rituals (peter carter, kanada/usa 1977)

Veröffentlicht: Mai 26, 2010 in Film
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Die fünf befreundeten Ärzte in den besten Männerjahren Harry (Hal Holbrook), Mitzi (Lawrence Dane), Martin (Robin Gammell), Abel (Ken James) und D. J. (Gary Reineke) treffen sich jedes Jahr zu einem gemeinsamen Ausflug. Diesmal geht es in die kanadische Wildnis, zu einem gewaltigen, von üppiger Vegetation bewachsenen Krater, über den die Indianer sagen, der Mond habe dort seinen Abdruck hinterlassen. Zu den schwelenden Streitigkeiten zwischen den an verschiedenen Problemen – von ganz normaler Midlife Crisis über Alkoholismus bis hin zu Minderwertigkeitskomplexen – laborierenden Männern gesellen sich bald ganz handfeste Nöte: Schon nach der ersten Nacht in freier Natur sind die Wanderstiefel der Männer verschwunden. Und der unbekannte Dieb entpuppt sich nur wenig später als rücksichtsloser Mörder …

Von RITUALS las ich zum ersten Mal in Trebbins „Die Angst sitzt neben dir“, wo der in Deutschland  offiziell nie erschienene Film eine euphorische Bewertung erhielt. Ich war überglücklich, als ich in Holland ein altes Videotape des Films ergattern konnte, das seine besten Zeiten allerdings schon lang hinter sich hatte. Trotzdem ist mir der Film, dessen Dialogen ich ob der miserablen Tonqualität nur sehr mühsam folgen konnte, wegen seiner unangenehmen, fremdartigen Atmosphäre und seiner starken Bilder in Erinnerung geblieben. Für meine Backwood-Reihe habe ich mir jetzt das X-Rated-Bootleg „gegönnt“ (besser wäre: erlaubt), das eine deutsche Erstveröffentlichung darstellt und den Film in zwar arg mitgenommener, aber doch akzeptabler Bild- und Tonqualität und versehen mit auf erwartbar schlechten Englischkenntnissen basierenden deutschen Untertiteln päsentiert. Diese Hindernisse änderten aber kaum etwas an dem Eindruck, den der Film auch diesmal bei mir hinterlassen hat. Von Beginn an, wenn deutlich geworden ist, dass es mit der Freundschaft der Männer längst nicht mehr so weit her ist, macht sich Unbehagen breit, das mit zunehmender Spieldauer immer stärker wird, bevor es als gewaltiger Schatten über dem Geschehen liegt. Großen Anteil daran hat die Kameraarbeit von René Verzier, der die Protagonisten vor der übermächtigen Naturkulisse zu hilflosen Zwergen degradiert und die im Laufe des Films immer karger, sowohl unwirtlicher als auch unwirklicher werdende Landschaft zum mythischen Ort der Selbsterfahrung überhöht.

Die Frage, wer der Killer ist und welches Motiv er hat, tritt immer weiter in den Hintergrund, je näher seine Enttarnung rückt. Es zieht mehr und mehr die Gewissheit herauf, dass diese Männer verloren sind, weil sie im Clinch mit ihren inneren Dämonen liegen, die in der Gestalt des Mörders nur ihre manifeste Repräsentation angenommen haben. Das für den Backwood-Film typische Umkippen ins Surreale habe ich schon bei DELIVERANCE und FINAL TERROR hervorgehoben: Carter geht in RITUALS noch einen Schritt weiter, wenn der aufkeimende Wahnsinn seiner Protagonisten auch die Oberfläche seines Films zu befallen scheint. Das Finale ist ein einziger fiebriger Albtraum, bei dem sich Plausibilitätsfragen gar nicht mehr stellen. Die Grenzerfahrung, die der Backwood-Film immer wieder thematisiert, überträgt Carter durch die konsequente formale Gestaltung und sein schroffes Drehbuch, das sich keine Mätzchen erlaubt, ungebrochen auf den Zuschauer. Vielleicht gelingt ihm dies von allen Backwood-Filmen sogar am besten. Ein toller Film!

Kommentare
  1. Du bist viel zu fleißig! Ich komme kaum mehr hinterher mit dem Lesen. Habe fast alle diese Filme auch gesehen und wir scheinen bezüglich Slasher- und Backwood-Reißern wahrlich auf einer Wellenlänge zu liegen.

    Ich würde auch so gern mal wieder einen Exkurs in diese Phase vornehmen, habe aber leider keine Zeit. Also höre bitte auf! 😀

    • Oliver sagt:

      Tja, im Moment klappt es ganz gut mit dem Filmegucken (zumal ich meine LOST-Boxen jetzt auch durch habe). Ein Ende ist noch nicht in Sicht, ich muss dich also enttäuschen. 🙂 Habe auch noch ein paar Filme geordert, um die Reihe möglichst umfassend zu gestalten. Wenn dir noch ein unbekannterer Titel einfällt: Immer her damit!

  2. Alex sagt:

    Zustimmung zu RITUALS, der hat mich am Ende auch ziemlich geplättet. Ist HUNTER’S BLOOD schon bekannt? Der spielt zwar ’ne ganze Liga drunter, ist aber angenehm drastisch und kurzweilig. Und ‚GATOR BAIT wäre auch zu empfehlen, der weicht zwar ein wenig vom Schema ab (es fehlt das Element des „Eindringlings“), hat aber dafür wahrlich prächtige Hinterwäldler zu bieten.

    • Oliver sagt:

      Nee, die kenne ich beide nur vom Titel her, zumindest ersterer steht aber auch schon seit Jahren auf einem imaginären Zettel mit anzuschauenden Filmen. Leider gibt es beide nicht auf DVD. Schön ist auch EDGE OF HONOR, der das Backwood-Thema von der Actionseite her aufrollt.

  3. Rene sagt:

    Rewiew-Tipp: Der kanadische Slasher CURTAINS, von ’83 und mit John Vernon.

  4. Faniel Dranz sagt:

    Für mich ist CALVAIRE aka THE ORDEAL immer noch die Königin aller
    „Backwood-Filme die ins Surreale abkippen“…aber sowas von!

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