Archiv für Januar, 2010

In der (un)beliebten Rubrik „Der richtige Film zur falschen Zeit“ präsentiere ich heute Giulio Questis psychedelischen Nihilowestern SE SEI VIVO SPARA, zu deutsch schlicht, aber treffend TÖTE, DJANGO! Der als finsterer Klassiker seines Genres geltende Film steht dank zahlreicher wohlwollender bis euphorischer Texte schon seit vielen, vielen Jahren auf meiner Sichtungsliste. Lang hat es gedauert, bis ich des Films habhaft werden konnte, dann sind noch einmal paar Jahre ins Land gezogen, in denen ich auf den richtigen Zeitpunkt für eine Sichtung gewartet habe. Manchmal ist dieses Warten eine durchaus gute Strategie, manchmal verpasst so aber auch den richtigen Zeitpunkt. Wenn man Pech hat, ist so ein Film dann für einen verloren. Ich habe die Befürchtung, SE SEI VIVO SPARA ist für mich so ein „verlorener Film“. Ich tue mich nun schon seit einiger Zeit schwer mit Italowestern, die ich eine Zeit lang mal sehr geliebt habe, die ich aber irgendwie „durchschaut“ zu haben glaube. Sie überraschen mich nicht mehr, langweilen mich aber oft. Und Questis Film hatte es besonders schwer, den in all den Jahren angewachsenen Erwartungen standzuhalten. So nihilistisch und düster er auch sein mag: Irgendwie erschien er mir dann doch recht brav, der lange und sehr ruhige Mittelteil war mir persönlich viel zu lang und zu ruhig und seine sadistischen Höhepunkte kannte ich alle schon vom Hörensagen. So schwand schon bei der Sichtung die Konzentration und statt den Film ehrlich zu verfolgen, habe ich darauf gewartet, dass er zu Ende geht.

Natürlich ist SE SEI VIO SPARA alles andere als ein schlechter Film und dass er mir nicht reinlaufen wollte, liegt zu einem nicht unerheblichen Teil an mir: Seine begeisternde erste halbe Stunde reißt die für den Italowestern typische Rachegeschichte im Schnelldurchlauf ab und es ist auch nur konsequent, dass Questi danach einen niedrigeren Gang einlegt. Der noch sehr frisch wirkende Milian agiert als  zunächst nur stiller Beobachter des mörderischen Treibens sehr überzeugend, Musik und Fotografie sind stimmungsvoll, die erwähnten psychedelischen Schnitt- und surrealen  Bildkompositionen eine Augenweide. Vielleicht muss ich ihm nochmal eine Chance geben, denn eigentlich möchte ich ja, dass er mir gefällt. Und nach dieser enttäuschenden Sichtung, kann die nächste nur besser werden. Vielleicht ist SE SEI VIVO SPARA für mich doch noch nicht verloren.

fire and ice (ralph bakshi, usa 1983)

Veröffentlicht: Januar 13, 2010 in Film
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Ralph Bakshi zählt zu den großen Künstlern des „traditionellen“ Animations- bzw. Zeichentrickfilms: Sein FRITZ THE CAT öffnete das zu Beginn der Siebzigerjahre noch in erster Linie mit Walt Disney assoziierte Genre für Erwachsene, begründete mit dem Rotoskopie-Verfahren eine Technik, die als Vorläufer des heute als Zukunft des Kinos geltenden Motion Capturing verstanden werden darf, und versuchte sich lange vor Peter Jackson an einer Umsetzung von Tolkiens „Lord of the Rings“. Heute ist er ein bisschen in Vergessenheit geraten. Vielleicht ändert sich das mit der prächtigen DVD-Edition, die Capelight Bakshis gemeinsam mit Fantasy-Zeichner Frank Frazetta kreiertem Fantasy-Film „Feuer und Eis“ spendiert hat. Auf F.LM habe ich über Film wie DVD geschrieben. Hier geht’s lang.

