Die TAXI-Reihe von Luc Besson

Veröffentlicht: Dezember 16, 2009 in Film
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Ein Fahrgast steigt in das Taxi, einen strahlend weißen Peugeot, von Fahrer Daniel (Samy Naceri), nennt den Zielort und bittet um Beeilung: Worte, die er schon bald bereuen wird, denn Daniel nimmt sie sehr wörtlich. Das automatische Ausfahren der Spoiler, der richtigen Rennreifen und des anderen technischen Schnickschnacks ist nur die Ruhe vor dem Sturm, bevor Daniel endlich Vollgas gibt. Wenn sein Wagen wenige Minuten später mit qualmenden Reifen am Zielort zum Stehen kommt, klappt von der Rückenlehne des Vordersitzes eine Kotztüte gerade noch schnell genug herunter, damit der Fahrgast sich in sie übergeben kann. Lachend wünscht Daniel einen schönen Tag und wartet auf den nächsten Kunden …

Wenn man die TAXI-Reihe, die Luc Besson produziert hat, auf ein einzelnes Bild herunterbrechen wollte, es wäre wohl dieses, das sich in jedem der mittlerweile vier Filme wiederfindet. Es ist ein Bilderwitz, ein Cartoon: der freundliche Taxifahrer mit dem Geschwindigkeitsrausch und der Rennfahrermentalität, sein aufgemotztes Auto, der arglose Kunde, der seine Eile körperlich bezahlen muss. Man muss nicht unbedingt verstehen, was der Appeal dieses Bilderwitzes ist und warum man ihn auf vier Filme strecken muss, denn es ist gerade diese Irrelevanz und Infantilität, die die Filme – lässt man sich denn auf sie ein – so liebenswert macht. Mit TAXI begann 1998 auch Bessons Karriere als Produzent französischer Actionfilme, die mittlerweile eine ernste Konkurrenz für die US-amerikanischen Vorbilder darstellen: KISS OF THE DRAGON, die beiden BANLIEUE 13-Filme, die TRANSPORTER-Reihe, Pierre Morels TAKEN, Leterriers UNLEASHED sind nur ein paar Beispiele, die man auch in Hollywood zur Kenntnis genommen hat. Alle diese Filme verbinden inhaltlichen Reduktionismus mit formaler Finesse und der von Besson gewohnten Pop-Sensibilität. Sie präsentieren sich als freies Spiel der Zeichen, ohne sich jedoch dabei in ihren Anführungszeichen – einer alles relativierenden Ironie – zu verstricken. BANLIEUE 13 etwa ruft mit seiner Allegorie den alten War-Albumtitel „The World is a Ghetto“ ins Gedächtnis, überführt die Carpenter’sche Dystopie aus ESCAPE FROM NEW YORK in die urbane Hip-Hop-Kultur und entwirft so das Bild einer alle Grenzen, Nationalitäten, sozialen Schichten und Mentalitäten überschreitenden Solidarität, ohne dabei jemals angestrengt zu wirken.

TAXI und seine Nachfolger erreichen nicht ganz die Klasse der genannten Filme, ohne dass man ihnen daraus jedoch einen Vorwurf machen müsste, weil sie eben nichts mehr größtmögliche Leichtigkeit anstreben: Alle vier stehen in der Tradition der Buddy-Actionkomödien, die in den Achtzigerjahren reüssierten und mit einer Mischung aus Humor und (meist) jugendfreier Action aufwarteten. In TAXI trifft der oben erwähnte Taxi-Rennfahrer auf den etwas tolpatschigen Polizisten Emilien (Frederic Diefenthal) und dessen Kollegen und muss ihnen erst unfreiwillig, dann schließlich mit immer größerem Vergnügen dabei helfen, irgendwelche Bankräuber oder Terroristen dingfest zu machen. Jeder einzelne der vier Filme besticht durch einen skizzenhaften, improvisiert wirkenden Plot, der Erzählzeit und erzählte Zeit fast in Deckung bringt und dadurch den sehr flüchtigen Eindruck noch unterstreicht (alle vier Filme sind sehr kurz), und unterhält mit einem locker-flockigen Mix aus Autoverfolgungsjagden und Slapstickszenen. Wollte man einen Vergleich bemühen, so erinnert die TAXI-Reihe am ehesten an Richard Donners LETHAL WEAPON-Serie in ihren beiden letzten Installationen: Mehr als der Plot stehen die einzelnen wiederkehrenden Charaktere und ihre Beziehung zueinander im Fokus des Interesses. Neben Daniel und Emilien sind das u. a. der Marseiller Polizeichef Gibert (Bernard Farcy), ein moderner Inspektor Clouseau, dessen gnadenlose Selbstüberschätzung immer wieder die eigenen Männer in die Bredouille bringt, Emiliens Freundin Petra (Emma Wiklund), eine toughe blonde Polizistin, die voll damit ausgelastet ist, auf Emilien aufzupassen, ohne ihm die Illusion zu rauben, der Herr im Haus zu sein, Daniels kesse Freundin Lilly (Marion Cotillard) sowie deren Vater, der Armeegeneral Bertineau (Jean-Christophe Bouvet), hinter dessen konservativ-autoritärer Fassade sich ein gutmütiger älterer Herr versteckt. Im ersten Eintrag der Reihe werden die Beziehungen der beiden Hauptfiguren etabliert, bevor Daniel und Emilien in TAXI 3 schließlich Vater werden; eine Rolle, die sie in T4XI dann partnerschaftlich teilen. Hinter diesen kleinen Geschichten treten die eigentlichen Kriminalfälle in den Hintergrund, dienen vor allem dazu, die zwischenmenschlichen Konflikte anzutreiben oder zu pointieren.

Es sind diese kleinen Geschichten, die alle vier Filme so sehenswert macht, auch wenn man das eigentlich erst im Nachinein merkt. Es ist heute absolut ungewöhnlich, dass ein Film so unprätentiös daherkommt, stets seine eigene Marginalität betont, anstatt sich großzutun und zu seinem eigenen Werbetrailer zu werden. Der Cameoauftritt von Sylvester Stallone in TAXI 3 lebt in erster Linie von diesem Kontrast zwischen der Überlebensgröße des Stars und der Provinzialität und Alltäglichkeit des ihn umgebenden Szenarios – ein Kontrast, der sich in TAXI 3 auch in der ästhetischen und dramaturgischen Annäherung an die Bondfilme widerspiegelt. Ich möchte meinen kleinen Text ungern in der üblichen Jubelarie beenden, weil alles, was ich nun über die TAXI-Filme geschrieben habe, besagt, dass sie so wenig auf marktschreierischen Jubel abzielen. TAXI, TAXI TAXI, TAXI 3 und T4XI schaut man sich am besten ganz entspannt an, ohne allzu große Erwartungshaltung. Man amüsiert sich knappe 80 Minuten, ohne dabei jedoch in Euphorie zu verfallen und wiederholt das mit allen drei Sequels. Und dann, nach ein paar Tagen, stellt man verwundert fest, dass alle Filme noch da sind, die Erinnerung an seine Figuren immer noch lebendig ist. Und dann wundert man sich darüber, dass es so wenige Filme gibt, die diese Art angeblich „leichter“ Unterhaltung wirklich hinbekommen. Ist wahrscheinlich doch gar nicht so „leicht“.

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