the shield (seasons 1 – 7, usa 2002 – 2008)

Veröffentlicht: März 24, 2010 in Film
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Ich bin Komplettist. Lücken beunruhigen mich und es hat mich unsagbar gewurmt, dass ich es zu Beginn des Jahres nicht geschafft habe, im Anschluss an meine Sichtung der Polizeiserie THE SHIELD einen Text zu verfassen, wie ich das ursprünglich vorhatte – Vaterwerden hatte eindeutig Priorität. THE SHIELD liegt nun schon eine ganze Weile zurück, aber da ist immer noch dieses Gefühl, dass mein Blog, das ja in erster Linie ein Tagebuch ist, unvollständig ist und ihm ein immens wichtiger Eintrag fehlt. Und weil ich mit LOST gerade das nächste Großprojekt vor der Brust habe und keine Ahnung, wann es den nächsten Filmeintrag geben wird, scheint der Zeitpunkt ideal, die Lücke zu schließen und meinen Text nachzureichen – auch wenn er aufgrund der Verzögerung zwangsläufig selbst „lückenhaft“ werden wird …

THE SHIELD erzählt von den Ereignissen rund um ein neu eröffnetes Polizeirevier in Farmington, einem fiktiven Stadtteil von L.A. Dort bekriegen sich die latein- und afroamerikanischen Gangs, die armenische Mafia schleust ihr Geld zur Wäsche durch den von Armut geprägten Stadtteil und die Polizei hat mehr als alle Hände voll zu tun, des allgegenwärtigen Verbrechens Herr zu werden. Nur das für besonders schwere Fälle gegründete fünfköpfige Strike Team unter der Führung des knallharten Detective Vic Mackey (Michael Chiklis) hat einen Weg gefunden: Wo Not am Mann ist, werden die Gesetze gebeugt, Rechte gebrochen und immer wieder auf eigene Rechnung gearbeitet. Als Mackeys Vorgesetzter, der auf eine politische Karriere spekulierende Latino David Aceveda (Benito Martinez), von den dubiosen Machenschaften Mackeys erfährt, schleust er einen Spitzel in dessen Team ein. Aber der mit allen Wassern gewaschene Mackey hat Wind von Acevedas Coup bekommen und nutzt einen nächtlichen Einsatz, um den Verräter eiskalt umzubringen. Dieses kaltschnäuzige Verbrechen ist der Anfang eines unaufhaltsamen Abstiegs, der alle Beteiligten in einen Strudel aus Verbrechen und Gewalt reißt …   

THE SHIELD fügt sich zunächst einmal in das in zahlreichen Filmen und Serien ausdefinierte Copgenre ein, dessen längst vertrauten Figuren, Motive und Konflikte innerhalb der sieben Staffeln umfassenden Serie jedoch mit einer Komplexität beladen werden, die dazu geeignet ist, THE SHIELD entweder als vorläufigen Endpunkt oder aber als neuen Anfang des Genres zu deklarieren. Wir kennen den THE SHIELD zugrunde liegenden Konflikt aus zahlreichen Copfilmen: der Cop als Staatsdiener, der helfen soll, das Verbrechen zu beseitigen, doch dessen Rechte und Mittel gegenüber denen seiner Gegner beschränkt sind; der sich an Regeln halten muss, die von seinen Widersachern stets gebrochen werden; dessen Abzeichen ihn für seine Kontrahenten geradezu zur Trophäe macht, während er stets auf deren Unversehrtheit bedacht sein muss. Die Cops aus THE SHIELD – das Strike Team Mackeys – zerbrechen jedoch nicht an diesen Widersprüchen, weil sie ihnen ganz offensiv begegnen. Weder resignieren sie, noch stilisieren sie sich zu alttestamentarischen Rächern. Sie nutzen ihre Befugnisse und Insiderkenntnisse, um sich einen Ausweg aus dem Job zu ebnen – und um sich abzusichern. Denn sie wissen, dass sie eigentlich auf die andere Seite der Gitterstäbe gehören. Vic Mackey und sein Strike Team halten sich nicht (immer) an die Regeln, aber wer wollte es ihnen angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände, innerhalb derer sie operieren müssen, verdenken? Das Problem des Utilitarismus: Ist es angemessen, die Rechte eines Einzelnen zu beugen, wenn man dafür die Rechte mehrerer schützt? In THE SHIELD wird diese Frage mit einem klaren Jein beantwortet. Das richtige Leben im Falschen …