Eric Rohmer ist tot

Veröffentlicht: Januar 12, 2010 in Film, Zum Lesen
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Mit Eric Rohmer ist am vergangenen Montag einer der Protagonisten und Mitbegründer der Nouvelle Vague, ein höchst produktiver Film- und Theaterregisseur, Essayist und Filmkritiker im Alter von 89 Jahren verstorben. Rohmer hinterlässt rund 50 Filme und Kurzfilme, die mit ihrem einzigartigen und unverkennbaren Stil innerhalb der Filmgeschichte nahezu singulär sind. Leider gilt Rohmer vielen als Inbegriff des geschwätzig-artifiziellen „Franzosenkinos“ – ein Ruf, der sich in dem Zitat „I saw a Rohmer movie once. It was kind of like watching paint dry.“ niederschlägt, das Arthur Penn in NIGHT MOVES seinem Protagonisten in den Mund legt. Ich finde Rohmers Filme wunderbar und verlinke hier aus gegebenem Anlass noch einmal meine Texte.

L’AMOUR L’APRÈS-MIDI
LE AMI DE MON AMIE
LE RAYON VERT
LES NUITS DE LA PLEINE LUNE
PAULINE A LA PLAGE
LE BEAU MARIAGE
LA FEMME DE L’AVIATEUR

Die Bewohner eines kleinen Dorfes, in dessen Nähe sich eine amerikanische Militärbasis sowie ein dazugehöriges Atomkraftwerk befinden, kommen auf merkwürdige Weise ums Leben: Ihre Leichen werden mit vor Angst verzerrtem Gesicht aufgefunden, Hirn und Rückenmark sind durch zwei kleine Öffnungen förmlich ausgesaugt. Man vermutet, dass Radioaktivität die Ursache hinter den Todesfällen ist, doch die zuständigen Militärs, allen voran der aufrechte Major Cummings (Marshall Thompson), beteuern das Gegenteil. Die Ermittlungen führen ihn zu dem Wissenschaftler Prof. Walgate (Kynaston Reeves), dessen Experimente das Ziel haben, Gedanken in Materie zu verwandeln …

FIEND WITHOUT A FACE ist ein kleiner Kultklassiker des eher trashigen Zweigs des Science-Fiction-Films der Fünfzierjahre und als britischer Vertreter zudem ein Kuriosum innerhalb dieses Genres. So sehr auch immer wieder versucht wird, den Anschein aufrechtzuerhalten, das Geschehen sei in Kanada verortet und die Protagonisten seien Nordamerikaner, die Locations, die Darsteller und der gemessen an amerikanischen Trashfilmen derselben Zeit so gelassene und würdevolle Ton des Ganzen lassen keinen Zweifel an seiner wahren Herkunft. In den ersten zwei Dritteln des 75-minütigen Films passiert aufreizend wenig, mit einer Engelsgeduld wird die sehr epigonale Geschichte entwickelt, bis FIEND WITHOUT A FACE dann in den letzten 20 Minuten das Gaspedal bis zum Boden durchtritt und sich in das Tohuwabohu verwandelt, das ihm seinen bis heute gültigen Status beschert hat (er hat es sogar ins Programm von Criterion geschafft!). Die titelgebende Gefahr sind materialisierte Gedanken, die durch die Atomenergie befeuert werden und Hirn als Nahrung brauchen. Der Clou ist ihr Design: Die armen Opfer des Films werden von fliegenden Plastikhirnen mit Fühlern und einer sowohl der Fortbewegung als auch als Waffe dienenden Wirbelsäule angegriffen, der Film darf somit als konkrete filmische Umsetzung der bekannten Redensart „Herr, lass Hirn vom Himmel fallen!“ angesehen werden. So bescheuert das klingt, so niedlich ist die dank wunderbarer Stop-Motion-Technik ausgesprochen gut gelungene Umsetzung. Ist FIEND WITHOUT A FACE auch nicht übermäßig aufregend, so darf man ihm doch einen nicht geringen Einfluss auf das Genrekino unterstellen: Die „Fiends“ erinnert nicht wenig an den „Facehugger“ aus ALIEN, das Finale mit dem von Hirnen belagerten und mit Brettern verbarrikadierten Haus an Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD, die krude Kombination aus Stop-Motion-Animation und Splatter (die Hirne bluten hübsch dekorativ und zerschmelzen am Ende gar) an Raimis THE EVIL DEAD. Ohne grölende Freunde und Dosenbier kein allzu großer Aufreger – dafür ist der Film einfach zu britisch -, aber doch rundum sympathisch und sehenswert.

