mother’s day (charles kaufman, usa 1980)

Veröffentlicht: Mai 30, 2010 in Film
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Jedes Jahr treffen sich die College-Freundinnen Abbey (Nancy Hendrickson), Jackie (Deborah Luce) und Trina (Tiana Pierce) für ein Wochenende, um Spaß zu haben, Bier zu trinken und in Erinnerungen an alte Zeiten zu schwelgen. Diesmal verschlägt es sie zum Camping in die Wälder. Doch dort haust eine Mutter mit ihren beiden zurückgebliebenen Söhnen, die arglose Wanderer einfangen und zum eigenen Vergnügen zu Tode quälen …

Als ich MOTHER’S DAY zum ersten Mal als Videokopie zu Gesicht bekam, bei der noch das Surprise Ending fehlte, reizte er mich vor allem wegen seines Rufes: Er ist in Deutschland beschlagnahmt und darf wohl als einer der Schlüsselfilme der in den Achtzigerjahren entbrannten Debatte um den schlechten Einfluss von „Horrorvideos“ bezeichnet werden. Seit damals begleitet mich Kaufmans Film und die zahlreichen seitdem erfolgten Sichtungen haben hinter dem „bösen“ Horrorfilm eine reichlich bittere Satire auf den American Way of Life zu Tage gefördert, die vor allem deshalb einen Sonderstatus einnimmt (und weitestgehend missverstanden wurde), weil sie ihre Kritik nicht von der sicheren Distanz der Kanzel herab predigt, sondern sich mit in die Nesseln setzt und auch ihre Zuschauer nicht verschont.

Wie verlogen die amerikanische Gesellschaft ist, die hier aufs Korn genommen wird, erkennt man schon im Prolog: Nach einem Selbstfindungskurs namens „E.G.O.“, in dem der pure Egoismus unter dem Deckmantel der Nächstenliebe und Selbsterkenntnis propagiert wird, begegnen sich ein junges Hippiepärchen und die titelgebende Mama, eine freundliche alte Dame. Das Pärchen sucht eine Mitfahrgelegenheit und letztere ist nur allzu gern bereit zu helfen, doch eigentlich führen beide Böses im Schilde: Das Hippiepärchen will die alte Frau ausnehmen und ist dazu sogar bereit, sie umzubringen, die ältere Frau schließlich will die beiden jungen Leute ihrerseits nur ihren beiden mörderischen Söhnen zuführen, die ihrer Mutter wirklich jeden Wunsch erfüllen. „Der“ Amerikaner ist ein verlogener, nur auf den eigenen Vorteil bedachter Mörder, der sein Wolfsgebiss hinter einem honigsüßen Lächeln verbirgt.

Das Familienleben der Backwood-Familie bietet schließlich ein Zerrbild des amerikanischen Mittelklassedaseins: In jedem Zimmer läuft ein meist kaputter Fernseher, blökt seine schwachsinnigen Werbebotschaften in den desolaten Alltag, zum Frühstück gibt’s Cronflakes aus dem Eimer und Käse aus der Tube, das ganze Haus ist vollgestellt mit schwachsinnigen Plastikprodukten und nach dem fröhlichen Morden und Vergewaltigen überwacht die Mama das Fitnesstraining der erwachsenen Buben, die immer noch leben wie Schulkinder. Der Schlüssel zu Mutters Erfolg ist bezeichnenderweise die Angst: Immer wieder erzählt sie ihren Söhnen, dass ihre bösartige, vertierte Schwester Queenie ums Haus herumstreune und nur auf den Moment warte, in dem die Mutter allein und hilflos ist, um sie umzubringen. Wir schreiben das Jahr 1980 und kurze Zeit später würde Ronald Reagan – eine starke Vaterfigur – seine Politik der Rekonsolidierung des amerikanischen Selbstbewusstseins ebenfalls auf massiver Angstschürung aufbauen. Es stimmt einiges nicht mit den Eltern-Kind-Beziehungen in Amerika, das jedenfalls ist die Kernaussage von MOTHER’S DAY, der mit Trinas Mutter noch eine weitere herrische Mutterfigur aufbietet.

Dieser karikatureske Humor von MOTHER’S DAY ist jedoch keinesfalls dazu geeignet, die Gewaltdarstellungen des Films, die vor allem in der Vergewaltigungssequenz und im Finale sehr unangenehm geraten sind, abzumildern: Im Gegenteil potenziert er deren Wirkung noch, weil das Zusammenspiel der beiden disparaten Elemente unangenehme Assoziationen an die Sanitized Violence diverser Fernsehserien weckt und man sich als Zuschauer mehr als einmal mit einem schlechten Gewissen ertappt: Darf ich mich hierbei noch unterhalten fühlen? MOTHER’S DAY ist seiner Struktur nach als Entertainment angelegt, als Genrefilm eben (als ziemlich wirkungsvoller zudem), doch bricht er aus dieser Struktur der „harmlosen“ Unterhaltung immer wieder aus, verursacht nur weitere Schmerzen, wo eigentlich Katharsis erwartet wird.

Wahrscheinlich ist es diese Doppelzüngigkeit, die ihm in den Staaten einen größeren Kultstatus verwehrt hat. Dort jedenfalls gilt er keinesfalls als so berüchtigt wie in Deutschland, wo man wiederum nur eine Seite der Medaille zur Kenntnis genommen hat, sondern nur als fehlgeleiteter Trash. Was man wiederum als Beweis für die Stichhaltigkeit seiner Gesellschaftsdiagnose annehmen möchte. Ich finde MOTHER’S DAY absolut grandios, weil er alles leistet, was ein Horrorfilm leisten sollte: Er ist schmerzhaft, schockierend, verstörend, grotesk – und außerdem ziemlich spannend. Ich „freue “ mich schon auf die nächste Sichtung, die irgendwann kommen wird.

Kommentare
  1. Ja, starker Film, auch völlig queer (im Sinne von schräg) und in seiner formalen Eigensinnigkeit auch recht einzigartig. Habe den vor zwei Jahren im Kino Babylon sehen dürfen – ein Camp-Event erster Klasse.

  2. Oliver sagt:

    Oh, MOTHER’S DAY im Kino, feine Sache! Mit dem Begriff „Camp“ tue ich mich in diesem Fall aber ein bisschen schwer, weil ich den immer mit Roger Waters assoziiere …

    EDIT: Ich meinte natürlich John Waters …

  3. […] THE SWORD AND THE SORCERER, Sholders ALONE IN THE DARK, bei EXTERMINATOR 2 und meinem geliebten MOTHER’S DAY tätig war, Drehbuchautor Mark Patrick Carducci den superfeinen PUMPKINHEAD scriptete, bevor er […]

  4. […] der Zusammenführung seiner Kritik mit grell-übersteuerten Schreckensbildern dem deutlich besseren MOTHER’S DAY gar nicht mal so unähnlich ist. Jake ist der ins Groteske übersteigerte Gesinnungsgenosse des […]

  5. […] man mal von Filmen wie MOTHER’S DAY oder COMBAT SHOCK ab, die zwar auch unter dem Troma-Label firmieren, sich vom gemeinen Tromafilm […]

  6. Faniel Dranz sagt:

    Roger Waters war zumindest für den Mauerbau im Camp verantwortlich.

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