let’s scare jessica to death (john d. hancock, usa 1971)

Veröffentlicht: Mai 10, 2010 in Film
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Mit ihrem Gatten Duncan (Barton Heyman) und dem gemeinsamen Freund Woody (Kevin O’Connor) bezieht die psychisch labile Jessica (Zohra Lampert) ein altes Haus auf dem Land, um sich dort von einer nicht näher definierten Erkrankung zu erholen. Bei ihrer Ankunft stoßen die Neuankömmlinge dort auf Emily (Mariclare Costello), die sich in dem vermeintlich leerstehenden Gebäude einquartiert hat. Weil man sich auf Anhieb gut versteht, wird aus der Dreier- flugs eine Vierergemeinschaft, doch der Frieden wird mehr und mehr getrübt, als Jessica erfährt, dass das Haus im vergangenen Jahrhundert Schauplatz eines Unglücksfalls war, dessen genaue Umstände nie geklärt wurden …

Mit seinem Titel, der ja suggeriert, dass hinter dem unheimlichen Treiben des Films ein höchst menschlicher Übeltäter steckt, der der Titelheldin Böses will, macht Hancock direkt und unmissverständlich klar, dass der Zuschauer hier keine traditionelle Bearbeitung des – 1971 ja schon etwas in die Jahre gekommenen – Gothic Horrors und Geisterfilms zu erwarten hat. Zwar erfüllt sich auch die im Titel geschürte Erwartung letzten Endes nicht, dennoch muss man LET’S SCARE JESSICA TO DEATH einer neueren Generation des Gruselfilms zuordnen, in der der zuvor meist poetisch verklausulierte psychologische Subtext an die Oberfläche geholt und mehr oder minder offen thematisiert wird. Der „Spuk“ in LET’S SCARE JESSICA TO DEATH findet ausschließlich im Kopf  der Protagonistin statt, der ganze Film entpuppt sich spätestens in seiner letzten Einstellung als Kopffilm und gehört somit einem Subgenre an, das Thomas Elsaesser in seinem Buch „Hollywood heute“ als „Mindgame Movie“ bezeichnet und dem er u. a. Filme wie FIGHT CLUB oder MEMENTO zuordnet; Filme, die eine vollkommene Ausstülpung von inneren Vorgängen vornehmen, deren Bild- und Tonspur also nicht mehr Niederschlag einer „objektiven“ Realität sind, sondern subjektiv eingefärbt und somit unzuverlässig und die dem Zuschauer abverlangen, diese inneren Bilder zu dechiffrieren, um zur „Lösung“ zu kommen.

Für seine postmoderne Wendung des Geisterfilms bedient sich Hancock solcher Stilmittel, mit denen seinerzeit vor allem die Protagonisten des New Hollywood die Filmsprache des „Mainstreams“ bereicherten und eine Abkehr vom traditionellen Erzählfilm nach dem Vorbild der ein Jahrzehnt vorher initiierten Nouvelle Vague einleiteten. Besonders auffällig in LET’S SCARE JESSICA TO DEATH ist die Emanzipation der Tonspur vom Bild: Zu den weit in den Vordergrund gemischten und somit leicht verzerrten Voice-overs der Hauptfigur, mit denen sie ihr Innenleben vor dem Zuschauer entblößt, gesellen sich immer wieder Geräusche und Stimmen, deren Quellen nicht im Bild zu finden sind, und die Musik dient längst nicht mehr nur dazu, das Geschehen zu untermalen und somit auf Tonebene zu duplizieren, sondern steht oftmals in krassem Kontrast zu diesem. Auf der Bildebene korrespondieren der gezielte Einsatz von Unschärfen und krassen Groß- und Detailaufnahmen mit diesen akustischen Irritationsstrategien und machen LET’S SCARE JESSICA TO DEATH zu einem Werk, dass sich zu allererst über die sinnliche Wahrnehmung aufschließt und dessen Dialoge kaum mehr als atmosphärisches Rauschen darstellen (ein Film, der mit ganz ähnlichen Mitteln und gleichem Ergebnis operiert, ist Lodge Kerrigans CLEAN, SHAVEN von 1993).

Das beginnt schon damit, dass der genaue Hintergrund von Jessicas psychischer Disposition völlig im Dunkeln bleibt, das Faktum somit selbst wie ein Schleier über den Bildern schwebt. Auch andere manifeste Probleme blitzen kurz auf, ohne eingehend thematisiert zu werden: Das Verhältnis der drei Hauptfiguren zueinander mutet zumindest merkwürdig an (ein Mann, der als Single mit einem befreundeten Ehepaar in einem einsamen Haus zusammenzieht?): Ein Eindruck, der sich erhärtet, als Emily hinzustößt und sofort beide Männer ihr Avancen machen. Hancock versteht es ausgezeichnet, seinen Film selbst in seinen harmlosen Momenten noch genau den Hauch von Abseitigkeit zu verleihen, den es braucht, um den Zuschauer konstant in Alarmbereitschaft zu halten, ihn fühlen und ahnen – mehr als wissen – zu lassen, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Dass die große Überraschung zum Schluss ausbleibt, ist keineswegs ein Versagen, sondern belegt vielmehr, wie gut es Hancock in LET’S SCARE JESSICA TO DEATH gelungen ist, die Wahnvorstellungen seiner Hauptfigur in Form zu bringen und auf seine Zuschauer zu übertragen: Ohne Antworten zu geben, lässt er keine Fragen offen.

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