Archiv für August, 2010

Auf einer Party überredet Brandon (Stephen Nichols) seine Ex-Freundin Linda (Twany Kitaen) dazu, mit ihm gemeinsam ein Ouija-Brett zu benutzen und einen Geist zu rufen, sehr zum Missfallen ihres aktuellen Partners Jim (Todd Allen), der das alles nicht nur für weltfremden Blödsinn, sondern darüber hinaus vor allem für einen Annäherungsversuch von Brandon hält. Insofern ist er auch nicht sonderlich beeindruckt, als Brandon und Linda Kontakt zum Geist des zehnjährigen David aufnehmen. Im Folgenden ist er aber gezwungen, gegen seine Überzeugungen zu handeln und seine bisherige Haltung zu überdenken, denn Linda gerät durch die wiederholte Benutzung des Brettes in ein Abhängigkeitsverhältnis. Und je häufiger sie zu David Kontakt aufnimmt, umso aggressiver wird der zuvor so freundliche Geist. Zusammen mit Brandon versucht Jim herauszufinden, was es mit David auf sich hat …

WITCHBOARD war in den USA seinerzeit ein kleiner Hit, der ein paar Jahre später auch noch das unvermeidliche Sequel nach sich zog. Trotzdem hat mich der Film nie so wirklich interessiert, was wohl daran liegt, dass ich Geisterbeschwörungen und Ouija-Brett-Spielereien weder besonders faszinierend noch wirklich unheimlich finde. Ich erinnere mich aber noch daran, dass dieses Thema in meiner Jugend medial recht präsent war, von besorgten Eltern und Pädagogen immer wieder angesprochen wurde, so als sei es ein echtes gesellschaftliches Problem, dass Jugendliche versuchen, sich mit Geistern zu unterhalten. Natürlich ging es in dieser Debatte nicht wirklich um Übersinnliches: Dahinter stand vor allem die Befürchtung, dass charakterlich noch nicht gefestigte Minderjährige die Spielereien allzu ernst nehmen und infolgedessen seelischen Schaden erleiden könnten – oder vielleicht sogar körperlichen, wenn sie darüber mit den falschen Menschen in Kontakt kämen.

Tenney wählt für seinen Film den absolut richtigen Ansatz, indem er genau das thematisiert, sich nicht Hals über Kopf auf den fantastischen Gehalt seiner Geschichte stürzt, sondern zumindest in den ersten beiden Dritteln die Möglichkeit offenlässt, der „Spuk“ könne rein psychische Ursachen haben, und die Veränderungen, die die Beschäftigung mit dem „Hexenbrett“ in Lindas Verhalten nach sich zieht, in den Fokus rückt. Der Schluss, dass WITCHBOARD vielleicht erfolgreicher als Film über Suchtverhalten gelesen werden kann als über den Einfluss des Übersinnlichen auf unser Leben, wird von Tenney aber auch dadurch nahegelegt, dass er immer wieder den Alkoholismus von Jims verstorbenen Eltern und die infolgedessen stattgefundene emotionale Verkarstung von Jim selbst anspricht und zum Ausgangspunkt der interpersonellen Konflikte seiner Protagonisten und damit auch der Geistergeschichte macht. Die Beilegung dieser Konflikte – vor allem zwischen Brandon und Jim, aber auch zwischen Jim und Linda – überlagert über weite Strecken den Geisterbefall-Plot: Mehr als um den erfolgreichen Exorzismus geht es darum, dass die drei einstigen Freunde das Kriegsbeil begraben und mit ihrem Leben weitermachen können.

Dass WITCHBOARD daher über weite Strecken an eine Soap Opera erinnert, ist kaum verwunderlich, sondern nur folgerichtig. Inszenatorisch eher unauffällig, hält sich Tenney mit den damals modernen Splattereinlagen zurück, die Spezialeffekte sind eher zweckdienlich, als dass sie zum Mittelpunkt des Geschehens avancierten. Weil WITCHBOARD aber dann doch irgendwie auch ein Horrorfilm ist, müssen gegen Ende die Mechanismen des Kintopps greifen, ein böser Geist herbeifabuliert und die Protagonistenliste dezimiert werden. Die finale Auseinandersetzung zwischen Jim und seiner besessenen Linda passt dann auch nur noch bedingt zum zurückhaltenden Rest und muss wohl als Zugeständnis ans Publikum bewertet werden, das allerdings nicht nur in der Erwartung eines schönen Scareflicks ins Kino gerannt war.

