just before dawn (jeff lieberman, usa 1981)

Veröffentlicht: Juni 2, 2010 in Film
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Um sein geerbtes Grundstück zu besichtigen, begibt sich Warren (Gregg Henry) mit seiner Freundin Constance (Deborah Benson) und drei weiteren Freunden in die Berge Oregons. Zwar werden sie auf dem Weg noch vom freundlichen Ranger Ty (George Kennedy) vor einer nicht weiter genannten Gefahr gewarnt, doch das hindert sie nicht daran, ihre Reise fortzusetzen. Und so laufen sie in der Wildnis einem durch Inzucht degenerierten Brüderpaar in die Arme, für das „Spaß“ gleichbedeutend mit „Mord“ ist …

Lieb- und freudlose Geister würden diesem Film wahrscheinlich akute Handlungsarmut vorwerfen: Die Protagonisten fahren in den Wald, verlustieren sich ein wenig vor beeindruckender Naturkulisse, verärgern die ortsansässige Redneckfamile und werden nacheinander abgemurkst, bevor sich die Verbliebenen schließlich zur Wehr setzen. Dieser skelettierte Plot wird von Lieberman noch dazu mit einer Unaufgeregtheit und Ruhe abgehandelt, die mit dem meist recht hysterischen Treiben des sonstigen Slasherfilms nur wenig gemein hat und von der sich der Adrenalinjunkie, der auf der Suche nach neuem harten Stoff ist, möglicherweise verprellt fühlt. Wer vom Schlitzereinerlei aber eh die Nase voll hat und bereit ist, JUST BEFORE DAWN für sich stehen und wirken zu lassen, der wird mit einem recht ungewöhnlichen und poetischen Vertreter seiner Gattung belohnt. Schon von den ersten Sekunden an, in denen man zum sphärischen, an Tangerine Dream erinnernden Score von Brad Fiedel und dem unheimlichen Zirpen und Zwitschern unbekannter Vogelarten den Bildern eines Sonnenaufgangs beiwohnt, durchzieht eine mystische Stimmung den Film, die den Backwood-Freund sofort an die Geburtsstunde des Subgenres in DELIVERANCE erinnert. Die Natur ist hier nicht bloß reizvolle Kulisse, sie nimmt vielmehr selbst die Funktion eines Charakters an, der von den Slasherfiguren bloß vertreten wird. Lieberman betont den dem Backwood-Film innewohnenden Natur-vs.-Zivilisation-Diskurs, der sich im Laufe des Films zum Mann-vs.-Frau-Diskurs verwandelt, damit die Brücke zum kürzlich besprochenen STORM WARNING schlagend.

Gleich in der Eröffnungsszene, die in einer verfallenen, von der umgebenden Vegetation überwucherten Kirche spielt, wird von einer Figur behauptet, Gott habe sein Haus verlassen, um den Wäldern Platz zu machen; einer der Killer, beides verfettete riesenhafte Ungetüme mit deformierten Schädeln, wird später von der selben Figur als „built like a mountain“ beschrieben und Ty begründet seine zu Beginn gegenüber den Protagonisten ausgesprochene Warnung nicht etwa damit, dass er von der Existenz der Killer gewusst habe, sondern damit, dass er die fünf Städter „erkannt“ habe, also gewusst habe, dass ihre bloße Präsenz ausreichen würde, den Zorn der Natur hervorzurufen. Dieser Naturdiskurs ist insofern interessant, als er mit dem Inzuchtthema kurzgeschlossen wird. Doch Inzucht ist ja erst einmal ein Zivilisationsproblem – bzw. eines von nicht genug Zivilisation:  Die Redneckfamilie ist dazu gezwungen, sich untereinander zu vermehren, weil keine neues Blut von außen in die Familie kommt. Die Degeneration der beiden Sprösslinge  ist das Ergebnis: Im Grunde ein Schutzmechanismus der Natur, die so das schädliche Treiben der Inzucht markiert und stigmatisiert. Doch die beiden Brüder können so verstanden als besonders „natürlich“ gelten: Eben weil sich die Natur  in sie besonders nachdrücklich eingeschrieben hat. Sie verkörpern in ihrer deformierten Gestalt die Kraft und Rücksichtslosigkeit der Wälder, die auch über eine Kirche hinwegwuchern, ohne dabei Rücksicht auf einen lieben Gott zu nehmen.   

Und je mehr die Natur sich also als Feind der Stadtmenschen entpuppt, umso mehr verkehrt sich das Kräfteverhältnis zwischen Warren und seiner Freundin Constance. Ist Warren zu Beginn noch der unangefochtene Führer der Clique (er verfügt als einziger über umfassende Bergsteigererfahrungen), verwandelt er sich im Finale in ein wimmerndes, heulendes Häufchen Elend, das hilflos am Boden liegt, während seine Partnerin Constance, die sich vom schüchternen Mauerblümchen in eine wehrhafte (und überaus attraktive) Amazone verwandelt hat, sich auf beeindruckend rabiate Weise des letzten Angreifers entledigt (über die auffallende sexuelle Symbolik dieser finalen Mordszene lasse ich mich jetzt nicht weiter aus). Es war auch immer dieses Finale, das mich so für den Film eingenommen hat: Wie nach dem Tod des Monsters langsam die Dämmerung heraufzieht, nach dem Chaos die Stille wieder einkehrt und die Natur sich als von den Ereignissen vollkommen unbeirrt zeigt. Constance steht da, entrückt gen Himmel blickend, der Rauch des verglimmenden Lagerfeuers hüllt sie in den Nebel des Mythos, den Warren voller Schauder zu durchblicken sucht, und die Kamera schwenkt vom Ort des Geschehens über die Baumwipfel, über denen die Sonne wieder aufgeht. Der Zirkelschluss zum Anfang des Films ist gemacht: Für die Überlebenden hat sich alles verändert, doch für die Welt spielt das alles keine Rolle. Der Mensch ist ein Nichts, sein Verbleib auf diesem Planeten reine Glückssache. Ein wunderschöner, stimmungsvoller Film, den ich nicht missen möchte.

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