touch of evil (orson welles, usa 1958)

Veröffentlicht: Februar 16, 2010 in Film
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Man ist sofort drin und hat keine Chance, wieder rauszukommen. Von der ersten berühmten (und phänomenalen) Plansequenz an kennt TOUCH OF EVIL keine Pausen, wirft seine Zuschauer sofort ins Geschehen, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, sich erst lange einzufinden. Da ist Welles‘ Film wie die Welt, die er zeigt: So ist es, egal ob es dir gefällt oder nicht. Nimm es oder lass es bleiben.

In dieser Welt, die repräsentiert wird durch den zynischen, verbitterten und rassistischen Cop Quinlan (fulminant fett und furchteinflößend: Orson Welles), der Beweise fälscht, um die Gefängnisse füllen zu können, versucht der mexikanische Polizist Vargas (Charlton Heston) den Unterschied zu machen. Er hat noch Ideale, er glaubt daran, eine Aufgabe zu haben, die gewissenhaft zu erfüllen seine Pflicht ist. Am Ende hat er zwar dem skrupellosen Quinlan das Handwerk gelegt, doch es zeigt sich, das auch der nicht nur schlecht war. Das Ende gehört ihm, dem tragischen Schurken, nicht dem strahlenden Helden, der sich rückblickend als kaum weniger manisch in der Verfolgung seiner Ziele erweist als sein Kontrahent.

Orson Welles hat mit TOUCH OF EVIL sowohl inhaltlich wie formal das Kunststück vollbracht, im Jahr 1958 nicht nur die Fünfziger-, sondern sogar schon die Sechzigerjahre hinter sich gelassen zu haben. Wir sind hier bereits im pessimistischen, ja zynischen Polizeifilm der Siebzigerjahre angelangt, nur noch Versatzstücke sowie Lokal- und Zeitkolorit erinnern uns daran, wo wir uns wirklich befinden. Die ausnahmsweise tatsächlich einmal völlig zu Recht nur als genial zu bezeichnende Kameraarbeit taucht das Geschehen in Bilder wabernder Schwärze, dräuender Schatten und fast in den Zuschauerraum ragender, gigantischer Gestalten. Man sollte andächtig schweigen, weil die einzige Alternative, das Um-Sich-Werfen mit Superlativen, diesem Film letztlich nicht auch nicht gerecht wird, dem sprachlos machenden Mysterium leere Worthülsen gegenüberstellt, die mehr verhüllen als erklären. Wie modern und zeitgemäß dieses über 50 Jahre alte Wunderwerk ist! Wie rasant, schnell, vielseitig und überraschend! Wie eindeutig und widersprüchlich! Wie diszipliniert und rauschhaft! Wahnsinnig und böse, weise, visionär und – ja sogar das – witzig. Und von all dem weit mehr als nur einen „touch“. Der größte aller Filme?

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Kommentare
  1. Orson Welles soll – so in Tim Burton’s „Ed Wood“ angedeutet – eine Riesenwut gehabt haben, dass er Charlton Heston (ausgerechnet den!) als Mexikaner besetzen musste. Weisst du, ob das stimmt?

    • Oliver sagt:

      Gute Frage. Die von dir erwähnte Geschichte kenne ich auch und hatte sie eigentlich auch als „Fakt“ abgespeichert, weil ich nicht mehr wusste, wo ich sie her hatte. Der Klappentext der SZ-DVD besagt, Heston habe vom Studio Welles als Regisseur gefordert, der daraufhin das Drehbuch komplett umgeschrieben habe.

      Eine Geschichte, die – sofern sie denn stimmt – obige Anekdote entweder ins Reich der Märchen verweisen könnte, weil Welles „seinem“ Star schließlich den Regiejob überhaupt erst zu verdanken hätte, oder aber auch nicht: Weil Welles aufgrund des Einsatzes Hestons untrennbar an den Star und seine Besetzung gebunden war, obwohl er ihn als Fehlbesetzung erachtete. Und ob Heston auch nach Welles Drehbuchbearbeitung noch von Welles überzeugt war, steht auch zur Spekulation.

      Wie dem auch sei: Der Inszenierung von Vargas merkt man diese möglichen Zwistigkeiten nicht an, wenn man mal davon absieht, dass Welles Interesse eindeutig Quinlan gehört …

  2. […] Die miserablen Wertungen auf IMDb zerreißen mir das Herz. Sind die Menschen wirklich so dermaßen blind, blöd, bequem und fantasielos, dass sie nicht in der Lage sind, zu erkennen, dass Moras HOWLING III: THE MARSUPIALS einer der originellsten, gewagtesten, unkonventionellsten, fordernsten, witzigsten und anspruchsvollsten Horrorfilme seines Jahrzehnts ist? Was hier inhaltlich wie formal aufgefahren wird, ist erstaunlich: Der Film beginnt mit einigen ziemlich überraschenden (und damals noch absolut wegweisenden) Found-Footage-Elementen und verblüffenden Authentifizierungsstrategien (eine der Figuren blickt völlig unvermittelt in die Kamera und fragt eine andere, seit wann „hier“ denn alles mitgefilmt würde), dann erinnert der Horrorfilmregisseur den Zuschauer noch einmal daran, dass Pop- und Hochkultur seit Warhol nicht mehr zu trennen seien, als ob er damit für Toleranz für das, was da auf den Zuschauer noch zukommen wird, werben wolle. Und das ist durchaus angebracht (aber, siehe die genannten Bewertungen, auch hoffnungslos), denn HOWLING III: THE MARSUPIALS geht wirklich niemals den Weg, der sich abzuzeichnen scheint, sondern schlägt immer, wenn man gerade meint zu ahnen, wie es weitergeht, eine komplett neue Richtung ein. Das ist alles andere als einfach, weil diese Strategie einer herkömmlichen Spannungsdramaturgie diametral entgegensteht: Man weiß als Zuschauer bald schon nicht mehr, was man erwarten soll. Wenn man sich darauf einlassen kann, ist Moras Film hochgradig faszinierend, reich und wunderschön. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass er wie nur wenige B-Filme beweist, welche schöpferische Kraft dem vermeintlichen Trivialkino tatsächlich innewohnt. Mora weigert sich konsequent, bloße Dienstleistung zu betreiben, seine Zuschauer zu Konsumenten zu degradieren, der Meute also nur zu geben, was sie braucht. Er fordert im Gegenteil die totale Offenheit, das Zurückstellen des bequemen Anspruchsdenkens. Spätestens am Schluss, wenn sich HOWLING III: THE MARSUPIALS von der Geschichte einer Person in ein weltumspannendes Drama, vom harmlosen Werwolftrash in einen Film über menschliche Hybris und Toleranz verwandelt und in 15 Minuten Filmzeit 30 Jahre abdeckt, muss man den Kniefall proben. Wenn HOWLING II: YOUR SISTER IS A WEREWOLF Moras CITIZEN KANE des Werwolffilms ist, dann ist HOWLING III: THE MARSUPIALS sein TOUCH OF EVIL. […]

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