Mit Tawny Kitaen konnte Tenney nämlich eine Darstellerin gewinnen, die Mitte der Achtzigerjahre kurzzeitig zur Szeneikone avanciert war. Als Tom Hanks‘ Gspusi in BACHELOR PARTY machte sie erstmals von sich reden, zierte danach leichtbekleidet diverse Hardrock-Plattencover und räkelte sich dekorativ durch eine Handvoll Videoclips von Whitesnake, mit deren Sänger Davoid Coverdale sie liiert und später dann auch mal kurz verheiratet war. Hier bleibt sie bis auf eine kurze Duschszene zwar stets züchtig bekleidet, sieht aber trotzdem ziemlich schnuckelig aus und macht ihre Sache darüber hinaus durchaus ordentlich. Heute macht sie wie so viele vergleichbare deutsche Promis vor allem mit Skandälchen und Entziehungskuren auf sich aufmerksam und vermarktet ihr Privatleben in demütigenden Reality-Soaps. Ob da böse Geister ihre Finger im Spiel hatten? WITCHBOARD jedenfalls, um jetzt mal wieder zum Thema zurückzukommen, ist ein respektabler kleiner Film, der aber bestimmt niemandem schlaflosen Nächte bereiten wird. Und Tawny Kitaen sehen meine Leser in diesem Kino demnächst in Just Jaeckins GWENDOLINE, wo sie dann auch weniger anhat als hier.

Nach einer wilden Straßenschlacht mit zwei amoklaufenden Juwelenräubern erleben die beiden LAPD-Cops Roger Mortis (Treat Williams) und Doug Bigelow (Joe Piscopo) eine dicke Überraschung: Die beiden im Schusswechsel getöteten Verbrecher landen nämlich bereits zum zweiten Mal im Leichenschauhaus, sind auf gut Deutsch Zombies. Die Ermittlungen führen die beiden Cops in ein dubioses Chemieunternehmen, wo Mortis beim Kampf gegen einen fettleibigen Mutanten umkommt. Mittels einer mysteriösen Maschine kann der Cop zwar zu neuem Leben erweckt werden, die Freude über die zweite Chance währt aber nur kurz: Mortis bleibt nämlich nur ein halber Tag, bevor er sich endgültig in einen Haufen leblosen Zellabfalls verwandelt. Die Zeit drängt also und so machen sich die beiden Partner auf die Suche nach dem Schuldigen, der das Geheimnis des ewigen Lebens für schnöde Raubüberfälle missbraucht …

