kiss me deadly (robert aldrich, usa 1955)

Veröffentlicht: Februar 15, 2010 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Mitten in der Nacht läuft Privatdetektiv Mike Hammer (Ralph Meeker) eine verstörte Frau vors Auto und zwingt ihn zum Anhalten. Sie stellt sich als dem Sanatorium entflohene Christian Bailey (Cloris Leachman) vor und bittet den mürrischen Detektiv um Hilfe. Der nimmt sie mit, kommt jedoch nicht weit: Unbekannte verüben einen Attentat auf die beiden, das nur Hammer knapp überlebt. Nach seiner Genesung macht er sich auf die Suche nach Christinas Mörder …

Schon nach wenigen Minuten von KISS ME DEADLY ist klar, dass das verstörende Abstraktionspotenzial, das den Film Noir sowieso schon auszeichnete, von Aldrich hier weit über das gängige Maß hinaus gesteigert wird: Zu den „verkehrt herum“ ablaufenden Anfangscredits hört man das bizarr übersteuerte Keuchen der panischen Christina, das dem Film vom Start weg eine irreale, fiebrige Atmosphäre verleiht. Zwar nimmt KISS ME DEADLY in den nächsten 90 Minuten einen zumindest handlungsmäßig recht genreüblichen Verlauf, doch auf formaler Ebene wird dem Betrachter immer immer wieder ein Knüppel zwischen die Beine geworfen. Die Kamera fängt Bilder von albtraumhafter Qualität ein, wählt auch schon mal bewusst ungünstige Blickwinkel, die den Zuschauer in eine unangenehme Voyeurperspektive zwängen, auf der Tonspur entlädt sich eine wahrhaft infernale Kakophonie über den Zuschauer. „Unangenehm“ charakterisiert den Film sehr gut: Spätestens wenn Mike Hammer einen harmlosen alten Mann verprügelt, weil der eine Information verweigert, fühlt man sich dem Protagonisten nur noch sehr widerwillig verbunden.

Der eigentliche Hieb vor den Bug erfolgt aber mit dem denkwürdigen Finale, das den Film endgültig vom düsteren Krimi zum grotesk-unheimlichen Endzeitfilm erhebt. Der Film Noir – im Kern ja immer schon eine Veräußerung psychischer Konflikte und verschütteter Ängste und damit durchaus mit Schlagseite zum Psychorthriller und Horrorfilm – gelangt mit KISS ME DEADLY an seinen logischen Endpunkt. Aldrich zelebriert keine leise Dekonstruktion, er jagt das ganze Genre mit Verve in die Luft. Wenn ich so drüber nachdenke, scheint es mir gar nicht so weit hergeholt, dass mir bei KISS ME DEADLYs Schlussbild ausgerechnet Antonionis ZABRISKIE POINT einfällt …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.