x-men origins: wolverine (gavin hood, usa/australien/neuseeland 2009)

Veröffentlicht: Juli 20, 2010 in Film
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Herzlichen Willkommen im Mittelmaß! Wurden die Marvel-Verfilmungen der letzten Jahre oft als Anlass genommen, die Rückkehr von B-Movie-Stoffen auf die Kinoleinwände zu feiern, sich über die werkgetreuen und liebevollen Umsetzungen der Comics ins Medium Film zu freuen und ob der nahezu unendlichen Möglichkeiten, die das Marvel-Universum für kommende Filme böte, zu frohlocken, so muss man spätestens mit diesem neuesten Beitrag konstatieren, dass die Seifenblase ziemlich laut geplatzt ist, auch diese „Utopie“ den Weg so vieler Utopien vor ihr gegangen ist: Der schnöde Mammon hat die Kontrolle übernommen und X-MEN ORIGINS: WOLVERINE unterscheidet sich mithin kein Stück mehr von all den anderen seelenlosen, mit CGI aufgeblasenen und um kein noch so abgeschmacktes Klischee verlegenen Eventmovies, mit denen sich Multiplexe vollmachen und Trinkbecher in der angegliederten Burger King-/McDonald’s-/Subway-/Dunkin‘ Donuts-/KFC-Filiale verticken lassen. 

X-MEN ORIGINS: WOLVERINE geht auf ein Comic zurück, dass Wolverines Ursprung ins 19. Jahrhundert verlegt: Dort ist Logan noch ein kränkliches Kind, dessen Leben sich jedoch  in dem Moment schlagartig ändert, als er der Ermordung seines vermeintlichen Vaters beiwohnt. Plötzlich wachsen knöcherne Krallen aus seinen Knöcheln und ein tierischer Trieb übermannt ihn. Nachdem er den Mörder seinerseits umgebracht hat – der sich als sein tatsächlicher Vater herausstellt -, begibt er sich mit seinem ebenfalls mutierten Halbbruder Victor auf die Flucht durch die Jahrzehnte (beide altern nicht wie normale Menschen), die sie durch alle großen kriegerischen Konflikte der USA führt. Gavin Hood wickelt diese eigentliche, reizvolle Originstory im kurzen Prologs und der hübschen Creditsequenz ab, um sich für die verbleibenden 100 Minuten einer Geschichte zu widmen, die nicht nur bereits aus der X-MEN-Trilogie sattsam bekannt ist, sondern sich vor uralten Klischees von der Bruderliebe, die in Hass umschlägt, Rache, Täuschung und Sühne kaum retten kann.

Logan (Hugh Jackman) und Victor (Liev Schreiber) landen in einer von Colonel Strkyer (Danny Huston) geführten mutantischen Spezialeinheit, die während eines Einsatzes in Afrika zerbricht, als Logan der Truppe angewidert vom Sadismus seines Bruders den Rücken kehrt und sich in die Rocky Mountains zurückzieht. Natürlich hat der böse Stryker noch etwas vor mit ihm und als Logans Rachemotor angeworfen wird (Victor ermordet seine Geliebte), ist er für ein Experiment bereit, dass ihn in Wolverine verwandelt und zur unaufhaltsamen Kampfmaschine macht. Natürlich ist das alles nur ein Komplott von Stryker, natürlich ist Logans Gspusi gar nicht tot, natürlich hat sie ihren Verrat gar nicht so gemeint, natürlich liebt sie ihn totzdem, natürlich raffen sich auch die beiden Brüder wieder zusammen, natürlich in einem Moment, als es für Wolverine um die Wurst geht. Und natürlich findet auch dieser Film ein unfassbar abgelutschtes offenes Ende, so als sei es überhaupt noch nötig, den Zuschauer darauf hinzuweisen, dass eine unvermeidliche Fortsetzung folgen wird, ganz so, als würde sich überhaupt irgendjemand für diesen Quark tatsächlich interessieren und nicht bloß ins Kino latschen, weil er zum perfekten Konsumenten degradiert worden ist, der alles, was ihm da verabreicht wird, begierig aufsaugt. 

Die Diskrepanz zwischen dem für X-MEN ORIGINS: WOLVERINE betriebenen Aufwand und dem, was da eigentlich erzählt wird, ist immens. Die Effekte sind State-of-the-Art (aber vollkommen leblos und steril), jedes Bild wird mit voller Rechnerpower auf Pathos und Ikonizität getunt, doch das alles ist zum reinen Selbstzweck verkommen: Hinter diesem Brimborium verbirgt sich gar nichts mehr, außer der nackten Behauptung. „Make believe“ wird hier ganz wörtlich verstanden. Das wird vor allem im letzten Drittel überdeutlich, in dem der Film wie scheintot von Inszenierungsklischee zu Inszenierungsklischee hüpft. Going through the motions, mehr ist das nicht. Konflikte finden nicht statt, sie werden herbeigeredet und behauptet, gar kein Wert mehr darauf gelegt, dass der Zuschauer das irgendwie mitfühlen kann. Was die Inszenierung nicht leistet, legt man den Figuren einfach als Dialogzeile in den Mund. Der Zuschauer wird es vor lauter Krawall schon nicht merken. Natürlich: Keiner erwartet, dass ein Superheldencomic sich wie von Zauberhand in Weltliteratur verwandelt, bestimmte Klischees gehören dazu und wenn man mit einer gewissen Übertreibung und Vereinfachung nichts anfangen kann, sollte man sich diese Filme erst gar nicht anschauen. Aber die SPIDER MAN-Filme von Sam Raimi oder auch die X-MEN-Trilogie haben doch bewiesen, dass man sich diesen Stoffen filmisch annähern, sie ernst nehmen, ihre Relevanz und Lebensnähe herausarbeiten kann, dass man sich nicht bloß auf das vordergründige Gerangel von quietschbunten Computeranimationen reduzieren lassen muss. X-MEN ORIGINS: WOLVERINE ist nicht nur ein seelenloses Fließbandprodukt, er ist eigentlich auch ein Schlag ins Gesicht all jener Comicfans, denen die gezeichneten Figuren ans Herz gewachsen sind, die etwas mit ihnen verbinden. In Hoods Film, in Fleisch und Blut, wirken sie noch flacher, als auf Papier gezeichnet. Aber schön bunt sind sie.

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Kommentare
  1. […] Kuchen, anstatt diesen vollkommen zu überlagern, wie man das von lieblosen Quatschfilmen wie WOLVERINE: X-MEN ORIGINS (den ich übrigens gar nicht gesehen habe, nur damit das klar ist) oder VAN HELSING gewohnt ist. Im […]

  2. Nizmo sagt:

    Sehr schönes Fazit, habe den Film heute gesehen und genau gleich empfunden, war ziemlich enttäuscht. Gutes Review!

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