Eigentlich ist es ziemlich erstaunlich, dass die Figur des Vigilanten Frank Castle mit diesem Film bereits in die dritte Runde geht. Zwar zählt der Punisher zu den populärsten Marvel-Comichelden, doch ist er nun nicht gerade eine einfache Figur, die sich für eine Verfilmung förmlich aufdrängen würde. Das Heldische, das dem Zuschauer Orientierung gibt und ihm ein klares Wertesystem aufzeigt, geht dem Punisher ziemlich ab. Und auch wenn es natürlich eine filmische Vigilantentradition gibt, die nicht zuletzt darauf abzielt, den Zuschauer mit seinem inneren Schweinheund zu konfrontieren, seine radikalsten Tendenzen hervorzukitzeln und ihm dann aufklärerisch den Spiegel vorzuhalten, so setzt die Punisher-Figur dieser Provokation durch ihre Serialität nochmal einen drauf. Mit ihr ist der Vigilant endgültig in der Verwertungslogik des Kapitalismus und damit des Mainstreams angekommen: Man muss sich den mit moralischen Argumenten geführten Selbstjustiz-Diskurs als Rezipient deshalb bei der Betrachtung der Punisher-Filme immer wieder vor Augen führen, um der Ikonisierung des Rächers, wie sie in ihnen betrieben wird, nicht aufzusitzen. Dass das gelingt, setzt aber auch eine halbwegs sensible Inszenierung voraus, die sich der inhärenten Probleme bewusst ist: Goldblatt inszenierte den ersten THE PUNISHER mit Dolph Lundgren im farbenfrohen Stil der Achtzigerjahre, der so gar nicht erst den Verdacht aufkommen ließ, dass das Geschehen allzu ernst gemeint war, Jonathan Hensleigh ging in der großbudgetierten Neuauflage vor ein paar Jahren zwar deutlich ruppiger zu Werke, stellte aber immerhin die innere Zerrissenheit seines Titelhelden noch deutlich heraus. Lexi Alexander versucht sich im dritten Film mit dem dritten Punisher-Darsteller nun an einer schwarzen Komödie, deren hervorstechendstes Mittel die gnadenlose Übertreibung ist. Leider fehlt ihr jedoch das nötige Fingerspitzengefühl, sodass das Endergebnis nur als grotesk missraten bezeichnet werden darf.

THE PUNISHER: WAR ZONE will grelle Karikatur sein, erliegt jedoch dem Irrglauben, dies bedeute, dass tatsächlich alles erlaubt und nichts zu viel sei. Dominic West (THE WIRE), Darsteller des psychopathischen Jigsaw, nimmt die Einladung, mit Verve zu overacten, dankend an und wird gemeinsam mit seinem K0llegen Doug Hutchison, der seinen wahnsinnigen Bruder Looney Bin Jim kaum weniger exaltiert spielt, zum offensichtlichsten Totengräber des Films. Ihr an THE SOPRANOS erinnernder italoamerikanischer Akzent und die dazugehörigen Manierismen sind jedoch nicht lustig, sondern in der (vor allem von Hutchison) gebotenen Inkompetenz nur nervtötend. Beide Darsteller geben sich damit komplett der Lächerlichkeit preis und beweisen nur noch einmal, welch großartige Leistung die Darstellerriege der genannten Jahrhundertserie eigentlich abgeliefert hat. Da diese beiden einen nicht unbeträchtlichen Teil des Films bestreiten, lasten sie ihm also eine schwere Bürde auf. Doch Lexi Alexander kann noch weitaus mehr, als Schauspieler davon abzuhalten, ihre Arbeit gut zu machen: Mit beeindruckender Sicherheit vergreift sie sich im Ton. Die zahlreichen krass überzogenen Gewaltdarstellungen sollen wohl eine Art Entfremdung hervorrufen, wie sie sich auch das Funsplatter-Genre zu eigen macht, doch im Rahmen dieses politisch höchst unkorrekten Selbstjustizreißers stellt sich der beabsichtigte Effekt einfach nicht ein: Ich war vom zur Schau gestellten Sadismus irgendwann nur noch angewidert, zumal THE PUNISHER: WAR ZONE inhaltlich nichts bietet, was über den Oberflächenreiz hinausgehen würde. Um den Film am Laufen zu halten, degradiert PUNISHER: WAR ZONE seinen Titelhelden fast schon zur Nebenfigur. Konsequenterweise spiegelt der ganze Film nicht etwa die seelische Verkarstung Castles wider, sondern erscheint ebenso grotesk entstellt wie sein Schurke. Es gibt eine Szene, die das Versagen der Regisseurin sehr deutlich illustriert: Frank Castle hat gerade eine Frau und deren Tochter vor einem Racheakt Jigsaws beschützt, dessen Schergen blutig aus dem Weg geräumt. Das ängstliche Mädchen trägt er auf dem Arm, als er den letzten Überlebenden mit einem beherzten Schuss ins Gesicht exekutiert, sodass sein Kopf blutig explodiert. Nun wendet sich Castle mit dem Mädchen ab und man erkennt deutlich, dass er keinen Menschen, sondern eine leblose Puppe im Arm trägt. Man wollte/durfte das Kind bei einer solchen Szene verständlicherweise nicht am Set haben, aber es wäre sicher möglich gewesen, dieses Problem auf eine Art und Weise zu lösen, die den Zuschauer nicht für dumm verkauft und den Zynismus der Filmemacher so deutlich zur Schau trägt.

