Archiv für Juni, 2010

Killer/Culture

Veröffentlicht: Juni 17, 2010 in Über mich, Zum Lesen

Quietschvergnügt und ein bisschen aufgeregt darf ich vermelden, dass das Buch „Killer/Culture: Serienmord in der populären Kultur“ von Stefan Höltgen und Michael Wetzel (Hrsg.), für das ich einen Essay zum Thema „Serienmörder im Actionfilm der Achtzigerjahre“ geschrieben habe, ab sofort erhältlich ist. Es ist meine erste echte Buchveröffentlichung und auf meinen Text bin ich nicht wenig stolz, zumal ich mich als Co-Autor in der illustren Gesellschaft von etwa – neben den beiden bereits Genannten – Marcus Stiglegger, Ivo Ritzer, Roland Seim und Arno Meteling befinde. Auf dieser Seite des Bertz + Fischer Verlags, wo das Buch erscheint, kann man sich das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung als kostenloses PDF herunterladen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Und natürlich kann man das Buch dort auch bestellen und den Verlag so direkt unterstützen.

Advertisements

Auf dem gepflegten Green des Golfklubs Tall Grass stapeln sich die Leichen. Todesursache: unbekannt. Weil aber ein bedeutendes Golfturnier ansteht, ist Osgood, der Besitzer des Clubs, darauf bedacht, die Todesfälle nicht an die große Glocke zu hängen. Er beauftragt Roy Kent (Robert North), seines Zeichens neuer Golftrainer des Klubs und ein ehemaliger Profi, sich der Sache anzunehmen …

Parodien sind so eine Sache: Ein feines Gespür für Humor und die richtige Dosierung der Pointen sind zu ihrem Gelingen genauso nötig wie die lückenlose Kenntnis des Originals und ein Verständnis dafür, was dieses funktionieren ließ. Wie schwierig dieses „Genre“ tatsächlich zu meistern ist, erkennt man daran, dass die meisten so genannten Parodien streng genommen gar keine sind: Anstatt die formalen und inhaltlichen Eigenheiten ihrer Vorbilder herauszuarbeiten, zu verzerren und so das ihnen innewohnende komische Potenzial zu heben, begnügen sie sich damit, berühmte, ikonische Szenen und Bilder zu zitieren und mit von diesen völlig losgelösten Zoten, Kalauern und Popkultur-Referenzen zu verknüpfen. Dass sich eine mysteriöse Gruselgestalt aus Amenabars THE OTHERS in einem der SCARY MOVIE-Sequels als Michael Jackson zu erkennen gibt, mag zwar nicht jeglicher Komik entbehren, mit dem Gothic-Horror-Film des Spaniers hat diese Enthüllung aber rein gar nichts zu tun. Meist merkt man filmischen Parodien an, dass sie letztlich einen eher unkreativen Versuch darstellen, sich an den Erfolg eines größeren Films anzuhängen, oder aber sich damit begnügen, das unstillbare Spot-the-Reference-Bedürfnis von Filmnerds zu befriedigen. Aber selbst, wenn der parodistische Wurf gelingt: Letztlich ist die Parodie immer dazu verdammt, ein eher sekundäres Dasein im Schatten des Vorbilds zu fristen, ohne das sie nicht existieren würde.

