punisher: war zone (lexi alexander, usa/Kanada/deutschland 2008)

Veröffentlicht: Januar 11, 2010 in Film
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Eigentlich ist es ziemlich erstaunlich, dass die Figur des Vigilanten Frank Castle mit diesem Film bereits in die dritte Runde geht. Zwar zählt der Punisher zu den populärsten Marvel-Comichelden, doch ist er nun nicht gerade eine einfache Figur, die sich für eine Verfilmung förmlich aufdrängen würde. Das Heldische, das dem Zuschauer Orientierung gibt und ihm ein klares Wertesystem aufzeigt, geht dem Punisher ziemlich ab. Und auch wenn es natürlich eine filmische Vigilantentradition gibt, die nicht zuletzt darauf abzielt, den Zuschauer mit seinem inneren Schweinheund zu konfrontieren, seine radikalsten Tendenzen hervorzukitzeln und ihm dann aufklärerisch den Spiegel vorzuhalten, so setzt die Punisher-Figur dieser Provokation durch ihre Serialität nochmal einen drauf. Mit ihr ist der Vigilant endgültig in der Verwertungslogik des Kapitalismus und damit des Mainstreams angekommen: Man muss sich den mit moralischen Argumenten geführten Selbstjustiz-Diskurs als Rezipient deshalb bei der Betrachtung der Punisher-Filme immer wieder vor Augen führen, um der Ikonisierung des Rächers, wie sie in ihnen betrieben wird, nicht aufzusitzen. Dass das gelingt, setzt aber auch eine halbwegs sensible Inszenierung voraus, die sich der inhärenten Probleme bewusst ist: Goldblatt inszenierte den ersten THE PUNISHER mit Dolph Lundgren im farbenfrohen Stil der Achtzigerjahre, der so gar nicht erst den Verdacht aufkommen ließ, dass das Geschehen allzu ernst gemeint war, Jonathan Hensleigh ging in der großbudgetierten Neuauflage vor ein paar Jahren zwar deutlich ruppiger zu Werke, stellte aber immerhin die innere Zerrissenheit seines Titelhelden noch deutlich heraus. Lexi Alexander versucht sich im dritten Film mit dem dritten Punisher-Darsteller nun an einer schwarzen Komödie, deren hervorstechendstes Mittel die gnadenlose Übertreibung ist. Leider fehlt ihr jedoch das nötige Fingerspitzengefühl, sodass das Endergebnis nur als grotesk missraten bezeichnet werden darf.

THE PUNISHER: WAR ZONE will grelle Karikatur sein, erliegt jedoch dem Irrglauben, dies bedeute, dass tatsächlich alles erlaubt und nichts zu viel sei. Dominic West (THE WIRE), Darsteller des psychopathischen Jigsaw, nimmt die Einladung, mit Verve zu overacten, dankend an und wird gemeinsam mit seinem K0llegen Doug Hutchison, der seinen wahnsinnigen Bruder Looney Bin Jim kaum weniger exaltiert spielt, zum offensichtlichsten Totengräber des Films. Ihr an THE SOPRANOS erinnernder italoamerikanischer Akzent und die dazugehörigen Manierismen sind jedoch nicht lustig, sondern in der (vor allem von Hutchison) gebotenen Inkompetenz nur nervtötend. Beide Darsteller geben sich damit komplett der Lächerlichkeit preis und beweisen nur noch einmal, welch großartige Leistung die Darstellerriege der genannten Jahrhundertserie eigentlich abgeliefert hat. Da diese beiden einen nicht unbeträchtlichen Teil des Films bestreiten, lasten sie ihm also eine schwere Bürde auf. Doch Lexi Alexander kann noch weitaus mehr, als Schauspieler davon abzuhalten, ihre Arbeit gut zu machen: Mit beeindruckender Sicherheit vergreift sie sich im Ton. Die zahlreichen krass überzogenen Gewaltdarstellungen sollen wohl eine Art Entfremdung hervorrufen, wie sie sich auch das Funsplatter-Genre zu eigen macht, doch im Rahmen dieses politisch höchst unkorrekten Selbstjustizreißers stellt sich der beabsichtigte Effekt einfach nicht ein: Ich war vom zur Schau gestellten Sadismus irgendwann nur noch angewidert, zumal THE PUNISHER: WAR ZONE inhaltlich nichts bietet, was über den Oberflächenreiz hinausgehen würde. Um den Film am Laufen zu halten, degradiert PUNISHER: WAR ZONE seinen Titelhelden fast schon zur Nebenfigur. Konsequenterweise spiegelt der ganze Film nicht etwa die seelische Verkarstung Castles wider, sondern erscheint ebenso grotesk entstellt wie sein Schurke. Es gibt eine Szene, die das Versagen der Regisseurin sehr deutlich illustriert: Frank Castle hat gerade eine Frau und deren Tochter vor einem Racheakt Jigsaws beschützt, dessen Schergen blutig aus dem Weg geräumt. Das ängstliche Mädchen trägt er auf dem Arm, als er den letzten Überlebenden mit einem beherzten Schuss ins Gesicht exekutiert, sodass sein Kopf blutig explodiert. Nun wendet sich Castle mit dem Mädchen ab und man erkennt deutlich, dass er keinen Menschen, sondern eine leblose Puppe im Arm trägt. Man wollte/durfte das Kind bei einer solchen Szene verständlicherweise nicht am Set haben, aber es wäre sicher möglich gewesen, dieses Problem auf eine Art und Weise zu lösen, die den Zuschauer nicht für dumm verkauft und den Zynismus der Filmemacher so deutlich zur Schau trägt.