Dass THE PUNISHER: WAR ZONE tatsächlich eine Komödie sein will und nicht bloß unfreiwillig komisch ist, wird erst ganz zum Schluss deutlich, wenn Jigsaw und Looney Bin Jim Straßengangs rekrutieren und ihre flammende Ansprache wie einst George C. Scott in PATTON vor dem hinter ihnen überdimensional wehenden Star Spangled Banner halten. Eine Art von Humor jedoch, die sich selbst entlarvt: Wer ein so beschissenes Menschenbild hat, dass er einen massenmordenden Psychopathen für eine treffende Karikatur gewisser amerikanischer Politiker hält, sollte besser keine Filme machen. So inkompetent wie der Film ist – mit Ausnahme seiner erlesenen visuellen Gestaltung -, muss man seinen  Machern zudem unterstellen, ihre unverhohlene Menschenverachtung mit dem kritisch-satirischen Anstrich lediglich nachträglich rechtfertigen und aufhübschen zu wollen. Leid tut es mir nur um Punisher-Darsteller Ray Stevenson, der eine formidable Leistung abliefert und den martialischen Rächer nach dem etwas unbedarften Lundgren und dem für meinen Geschmack zu schönen Thomas Jane bislang am besten verkörpert. Er hätte tatsächlich einen besseren Film verdient gehabt als dieses widerliche Kasperletheater, das für mich den Tiefpunkt des vergangenen Filmjahres und in dieser Form zudem Wind in den Mühlen der Gewaltkritiker darstellt. Um es mit Helge Schneider zu sagen: „Das prangere ich an!“

Der von vornherein zum Scheitern verurteilte (und deshalb nur halbgare) Versuch einer Inhaltsangabe liest sich so: Buckaroo Banzai (Peter Weller), Sohn eines japanischen Quantenphysikers und einer schottischen Mathematikerin, ist ein brillanter Neurochirurg, Teilchenphysiker, Rennfahrer, Rockstar und Held einer eigenen Comicserie. Gemeinsam mit seiner Band und Crew, den „Hong Kong Cavaliers“ (u. a. Clancy Brown und Jeff Goldblum), arbeitet er gerade daran, die „achte Dimension“ für den Menschen zugänglich zu machen. Bei dieser Dimension handelt es sich um den Raum innerhalb fester Stoffe. Bei einem gelungenen Eintrittsversuch bringt Buckaroo Banzai aus dieser achten Dimension außerirdisches Gewebe mit zurück und weckt außerdem das Interesse des in einer Irrenanstalt gefangenen Wissenschaftlers und Superschurken Dr. Emilio Lizardo (John Lithgow), der auch schon in diese Dimension reisen wollte, dabei jedoch gescheitert ist.  Bei diesem handelt es sich zu allem Überfluss gleichzeitig um den Anführer besagter außerirdischer Rasse, die nun dank Buckaroos Erfindung die Möglichkeit sieht, die Menschheit auszulöschen (?). Um dies zu verhindern, müssen Buckaroo und seine Leute den Kampf gegen die nach und nach auf der Erde eintreffenden Invasoren (u. a. Christopher Lloyd, Dan Hedaya & Vincent Schiavelli) aufnehmen …

