bronson (nicholas winding refn, großbritannien 2008)

Veröffentlicht: März 16, 2010 in Film
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Zweitsichtung. Zu meinem letztes Jahr geschriebenen Text habe ich nur wenig hinzuzufügen, würde meine damals schon getroffene Diagnose, derzufolge BRONSON ein „problematischer“ Film ist,  aber noch einmal unterstreichen wollen.

Tatsächlich ist Winding Refn vielleicht etwas zu fasziniert von seiner Hauptfigur, dem asozialen Gewohnheitsschläger und Gefängnis-Dauergast Michael „Bronson“ Peterson (Tom Hardy), als dass er die gebotene Distanz wahren könnte, vielleicht ist es aber auch nur konsequent, dass er sich eine Kritik an seinem Protagonisten verkneift, dafür aber hier und da kleine Seitenhiebe auf die äußeren sozialen Umstände verteilt, mit denen Peterson konfrontiert wurde und die nicht dazu beitrugen, ihn auf einen besseren Weg zu führen. Solche Gesellschaftskritik geht in Filmen dieser Art meist mit der Huldigung eines Lebensentwurfs einher, der sich nicht kapitalistisch „verwerten“ lässt – man denke etwa an den belgischen EX DRUMMER, dem ich einen wirklich arg unangenehmen Zynismus attestieren würde -; und auch hier hat man den Eindruck, dieser lebensunfähige Bronson solle ein Vorbild darstellen, weil er sich nicht verinnahmen lässt. Bronson ist nach dieser Sichtweise ein Rebell, der sich nicht ins Establishment eingliedern lässt (hier geht Refn dann auch einen Schritt weiter als etwa Kubrick mit seinem A CLOCKWORK ORANGE), ihm stattdessen seine Verachtung unmittelbar – und wortwörtlich – ins Gesicht schleudert. Dass diejenigen, denen er da regelmäßig die Nase bricht, aber auch nur Menschen sind, die einen Job machen, gerät bei so viel Punk-Attitüde leider etwas in Vergessenheit. Man muss auf der Hut sein, um BRONSON nicht zu erliegen. Refn ist es auch nicht ganz gelungen.

Kommentare
  1. tschill sagt:

    Zwei Anmerkungen. Eine zu Bronson, den ich ganz exquisit finde. Wozu genau sollte jetzt eine zusätzliche Abgrenzung des Filmes notwendig sein? Den Mann als Selbstinszenierungsmaschine zu präsentieren, dürfte doch Positionierung genug sein. Wer, außer ein paar verwirrte Halbstarke mit Masochismuskomplex, findet den Mann denn vorbildlich?

    Und eine zu Ex Drummer, den ich noch exquisiter finde: Den Zynismuswurf hörte ich schon desöfteren. Allein, er erschließt sich mir nicht. War auch anfangs geneigt, den Film in diese Richtung zu lesen. Aber im zweiten Teil gibt es klare Ansagen. Die Ausrichtung des Wettbewerbs ist da nur das Vorgeplänkel. Am stärksten ist doch die Verbindung des Amoklaufs mit den Sexszenen des Journalisten. Jener wirkte wie ein Katalysator für die Entwicklung, genoß die Andersartigkeit des Untergrunds und wenn die Scheiße richtig am Dampfen ist, ist er schön wieder im warmen Bettchen. Katastrophentourismus der anderen Art, street credibility als karriereförderndes Distinktionsmerkmal. Klarer kann man sich kaum noch positionieren. Der Zynismus kommt aus der Gesellschaft, nicht aus dem Film.

    • Oliver sagt:

      Ich zumindest hatte schon den Eindruck, dass Refn seinen Protagonisten ziemlich faszinierend fand. Und wenn wir ihn ganz zum Schluss wie eine menschliche Installation in diesem Käfig stehen sehen, schön in Rot ausgeleuchtet, dann entfernt sich der Film in diesem Moment ja auch von dem ihn bis dahin schützenden Ansatz, Peterson als Erzähler und Verantwortlichen für seine Inszenierung vorzuschieben.

      Mein Urteil über EX DRUMMER gründet auf eine Sichtung von vor zwei (drei ?) Jahren, die natürlich nicht mehr ganz frisch ist (eigentlich habe ich den Film bis auf Einzelbilder völlig vergessen). Möglich, dass ich den Film heute anders sehen würde. Damals jedenfalls schien es mir durchaus so, dass der Regisseur mit dem „Zynismus aus der Gesellschaft“ ganz gut leben kann, immerhin hat ihm der es erst erlaubt, einen schön kranken Film mit Behinderten und Asozialen machen zu können.