Dass THE PUNISHER: WAR ZONE tatsächlich eine Komödie sein will und nicht bloß unfreiwillig komisch ist, wird erst ganz zum Schluss deutlich, wenn Jigsaw und Looney Bin Jim Straßengangs rekrutieren und ihre flammende Ansprache wie einst George C. Scott in PATTON vor dem hinter ihnen überdimensional wehenden Star Spangled Banner halten. Eine Art von Humor jedoch, die sich selbst entlarvt: Wer ein so beschissenes Menschenbild hat, dass er einen massenmordenden Psychopathen für eine treffende Karikatur gewisser amerikanischer Politiker hält, sollte besser keine Filme machen. So inkompetent wie der Film ist – mit Ausnahme seiner erlesenen visuellen Gestaltung -, muss man seinen  Machern zudem unterstellen, ihre unverhohlene Menschenverachtung mit dem kritisch-satirischen Anstrich lediglich nachträglich rechtfertigen und aufhübschen zu wollen. Leid tut es mir nur um Punisher-Darsteller Ray Stevenson, der eine formidable Leistung abliefert und den martialischen Rächer nach dem etwas unbedarften Lundgren und dem für meinen Geschmack zu schönen Thomas Jane bislang am besten verkörpert. Er hätte tatsächlich einen besseren Film verdient gehabt als dieses widerliche Kasperletheater, das für mich den Tiefpunkt des vergangenen Filmjahres und in dieser Form zudem Wind in den Mühlen der Gewaltkritiker darstellt. Um es mit Helge Schneider zu sagen: „Das prangere ich an!“

Kommentare
  1. Funxton sagt:

    Und hier mein zweifelsohne vom Blogbereiter antizipierter Kommentar:
    Letztlich liegst du natürlich mit dem meisten, das du über den Film schreibst, richtig, oder kannst dir, um es etwas nickelig zu formulieren, zumindest moralästhetischer Absolution sicher sein. Bei aller Kritik, die „Punisher: War Zone“ sich zweifelsohne von einem redlichen Philanthropen gefallen lassen kann und muss, darf ihm eine aber nicht zuteil werden: Die, eine misslungene Comicadaption zu sein. Was Garth Ennis in der Vorlage anstellt, das überbietet selbst noch locker den Zynismus von Alexanders Film, so ätzend der auch bereits ausfällt.
    Vielleicht wären entsprechende Warnhinweise (auch von meiner Seite aus) angebracht (gewesen), oder zumindest eine vorsichtige Prä-Konfrontation mit zwei, drei Ennis-Storys. Willkommen in der schäbigen Welt des Punisher.
    Und ich? Muss jetzt ja fast schon ein schlechtes Gewissen davontragen, dich so unbedarft auf diesen deinen persönlichen Jahrestiefpunkt gestoßen zu haben, der deinen Aussagen zufolge ja beinahe einer persönlichen Belästigung gleichkommt.
    Ich hoffe, du verzeihst mir.