BLADES ist eine löbliche Ausnahme, denn er funktioniert sowohl als originell-alberne Parodie auf Spielbergs JAWS als auch als eigenständige kleine Horrorkomödie. Das hat verschiedene Gründe: Zwar perfektionierte Spielberg mit seinem Straßenfeger das zu diesem Zeitpunkt schon gut zwei Jahrzehnte alte Genre des Monsterfilms, schuf die Blaupause für die zahlreichen auf seiner Erfolgswelle mitschwimmenden Nachzieher des Tierhorrorfilms, die in der Folge kaum mehr leisten mussten, als den Hai durch ein anderes hungriges Tier zu ersetzen und sich ansonsten an der von Spielberg so erfolgreich gespannten Plotlinie entlangzuhangeln, doch im Grunde baute er lediglich geschickt auf einem schon lange stabil stehenden Fundament auf. Wenn Rondinella sich in BLADES auch überdeutlich an JAWS abarbeitet, kann der Zuschauer davon in gewisser Weise abstrahieren, weil sich das Tierhorrorgenre eben längst als eigenständiges Subgenre etabliert und ausdifferenziert hat und nicht mehr nur im stetigen Rückgriff auf Spielbergs Film rezipiert werden muss. Der eigentlich ziemlich brachiale Witz von BLADES, der darin besteht, dass er den Hai durch einen übergroßen amoklaufenden Rasenmäher, das offene Meer durch die jeder bedrohlichen Natürlichkeit beraubte Gartenlandschaft eines Golfplatzes und die so diverse und damit dem Kinopublikum so nahe Touristenschar durch die aus saturierten Oberklasserentnern bestehende Mitgliederschaft eines Golfclubs ersetzt, drängt sich erstaunlicherweise und im Gegensatz zu anderen Parodien nur selten auf. Das liegt daran, dass Rondinella das Genre verstanden hat: Er weiß, dass der Zuschauer die Absurdität, in die die Überbietungslogik, der ja jeder Genrebeitrag mit zunehmendem Alter des Genres folgen muss, zwangsläufig führen muss, als integralen Bestandteil des Genres längst akzeptiert hat. BLADES erscheint daher aller Komik zum Trotz zunächst vor allem logisch: Nachdem alle Tiere vermonstert wurden, war es ja nur eine Frage der Zeit, bis irgendwann der todbringende Rasenmäher folgen musste. Wobei das natürlich auch bedeutet, den ersten cleveren Gag des Films zu übersehen: Dass er nämlich eine gefährliche Maschine zum Protagonisten eines Tierhorrorfilms macht.

Diese Konstellation führt dazu, dass man bei BLADES stets hin- und hergerissen ist: Ist das jetzt lediglich ein Monsterfilm mit idiotischer Prämisse oder doch eine liebevolle Parodie auf das übergroße Vorbild? Er ist natürlich beides. Rondinella inszeniert mit angenehmer Zurückhaltung, tongue in cheek, so als meine er es auch in den absurdesten Momenten noch ernst, als verfilme er nicht eine selten blöde Idee. Und so eng er sich in vielen Szenen und Sequenzen auch an Spielbergs Vorlage hält, so strapaziert er diese Nähe doch nie über. Er nutzt das Gerüst von JAWS, um seine Geschichte zu erzählen, nicht umgekehrt. Wo die Parallelführung nicht funktioniert, da weicht er von ihr ab. Und umso spannender ist es, darauf zu warten, wann er danach wieder auf den Weg des Vorbilds einbiegt. Ein Großteil des Vergnügens besteht darin, Szenen zu antizipieren und oft ist das Wiedererkennen nur möglich, wenn man das Original wirklich gut kennt. Andere Zitate sind wiederum so übersteuert, dass es einfach nur eine Pracht ist: Wenn Osgood die Klubmitglieder zur Jagd auf das unbekannte Monstrum antreibt und das gepflegte Green plötzlich von grölenden Rednecks gestürmt und von Helikoptern überflogen wird, ist das ja auch ein schöner Kommentar zur Austauschbarkeit unserer gesellschaftlichen Masken: Auch hinter der distinguierten Golferschar verbirgt sich eben nur ein Lynchmob, wenn man ihr zu nah auf die Pelle rückt. Wenn man BLADES etwas vorwerfen möchte, dann wohl, dass er den Bogen zum Ende hin etwas überspannt. Das der berühmten Jagd nachempfundene Finale – statt eines Bootes ist es hier ein Kleinbus, statt an Harpunen befestigter Luftfässer an Heuballen gebundene Luftballons – ist zwar hübsch, aber eben überhaupt nicht spannend, auch wenn es sich bemüht, genau das vorzugeben.  Aber auch das scheint irgendwie in der Natur der Sache zu liegen, ist ja wieder ein typisches Problem der Parodie: Sie kann das Genre nur bedingt halten. BLADES ist trotzdem ein feiner Film, umso mehr, als er angesichts seiner Prämisse jedes Recht dazu hätte, ein solcher nicht zu sein. Ich hoffe, ihr konntet mir folgen.

Kurz vor Ladenschluss wird Jennifer (Elizabeth Cox), Kassiererin des „Walnut Lake Market“, von ihrem aufgebrachten Ex-Freund Craig attackiert. Zwar eilt ihr die Belegschaft des Ladens rechtzeitig zur Hilfe, doch der Angreifer kann entkommen und sich verstecken. Die folgende Nachtschicht, in der Obst geschnitten, Verpackungen etikettiert und Regale eingeräumt werden, verläuft deshalb entsprechend angespannt, zumal die Inhaber des Ladens ihren Angestellten auch noch mitteilen, dass diese aufgrund eines Verkaufs in Kürze arbeitslos sein werden. Doch dann geht das fröhliche Morden los und ökonomische Sorgen müssen existenziellen weichen …

