american gothic (john hough, großbritannien/kanada 1987)

Veröffentlicht: Mai 21, 2010 in Film
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Cynthia (Sarah Torgov) wird aus der Nervenheilanstalt entlassen, in die sie nach dem fahrlässig verschuldeten Tod ihres Babys eingewiesen worden war. Ihr Gatte Jeff (Mark Ericksen) macht sich sogleich mit ihr und ein paar weiteren Freunden auf den Weg zu einer kleinen Insel vor der US-amerikanischen Nordwestküste, um seiner Frau etwas Erholung zu verschaffen. Doch ein Schaden an der Propellermaschine zwingt sie zur Notlandung auf einer anderen Insel, wo es sie schließlich ins Haus von Pa (Rod Steiger) und Ma (Yvonne De Carlo) verschlägt, zwei gottesfürchtigen Konservativen, die auf ihrem verlassenen Eiland ein Leben wie von der Zeit vergessen führen. Verständlich, dass sie mit den modernen Stadtmenschen nicht richtig warm werden. Und noch weniger ihre reichlich merkwürdigen Kinder … 

Mit AMERICAN GOTHIC widme ich mich nach einigen kleineren Abstechern wieder dem Backwood-Film und einem ebenso eigenständigen wie eigenartigen Vertreter des Genres. Zwar kennt man die einzelnen Versatzstücke des Plots – die Abgeschnittenheit des Schauplatzes von der Zivilisation, den religiösen Fanatismus und die Degeneration der Antagonisten sowie das Zurückschlagen der Zivilisierten -, weil sie integrale Bestandteile des Backwood-Films sind, doch Regisseur John Hough, der vorher sowohl für die seligen Hammer-Studios als auch für THE AVENGERS tätig gewesen war, verleiht dem makabren Treiben eine dezent schwarzhumorige Note und verweigert sich darüber hinaus dem bloßen Malen nach Zahlen. AMERICAN GOTHIC hat einen ganz eigenen Rhythmus, der einen mehr als einmal stolpern lässt, weil er vom ausgetretenen Pfad immer wieder auf kleinere Nebenwege ausweicht oder aber eine Kehrtwende einlegt, wenn man am wenigsten damit rechnet. Besonders zu erwähnen in dieser Hinsicht ist das Finale: Der Film scheint schon nach 70 Minuten am Ende angelangt, bevor er in einen ca. zehnminütigen „Epilog“ mündet, der die Geschichte dann zu einem denkbar heftigen Ende führt, das man so schon nicht mehr erwartet hat. So schwankt der Film zwischen Schwarzer Komödie, generischem Slasherspaß und echtem, unangenehmen Psychohorror. Die Gewaltausbrüche decken eine ähnliche Palette ab, reichen von skurril (der Schaukelmord) bis brutal (Spieß ins Auge) und tragen mit dazu bei, dass man sich hier nie so ganz sicher sein kann, womit man es eigentlich zu tun hat.

Für den Schlag ins Komische sorgen vor allem die „Kinder“ von Pa und Ma: Bei diesen handelt es sich nämlich um Erwachsene, die sich aber verhalten wie Kinder und von ihren Eltern auch so behandelt werden. Warum das so ist und was es etwa mit dem mumifizierten Baby auf sich hat, dass Tochter Fanny (Janet Wright) in einer Wiege im Keller aufbewahrt und beharrlich als „ihr Kind“ bezeichnet, wird nie geklärt. Hat sie es von einem ihrer Brüder (Michael J. Pollard in einer Rolle nach Maß & William Hootkins), von ihrem Vater oder einem ehemaligen Opfer? Oder ist es gar nicht ihr Baby? Bei aller Uneindeutigkeit: AMERICAN GOTHIC bezieht seinen Reiz ganz eindeutig genau daraus, dass er eben nicht alles ausformuliert, mehr Fragen aufwirft als er letztlich beantwortet und so unweigerlich zum Spekulieren einlädt. Mir drängte sich etwa die Idee auf, man könne Houghs Film möglicherweise erfolgreich hinischtlich seiner metafilmischen Aspekte zu fassen bekommen: Das Haus der Einsiedler ist mit Fotografien von alten Stummfilmstars geschmückt, ihr Haus erinnert mit seiner uralten, aber dabei perfekt erhaltenen Einrichtung tatsächlich an ein Filmsetting und Rod Steiger und Yvonne De Carlo legen ihre Rollen nun auch nicht gerade naturalistisch an, sondern eben so, als verkörperten sie Menschen, die eine Rolle spielen. Dass ihre Entscheidung, auf einer einsamen Insel zu leben, darauf zurückzuführen ist, dass sie ihre Kinder von den schädlichen Einflüssen der Zivilisation fernhalten wollen, unterstreicht die Annahme, dass sie nur ein Spiel spielen (dass Shyamalan genau dies vor ein paar Jahren in THE VILLAGE ausformulierte, lässt diese Spekulation noch plausibler erscheinen). Dem entgegen steht eigentlich nur das Genre des Backwood-Films selbst, weil es sich vor solchen poststrukturalistischen Spielchen eigentlich eher verschließt und denkbar einfach eine Schneise von A nach B schlägt.

Eine Lösung lässt sich, wenn überhaupt, dann bestimmt nicht hier finden. Vielleicht bringt aber ein Hinweis etwas Licht isn Dunkel. Die hier von mir skizzierten Verwirrungen und Uneindeutigkeiten lassen sich nämlich schon mit dem Titel verknüpfen. „American Gothic“ ist ursprünglich der Titel eines 1930 von Grant Wood gemalten Bildes, das ebenfalls einige Fragen aufwirft (die ich hier mal von Wikipedia ausgeliehen habe), die die Kunsthistoriker bis heute beschäftigen:

  • Ist die Darstellung satirisch, ironisch oder drückt sie Bewunderung für die abgebildeten Personen aus?
  • In welchem Verhältnis stehen die Dargestellten zueinander? Handelt es sich bei den Personen um Bruder und Schwester, Mann und Frau, Vater und Tochter?
  • Zeigt das Bild eine nostalgische Betrachtung der Vergangenheit oder die Gegenwart?

Es überrascht also nicht, dass sich diese Fragen fast unverändert auch auch an den Film richten lassen. Dafür muss man ihn aber erst gesehen haben, wozu ich hiermit geraten haben möchte. Aber Finger weg von der geschnittenen deutschen Fassung!

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