maindo gêmu (masaaki yuasa, japan 2004)

Veröffentlicht: August 23, 2010 in Film
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Der Mangazeichner Nishi kehrt nach Jahren in seine Heimatstadt zurück und trifft dort auf seine Jugendliebe Myon, die jedoch mittlerweile mit dem langweiligen Einfaltspinsel Ryu verlobt ist. Als Nishi bei der Begegnung mit zwei Yakuza-Gangstern kurzerhand erschossen wird, in den Himmel gelangt und dort vom lieben Gott mit der Armseligkeit seines Daseins konfrontiert wird, trotzt er ihm eine zweite Chance ab: Zurück auf der Erde kann Nishi sich seines „Mörders“ selbst entledigen, die anschließende Flucht führt ihn, Nyon und deren Schwester Yan jedoch nicht in Sicherheit, sondern in den Bauch eines gigantischen Wals, in dem auch ein greisenhafter älterer Mann seit 30 Jahren sein Dasein fristet. Nachdem es den Vieren zunächst ganz gut gelingt, sich mit der misslichen Situation zu arrangieren, reift in ihnen der Wunsch, sich aus dem Schlund des Tieres zu befreien …

Pixar, eat you heart out! MAINDO GÊMU, was nichts anderes als „Mind Game“ bedeutet (so auch der internationale Verleihtitel), beweist eindrucksvoll, dass Animationsfilm weitaus mehr leisten kann als langweilige technische Perfektion und das Wiederkäuen längst ausgereizter 08/15-Plots. Masaaki Yuasas Film ist ein rasanter Trip, eine ästhetische Tour de Force, bei der ein genialer und (irr)witziger Einfall den nächsten jagt, ohne dass dabei das große Ganze aus dem Blick geraten würde. Statt kantenloser 3D-Animationen gibt es unter Koffeineinfluss hingeworfene, aber stets liebevolle Zeichnungen, die in ihrer Lebendigkeit manchmal ein wenig an Bill Plympton erinnern und hier und da mit verfremdetem Film- und Fotomaterial oder psychedelischen Farbexplosionen angereichert werden. Yuasa frönt in der Akkumulation seiner Bilder dem Vertical Cutting, springt in die Gedanken seiner Figuren, zerdehnt die Zeit, lässt sie ganz stehenbleiben oder beschleunigt sie auf Höchstgeschwindigkeit und jongliert mit den Zeitebenen als wäre das nichts. Das eigentliche Wunder besteht jedoch nicht darin, wie er diese schier unendliche Flut an Ideen umsetzt, sondern darin, dass MAINDO GÊMU immer nachvollziehbar bleibt und wie aus einem Guss wirkt, anstatt in seine Einzelteile zu zersplittern. Unterstellt man manchen Filmen, dass sie wie Trips wirkten, den Zuschauer mit rauschhaften Bildern bombardierten, so bedeutet das ja nicht selten, dass sie sich in solcher experimenteller Formenvielfalt erschöpfen, aber darüber hinaus nur wenig fürs Herz bieten. Das ist bei MAINDO GÊMU komplett anders: Sein psychedelisches Spiel der Formen steht immer im Dienst der Geschichte, ob es einem nun die Figuren näherbringt oder aber schlicht neue, originelle Wege findet, das Bekannte so darzustellen, dass sich neue Persepktiven und Erkenntnisse eröffnen. Umgekehrt mindert diese Funktionalität aber niemals die rauschhafte Wirkung seiner Bilder: Selten saß ich so gebannt vor dem Bildschirm, voller Vorfreude auf den nächsten Einfall, die nächste visuelle Überraschung, die nächste komplett entfesselte Sequenz, mich ganz und gar in die Hände des Regisseurs überantwortend. MAINDO GÊMU kulminiert gegen Ende, wenn man eigentlich schon glaubt, eine Steigerung sei nicht mehr möglich, in einer ca. zehnminütigen Sequenz, die den berühmten Sternenflug aus Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY zur naiven Kleckserei eines Ahnungslosen degradiert: Zehn Minuten lang tritt Yuasa das Gaspedal bis zum Anschlag durch und interpretiert die Flucht seiner Protagonisten aus dem Maul des riesigen Wals als existenzielles Wettrennen, als Sieg des menschlichen Willens über die Gesetze der Natur und der Wahrscheinlichkeit: Film als Niederreißen aller einengender Grenzen, als triumphaler Bildersturm und orgiastisch-orgasmisches Formenspiel. Man hört es mir vielleicht an: MAINDO GÊMU ist wahrscheinlich das größte Filmkunstwerk, dass ich seit langer, langer Zeit gesehen habe. Die kanonisierten Meisterregisseure, ob sie nun Scorsese, Scott, Gilliam, Burton oder sonstwie heißen, können mit ihrem langweiligen, saft-, kraft- und eierlosen, sich in der Wiederholung des Immergleichen suhlendem Konsenskino genauso einpacken, wie die über Gebühr gehypten Protagonisten des neuen „Mindfuck“-Kinos, die im Regelfall doch gar nicht erst bis in das zu fickende Gehirn vordringen mit ihrem durchkalkulierten Eventmoviequark. MAINDO GÊMU ist formal revolutionär, sensationell unterhaltsam, witzig, ergreifend, spannend, herzerwärmend und bewegend.

Kommentare
  1. Funxton sagt:

    Ich habe den Film soeben bestellt. Sollten deine astronomischen Superlativen sich nicht auch nur ansatzweise bewahrheiten, setze ich ein Killerkommando auf dich an.

  2. Oliver sagt:

    J, mich hat es beim Schreiben etwas fortgerissen.:) Aber der Film ist wirklich famos. Leena und mein Schwager waren nicht minder begeistert, falls dich das beruhigt.

    Ansonsten sehe ich dem Killerkommando aber gelassen entgegen. Habe schließlich die DSCHUNGELRATTEN gesehen …

  3. HomiSite sagt:

    Ha, notiert! Hoffe, ich bin jetzt nicht durchs Review tierisch gehypet, hehe. Der letzte wirklich abgedrehte (Real-)Filmstuff aus Asien, den ich gesehen hatte, war Survive Style 5+ und Save the Green Planet!

  4. Funxton sagt:

    Was Lerena angeht, beruhigt mich das etwas. Deinen Schwager kenne ich nicht. Und was sagt Selma? Vermutlich hoffnungslos überreizt, die Süße…

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