la nuit des traquées (jean rollin, frankreich 1980)

Veröffentlicht: Mai 25, 2010 in Film
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Auf nächtlicher Straße steht plötzlich eine nur mit einem Nachthemd bekleidete attraktive junge Frau vor Roberts (Alain Duclois) Auto, die sich ihm als Elisabeth (Brigitte Lahaie) vorstellt. Sonst kann sie sich an nichts erinnern und auch ihr Kurzzeitgedächtnis ist schwer beeinträchtigt: Nachdem Robert sie mit zu sich nach Hause genommen hat, hat sie bereits wieder vergessen, wie sie zu ihm gekommen ist. Als sie am nächsten Morgen allein in Roberts Wohnung ist, taucht ein Mann dort auf, der sich als Doktor Francis (Bernard Papineau) vorstellt und die verwirrte junge Frau wieder dort hinbringen will, von wo aus sie geflohen ist: ein „Schwarzer Turm“ genanntes Hochhaus, in dem der Doktor mehrere Patienten behandelt, die wie Elisabeth am schleichenden Verfall ihres Gehirns leiden …

LA NUIT DES TRAQUÈES macht es auch dem Rollin-erprobten Seher zunächst nicht leicht: Ist man von dem französischen Filmemacher doch sonst eher barocke Schauerszenarios gewohnt, die erst durchs Brennglas der Psychedelia gebrochen und dann mit den Groschenheftelementen Sex & Crime angereichert werden, führt einen dieser Film auf das für Rollin eher ungewohnte Terrain des kühlen apokalyptischen Science-Fiction-Films. Statt von einsamen Friedhöfen, verfallenen Schlossruinen oder nebligen Küstenlandstrichen wird LA NUIT DES TRAQUÈES von den geraden Linien gläserner Hochhäuser und der betongewordenen Tristesse einer modernen Großstadt bestimmt, die Rollin mit seiner gewohnt poetischen Bildsprache zu einem modernen Massengrab verzeichnet. Dem Sujet nach gehört LA NUIT DES TRAQUÈES dem in der Schnittmege von Horror und Science Fiction angesiedelten Subgenre des Seuchenfilms an und es lassen sich durchaus Spuren solcher moderner Klassiker wie Romeros DAWN OF THE DEAD oder Cronenbergs SHIVERS in ihm auffinden. Doch Rollin interessieren etwaige gesellschaftskritische Subtexte nur sofern sie sich in Bilder und Emotionen verwandeln lassen: Mehr als ein Film über die Einsamkeit des Menschen in der Konsumgesellschaft des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist LA NUIT DES TRAQUÈES ein Film über die Einsamkeit schlechthin. Seine gewissenlosen Ärzte, die  in eine beiläufig-banale Dialogzeile gebannte Ursache der Krankheit – ein Unfall in einem Kernkraftwerk -, sie dienen lediglich als Wegweiser, damit sich der Zuschauer in Rollins Welt, die ganz und gar Poesie ist, zurechtfindet. Schon sein Versuch eines Ökohorrorfilms LES RAISINS DE LA MORT abstrahierte von der konkreten Bedrohung, die ihm nur noch den Anlass für seine elaborierten Horrortableaus bot, LA NUIT DES TRAQUÈES geht aber noch einmal einen Schritt weiter.

Gerade deshalb erweist sich die Verortung des Films innerhalb eines ziemlich fest umrissenen Genre auch hinderlich für eine unvoreingenommene Betrachtung, weil sie Erwartungen schürt, die Rollin gar nicht einzulösen gedenkt. Und die ungewohnte Illusionslosigkeit seiner Bilder steht in hartem Kontrast zu den Gefühlswallungen, von denen die umständlich-ausschweifenden Dialoge künden. Unter eher technischen Gesichtspunkten der Erzählökonomie betrachtet, muss die Entscheidung, seinem schwungvollen (und mit einer Lahaie-Sexszene garnierten) Auftakt eine Reihe ellenlanger Dialogszenen folgen zu lassen, in denen wieder und wieder dasselbe berichtet wird, als geradezu katastrophal bezeichnet werden. Es macht – zumindest nach der ersten Sichtung – den Eindruck, als sei auch Rollin einer der Infizierten, die sich in der Welt (des modernen kommerziellen Erzuählkinos) zunehmend fremd fühlen, das, was um sie herum passiert, nicht mehr verstehen: als habe er diesen Film nicht kontrolliert, sondern als sei er ganz impulsiv, ungefiltert, unrefelektiert aus ihm herausgeflossen. Aus dieser Perspektive bertrachtet ist LA NUIT DES TRAQUÈES extrem spannend, auch wenn er dies eigentlich gerade nicht ist. Wie alles von Rollin: eigenartig, erst nach einer weiteren Sichtung halbwegs verlässlich einzuordnen.

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Kommentare
  1. Alex sagt:

    Der Film gehört ja zu meinen persönlichen Lieblingen von Rollin, vielleicht gerade weil er nicht über sein übliches Inventar verfügt, sondern die Begabung des Regisseurs, stimmungsvolle und atmosphärische Bilder zu erschaffen, in die ungewohnte Umgebung der urbanen Anonymität transponiert. Ich gebe dir Recht, daß der Mittelteil etwas anstrengend und dialoglastig geworden ist, aber das letzte Drittel auf dem scheinbar nicht enden wollenden Güterbahnhof reißt das wieder raus. Wundervoll auch das Schlußbild der beiden Protagonisten, die zwar nicht mehr wissen, wer sie sind, aber dennoch Hand in Hand über die Bahngleise in eine ungewisse Zukunft wanken, während sie langsam vom Morgennebel des Großstadt-Molochs verschluckt werden. Haut mich immer wieder um, diese Szene.

    Sehr schön beobachtet und formuliert jedenfalls, daß dieser Film aus dem Regisseur „herausgeflossen“ sei – wenn mich nicht alles täuscht, verfolgt Rollin grundsätzlich eine eher spontane Vorgehensweise. Konkret weiß ich das nur von LA ROSE DE FER, für den wohl nie ein Drehbuch geschrieben, sondern nur ein hübscher Friedhof als Location gefunden wurde, und der Rest ergab sich dann mehr oder weniger von selbst.

  2. Oliver sagt:

    Ja, das Ende ist wirklich toll und hat meine etwas unentschlossene Haltung dem Film gegenüber deutlich zum Positiven beeinflusst.

    Das mit dem „Herausfließen“ trifft wie du richtig sagst eigentlich auf fast alle Filme Rollins zu, in der Hinsicht, dass sie sich wenig um einen traditionellen Handlungsaufbau und eine solche Charakterzeichnung scheren. Was aber LA NUIT DES TRAQUÈES von seinen anderen Filmen noch unterscheidet, ist dass Rollins emotionale-intuitive Herangehensweise hier im harten Kontrast zu seiner in der Welt der Wissenschaft angesiedelten Geschichte steht. Ein Film wie LA ROSE DE FER würde linear und „sachlich“ erzählt gar keinen Sinn machen, weil er in der Tradition der literarischen Schauerromantik steht. Bei LA NUIT ist das anders.

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