the blues: the road to memphis (richard pearce, deutschland/großbritannien 2003)

Veröffentlicht: März 3, 2010 in Film
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Im bislang stärksten Beitrag zur Dokumentarfilm-Reihe nimmt Regisseur Richard Pearce die Musikstadt Memphis aus verschiedenen Blickwinkeln unter die Lupe. Der vordergründige äußere Anlass für seine Beschäftigung ist ein Blues-Festival, das im Jahr 2002 verschiedene ehemalige Größen an ihrer einstigen Wirkungsstätte vereinigte: B. B. King, Ike Turner, Rosco Gordon und einige weitere. Doch natürlich spielte Memphis nicht nur in der Geschichte des Blues (und schwarzer Musik überhaupt) eine wichtige Rolle: Die Stadt im Bundesstaat Tennessee war Schauplatz wichtiger (sozial)politischer Umwälzungen, ein Ort, an dem das Problem der Rassentrennung besonders aktiv ausgefochten wurde und der die Übel des Rassismus ebenso verkörperte wie die nicht schwindende Hoffnung auf bessere Zeiten.

Analog zum Titel bewegt sich Pearce zunächst in konzentrischen Kreisen um seinen Handlungsort, folgt abwechselnd dem 66 Jahre alten Bluessänger und Entertainer Bobby Rush auf seiner Tournee durch kleine Clubs, die ihn am Ende nach Memphis führen soll, dann B. B. King, der zum oben erwähnten Festival anreist und in Erinnerungen an längst vergangene Tage schwelgt, und heftet sich an die Fersen der einstigen Lokalprominenz Rosco Gordon, der „seine Stadt“ nach jahrzehntelanger Abwesenheit kaum wiedererkennt. Die Beale Street, eine Vergnügungsmeile, die einst fest in schwarzer Hand war, der sprichwörtliche „heaven for black people“, ist zur langweiligen Touristenmeile verkommen, auf der sich überwiegend weiße Urlauber tummeln, die in sterilen Kneipen schlechten Coverbands beim Kopieren des „authentischen“ Memphis-Sounds lauschen sollen. Die Veränderung, ein Wegsterben des Alten ist allgegenwärtig in THE ROAD TO MEMPHIS, dessen Protagonisten allesamt Relikte aus einer vergangenen Zeit sind. In Memphis erinnern sie sich noch einmal daran, wie es früher war: an die zahllosen Bluesclubs, in denen sie ihre ersten Erfolge feierten, an den ortsansässigen Radiosender, der sich als erster den Luxus eines schwarzen DJs gönnte, an die Sun Studios, in denen Produzent Sam Phillips keinen Unterschied zwischen weißen und schwarzen Musikern machte, aber auch an die Entbehrungen, die sie auf sich nehmen mussten. B. B. King erzählt von seiner Arbeit auf den Baumwollfelder, dass er dabei einmal zu Fuß die Welt umrundet habe, Gordon erinnert sich daran, wie er wegen seiner Hautfarbe von einem Polizisten auf offener Straße zusammengetreten wurde. Memphis ist die Stadt, in der schwarze Musiker berühmt werden konnten, aber auch die Stadt, in der Martin Luther King erschossen und die Schwarzenviertel daraufhin dem Erdboden gleichgemacht wurden. Ohne Zweifel: Vieles hat sich verbessert seit den alten Tagen, aber mit vielen Veränderungen kommen die alten Helden trotzdem nicht zurecht. Es scheint an der Zeit, sich zu verabschieden.

Den Film durchzieht Wehmut: Bobby Rush träumt in einem Alter, in dem andere sich zur Ruhe setzen, vom Durchbruch, vom Crossover zu weißen Publikumsschichten. Man ahnt zwar, dass ihm das nicht mehr gelingen wird, doch man kommt nicht umhin, die Hingabe dieses Mannes zu bewundern, der von sich selbst sagt, dass er in seinem ganzen Leben vermutlich nicht mehr als vier Wochen Urlaub gemacht habe – alles aus Liebe zur Musik. Undenkbar in einer Zeit, in der Jungtalente davon träumen, vom Fleck weg Superstar zu werden, die lästigen Lehrjahre einfach zu überspringen. Typen wie Rosco Gordon oder Rufus Thomas, mit ihren furchigen Gesichtern, in denen ein Leben voller harter Arbeit und schrecklicher Erfahrungen seine Spuren hinterlassen hat, mit all den Geschichten und Erinnerungen, werden ebenso aussterben wie Gentlemen vom Schlage eines B. B. King, der im übergroßen Jackett auf einem Stuhl sitzend seine Gitarrensoli spielt und dabei eine Tradition des Showmanship verkörpert, für die heute kein Platz mehr zu sein scheint. Ihr gemeinsamer Auftritt hat dann auch etwas von einer Museumsausstellung, einer Reise in die Vergangenheit: Was einmal war, wird nie mehr sein. Aber THE ROAD TO MEMPHIS macht auch sehr klar, dass hier nicht nur eine Generation langsam abtritt, sondern mit ihr ein Stück Kultur: Wer könnte den Blues so überzeugend singen, wie diese Männer, die mit bloßen Händen das Land umgegraben und die volle Härte des weißen Rassismus zu spüren bekommen haben?

Es scheint bei aller Tragik nur konsequent, dass Rosco Gordon, Rufus Thomas und Sam Phillips kurz nach Fertigstellung des Films verstarben. Ersterer segnete nur sechs Wochen später das Zeitliche, als er sich für einen Auftritt vorbereitete. Er war immerhin noch einmal nach Hause zurückgekehrt, nach Memphis, dem Himmel der Schwarzen.

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