BUCKAROO BANZAI war seinerseits ein großer Flop, der die Karriere des damaligen Regiedebütanten W. D. Richter im Keim erstickte, und ist erst im Zuge des in den Neunzigern einsetzenden und bis heute in Wellen wiederkehrenden Eighties-Revivals als Kultfilm wiederentdeckt worden. Tatsächlich erleichtert der Bezug zum Jahrzehnt der Achtzigerjahre den Zugang zum Film ganz entschieden: Wenn man mit dem Design, den Klamotten, der Musik, den Effekten und Gesichtern dieser Zeit etwas anzufangen weiß, dann ist es sehr zweitrangig, dass BUCKAROO BANZAI eine recht unnachvollziehbare und alberne, wenn nicht gar vollkommen hinrnrissige Geschichte erzählt, in der er sich im Laufe der Spielzeit zudem immer mehr verheddert. Das große Spektakel bleibt aus, der Aufbau, den Richter leistet, verpufft, ohne dass er seine Versprechungen wirklich einlösen würde. Die zum Abschluss eingeblendete Ankündigung eines Sequels blieb zwar folgenlos, macht aber strukturell und ästhetisch durchaus Sinn: BUCKAROO BANZAI erinnert nicht wenig an die Einstiege in die in den vergangenen Jahren begonnenen Comicfranchises, die auch meist damit zu kämpfen hatten, erst die lästige Vorarbeit leisten zu müssen, für die die dazugehörigen Comics jahrelang Zeit hatten, bevor sie ihre Figuren und die mit diesen zusammenhängenden Konflikte dann zu ihrem vollen Potenzial nutzen können. BUCKAROO BANZAI bleibt letztlich uneausgeschöpftes Potenzial: Sein Titelheld und die „Hong Kong Cavaliers“ sind (im wahrsten Sinne des Wortes) schillernde Figuren, die man sich als Zentrum zahlreicher vollkommen unterschiedlicher Abenteuer vorstellen könnte, und die Welt, in der Richters Film spielt und in der Popkultur, Wissenschaft und Politik eine skurrile Allianz bilden, böte nicht weniger interessanten Raum für filmische Erkundungsreisen. Das dachten sich wohl auch die Macher, die vor zwei Jahren eine Reihe von „Buckaroo Banzai“-Comics herausgaben. Irgendwie macht es aber auch den Charme des Filmes aus, dessen ohnehin schon nicht geringer Kuriositätenwert durch seine Unvollendetheit noch gesteigert wird. Talking about Form und Inhalt: BUCKAROO BANZAI ist überambitioniert, grell, beknackt, unvollkommen, trivial, größenwahnsinnig, oberflächlich und fragmentarisch. Genau wie sein Jahrzehnt.

Albtraum ÖPNV: In einem gut gefüllten Bus steht plötzlich ein Mann von seinem Platz in den hinteren Reihen auf und eröffnet aus einem Maschinengewehr das Feuer auf die Fahrgäste. Niemand überlebt das Massaker. Unter den Opfern befindet sich auch Detective Dave Evans, Partner des kauzigen Sergeant Jake Martin (Walter Matthau): Wie sich später herausstellt, ermittelte Evans an diesem Abend auf eigene Faust in einem Fall, den Martin vor Jahren nicht aufklären konnte. Und der ist nun davon überzeugt, dass das Busmassaker mit diesem Fall zusammenhängt. Sein Vorgesetzter, Lieutenant Styner (Anthony Zerbe), ist von Martins Fixierung ebenso wenig begeistert wie sein neuer Partner, Inspector Leo Larsen (Bruce Dern). Doch davon lässt sich Martin nicht abhalten …

