l.a. vice (joseph merhi, usa 1989)

Veröffentlicht: Juli 23, 2010 in Film
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Detective Jon Chance (Lawrence Hilton-Jacobs) ist für seine eigenwilligen Methoden bekannt, die seinen Vorgesetzten meist verzweifeln lassen, ihn andererseits aber auch für besonders schwierige Fälle prädestinieren. Als ein paar Mafiosi die Tochter eines Millionärs und deren Freund entführen, wendet sich das FBI deshalb an Chance. Weil der für die geplante Lösegeldübergabe einen zuverlässigen Partner braucht, überredet er seinen ehemaligen Captain John Wilkes (William Smith) dazu, ihm zu helfen. Der hat sich zwar eigentlich mit seiner Frau und dem indianischen Hausfreund Bear (Jastereo Coviare) in den Bergen zur Ruhe gesetzt, verspürt aber immer noch dieses Jucken in den Fingern. Natürlich geht bei der Übergabe alles schief: Die Mafiosi spielen ebensowenig nach den vereinbarten Regeln wie die im Hinterhalt lauernden FBI-Männer und Wilkes verliert im daraus resultierenden Chaos sein Leben. Chance wird als der Schuldige ausgemacht und quittiert daraufhin wütend den Dienst. Doch der Millionärspapa glaubt immer noch, dass Chance der richtige Mann ist, um seine Tochter zu retten. Gemeinsam mit Bear wagt Chance einen neuen Versuch  …

L.A. VICE ist einer der frühen Filme der im Jahr 1989 an den Start gegangenen Produktionsfirma PM Entertainment und weist als solcher weder die recht hohen Production Values auf, die PM-Produktionen ab ca. Mitte der Neunzigerjahre auszeichneten, noch deren typische Ästhetik, die sie aus dem DTV-Einerlei herausstechen ließ und ihnen eine hohen Wiedererkennungswert verlieh. L.A. VICE sieht vor allem billig aus; ein Eindruck, der in der von mir gesehenen deutschen Fassung noch durch die Synchronisation unterstrichen wird, die zwar mit einigen namhaften Sprechern aufwarten kann (Chance etwa wird von Don Johnsons Stimme Reent Reins gesprochen), diese aber zum Teil ziemlich blöd klingende Dialogzeilen ablesen lässt. (Inwiefern diese Synchro den Eindruck des Films wesentlich beeinflusst oder gar verfälscht, darüber kann ich hier nur spekulieren, weswegen ich der Einfachheit halber davon ausgehe, dass sie dem Geist des Films entspricht.) Während Pepin und Merhi später ordentlich auf die Tube drücken sollten und entweder von Explosionen, Shoot-Outs und Verfolgungsjagden geprägte Actioner oder aber Science-Fiction-Stoffe um Cyborgs und Aliens ablieferten, präsentiert sich L.A. VICE als kleiner, eher unspektakulärer Copfilm, der keinerlei eigene Ideen aufweist, aber gerade in seiner unambitionierten Klischeehaftigkeit sehr ehrlich rüberkommt und so den Blick für die Eigenheiten des Genres öffnet. Die Unbedarftheit, mit der etwa Chance als idealtypischer „Bulle, der am Rande der Legalität arbeitet“, gezeichnet wird, mutet nahezu infantil an (so, als ob Kinder das Drehbuch nach Sichtung zu vieler schlechter Copfilme geschrieben hätten), ist aber wiederum von äußerster Konsequenz. Was im großen Hollywood-Actioner etwa durch die Feinheiten der Inszenierung, die Geschliffenheit der Oberfläche oder die Anwesenheit von Stars geschönt wird, das erscheint hier in seiner ganzen unverblümten Hässlichkeit. Als Chance drei Vergewaltiger auf frischer Tat ertappt und diese ohne jede Not aus kürzester Distant einfach abknallt, geht dieser Tat jegliche Verwegenheit oder gar Coolness ab, man kann ob ihrer völligen Kontext- und Skrupellosigkeit nur noch staunen.    

Überhaupt dieser Chance. Er ist vielleicht das einzige Alleinstellungsmerkmal dieses Films. Ein schwarzer Cop, dessen Hautfarbe interessanter- und ungewöhnlicherweise kein einziges Mal thematisiert wird, der aber auch nicht mit den aus dem Blaxploitationfilm bekannten klischierten Eigenschaften des „Schwarzen“ ausgestattet wird. Das sollte zum Ende des 20. Jahrhunderts eigentlich der Regelfall und nicht weiter der Rede wert sein, ist aber tatsächlich eine absolute Ausnahme. Mir fällt jedenfalls auf Anhieb kein einziger Film ein, in dem ein schwarzer Held nicht explizit als Schwarzer dargestellt würde, in dem er nicht in deutlichem Kontrast zu einem Weißen stünde oder aber entweder als respektlose Quasselstrippe oder als viriler Supermacho gezeichnet würde. Hier wäre es dann doch interessant, nach der Originalfassung des Films Ausschau zu halten, um zu prüfen, ob sich Spuren einer solchen Darstellung im O-Ton finden, zumal die Tatsache, dass Chance ein Indianer zur Seite gestellt wird, den Verdacht erhärtet, dass es sich hier nicht um einen Zufall handelt. Allerdings muss man einräumen, dass eben dieser Bear den Rassismus, den L.A. VICE in der Darstellung des Chance vermieden hat, dann doch durch die Hintertür hereinlässt (die italienischen Mafiosi verzeihe ich dem Film mal): Bear wird als gutmütiger, aber weltfremder Naturbursche gezeichnet, dessen Unkenntnis nicht suggeriert, er habe bislang in den Bergen bei einem aus der Stadt kommenden Pärchen gelebt, sondern käme geradewegs von einem anderen Planeten nach Los Angeles. Diese Zeichnung scheint mir aber nicht auf eine Herabwürdigung der Indianer abzuzielen, sondern vielmehr als Katalysator für eine sich daran anknüpfende Diskussion über die Schattenseiten des Großstadtlebens und eine Gleichsetzung des Großstadtdschungels mit der „echten“ Wildnis – ebenfalls ein Standard des Genres, der hier denkbar unbedarft abgehandelt wird. Wie Bear in der holprigen Prosa der deutschen Synchro sagt: „Der einzige Unterschied zwischen Stadt und Wildnis sind Dreck und Beton.“

Um zum Fazit zu kommen: L.A. VICE ist für sich genommen nicht besonders aufregend, als Genrefan mag ich diese kleinen, schmuddeligen Filme aber unheimlich gern, weil sie viel Charisma haben und die Unzulänglichkeiten des Lebens mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten nahezu perfekt abbilden. Hier laufen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung nicht mit der Perfektion akribisch gefertigter Uhrwerke ab, sondern haben viel knirschenden Sand im Getriebe. Ich finde das einfach schön.

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