valhalla rising (nicolas winding refn, dänemark/großbritannien 2009)

Veröffentlicht: Juni 13, 2010 in Film
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One-Eye (Mads Mikkelsen) wird von einem Clan Nordmänner in bestialischen Schaukämpfen eingesetzt, die ihnen ein bisschen Geld einbringen. Zwischen den Kämpfen wird der stumme Einäugige wie ein Tier in einem Käfig festgehalten. Nachdem er seine Herren umgebracht hat und ihm so die Flucht gelungen ist, stößt er – gemeinsam mit einem kleinen Jungen, der ihn begleitet – auf ein paar Christen, die in missionarischer Tätigkeit unterwegs sind und ihn dazu auffordern, mit ihnen ins Gelobte Land zu reisen: Schließlich müsse er auch an seine unsterbliche Seele denken. Die Überfahrt gerät aufgrund undurchdringlichen Nebels zur Odyssee und als sie dann endlich auf Land stoßen, stellen sie fest, dass sie nicht dort sind, wo sie eigentlich hin wollten. Einer nach dem anderen werden sie von einem unsichtbaren Gegner getötet. Sind sie etwa in der Hölle?

Diese Inhaltsangabe gibt die Geschehnisse des Films zwar ziemlich genau wieder, sagt über VALHALLA RISING aber dennoch denkbar wenig. Der knapp 80-minütige Film kommt fast ohne Dialoge aus und ist in sechs Kapitel gegliedert, innerhalb derer diese Geschichte weniger dynamisch erzählt, als vielmehr in statischen Tableaus ausgebreitet wird. Wir kennen ihren Verlauf aus zahlreichen Mythen, deren Grundstruktur Refn aller ausschmückender Details entledigt und so eine Strenge erreicht, die VALHALLA RISING allen gleichnishaften, allegorischen Potenzials zum Trotz fast den Anstrich eines wissenschaftlichen Essays verleiht. Demgegenüber steht die großartige, poetische visuelle Gestaltung des Films: Refn lässt seine die Figuren vor überwältigenden, urwüchsig-furchteinflößenden Naturpanoramen agieren, vor denen sie und ihre Sorgen und Bedürfnisse in dem Maße lachhaft und nichtig erscheinen, in dem sie sich selbst in ihrem zivilisatorischen Streben für das Maß aller Dinge halten.Und darunter dröhnt und dräut ein Score, der nicht Musik ist, sondern selbst vielmehr wie der Ausdruck eines natürlichen Zorns klingt.

Ich musste VALHALLA RISING zweimal sehen, bevor ich mir zugetraut habe, diesen Text zu schreiben. Das, was Refn erzählt, ist keinesfalls so neu oder komplex, dass man es nicht auch beim ersten Mal verstehen könnte. Gerade, wenn man kurz zuvor den Backwood-Film beackert hat, kommen einem Refns Mensch-vs.-Natur-Meditationen sehr schnell sehr bekannt vor. Was an VALHALLA RISING aber herausfordert, vor den Kopf stößt und im tiefsten Inneren verstört, ist die Art, wie er an dieses Thema herangeht. Refns Film geht nicht den Weg gutbürgerlicher Aufgeklärtheit, die uns zur Bescheidenheit und Demut ermahnt, sondern wirkt selbst in höchstem Maße antiaufklärerisch, vormoralisch und mystisch, weil er auf jede erklärende Klammer, auf jede „Message“ verzichtet und bei aller technischer Versiertheit, die hier in jeder Sekunde ohne Frage zum Ausdruck kommt, einen Grad ungezügelter Rohheit erreicht, die ohne Vergleich und beinahe furchteinflößend ist. VALHALLA RISING repräsentiert selbst in Reinkultur, wovon er erzählt: den Zusammenprall apollinischer Vernunft und dionysischen Rausches. Wie sein Protagonist ist VALHALLA RISING ein Monster.

Zusammen mit Gaspar Noe (wie bekommt man eigentlich diese komischen Umlautpunkte aufs „e“?) steht Refn spätestens mit diesem Film für mich an der Spitze eines neuen aufregenden radikalen europäischen Kinos. Dieser Film kann demzufolge in diesem Jahr allerhöchstens noch von Noes INTO THE VOID übertroffen werden und ist eine Pflichtübung für jeden, der sich für Film und Kino interessiert. Hier ist Film noch Schock, noch körperliche Erfahrung und nicht bloß Hintergrundbeschallung. Hier fährt der rasende Zorn One-Eyes von der Leinwand direkt in die Glieder.