Dieser Konflikt wird in THE SHIELD jedoch noch zugespitzt, indem die Zero-Tolerance-Politik des Strike Teams nicht von einer humanistisch-philosophischen Perspektive aus problematisiert wird, sondern ihre konkreten, handfesten Folgen ins Visier genommen werden: Mehr als jede(r) andere Cop-Serie/-Film beleuchtet THE SHIELD sowohl die zwischenmenschlichen Konflikte am Arbeitsplatz als auch die gesellschaftspolitischen Implikationen der Polizeiarbeit. Den oben beschriebenen Renegade-Cops des Strike Teams steht nämlich noch ein anderer Typus gegenüber: der By-the-Book-Cop, der regelkonforme Realist innerhalb des Reviers, der seinen Job nicht als messianische Aufgabe, sondern als „Work in Progress“ begreift, zu der Enttäuschungen dazugehören und in die er sich deshalb  nicht zu weit verstricken darf. Die Einsicht in die Unerklärlichkeit menschlichen Treibens hat diesen Cop davor bewahrt, zum Zyniker zu werden, und ihn angespornt, noch besser zu werden, seine Methoden jeden Tag einer Revision zu unterziehen. Auch zwischen diesen beiden Sorten von Cop kommt es in THE SHIELD zum Konflikt, weil ihre jeweilige Vorgehensweise keine gemeinsame Schnittmenge kennt. Die Regelverletzungen des „bad cops“ bringen den „good cop“ regelmäßig um die Früchte seiner Arbeit, während dessen Regeltreue wiederum einen Hemmschuh für den ersteren darstellt. In THE SHIELD wird dieser im Laufe der Serie immer weiter eskalierende Konflikt – der schließlich die Sicherheit der ganzen Gesellschaft gefährdet – durch den genannten wirtschaftspolitischen Aspekt verkompliziert: Das Revier in Farmington steht unter strenger Beobachtung durch das Polizeipräsidium und die Stadtregierung, ist demnach gezwungen, eine entsprechende Bilanz vorzuweisen. „Verhaftungen“ heißt die kostbare Währung der Ordnunghüter. Weil nur eine angemessene Zahl von Verhaftungen die Verantwortlichen von der Notwendigkeit eines Polizeireviers überzeugt, sind die angestellten Polizisten geradezu verdammt dazu, diese auch zu liefern. In Anlehnung an die bekannte Fußballerweisheit könnte man das daraus entstehende Problem wie folgt bezeichnen: „Verbrechen ist, wenn der Polizist eingreift.“  THE SHIELD verabschiedet sich von einer trotz aller in den letzten 30 Jahren Copfilm kultivierten Resignation immer noch mitschwingenden Melancholie, die den Polizisten als tragisches Opfer einer Zeitenwende beschreibt: In THE SHIELD ist er längst nicht mehr nur der beobachtende Wächter, der nur eingreift, wenn es die Situation erfordert, er ist vielmehr unentwirrbar in die Wechselbeziehung von Verbrechen und dessen Bekämpfung eingebunden. Man könnte auch sagen: Aus dem Dienstleistungsbereich ist er in das produzierende Gewerbe gewechselt.

Es ist dieses undurchschaubare Geflecht aus konkurrierenden und sich ergänzenden Interessen, das die Grundlage für die in sieben Staffeln ungebremst entwickelte Sogwirkung der Serie darstellt. Nun ist das Bild von der Spannung als einem Sog, der den Zuschauer ins Geschehen zieht, wohl eines der großen sprachlichen Klischees der Filmrezension. Hinsichtlich THE SHIELD trifft es den Nagel aber auf den Kopf. Von Beginn an stellt sich der Handlungsverlauf der Serie als kontinuierliche Zuspitzung und Pointierung dar, eskalieren Situationen selbst dann noch, wenn man glaubt, dass sie nun in eine Phase der Entspannung eintreten müssten. THE SHIELD ist eine sich unaufhaltsam drehende, dabei immer weiter verengende Spirale, die deshalb irgendwann auch einfach im Nichts enden muss: Seinen Protagonisten gehen mehr und mehr die Handlungsoptionen aus. Wenn Mitproduzent Chiklis THE SHIELD als „moderne amerikanische Tragödie“ bezeichnet, so tut er dies mit einiger Berechtigung: Der Weg seiner Protagonisten führt ins Nichts, in Tod und Unglück, und er ist von Anfang an vorgezeichnet. Es gibt hier keine Schicksalsgläubigkeit: Das Unglück bricht eben nicht unvorhersehbar und willkürlich über den Charakteren hinein, vielmehr führt jeder einzelne ihrer Schritte sie näher an dieses Ende heran. THE SHIELD bricht mit dem Bild des alles durchschauenden Planers: Jedes Ausweichmanöver, das Mackey und sein Strike Team machen, um ihre Schandtaten zu vertuschen, eröffnet auch neues Gefahrenpotenzial, eine weitere Hintertür, an die ihre Jäger plötzlich klopfen können. Es gibt keine Entspannung in THE SHIELD, nur Phasen geringerer und stärkerer Anspannung. Dass dies gelingt, liegt vor allem an dem geschickt zusammengestellten Figureninventar: Wechselnde Rivalitäten und Loyalitäten, Nichtangriffspakte, die aus Vernunft geschlossen werden, nur um sie im richtigen Moment zu verheerendem Resultat brechen zu können, Animositäten und natürlich die unweigerlichen Missverständnisse, die das menschliche Zusammenleben zu einer solch komplizierten Angelegenheit machen, prägen die beruflichen wie auch die privaten Beziehungen, bis sich diese schließlich kaum noch auseinanderhalten lassen. 

