein – keineswegs negativ zu verstehen. Alle drei gehören sie zu den herausragenden Vertretern des bunten popcornig-bubblegummigen Genrekinos der Achtzigerjahre und ihren wahren Wert erkennt man, wenn man feststellt, dass sie in den vergangenen zwanzig Jahren kein bisschen ihres Reizes eingebüßt haben. Ein Wermutstropfen bleibt jedcoh, denn Fred Dekker hätte gewiss das Potenzial für mehr als die drei Filme gehabt, die er inszenieren durfte. Man darf spekulieren, dass er den Karriereschritt, den undankbaren ROBOCOP 3 zu inszenieren, bitter bereut hat. Danach war seine Regielaufbahn jedenfalls zu Ende. Wenn man sich seine beiden wunderbaren Achtzigerjahre-Filme ansieht, scheint es jedoch durchaus wahrscheinlich, dass er einfach nicht den Sprung in das nächste, ach so coole Jahrzehnt geschafft hat.

Die Crites, eine Rasse gefräßiger außerirdischer Pelztiere, können aus der Gefangenschaft entkommen und landen auf dem Planeten Erde, genauer gesagt in der Ödnis von Kansas, in der Nähe der Farm der Familie Brown. Die muss sich nun gegen die fast nur aus einem Maul bestehenden Biester verteidigen, bis schließlich zwei außerirdische Jäger mit dem Auftrag, die Crites zu beseitigen, landen …

Meine Erstbegegnung mit CRITTERS fand über die damals akribisch studierte „Bravo“ statt, auf deren Kinoseiten der Film damals beworben wurde. Es kann nicht allzu viel später gewesen sein, dass er zum ersten Mal im Fernsehen auftauchte. Ich erinnere mich daran, dass ich den Film sehen durfte, und auch daran, dass er mir ausgesprochen gut gefiel: Das ist nun kein großes Kunststück, weil man als Kind ja fast jeden Film, für den man länger aufbleiben darf, in sein Herz schließt und mit Erinnerungen auflädt, die mit ihm selbst meist rein gar nichts zu tun haben. Aber CRITTERS hat über die Jahre tatsächlich rein gar nichts verloren, weil er einfach gut ist – und zwar auf eine sehr „reine“ Art und Weise. Herek lässt keine Zweifel an seiner Intention: Er will sein Publikum unterhalten, aber ohne ihm dabei ein X für ein U vorzumachen, und das gelingt ihm. Was darüber hinaus unmittelbar begeistert, ist die bunte Mischung aus Monster-, Horror-, Science-Fiction-Film und Komödie, die völlig unbekümmert im Umgang mit ihren Einflüssen und deshalb auch vollkommen homogen ist. Das scheint mir überhaupt ein Phänomen des Films der Achtzigerjahre zu sein: dass die Genregrenzen weniger eng gesteckt und durchlässiger waren, ein kreativerer Umgang mit den einzelnen Elementen und Versatzstücken gepflegt wurde und die „Zielgruppen“ toleranter für Einflüsse aus anderen Genres waren.  Aber vielleicht ist das auch nur rückblickende Verklärung einer Zeit, die ich damals ja noch gar nicht so bewusst wahrgenommen habe, ich weiß es nicht. Und mit Begriffen wie „naivem Charme“ muss man eh vorsichtig sein: Die Effekte, die uns heute naiv vorkommen, waren damals alles andere als das. Fakt ist, dass CRITTERS wunderbar leichte, sympathische und originelle Unterhaltung bietet, die sich nie wichtiger macht als sie ist, und über allem Genre-Crossover nie den Kern vergisst: Schlüssel zum Erfolg sind nicht die lustigen Monster (aber auch), nicht die beiden gestaltwandelnden Außerirdischen (aber auch), nicht die Mischung dieser Elemente (aber auch), sondern die Figuren, die einfach echt wirken und mit denen man mitgeht. Das liegt vor allem an der tollen Besetzung, die CRITTERS gehörig aufwertet: Billy Green Bush, Dee Wallace Stone, M. Emmet Walsh, Scott Grimes und Terrence Mann erfüllen ihre Figuren mit Leben und Herzblut, geben ihm die Seele, die ihn von anderen, schwächeren Filmen dieser Art unterscheidet. Für mich ein kleiner Klassiker seines Jahrzehnts.

Kleine Jungs stehen auf Monster – und große eigentlich auch. Aber diese Begeisterung ist ein merkwürdiges Phänomen, schließlich soll man ja Angst vor diesen Kreaturen haben. Und zwischen diesen beiden Polen – Furcht und Begeisterung – finden sich auch die zwölfjährigen Protagonisten von Fred Dekkers herrlichem THE MONSTER SQUAD wieder, als sie plötzlich auf ihre Idole aus dem Kino treffen.