Das schönste Haus fällt in sich zusammen, wenn nicht genug Mörtel verwendet wird. So ähnlich verhält es sich auch mit Filmgenres. Um inhaltlich nicht zusammenhängende Filme zu einem Korpus namens „Genre“ zusammenschließen zu können, braucht es reichlich Spachtelmasse. Meisterwerke wie THE FRENCH CONNECTION, MADIGAN oder DIRTY HARRY liefern zwar einen Rohbau, eine Vorstellung davon, was man als „Polizeifilm“ bezeichnen könnte, doch erst Filme wie THE LAUGHING POLICEMAN ermöglichen es, diesem Rohbau feste Konturen und damit den nötigen Halt zu verleihen. Was sagt das über Rosenbergs Film? An ihm lässt sich exemplarisch ablesen, was das Genre des Polizeifilms ausmacht. Dessen charakteristischen Merkmale sind nämlich allesamt vertreten: Mit Martin gibt es einen Cop als Protagonisten, der an den Widrigkeiten seines Berufs nicht gerade zu leiden, aber doch zu knabbern hat. Mit dem Feierabend ist seine Arbeit nämlich längst nicht erledigt: Zu Hause liegt er oft getrennt von seiner Frau in einem eigenen Zimmer, in dem er über seine Fälle nachgrübelt. So lange er den Schuldigen nicht gefunden hat, kommt er nicht zur Ruhe, Fehler nagen an ihm, treffen ihn persönlich. Darunter leidet sein Privatleben, dass es eigentlich nicht gibt. Martin befindet sich 24 Stunden am Tag im Einsatz: Eine Einstellung, die ihn auch unter Kollegen stigmatisiert. Er gilt als Eigenbrötler, sein Vorgesetzter beklagt sich darüber, dass er nicht in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen, die auch politisch vertretbar sind. Einen Fall einfach um des Abschlusses Willen abzuschließen, ist Martins Ding jedoch nicht. Er will nicht weniger als die Wahrheit. Sein Jagdrevier ist mit San Francisco eine amerikanische Metropole, die über eine florierende Unterwelt und eine kriminelle Subkultur verfügt, in der sich Martin bewegen muss, um diese Wahrheit zu finden, die aber immer unübersichtlicher und damit gefährlicher wird. Und in THE LAUGHING POLICEMAN gibt es natürlich einen Kriminalfall, der all diese Elemente so ins Spiel bringt, dass sie zu größtmöglichem Effekt potenziert werden.

Dass ich Rosenbergs Film von den drei oben aufgezählten Meisterwerken abhebe, liegt mitnichten daran, dass er schlecht sei. Aber in seiner gänzlich unaufgeregten Art, die die Methode seines Protagonisten formal verdoppelt und die der Unterstellung von schöpferischer Genialität zuwider läuft, sowie seiner ausgesprochenen Regel- und Formentreue ist THE LAUGHING POLICEMAN kein Film, der zu impulsiven und unkontrollierten Begeisterungsstürmen anregt. Mir hat er gerade deshalb ausgesprochen gut gefallen. Aber das liegt wohl auch daran, dass ich das Genre des Polizeifilms kenne und schätze und ihn in diesen Text gewinnbringend einordnen kann, sodass er sich mit anderen Genrevertretern kurzschließt, ein Dialog mit ihnen entsteht, der wiederum fruchtbar auf den Film rückwirkt. Wäre das nicht so, überwöge wahrscheinlich der Eindruck, einem nur unspektakulären Film beigewohnt zu haben; der übrigens darin nicht untypisch für Rosenberg ist, der zwar einige namhafte Filme inszeniert hat – man denke an COOL HAND LUKE mit Paul Newman -, aber dennoch eher als guter Handwerker, denn als wichtiger auteur gilt. Um zu meinem Hausbau-Vergleich zurückzukommen: Man muss wohl Architekt oder wenigstens Maurer sein, um den Mörtel schätzen zu können und um seine Bedeutungt für das Ganze zu wissen. Aus dieser Persepktive ist THE LAUGHING POLICEMAN ein nicht zu unterschätzender Genrebeitrag, der sich darüber hinaus durch einen wunderbar lakonischen Humor auszeichnet.