riot (joseph merhi, usa 1997)

Veröffentlicht: Juli 19, 2010 in Film
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Als an Weihnachten drei schwarze Jugendliche von Polizisten erschossen werden, die sie für Gangmitglieder halten, brechen in einer nicht näher genannten amerikanischen Großstadt Aufstände los. Im allgemeinen Chaos fällt dem Ganganführer Shyboy (Dex Elliot Sanders) die Tochter des britischen Botschafters in die Hände. Dieser wendet sich sogleich an den britischen SAS-Mann Shane Alcott (Gary Daniels), mit dem seine Tochter zufällig verbandelt ist. Alcott soll allein und unbewaffnet ins Zentrum der umkämpften Stadtgebiete vordringen, um dort das Geld zu übergeben: ein Selbstmordkommando, schon bevor sich herausstellt, dass hinter den Aufständen und der Entführung keineswegs ein tragischer Unglücksfall steht, sondern der IRA-Mann O’Flaherty (Patrick Kilpatrick) …

Über die Filme der Produktionsgesellschaft PM – benannt nach Richard Pepin und Joseph Merhi – habe ich hier schon einmal geschrieben. In den Neunzigerjahren hielten sie fast ganz allein die Fahne eines aufwändig produzierten Action-B-Kinos ohne ironische Untertöne und Familienentertainment-Ambitionen hoch und schufen so eine ganze Reihe von sehenswerten Filmen. RIOT wurde (dem Vernehmen nach) fürs Fernsehen produziert und beginnt mit Originalaufnahmen der L.A.-Riots sowie nachgestellten Straßenschlachten schon einmal sehr ansprechend. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände schaffen nicht nur einen guten visuellen Hintergrund für die in den nächsten 90 Minuten anstehenden Zerstörungsorgien, sondern auch einiges erzählerisches Potenzial, das der Genrefilm erstaunlicherweise bislang kaum für sich genutzt hat. Zwar verwandelt sich RIOT dann in eine doch wieder recht bekannt anmutende Geschichte, die ihre Verwandtschaft zu Carpenters ESCAPE FROM NEW YORK oder Hills THE WARRIORS (es gibt sogar einer Rollhockey-Gang!) und DIE HARD (also doch!) nicht verbergen kann, doch ist das ja nur die oberflächliche Maskierung eines Films, der sehr viel mehr zu bieten hat. In RIOT geht es gleich auf mehreren Ebenen um Rassenkonflikte (ein blödes Wort, weil es das Existieren von „Rassen“ voraussetzt, anstatt den Glauben an solche als eigentlichen Kern des Problems zu benennen): Diese kommen nämlich nicht nur in den genannten Aufständen zum Vorschein, sondern sind auch anderweitig evident. Alcott und sein (schwarzer) Partner Williams (Sugar Ray Leonard) sind in den USA tätige Briten, die bei einem Bierchen gleich wegen ihres komischen Akzents von ein paar Baseballrednecks angepöbelt werden, die sich darüber beschweren, dass ihre wunderschöne Tradition eines Weihnachtsspiels dieses Jahr von den asozialen Aufständischen (= den Schwarzen), zu denen ihrem Empfinden nach auch Williams zählen muss, ruiniert worden ist. (Die Helden werden – genretypisch – natürlich erst wehrhaft, als ihnen unterstellt wird, homosexuell zu sein.) Und wenn sich später herausstellt, dass die Erschießung der Kinder durch den Terroristen O’Flaherty mit dem Hintergedanken initiiert wurde, eben jenes Chaos auszulösen, das die Entführung überhaupt erst ermöglichte, dann scheint das nur auf den ersten Blick eine Entkräftung des schwelenden Rassismus zu sein, der in RIOT abgebildet wird: Es ist weiße Herrenmenschenideologie, die den Tod der Unterprivilegierten in Kauf nimmt, wenn es der Erreichung der eigenen schäbigen Ziele dient.

Deswegen hinterlässt Alcott am Schluss der armen schwarzen Familie, die ihm kurz Unterschlupf gewährt hat, auch ein Päckchen mit zwei dicken Geldbündeln: Man kann sich des Eindrucks, das hinter dem Geldgeschenkt keineswegs nur die persönliche Dankbarkeit Alcotts, sondern vielmehr eine kollektive Wiedergutmachung steht, kaum erwehren. Diesem gesellschaftsutopischen Aspekt entspricht, dass RIOT während einer Nacht spielt, auf die erst mit der Lösung des Konflikts der Tag folgt, und der Film von einem Gospelsong eingeleitet und beendet wird, aber das sind ja nur die offensichtlichsten Merkmale: Das zerberstende Glas und die explodierenden Autos sind zwar Standards eines jeden PM-Films (und des Actionkinos allgemein), doch hier kommt diesen Elementen noch eine tiefere Bedeutung jenseits der bloßen Zerstörungssignifikanten zu. Das Zerschlagen von Glasscheiben scheint doch auch auf ein Zerschlagen falscher Überzeugungen hinzudeuten, auf ein Niederreißen trügerischer Projektionsflächen, das lustvolle Zerstören von Autos gewinnt eine geradezu befreiende Wirkung: Erst wenn die letzte Luxuskarosse in Flammen aufgegangen ist, erkennt man, das alle Menschen gleich sind. Noch nicht einmal der Superheld des Films darf aus dieser Utopie hier besonders hervorstechen: Gary Daniels, einer der meistbeschäftigten B-Actiondarsteller der Neunzigerjahre, ist ebenso sympathisch wie er komplett uncharismatisch und austauschbar ist.

Wie gesagt: RIOT ist eine anderthalbstündige, lustvolle Zerstörungsorgie, wunderbar choreografiert und fotografiert und Actionfreunden ohne jede Einschränkung zu empfehlen. Was PM an „Klasse“ fehlt, wird in schierer Quantität aufgewogen und bei einigen Szenen fragt man sich unweigerlich, wie das in diesem eher kleinen Rahmen überhaupt realisierbar gewesen ist. Wer aber nach mehr Ausschau hält, der wird ebenfalls fündig werden. Das Suchen lohnt sich.

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