THE MONSTER SQUAD geht auf eine kurzlebige US-Serie aus dem Jahr 1976 zurück, die im Kinderprogramm lief und Dracula, Frankensteins Monster sowie den Wolfsmensch zu einer Spezialeinheit im Kampf gegen das Verbrechen verband. Dieses hübsch infantile Konzept stellt Dekker für seinen Film ziemlich auf den Kopf: Die Monster, zu denen sich noch die Mumie und der Kiemenmensch aus Jack Arnolds CREATURE FROM THE BLACK LAGOON gesellen, wollen unter der Führung des Vampirfürsten Dracula die Menschheit unterjochen, doch sie haben die Rechnung ohne die Mitglieder des „Monster Clubs“ gemacht – Jungs, die sich den lieben langen Tag Monster ausdenken und in ihrem Club-Baumhaus mit entsprechenden Quizfragen löchern. Da diese die einzigen sind, die sich mit Monstern wirklich auskennen und überhaupt an deren Existenz glauben, formieren sie sich zur „Monster Squad“, um dem infernalischen Treiben Einhalt zu gebieten. Dekker findet mit dieser Abwandlung des albernen Serienkonzeptes genau den richtigen Dreh: Wenn Monster im Namen der guten Sache kämpfen, haben sie ihre „credibility“ im Grunde genommen verspielt. Die Faszination mit diesen Kreaturen ist ja unmittelbar daran geknüpft, dass sie böse sind. So können Dracula und Co. in THE MONSTER SQUAD ganz ihren ursprünglichen Trieben nachgehen, ohne dass der Film seinen Huldigungscharakter verlieren würde.

Im Grunde erschöpft sich Dekkers Film darin, kindlicher Monsterbegeisterung ein narratives Konzept zu verleihen. Der Film erreicht eben so die 80-Minuten-Marke und erzählt über die oben umrissene Plotline hinaus kaum etwas. Aber das ist eigentlich nur folgerichtig, schließlich reicht seinen kindlichen Protagonisten ja auch die bloße Gestalt ihrer Faves, um sich stundenlang mit ihnen zu befassen: Das Monster ist bereits seine eigene Geschichte und je weniger davon enttarnt wird, umso besser. THE MONSTER SQUAD lässt deshalb viel Raum zur eigenen Ausschmückung: Seine Kreaturen sind genauso lang im Bild, dass ihr Mythos nicht zerstört, nicht alle ihre Geheimnisse gelüftet werden. Auch die Skizzenhaftigkeit des Plots trägt dazu bei: Was vielleicht unfertig oder nachlässig wirkt, mag im Gegenteil Zeichen größter Behutsamkeit sein.  

Als Kinderfilm ist THE MONSTER SQUAD zumindest aus deutscher Sicht aber dennoch auch etwas merkwürdig: Hier und da wird er plötzlich und unvermittelt recht drastisch, wenn das bunte Treiben dann doch Todesopfer fordert. Und eine Anspielung auf das Dritte Reich und den Holocaust scheint zumindest konzeptionell fehl am Platze, obwohl sie natürlich daran erinnert, welche gesellschaftliche Funktion Monster haben: Sie verbildlichen etwas, wofür uns die Worte fehlen. Letzten Endes trägt aber genau diese Vielschichtigkeit zum Gelingen dieses Films bei, der unverkennbar „Achtziger“ ist und für mich ganz persönlich damit mit genau dem Maß an Nostalgie aufgeladen ist, dass ein Film über die magischen Jahre der Kindheit braucht.

the sopranos (usa 1999 – 2007)

Veröffentlicht: November 19, 2009 in Film
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THE SOPRANOS ist der Grund dafür, dass es hier im Blog zuletzt etwas ruhig gewesen ist. Die 86 Folgen mit jeweils rund 50 Minuten Laufzeit haben mich sowohl zeitlich, aber auch und vor allem geistig ziemlich in Anspruch genommen. Nachdem ich die Serie jetzt eine Woche habe sacken lassen, weiß ich immer noch nicht so recht, ob es sinnvoll ist, in diesem Rahmen darüber zu schreiben. Man kann sich das ja leicht vorstellen: Normalerweise finden sich hier Texte zu Filmen, deren Laufzeit zwischen anderthalb und drei Stunden pendelt, und selbst bei denen ist es manchmal schwierig, die Eindrücke schriftlich zu verarbeiten. Jetzt setze man THE SOPRANOS dazu in Relation: eine epische Serie, in die nicht nur ein Jahrzehnt an schöpferischer Arbeit eingeflossen ist, sondern die auch inhaltlich ein ganzes Jahrzehnt abdeckt, ein Jahrzehnt, in dem sich die Welt zudem gewaltig verändert hat. Wie kann man ein solches Mammutwerk in einen kurzen Text fassen, der ihm auch nur annähernd gerecht wird? Es geht nicht.