INTRUDER ist ein sehr später Vertreter des in den Achtzigerjahren so populären Slasherfilms, aber als solcher nicht uninteressant, weil er schon die Züge jener Ironisierung trägt, die sich im US-Kino der folgenden Jahre so deutlich abzeichnen würde. Das ist wohl vor allem auf das Personal zurückzuführen, das hinter INTRUDER steht: Regie führte der dem erweiterten Dunstkreis um Sam Raimi (der auch eine kleine Nebenrolle als Supermarkt-Fleischer übernimmt) angehörende Scott Spiegel, der seine Prägung durch Cartoons wie sein berühmterer Regiekollege (und die Coens, die später noch Erwähnung finden werden) kaum verbergen kann, und am Drehbuch arbeitete Lawrence Bender mit, seines Zeichens wiederum Stammproduzent von Popkulturjunkie und Neunzigerikone Quentin Tarantino. Spiegel inszeniert seinen Film mit vielen kleinen optischen Gags und Gimmicks, filmt das Geschehen etwa aus absurden, comichaften Positionen – aus einem Einkaufswagen, aus dem Inneren eines Telefons durch dessen Wählscheibe hindurch etc. -, lässt seine Protagonisten makabre kleine Anekdoten erzählen (eine sehr zentrale Geschichte ist aus – Achtung! – RAISING ARIZONA von eben jenen Coens übernommen) und sortiert in das Zeitschriftenregal des Ladens auch schon mal eine Ausgabe des einstigen deutschen Szenemagazins „Tempo“ ein, weil Sting dort so schön psychopathisch vom Cover lugt. Neben dem schon erwähnten Sam Raimi wirkt auch dessen unvermeidlicher Bruder Ted mit, Spiegel und Bender sowie Bruce Campbell absolvieren die fast schon obligatorischen Gastauftritte, und um die Privatparty zu vollenden, ist der Supermarkt dem ehemaligen Arbeitsplatz seines Regisseurs nachempfunden. Der offenkundige Spaß der Beteiligten schlägt sich im flotten Tempo von INTRUDER nieder, der sich mit seiner Thematisierung von Arbeitsplatzverlust zwar nicht gerade Hoffnungen machen darf, als ernstes Arbeiterdrama durchzugehen, aber damit dennoch ohne Zweifel einen stärker involvierenden Aufhänger gefunden hat als andere Slasherfilme mit ihren austauschbaren Ferienlager-Possen. Mit etwas Goodwill könnte man INTRUDER sogar als splatteriges Gegenstück zu Kevin Smiths Slackerepos CLERKS bezeichnen.

Weiteren Anteil daran, dass INTRUDER recht spannend geworden ist, hat die ausgezeichnete Inszenierung des Raums: Man hat nach kurzer Zeit einen guten Überblick über die Anordnung der einzelnen Räumlichkeiten und kann deshalb gut nachvollziehen, wo sich die Protagonisten bzw. die Kamera gerade befinden. Und die außergewöhnlich sorgfältig strukturierte Exposition, bei der man alles, was später noch von Bedeutung sein wird, schon einmal zu Gesicht bekommt, und so zum einen nie den Eindruck gewinnt, die Macher könnten die Regeln nach Belieben ändern, wenn sie sich in eine Sackgasse manövriert haben (Krankheit vieler dusseliger Horrorfilme), zum anderen den Schauplatz in seinem dargebotenen Detailreichtum sehr realistisch und lebendig macht, trägt ihren Teil zum Gelingen bei. Herzstück von Spiegels Film sind jedoch die blutigen Morde, die nicht nur vom Supermarktinventar kreativen Gebrauch machen (es kommen u. a. eine Presse, eine Fleischsäge, ein Zettelpiekser sowie ein Fleischerhaken zum Einsatz), sondern von der KNB Effects Group auch ausgesprochen detailverliebt umgesetzt wurden – vor allem der erwähnte Sägenmord ist ziemlich schmerzhaft geraten. Und weil auch das Ende endlich einmal die Frage stellt, die alle anderen Horrorfilme sonst geflissentlich umgehen, nämlich die, warum eigentlich nie jemand die Überlebenden der begangenen Morde verdächtigt, darf INTRUDER als spätes Highlight seines zumindest quantitativ ziemlich umfangreichen Subgenres gelten. Wer damit nix anfangen kann, wird aber auch hier wahrscheinlich nicht vom Gegenteil überzeugt werden, denn daran, dass der Slasherfilm inhaltlich eher limitiert ist, kann letztlich auch Spiegel nichts ändern.