  2. tschill sagt:

    „Ich zumindest hatte schon den Eindruck, dass Refn seinen Protagonisten ziemlich faszinierend fand.“

    Keine Frage. Davon leben die medial inszenierbaren Figuren doch. Seien es Ackermann, Spears oder eben Bronson. Aber das aktive Umarmen der medialen Inszenierung unterscheidet sie von Erna Krawuttke, die nicht Gefallen an der Präsentation ihrer Andersartigkeit findet und deshalb auch medial nicht repräsentiert wird.

    „Und wenn wir ihn ganz zum Schluss wie eine menschliche Installation in diesem Käfig stehen sehen, schön in Rot ausgeleuchtet, dann entfernt sich der Film in diesem Moment ja auch von dem ihn bis dahin schützenden Ansatz, Peterson als Erzähler und Verantwortlichen für seine Inszenierung vorzuschieben.“

    Die Selbstinszenierung ist nicht nur mehr oder weniger gelungen, sie trägt auch nicht unendlich. Bei Spears ist es schon in die Schlüpfer gegangen, bei Ackermann wird man sehen. Insofern sehe ich das Bild in Bronson eher als Symbol zu verstehen. Man muß dem Medium immer mehr geben, weshalb man am Ende so oder so im Zwangskorsett steckt. Sehe das nicht als Entschuldungsstrategie an, eher konstatiert die Metapher.

    „Damals jedenfalls schien es mir durchaus so, dass der Regisseur mit dem “Zynismus aus der Gesellschaft” ganz gut leben kann, immerhin hat ihm der es erst erlaubt, einen schön kranken Film mit Behinderten und Asozialen machen zu können.“

    Könnte man dann auch über Freaks sagen und wäre, zumindest aus meiner Warte, das Totschlagargument schlechthin, überhaupt noch irgendetwas anderes als Wohlfühligkeit im Film ansprechen zu können.

    • tschill sagt:

      The house next door has moved: http://www.slantmagazine.com/house/

      Und: Mist, man kann noch immer nicht seine Beiträge nachträglich editieren. 😦 Gibt es doch bestimmt ein WordPress plugin für. Für mich. 🙂

    • Oliver sagt:

      BRONSON: Zunächst will ich nur nochmal festhalten, dass ich den Film (auch für seine Widersprüche) mag …

      Das „Medium“ von dem du hier sprichst und (für) das (sich) Bronson inszeniert, ist im Film ja eher abwesend. Es werden einmal kurz ein paar Zeitungsartikel eingeblendet sowie Fernsehbilder gezeigt, in denen Bronson aber selbst nicht zu sehen ist. Insofern stellt sich da ja schon die Frage, ob dieser Bronson so berühmt ist, wie er es selbst gern behauptet. Das Interesse der Öffentlichkeit spiegelt sich allerhöchstens in dem Bemühen des Kunstlehrers, einen Star aus seinem Schützling zu machen. Aber das ist ja thematisch ein alter Hut: Dass der rebellische Künstler kastriert wird, wenn er sich mit den auf eigene Rechnung arbeitenden Kräften der Ökonomie einlässt. Mir stellt sich da die Frage: Was will Refn genau? Einen Mann inszenieren, der sich selbst inszeniert, um zu zeigen, wie die Selbstinszenierung immer vor der Fremdinszenierung in die Knie geht? Oder doch den Zeigefinger gegen die böse Kulturindustrie erheben, der er auch angehört, weil sie einen Mann zerstört, der sich selbst zerstören will?

      EX DRUMMER & FREAKS: Ich finde schon, dass sich Brownings Film durch einen deutlich respektvolleren Umgang mit seinen Titelfiguren auszeichnet als dies im belgischen Film der Fall ist. 1930 (oder wann auch immer) mag man das anders gesehen haben und genauso argumentiert haben wie ich gegegn EX DRUMMER, klar. Mir war der Film einfach unsympathisch. Liegt aber auch daran, dass ich mit diesem ostentativen Hass auf die Gesellschaft nix anfangen kann. Ist immerhin eine Gesellschaft, die Filme wie EX DRUMMER zulässt. So what?! (Diese Indifferenz bitte als rhetorische Figur begreifen. Danke!)

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