Das Spielfilmdebüt des umtriebigen Schnittpult-Wizards Mark Goldblatt ist, wie man der Tagleiste schon entnehmen kann, ein hübsches Konglomerat unterschiedlichster damals aktueller Einflüsse, die zum Zwecke größtmöglichen Entertainments zusammengerührt wurden – durchaus mit Erfolg, wie ich hinzufügen möchte. Von seinen knapp 80 Minuten Laufzeit wird keine einzige verplempert, DEAD HEAT gibt von der ersten Sekunde an Gas und hält dieses Tempo bis zum Ende durch. Wenn seine Protagonisten sich nicht mit aufgewärmter Zombiebrut balgen, so schießen sie ihre One-Liner hin und her, wie es in den Achtzigerjahren so beliebt war und man es heute leider nicht mehr so oft zu Gesicht bekommt. Für den Wortwitz ist vor allem Joe Piscopo zuständig, dem als Bigelow auch noch in der abwegigsten Situation ein dummer Spruch einfällt, während der viel zu selten, aber immer wieder gern gesehene Treat Williams als prophetisch benannter „Roger Mortis“ den Straight Man gibt, an dem sich sein Partner abarbeiten darf. Die Chemie zwischen beiden stimmt, ihre Interaktion ist sozusagen das Herz des Films. Dass Piscopo – ein ehemaliges Mitglied der zweiten SNL-Inkarnation – heute meist als Sünde der Achtziger verunglimpft wird, scheint mir in erster Linie auf die Arroganz der Spätgeborenen und in zweiter auf seine zugegebenermaßen streitbare Frisur zurückzuführen zu sein: Als etwas einfältiger, aber gutmeinender Prolet weiß er durchaus zu gefallen (in De Palmas WISE GUYS hat er eine ganz ähnliche Rolle). Neben den Hauptdarstellern stechen vor allem die FX hervor, die von Steven Johnson gewohnt kompetent umgesetzt wurden: Besonders schön ist die Sequenz in einem China-Restaurant, in dem die Helden von zu neuem Leben erweckten Fleischwaren attackiert werden, aber auch der explodierende Oberschurke zum Schluss ist nicht zu verachten. Nachhaltig ist das überhaupt nicht, auch wenn sich Goldblatt einen schönen Kommentar zu den Workaholics des Copfilms nicht verkneifen kann: Roger Mortis jedenfalls lernt noch nicht einmal aus dem eigenen Tod, bleibt ganz der in seinem Beruf aufgehende Bulle, der den Täter auch dann noch um jeden Preis fassen will, wenn es das Letzte ist, wozu er überhaupt noch Zeit hat. Vor allem aber ist DEAD HEAT ein durch und durch sympathischer Unterhaltungsfilm, kein bisschen überkandidelt, nicht über die eigenen Verhältnisse clever, aber immer liebevoll und mit sichtbarem Spaß inszeniert und gespielt. Es mag blöder Kulturpessimismus meinerseits sein, aber so leichtfüßig, reuelos albern und genussvoll irrelevant sind Unterhaltungsfilme heute einfach viel zu selten, wenn überhaupt. Vincent Price, der hier einen seiner späten Auftritte absolviert, hätte es also durchaus schlechter treffen können und dass Goldblatt nach seinem auf diesen folgenden THE PUNISHER keinen Film mehr inszenieren durfte, finde ich einfach nur schade.

Dem geisteskranken Serienmörder Mark Trax (John Weiner) gelingt nach einem gescheiterten Selbstmordversuch die Flucht aus der Anstalt, in der er eingekerkert ist. Nachdem er seinen Unfalltod fingiert hat, kehrt er an seine alte Wirkungsstätte New York zurück und setzt getrieben von inneren Stimmen sein vor zehn Jahren unfreiwillig beendetes Handwerk fort. Der Polizeibeamte Mickey McCardle (J. Christian Ingvordsen), der einst an der Verhaftung des damals noch jugendlichen Killers beteiligt war und dabei nicht nur seinen Partner verlor, sondern auch die Chance auf eine erfolgreiche Laufbahn in der Mordkommission, erkennt in den neuerlichen Morden die Handschrift des angeblich toten Trax. Weil niemand ihm glaubt, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln … 