Die sensible Julie Wells (Meg Tilly) will unbedingt zur hippen Highschool-Clique der zickigen „Sisters“ gehören. Die haben zwar gar nicht vor, Julie aufzunehmen, lassen sie aber trotzdem eine Aufnahmeprüfung machen: Julie soll eine Nacht im Friedhofsmausoleum verbringen, wo die „Sisters“ sie natürlich ordentlich erschrecken wollen. Was die Damen nicht ahnen: In jenem Mausoleum ist am selben Tag der paranormal begabte „Raymar“ beerdigt worden, der unter äußerst mysteriösen Umständen das Zeitliche gesegnet und dazu mehrere junge Damen mit sich genommen hatte. „Raymar“, so erfahren wir, ist ein „Psychic Vampire“: Er saugt Menschen Lebensenergie ab, um diese dann in telekinetische Energie umzuwandeln. Und auch als Leiche hat er noch einiges von seiner Macht behalten. Es verspricht eine lustige Nacht zu werden …

ONE DARK NIGHT hat eine unverbrauchte Grundidee aufzuweisen, eine zweckdienliche Regie von McLoughlin (der als nächstes den spaßigen FRIDAY THE 13Th Part 6: JASON LIVES machen sollte), eine schöne Kameraarbeit, die vor allem in der Eröffnungsszene um den grausligen Leichenfund in Raymars Appartement einiges leistet, sowie einen feinen Score, der an den Stellen für die nötige Stimmung sorgt, wo der Film sie sonst etwas vermissen lässt. ONE DARK NIGHT braucht für meinen Geschmack nämlich ein bisschen zu lang, um zu Potte zu kommen, hält sich sehr ausgiebig mit der Exposition auf, die nun alles andere als spannend ist, und gönnt sich den ein oder anderen unnötigen erzählerischen Schlenker. Das, was eigentlich von Interesse ist, nämlich die gruselige Nacht im Mausoleum, wird hingegen merkwürdig stiefmütterlich behandelt und so einiges Potenzial verschenkt. Julie schlendert ein bisschen durch die hell erleuchteten Hallen und guckt milde beunruhigt, doch das war’s auch schon bis zum Auftritt der gemeinen Sisters mit ihrer Gummimaske. Daraus hätte McLoughlin viel, viel mehr machen können, wenn nicht müssen. Zum Glück gibt es jedoch das wirklich tolle Finale, bei dem der auferstandene Raymar die versammelte Protagonistenschar mit in unterschiedlichem Verwesungsgrad befindlichen Leichen bewirft. Das ist eine hübsch eklige Idee, die dank der ausgezeichneten Effekte und Masken von Tom Burman auch zur vollen Wirkung entfaltet wird. Ich mochte ONE DARK NIGHT eigentlich ganz gern, ein bisschen mehr hatte ich mir aber trotzdem versprochen. Unterm Strich bleibt aber ein für seine Zeit recht origineller Grusler mit einer überaus niedlichen Meg Tilly. Was ist aus der eigentlich geworden?

One-Eye (Mads Mikkelsen) wird von einem Clan Nordmänner in bestialischen Schaukämpfen eingesetzt, die ihnen ein bisschen Geld einbringen. Zwischen den Kämpfen wird der stumme Einäugige wie ein Tier in einem Käfig festgehalten. Nachdem er seine Herren umgebracht hat und ihm so die Flucht gelungen ist, stößt er – gemeinsam mit einem kleinen Jungen, der ihn begleitet – auf ein paar Christen, die in missionarischer Tätigkeit unterwegs sind und ihn dazu auffordern, mit ihnen ins Gelobte Land zu reisen: Schließlich müsse er auch an seine unsterbliche Seele denken. Die Überfahrt gerät aufgrund undurchdringlichen Nebels zur Odyssee und als sie dann endlich auf Land stoßen, stellen sie fest, dass sie nicht dort sind, wo sie eigentlich hin wollten. Einer nach dem anderen werden sie von einem unsichtbaren Gegner getötet. Sind sie etwa in der Hölle?