Man muss sich also freimachen von edlen, aber auch unrealistischen Vorsätzen, textlich den „Deckel draufzumachen“. Man kann nur an der Oberfläche kratzen, Eindrücke schildern, Gedanken sortieren und Ansätze liefern. Und irgendwie damit leben, einen Text zu schreiben, von dem man schon von vornherein weiß, dass er inadäquat, vorläufig und unvollständig werden wird, ja werden muss. Aber irgendwie ist das gar kein schlechter Ansatz für diese Serie, die schließlich von Inadäquanz und Unzulänglichkeit handelt, die trotz ihrer epischen Breite immer wieder auch Lücken aufweist, Fragen unbeantwortet lässt und die mit einer Szene endet, in der die Kernfamilie der Sopranos in Zeiten des größten Tumults in einem Diner sitzt, Zwiebelringe isst und Journeys „Don’t stop believing“ hört. Wenn diese Serie etwas in Inhalt und Form thematisiert, dann dass das Leben keine Dichtung ist, in der alles seinen Platz, seinen Zweck und seine Bedeutung hat – auch wenn man sich noch so sehr bemüht, es so zu leben.

THE SOPRANOS ist also wie das Leben. Die Serie beginnt mit einer Panikattacke des Mafiabosses Anthony Soprano (James Gandolfini) und folgt ihm daraufhin in die Psychotherapie, von der er zunächst rein gar nichts hält, die ihm dann jedoch hilft zu verstehen, warum er so ist wie er ist, und ihn auf den Weg bringt, ein besserer Mensch zu werden. Es ist ein bisschen wie eine Geburt, ein Aufwachen Anthonys, wie der Aufstieg aus der Höhle von Platons Gleichnis ans Licht, was diese Serie zunächst zu versprechen scheint. Doch die Serie hält dieses „Versprechen“ nicht: Sie endet mit dem Tod, dem Abbruch der Psychotherapie durch seine Therapeutin Dr. Jennifer Melfi (Lorraine Bracco), die erkannt hat, dass es sich bei Anthony Soprano um einen Soziopathen handelt, den sie nicht nur nicht therapieren kann, sondern der die Therapie sogar dazu nutzt, sich moralische Sicherheit und Absolution für seine Schandtaten zu holen. Die Serie bricht ihr Projekt anscheinend ab: Anthony wird das Licht der Vernunft nicht erreichen, auf halbem Weg aus der Höhle stehenbleiben. Doch trotz dieses vernichtenden Urteils durch die Therapeutin ist Anthony Soprano ja „unser“ Protagonist: Wir begleiten ihn auf seinem Weg, sympathisieren, fiebern, leiden und fürchten mit ihm. Warum? Was soll es uns bringen, ihm zu folgen? Vielleicht das: Wenn es ihm schon nicht gelingt, sich zu befreien, vielleicht gelingt es dann uns. Je länger die Serie läuft, umso mehr distanzieren wir uns also auch von ihm. Dass wir die Ursachen und Motivationen kennen lernen, die sein Wesen und seine Handlungen bestimmen, entbindet ihn nicht von der Verantwortung oder „Schuld“: Er weiß schließlich, was er tut, er weiß, dass es falsch ist und tut es trotzdem. Er will so sein wie er ist. Anthony Soprano ist insofern das Strukturmoment der Serie, dass in erster Instanz für die Verwerfungen und Lücken der Handlung verantwortlich ist, dass sich kraft seines Willens dem Gestaltungswillen der Macher widersetzt, die Einheit und Sinn suchen und schaffen wollen. Und wir müssen uns nun ihm widersetzen, uns von ihm befreien, dem Anthony in uns. THE SOPRANOS erzählt also vom freien Willen.