Kommentare
  1. Ich weiss zwar nicht, wie das bei eurer deutschen Tastatur aussieht; aber wir Schweizer, die wir – Achtung: Mythos! – 1939 aus ofensichtlichen Gründen dem „sz“ abgeschworen haben, verfügen rechts über Tasten, die die oft überommene französische Schreibweise erleichtern; „é“, „è“ und „à“. – Hach, tut das gut, sich nie auf eure Mythenverzerrungen eingelassen zu haben und nur über eine überfüllte Tastatur und die SVP (ja, ja, ich weiss!) zu verfügen…

  2. Und entschuldige die vielen Vertipper! Müdigkeit scheint im Moment mein verheuschnupfter Begleiter zu sein.

  3. Alex sagt:

    Angemessener Kommentar zu einem wahrlich bemerkenswertem Film! Der Score hat mich auch ziemlich weggeblasen. Erneut Verständislosigkeit gegenüber irgendwelcher imdb-Spacken und amazon-reviewer, die enttäuscht waren, weil das Cover der DVD ihnen wohl etwas in Richtung „300“ versprach und der Film ihnen dann etwas ganz anderes, viel größeres gab, das sie aber anscheinend nicht begriffen haben. Ich meine, hier auch eine Tendenz des aktuellen Kinos zu erkennen, der Film hat in seiner Darstellung der übermächtigen Natur einiges gemein mit z.B. VINYAN oder VAN DIEMEN’S LAND, aber auch mit den leicht anders veranlagten asiatischen Vertretern wie TROPICAL MALADY oder NYMPH…meinetwegen kann da noch einiges nachkommen, wenn es einen so umhaut wie das hier.

  4. Oliver sagt:

    @ Whoknows

    Vertipper? Dachte das sei einfach nur Schwyzerdütsch. 🙂

    @ Alex

    Du liest meine Gedanken. Ich musste auch an exakt diese beiden von dir erstgenannten Filme denken, habe sie nur deshalb nicht erwähnt, weil sie in ihrer Erzählhaltung „klassischer“ sind als Refns Film. (Wobei man den Begriff „klassischer“ zumindest für VINYAN auch wieder relativieren müsste. Du Welz könnte in den nächsten Jahren durchaus noch in die traute Zweisamkeit von Refn und Noe einbrechen.) Und die 300-Vergleiche habe ich bei Play.com gelesen und musste ebenfalls sehr lachen resp. die Hände über Kopf zusammenschlagen. Es gibt anscheinend immer noch Menschen, die DVDs nach Cover kaufen und nicht auf die Idee kommen, sich anderweitig vorzuinformieren. Und dann ihre eigene Blödheit dem Film anlasten.

  5. bekay sagt:

    der kürzeste mir bekannte weg zum ë: „e“ bei google einbieten, wikieintrag aufrufen, nach unten scrollen und dort bei „Vom lateinischen E abgeleitete Buchstaben“ das „Ëë“ anklicken und dann kopieren.

    ach ja, toller film, toller eintrag. obwohl das wort „toll“ für den film vollkommen – klein ist.

  6. Mackx sagt:

    Kann mich den positiven Stimmen hier nur freudig anschließen. Wenngleich diese Freude eher eine über Schönheit mit „sch“ wie schaurig ist. Denn Schauer jagt der Film mir schon den Rücken runter. Er versetzt mich direkt in eine Gefühlswelt, in der Schweigen mehr bedeutet als Reden. Gegen Mitte des Films habe ich mir selbst gewünscht, die Dialoge möchten gänzlich zum Erliegen kommen. Was dann das sukzessive Ableben der Charaktere auch gnädigerweise herbeigeführt hat.

    Zum Trema auf dem e -> ë. Mit Apple-Tastatur ganz einfach: alt+U, dann e.

    Ansonsten hab ich eine ASCII Tabelle gefunden (auf einer schweizerischen Seite 😉 und bin mal so frei den Link hier rein zu setzen, ich hoffe, damit verletze ich keine Regeln.

    http://www.amathis.ch/ASCII-Tabelle.pdf

    Keine Ahnung ob das bei Windows-Rechnern funktioniert, aber einen Versuch ist es mindestens wert, denke ich.

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