midnight (john a. russo, usa 1982)

Veröffentlicht: Mai 27, 2010 in Film
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Als Nancy (Melanie Verlin) wieder einmal von ihrem betrunkenen Stiefvater (Lawrence Tierney) belästigt wird, haut sie von zu Hause ab. Auf der Straße begegnet sie den Jugendlichen Tom und Hank, die mit ihrem Kleinbus auf dem Weg nach Florida sind und sie kurzentschlossen mitnehmen. Weil sie aufgrund ihres klammen Geldbeutels gezwungen sind, Nahrungsmittel zu stehlen, ziehen sie das Interesse diverser Kleinstadtpolizisten auf sich. Diese sind jedoch das kleinere Übel: Was die Drei nicht ahnen, ist dass sie das Jagdgebiet einer derangierten Satanistenfamilie durchqueren …

Die Credits lassen zunächst einmal aufhorchen, denn die Crew von MIDNIGHT setzt sich zum Großteil aus Akteuren des Romero-Dunstkreises zusammen: Regisseur und Drehbuchautor Russo (der hiermit seine eigene Romanvorlage verfilmte) verfasste einst das Script zu NIGHT OF THE LIVING DEAD, Kameramann und Editor Paul McCollough schrieb das Drehbuch zu THE CRAZIES, für den auch Soundmann Eric Baca schon das Mikro schwang, das Make-up besorgte Tom Savini, Friedhofszombie Bill Hinzman fungierte als „additional still photographer“ und in einer nicht unwichtigen Nebenrolle agiert John MARTIN Amplas. Hollywood-Altstar Lawrence Tierney vervollständigt den illustren Reigen, der einiges für den folgenden Film erwarten lässt, was dann jedoch leider nicht ganz eingelöst wird. Aber von vorn.

Russo verknüpft in MIDNIGHT Backwood-Elemente mit dem vor allem in den Siebzigern reüssierenden Satanismus-/Okkulthorror, der hier zudem ganz entschieden vom Treiben der Manson-Family inspiriert worden sein dürfte. Die hübsche Eröffnungssequenz – eine Rückblende – zeigt, wie eine unter dem Befehl der fanatischen Mutter stehende Kinderschar ein Mädchen ermordet, das in eine Bärenfalle getappt ist. Danach belädt eine effektiv abgelichtete Beichtszene den Zuschauer mit katholischer Schicksalsschwere, bevor die Credits warme Erinnerungen an das Exploitationkino der Siebziger wecken und die Marschrichtung vorgeben. Der Tisch scheint gedeckt, doch leider hat Russo in der Folge ein ganz entschiedenes Problem damit, das Niveau zu halten. Es dauert eine gute Stunde, bis es zur Konfrontation der Protagonistin mit der mittlerweile erwachsenen und einer mumifizierten Mutter gehorchenden Mordbande kommt und womit Russo den Film bis dahin füllt, ist nicht eben „zwingend“ zu nennen. Bei mir machte sich recht bald schon Ungeduld breit, die auch von den immer wieder eingestreuten Mordszenen nicht abgemildert wurde, weil diese nur in losem dramaturgischem Bezug zum Haupthandlungsstrang stehen: Die Opfer werden nur für diese Szenen eingeführt und man weint ihnen entsprechend keine Träne nach, wenn sie kurz darauf wieder abtreten müssen.

Fairerweise muss man MIDNIGHT zu Gute halten, dass sein Budget gegen Null tendiert haben dürfte und Russos Möglichkeiten somit von vornherein beschränkt waren: Die bis auf wenige Ausnahmen mäßigen Darsteller lassen die Drehbuchschwächen überhaupt erst so deutlich hervortreten, die Settings sind zweckmäßig bis unansehnlich, der Soundtrack wartet mit einem grausligen Softfolk-Titelsong auf und untermalt die eklige Szene, in der Nancy von ihrem Stiefvater begrabscht wird, mit vollkommen unpassender Fahrstuhlmusik. Auch dass MIDNIGHT mit belanglosen Szenen auf Länge gebracht wird, teilt er mit vielen seiner Exploitation-Artgenossen, und ist an und für sich noch kein Grund zur Kritik, weil man solche Unzulänglichkeiten als Freund des ungewöhnlichen Films doch eh längst als essenzielle Bestandteile einer „anderen“ Ästhetik zu schätzen gelernt hat. Die Schwächen des Films ließen sich somit allesamt positiv umdeuten: Der ganze Film sieht in seinen herbstlich-schmutzigen Erdtönen und seiner Kleinstadttristesse herrlich roh und ungestriegelt aus, und dass alles so unspektakulär, ja geradezu unfilmisch abläuft, hat durchaus einen eigenen Reiz. Warum MIDNIGHT zumindest gestern bei mir trotzdem einfach nicht zünden wollte, liegt darin begründet, dass Russo seine Limitierungen eben nicht als Chance begriffen und einen vollkommen übersteuerten kleinen Schocker inszeniert hat, der sich einen Dreck um die Konventionen schert, sondern stets von dem Bemühen bestimmt ist, ernst genommen zu werden. Ich habe die lustvollen Überschreitungen des guten Geschmacks vermisst, die grellen Überzeichnungen, das formale Chaos, den Wahnsinn. Gut möglich, das eine Zweitsichtung mit entsprechend korrigierter Erwartungshaltung diesen Wahnsinn noch zu Tage fördert. Bis dahin gilt: Leider nur mittelprächtig. Aber immerhin gibt es einen vollbärtigen Killerfettsack mit Latzhose, was mich doch ein wenig versöhnlich stimmt.

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Kommentare
  1. henteaser sagt:

    Bleibt zu erwähnen, dass ich von John Russo bisher einige Romane gelesen habe („Midnight“ etwa erschien als „Das Mitternachtsspiel“ im Goldmann-Verlag) und von keinem enttäuscht war. Er ist definitiv ein Autor, dessen Werk mehr Mund-zu-Mund-Propaganda vertragen könnte.

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