THE SOPRANOS ist auch eine politische Serie. Die Familie, das ist der Staat im Kleinen. Verschiedene Menschen mit verschiedenen Ansichten und Meinungen, verschiedenen Wünschen und Träumen und verschiedenen Methoden, diese Wünsche und Träume zu verwirklichen. Und all diese verschiedenen Menschen wirken aufeinander ein, absichtlich, aber auch unbewusst, sie beeinflussen sich, benutzen sich und setzen damit etwas in Bewegung, das größer ist als sie. Das Leben ist ein Schachspiel, aber gespielt von mittelmäßigen Schachspielern, die nicht weiter als bis zum nächsten Zug vorausschauen können. Man erkennt an THE SOPRANOS wie sich die USA im vergangenen Jahrzehnt verändert haben. Beginnt die Serie heiter und leicht, schlägt sie in den späteren Staffeln immer mehr um, nimmt einen deprimierten, frustrierten Ton an, zeigt psychotische, brutale, misanthrope Züge. Man spürt die kollektive Katerstimmung der USA in den letzten Jahren der Bush-Administration. Nachdem 9/11 in der Serie erstaunlicherweise vollkommen abwesend war (Verdrängung?), werden die Kriegseinsätze im Irak und in Afghanistan explizit thematisiert. Ebenso wie die generelle Faszination der USA mit der Gewalt: Es ist ja schon bezeichnend, dass die Psyche der USA exemplarisch an einer Mafiafamilie analysiert wird, für die Mord quasi zum Alltagsgeschäft gehört. Aber nirgends wird die Sogwirkung von Gewalt deutlicher als im Blick des jugendlichen Sohns AJ Soprano, wenn dieser mit seinen Freunden einen Schwarzen verprügelt. THE SOPRANOS zeigt den Rausch, den das Erkennen der eigenen Fähigkeit zum Bösen auslöst. Vom Vermögen des Menschen, sich gegen seine Vernunft zu verhalten und vom Machtgefühl, das damit einhergeht. Aber wie bekommt man es in den Griff? THE SOPRANOS erzählt von der Verantwortung.

Ich will noch etwas zur Struktur der Serie sagen: Das Große spiegelt sich im Kleinen und umgekehrt. Jede Folge ist ein abgeschlossenes Werk, das sich jedoch wie ein notwendiges Puzzleteil in das sie umgebende größere Ganze einfügt, und das gleiche gilt für die einzelnen Staffeln. Es ist auffällig, dass jede Staffel selbst wie ein Film strukturiert ist: Es gibt einen meist rasanten Einstieg, dem dann der Abschwung auf ein mittleres Erregungsniveau folgt, das von kleinen Ausbrüchen unterbrochen wird, nur um dann gegen Ende wieder anzusteigen. Diese Linie lässt sich erstaunlicherweise über den Verlauf der ganzen Serie verfolgen, die zum Ende so weit eskaliert, dass nur noch die Option bleibt, sie künstlich abzubrechen. Das bringt mich noch einmal zu der grandiosen letzten Szene, die jedoch nicht allerorten auf Begeisterung stieß. Ein großes Finale hätten sich manche gewünscht und vor allem wohl eines: Klarheit. Den Tod Anthony Sopranos oder aber seinen Aufstieg zum obersten Boss der Ostküste vielleicht. Aber wie beendet man eine großartige Serie, eine Serie, die alles erzählt und die also fast so groß wie das Leben ist, ohne zu enttäuschen? Der Tod Anthonys wäre letztlich genauso trivial wie sein Triumph. Die einzige Möglichkeit, sie zu beenden, ist es, nichts davon und gleichzeitig doch alles zu erzählen. Und genau das passiert. Alles ist möglich: dass die Familie Soprano ihre Probleme überwinden oder sich zumindest immer wieder zusammenraufen wird, aber genauso, dass Anthony in den nächsten Sekunden von einer tödlichen Kugel getroffen werden wird. Die von der Kamera in ein verdächtiges Licht gerückten Gestalten im Diner sind vielleicht einfach nur Passanten. Nichts deutet daraufhin, dass sie etwas Böses im Schilde führen, außer der Inszenierung. Wie die Serie endet, bleibt jedem selbst überlassen. „Don’t stop believing“ eben. Aber das heißt nicht, dass man sich hier sein persönliches Lieblingsende aussuchen soll: Es mahnt, daran zu denken, dass in jeder Sekunde alles möglich ist und eben nichts entworfen. THE SOPRANOS erzählt von der Kontingenz. Die Szene erinnert aber auch an ein Staffelende vom Anfang der Serie als sich die Sopranos während eines Sturmes in ihrem Lieblingsrestaurant, dem Vesuvio, einfinden, wo Chefkoch und Freund Artie Bucco für die Zuflucht Suchenden ein Abendessen bei Kerzenlicht improvisiert. Das Restaurant ist in dieser Szene der Aufruhr ein Hafen: Es ist noch alles gut in der Familie Soprano und Anthony richtet einige seiner wenigen wirklich herzlichen Worte an seine Familie und vor allem an seine beiden Kinder: Was immer auch passieren wird, sie sollen sich immer an Momente wie diesen erinnern, kleine Momente, in denen doch alles richtig und gut ist, in denen sie eine Famile waren und nichts da draußen an sie rühren konnte. Es sind diese kurzen Momente, die Sinn im Chaos Lebens stiften. THE SOPRANOS erzählt vom Sinn.