Diese Inhaltsangabe gibt die Geschehnisse des Films zwar ziemlich genau wieder, sagt über VALHALLA RISING aber dennoch denkbar wenig. Der knapp 80-minütige Film kommt fast ohne Dialoge aus und ist in sechs Kapitel gegliedert, innerhalb derer diese Geschichte weniger dynamisch erzählt, als vielmehr in statischen Tableaus ausgebreitet wird. Wir kennen ihren Verlauf aus zahlreichen Mythen, deren Grundstruktur Refn aller ausschmückender Details entledigt und so eine Strenge erreicht, die VALHALLA RISING allen gleichnishaften, allegorischen Potenzials zum Trotz fast den Anstrich eines wissenschaftlichen Essays verleiht. Demgegenüber steht die großartige, poetische visuelle Gestaltung des Films: Refn lässt seine die Figuren vor überwältigenden, urwüchsig-furchteinflößenden Naturpanoramen agieren, vor denen sie und ihre Sorgen und Bedürfnisse in dem Maße lachhaft und nichtig erscheinen, in dem sie sich selbst in ihrem zivilisatorischen Streben für das Maß aller Dinge halten.Und darunter dröhnt und dräut ein Score, der nicht Musik ist, sondern selbst vielmehr wie der Ausdruck eines natürlichen Zorns klingt.

Ich musste VALHALLA RISING zweimal sehen, bevor ich mir zugetraut habe, diesen Text zu schreiben. Das, was Refn erzählt, ist keinesfalls so neu oder komplex, dass man es nicht auch beim ersten Mal verstehen könnte. Gerade, wenn man kurz zuvor den Backwood-Film beackert hat, kommen einem Refns Mensch-vs.-Natur-Meditationen sehr schnell sehr bekannt vor. Was an VALHALLA RISING aber herausfordert, vor den Kopf stößt und im tiefsten Inneren verstört, ist die Art, wie er an dieses Thema herangeht. Refns Film geht nicht den Weg gutbürgerlicher Aufgeklärtheit, die uns zur Bescheidenheit und Demut ermahnt, sondern wirkt selbst in höchstem Maße antiaufklärerisch, vormoralisch und mystisch, weil er auf jede erklärende Klammer, auf jede „Message“ verzichtet und bei aller technischer Versiertheit, die hier in jeder Sekunde ohne Frage zum Ausdruck kommt, einen Grad ungezügelter Rohheit erreicht, die ohne Vergleich und beinahe furchteinflößend ist. VALHALLA RISING repräsentiert selbst in Reinkultur, wovon er erzählt: den Zusammenprall apollinischer Vernunft und dionysischen Rausches. Wie sein Protagonist ist VALHALLA RISING ein Monster.

Zusammen mit Gaspar Noe (wie bekommt man eigentlich diese komischen Umlautpunkte aufs „e“?) steht Refn spätestens mit diesem Film für mich an der Spitze eines neuen aufregenden radikalen europäischen Kinos. Dieser Film kann demzufolge in diesem Jahr allerhöchstens noch von Noes INTO THE VOID übertroffen werden und ist eine Pflichtübung für jeden, der sich für Film und Kino interessiert. Hier ist Film noch Schock, noch körperliche Erfahrung und nicht bloß Hintergrundbeschallung. Hier fährt der rasende Zorn One-Eyes von der Leinwand direkt in die Glieder.

frank sinatras türklingel …

Veröffentlicht: Juni 12, 2010 in Zum Lesen

Das Bild habe ich eben in einem meiner Lieblingsblogs, dem Fotoblog „If Charlie Parker was a Gunslinger, there’d be a whole lot of dead Copycats“ gefunden und fand es so toll, dass ich mich dazu entschlossen habe, es hier mit der Empfehlung an jedermann zu posten, das wirklich fantastische Blog zu den eigenen Favoriten hinzuzufügen. Es ist ein Foto aus den 60er-Jahren und zeigt Frank Sinatras Türklingel sowie die Hand eines wagemutigen Fotografen …

Wenn man sich dieses Jahr nur eine DVD kaufen wollte, die neue Bildstörung-Veröffentlichung wäre ein ganz heißer Kandidat. OVERLORD hat mich maßlos beeindruckt, was angesichts der Tatsache, dass ich schon vorher überall gelesen habe, um was für ein filmisches Gedicht es sich dabei handeln soll, gar nicht mal so selbstverständlich ist. Wie oft verzerrt so etwas die Erwartung und sorgt dafür, dass man eher enttäuscht wird? Eben. OVERLORD hingegen hat die euphorischen Kritiken nicht nur bestätigt, sondern diese noch übertroffen, weil es sich dabei um einen Film handelt, den man mit Worten nicht abschließend zu fassen bekommt, den man einfach sehen und, ja, erleben muss. Ein Meisterwerk, nichts weniger. Und auf F.LM habe ich drüber geschrieben. Klick hier.