Man liest im Zusammenhang mit der Serie immer wieder von ihrem bahnbrechenden Realismus. Das ist einigermaßen schockierend, weil THE SHIELD eine Hölle auf Erden entwirft, mit dem Strike Team eine an alte Westernfilme erinnernde Gang, die brandschatzt, plündert, raubt und mordet, ihnen Vorgesetzte voranstellt, die nur den eigenen Vorteil im Sinn haben – und wenn nicht, bald schon den Kürzeren ziehen -, und den Rest der Welt sauber in Verbrecher und Opfer teilt. Farmington ist kein real existierender Stadtteil, noch nicht einmal ein realistischer fiktiver, sondern eine Ameisenfarm, die die Drehbuchschreiber nach Herzenslust manipulieren können – passenderweise wird das Revier auch „The Farm“ genannt. Auf kleinstem Raum tummeln sich hier alle erdenklichen Arten von Kriminellen: Vom Drogendealer über das Gangmitglied und den Hehler bis hin zum Serienkiller ist jeder Typus vertreten, sodass die Unterstellung des Realismus mehr als fragwürdig erscheint. Neben dem in den Neunzigerjahren durch Serien wie NYPD BLUE  geprägten visuellen Stil, der den Zuschauer durch handgehaltene verwackelte shots mitten in das Geschehen hineinzieht und die auf der Inhaltsebene etablierte Unsicherheit spiegelt, ist für dieses Missverständnis wohl vor allem die Detailtreue und Komplexität verantwortlich, die daher rührt, dass den Machern von THE SHIELD ungleich mehr Erzählzeit zur Verfügung stand als einem Spielfilmregisseur. In THE SHIELD wird Realismus vor allem mithilfe des Faktors Zeit simuliert. Das ist kein Betrug: Es ist schließlich als eine der größten Leistungen jeder Art von Dichtung anzusehen, dass sie Wahrheit durch Stilisierung erreicht. Die Charaktere in THE SHIELD sind unzweifelhaft Typen: Das wird überaus deutlich, wenn Vic Mackey sich einmal selbst als „action hero“ bezeichnet. Er ist die Quintessenz des toughen Cops, den der Dienst auf den Straßen abgehärtet hat, doch werden durch die Implementierung dieses Charakters in einen größeren Rahmen – Mackey hat eine Ehefrau und zwei Kinder, von denen eines sich als autistisch herausstellt, was der beruflichen Anspannung auch eine private entgegensetzt, die wiederum zu einer weiteren Eskalation beiträgt – dessen Grenzen aufgezeigt. Der alles vorausahnenende und -planende „action hero“ wird in THE SHIELD an seine Grenzen geführt und dekonstruiert. Am Ende verliert er alles: Geld, Frau, Freunde. Doch die härteste Strafe für ihn ist, dass man ihn zu einem tristen Schreibtischjob verdonnert. Die Welt ist nicht gemacht für Actionhelden.

(14.04.2010: Der aufmerksame Holger hat mich richtigerweise darauf hingewiesen, dass Vic Mackey drei Kinder hat, von denen zwei autistisch sind und „The Farm“ tatsächlich „The Barn“ heißt. Wikipedia hat mich angelogen.)

(15.04.2010: Letzte Korrektur: Wikipedia hat nicht gelogen, sondern nur die halbe Wahrheit gesagt: „The Barn“ bezeichnet das physische Polizeirevier – also das Gebäude -, „The Farm“ den Polizeibezirk Farmington. Ich hatte also doch Recht.)

Kommentare
  1. […] trauert man schon etwas den verschenkten Möglichkeiten hinterher. Ein Walton Goggins etwa, der in THE SHIELD einen der fassettenreichsten Charaktere der Fernsehgeschichte verkörperte, hätte für seine erste […]

  2. […] Copfilm SINNERS & SAINTS, der sich ästhetisch etwas an der Authentizität der Fernsehserie THE SHIELD orientierte, versucht sich Kaufman mit THE HIT LIST erfolgreich an einem Was-wäre-wenn-Szenario, […]

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