rock ’n‘ roll nightmare (john fasano, kanada 1987)

Veröffentlicht: August 27, 2010 in Film
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Die Rockkapelle „Tritonz“ um den muskelbepackten Sänger John Triton (Jon Mikl Thor) hat in der kanadischen Einöde ein Häuschen samt angrenzender Scheune gemietet, um im dort eingerichteten Tonstudio am neuen Album zu arbeiten und sich nebenbei mit den mitgebrachten Freundinnen zu verlustieren. Doch mit dem Haus stimmt etwas nicht und so verschwindet ein Musiker nach dem anderen, bis nur noch John übrigbleibt, um sich mit dem Leibhaftigen himself zu duellieren …

Wenn man den superenthusiastischen, supersympathischen Jon Mikl Thor im Anschluss an die Sichtung von ROCK ‚N‘ ROLL NIGHTMARE in dem auf der DVD enthaltenen Interview zuhört, könnte man meinen, er rede über einen anderen Film als das bonbonbunte und herrlich unzulängliche Trashfeuerwerk, das da zuvor auf einen niedergegangen war. Voller Begeisterung spricht der Mann über den Film, die darin enthaltenen Ideen, den von ihm komponierten Rocksoundtrack und die Regie von Fasano (der derzeit HOSTEL 3 scriptet) und diese Begeisterung ist hochgradig ansteckend. Ein bisschen erinnern er und „sein“ Film an den Ed Wood jr., wie er von Tim Burton imaginiert worden ist: Thor ist so in seiner eigenen Vorstellungswelt versunken, so berauscht davon, kreativ arbeiten zu können und zu dürfen, dass die Realität davon vollständig überlagert wird. Es ist schön, jemandem zuzuhören, der Film noch nicht mit dem Pragmatismus eines Bänkers betrachtet, sondern mit einer ungebrochenen infantilen Begeisterung, und es ist absolut unmöglich, nach diesem Interview noch über ROCK ‚N‘ ROLL NIGHTMARE und seinen Dilettantismus zu lachen: Man muss mit ihm sympathisieren, ihn ins Herz schließen.

Wie sich Thor als rockender Superheld inszeniert, der mit seinen „Tritonz“ einen generischen (aber geilen!) Hardrocksound fabriziert, wie er und seine Genossen sich über den „Urlaub“ in dem abgeranzten Haus freuen, wie sie beklagen, dass sie dort nicht mehr wegkommen, nachdem ihr Bus verschwunden ist, obwohl doch in gut sichtbarer Nähe eine auch abends noch stark befahrene Straße vorbeiführt, wie die harten Rocker mit ihren spießigen Tussis schäkern und der Drummer einen schlecht gefakten Cockneyakzent zum Besten gibt, das ist schon aller Ehren wert, tatsächlich aber nur der gemäßigte Anfang eines kaum in Worte zu fassenden Unfugs. Die Krönung des Films sind sicher seiner „Monster“: penisartige Gummihandpüppchen, die mit ihren Glubschzyklopenaugen auch in der „Sesamstraße“ kein Kind verschreckt hätten, ein Teufel mit großen dunklen Kulleraugen, die ihn wie ein trauriges X-FILES-Alien aussehen lassen, eine lebendig gewordene Hähnchenbrust im Kühlschrank, deren gefräßiges „Maul“ gar keine Öffnung, sondern nur schwarz angemaltes Latex ist, und die somit an die Sockenmonster erinnert, die ich in meiner Kindheit mit meinen Eltern gebastelt habe, und unbewegliche seesternartige Viecher (ebenfalls mit Glubschaugen), mit denen Thor/John gegen Ende aus dem Off beworfen wird und sich alle Mühe gibt, so zu tun als seien diese nicht nur lebendig, sondern auch noch eine ernsthafte Bedrohung für Leib und Leben. Mein Favorit ist aber eine eher unspektakuläre Szene: Während John ein Liebeslied für seine Frau schreibt (so richtig mit Noten und so) macht sich ein weiteres Gummimonster daran, ihn zu attackieren. Dem fällt jedoch im rechten Moment der Stift aus der Hand, worauf er sich bückt und so dafür sorgt, dass das Monster an ihm vorbeispringt. Ich schreibe hier „bückt“, in Wahrheit sieht es jedoch eher so aus, als ließe sich John/Thor mit dem Gesicht voran von seinem Schreibtischstuhl fallen, um den Stift aufzuheben. Meine liebe Gattin und ich haben uns die Szene gestern fünfmal hintereinander angesehen – unter kontinuierlich hysterischer werdendem Lachen. Richtig cool hingegen ist das Ende, der Kampf gegen den Teufel, über dessen genaue Umstände ich aber nix sagen möchte. Nur so viel: Hier wird einer der geilsten Plottwists in der Geschichte des Kinos gefahren, der durch seine unzureichende Vorbereitung und Inszenierung nicht etwa abgeschwächt, sondern in seiner Wirkung nochmal um Einiges potenziert wird. Vom elliptischen Haunted-House-Horrorfilm verwandelt sich ROCK ‚N‘ ROLL NIGHTMARE auf einmal und völlig unvermittelt in einen Science-Fiction-Superhelden-Fantasy-Schinken und er präsentiert diese Wendung, als wäre sie vollkommen selbstverständlich.

Ehrlich: Egal, ob man nun in der Lage ist, die Schönheit in seiner minderbemittelt-blöd-naiven Art zu sehen oder ob man ihn doch nur als Baddie für den alkoholischen Abend begreifen möchte, an ROCK ‚N‘ ROLL NIGHTMARE führt eigentlich kein Weg vorbei. Wenn es überhaupt etwas Negatives über ihn zu sagen gäbe, dann, dass er mit knapp 80 Minuten viel zu kurz und der Ton der DVD leider hier und da arg unverständlich geraten ist. Freunde des abseitigen Kinos sollten sich davon aber ein sehr ungewöhnliches Filmerlebnis nicht verderben lassen.

Kommentare
  1. […] dem unfassbaren ROCK ‘N’ ROLL NIGHTMARE widmet sich Regisseur John Fasano hier zum zweiten Mal auf seine unnachahmliche Art der Hardrock- […]

  2. […] Auftritten hervorrufen. Ein bisschen fühlte ich mich bei ihrem Anblick an John Fasanos göttlichen ROCK ‘N’ ROLL NIGHTMARE erinnert, der aber trotz seiner beschränkten Mittel nach den Sternen greift und deshalb […]

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