  2. funkhundd sagt:

    Hi Funx,

    um auf deine letzte Frage zuerst zu antworten: Nein, musst du nicht. Ein Tiefpunkt ist ja auch irgendwie ein Höhepunkt und immerhin hast du mich mit deinem Geschenk davor bewahrt, Geld für den Film auszugeben – das hätte ich nämlich garantiert getan. Hoffe, dass Misstverständnisse damit aus dem Weg geräumt sind. 🙂

    Ob der Film eine gute Umsetzung des Comics ist, kann ich nicht beurteilen. Und will es auch gar nicht, weil ich den Film in sich einfach schlecht fand. Meine Kritik an moralischen Aspekten ist da noch nicht einmal so ausschlaggebend. Der Film hat mich einfach in seiner Plumpheit geärgert. Ich glaube irgendwie nicht, dass das Comic ähnlich trampelig zwischen Provokation, Gewaltorgie und Klamauk pendelt – die Betonung liegt hier weniger auf der Aufzählung als auf dem Wort „trampelig“, denn Hensleighs Film pendelt ja auch zwischen diesen Polen, ohne sich dabei so dermaßen zu vergreifen.

    Und: Eine gute Umsetzung ist für mich nicht das „Abpausen“ der Vorlage auf die Leinwand. Deshalb mochte ich auch WATCHMEN nicht, weil der mir zu vorlagentreu war, anstatt das Filmische in Moores Story zu suchen und herauszufiltern. Jetzt hat man da drei Stunden lang bewegte Panels und endlose Dialoge. Dann lese ich doch lieber die Graphic Novel. Der Punisher ist, wie ich schrieb, eine gefährliche Figur, die in der aus dem Pulp stammenden Serialität eines Comics weniger problematisch ist als in einem von vornherein realistischer wirkenden Film, und die man deshalb auch nicht „einfach so“ vom einen Medium ins andere übertragen kann. Ohne inszenatorisches Geschick, wird das ekelhaft: SO wie in Alexanders Film eben.

    Aber vielleicht leihst du mir das Comic mal, dann verstehe ich vielleicht, was dir am Film gefallen hat (dessen eigentliches Potenzial ich ja nicht leugnen will).

    OK?

  3. Funxton sagt:

    Hi nochmal,

    nein, bloßes Abpausen macht in der Tat keine gute Adaption. Eine gute Adaption, so zumindest mein Empfinden, ergibt primär eine der Vorlage formal und sinnhaft Ehre machende, an der Verständigkeit des Adapteurs orientierte Transponierung, oder, im Umkehrschluss, der ausdrückliche Verzicht darauf, sie zugunsten bestimmter Konventionen bis zu entstellender Unkenntlichkeit hin zu verbiegen. „Punisher: War Zone“ ist in diesem Sinne durchaus als gelungene Adaption zu bezeichnen.

    Garth Ennis, dessen nach einigen Querläufern ziemlich rigorose Neudefinition der Figur als eher wenig heldenhafter Massenmörder den letzten beiden Filmen zugrunde liegt, gilt Zeit seiner Karriere als Comicautor fürs Grobe, der je nach Format, Verlag und Legitimation mal mehr, mal weniger geschmacklos zu Werke geht. Seine frühere Reihe „Preacher“ (DC/Vertigo) stellt dabei an ausformulierten Widerwärtigkeiten übrigens selbst noch seinen „Punisher“-Run für Marvel Knights in den Schatten, wobei eben auch der nicht von schlechten Eltern ist, was Ennis‘ ausgeprägte Zurschaustellung von Abseitigkeiten anbelangt. Das Ganze wird allerdings stets in Verbindung mit einem nicht jedermann zugänglichen, schwarzen Humor präsentiert, ebenjenem, den der aktuelle „Punisher“-Film recht adäquat einfängt. Ennis „verlangt“ so zum Beispiel von seiner Leserschaft, dass diese es einfach witzig findet, wenn ein Eisbär einer Gangsteroma die Extemitäten abfrisst, ansonsten, so das Credo, solle sie halt besser die Finger davon lassen.
    Ich glaube durchaus, dass diese sehr selbstzweckhafte Rüpelhaftigkeit einem durchaus vor den Kopf stoßen, um nicht zu sagen, ein taubes bis plumpes Gefühl des „Trampeltums“ hinterlassen kann und dass auch der Film ganz diesem Gusto entsprechend wenig Wert darauf legt, jenseits einer gewissen fanbase andocken zu können. Die Publikumszahlen sprechen da ja ergänzend eine recht deutliche Sprache. Das ist bestimmt rotzig, arrogant und egoistisch, passt insofern aber recht gut zum Ton der jüngeren „Punisher“-Serials. Ich mag das. Und ich mag, dass ausgerechnet eine Regisseurin sich getraut, ein solches Statement abzugeben. Und: Ja, Hensleighs Film war, deiner Definition zufolge, in der Tat um Einiges „filmischer“.

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