Nach seinem Jahrhundert-Actioner HANGMEN, der in einer gerechten Welt in einer prächtigen Special Edition mit Soundtrack erschiene, beschert uns der in Dänemark geborene Ingvordsen (ich schreibe ihm jetzt einfach mal den inszenatorischen Löwenanteil am Film zu) mit BLUE VENGEANCE (in seiner spastischen Diktion geradezu kongenialer deutscher Verleihtitel: ZWANG ZUM TÖTEN) den nächsten Hieb in die Magengrube. Wie der genannte lebt auch dieser Film von seinen mit einem beachtlichen Gespür fürs Hässliche ausgewählten Settings, die die Glitzermetropole New York in eine hoffnungslose Endzeitlandschaft verwandeln, den unverbrauchten und natürlich agierenden Schauspielern, die aussehen, als hätte man sie gleich von der Straße weggecastet, einer hart angezogenen Gewaltschraube, dem Verzicht auf jegliche auflockernde oder gar komische Elemente und einer unangenehmen, aber kaum näher identifizierbaren Atmosphäre. Nach furiosem Auftakt mit dem wirres Zeug in die Kamera sprechenden Trax, einer Strafanstalt, die ans finstere Mittelalter denken lässt, und einem Abstecher in die von Barbaren- und Fantasyfilmen inspirierte Gedankenwelt des Killers, in der dieser sich mit einem Schwert bewaffnet gegen einen hünenhaften Krieger zur Wehr setzen muss, steuert BLUE VENGEANCE zwar bald etwas seichtere Fahrwasser an (sprich: er wird etwas konventioneller), verzichtet glücklicherweise aber nicht ganz auf bizarre Einfälle. Es stellt sich heraus, dass Trax als Jugendlicher auf dem Heavy-Metal-Trip hängengeblieben ist, die Texte seiner Kapelle geradezu als sein Evangelium begriffen hat und nun enttäuscht feststellen muss, dass seine einstigen Mitstreiter die gemeinsame Metalvergangenheit als läppische Jugendsünde abgehakt haben. Einer nach dem anderen muss für diesen Verrat blutig bezahlen und als Mordwaffe dienen Trax nicht etwa Revolver oder Messer, sondern Streitaxt, Zweihänder und ähnlich anheimelndes Werkzeug, das er in seinem alten Kinderzimmer versteckt (in dem auch ein hübsches HANGMEN-Plakat an der Wand hängt – Geschmack hat er, das muss man ihm lassen!). Das Finale muss man gesehen haben, um zu glauben, dass es tatsächlich nicht unfreiwillig komisch wirkt: Auf dem Moped respektive Fahrrad (mit Korb am Lenkrad!) treten Trax und McCardle gegeneinander zum Duell an, fahren mit Eisenstangen ausgestattet aufeinander zu und versuchen sich gegenseitig von ihrem Gefährt herunterzustoßen wie weiland die Ritter von ihren Pferden. Das alles ist wie gesagt ohne jedes Augenzwinkern inszeniert und funktioniert tatsächlich. BLUE VENGEANCE bleibt zwar strikt dem exploitativen Gewaltfilm verpflichtet, leistet bei der filmischen Darstellung von Wahnsinn dennoch durchaus Beachtliches: Mark Trax ist eine der merkürdwigsten, irritierendsten, irrsten und schlicht bizarrsten Serienmörder der Filmgeschichte, was umso bemerkenswerter ist, als dieser Eindruck weitestgehend ohne Griff in die große Effektkiste erzeugt wird. BLUE VENGEANCE ist sicherlich kein Meisterwerk, aber zwischen so runterziehenden New-York-Filmen wie Findlays GAME OF SURVIVAL oder Giovinazzos COMBAT SHOCK findet er ein durchaus angemessenes Plätzchen, für das er sich nicht zu schämen braucht. Ich würde ihn, aufs Wesentliche runtergebrochen, so beschreiben: Brutal. Dreckig. Laut. Asozial. Geil.

jungle rats (teddy page, usa 1987)

Veröffentlicht: August 23, 2010 in Film
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Vietnam 1969: Als General Conrad von den Vietcong gefangen genommen wird, werden die „Jungle Rats“, eine fünfköpfige Spezialeinheit, damit beauftragt, ihn aus dem verzweigten Tunnelsystem der Vietcong rauszuhauen …

Nachdem ich mir vor einiger Zeit mit SUPER-PLATOON den Film zu Gemüte geführt habe, der in Deutschland als DSCHUNGELRATTEN 2 und somit als Sequel dieses Films hier ausgegeben worden war, war ja klar, dass ich ihn würde nachlegen müssen. JUNGLE RATS wurde vom Tausendsassa und Viel- und Billigfilmer Teddy Page unter dem Pseudonym „Irvin Johnson“ und angeblich US-amerikanischer Ägide eingekurbelt, was ich zwar arg zu bezweifeln wage – nicht nur die Herkunft von Page scheint mir eher für die Philippinen zu sprechen -, aus Mangel an Beweisen jedoch so hinnehmen muss. Das Script stammt vom B-Film-Carl-Weathers Jim Gaines, den Freunde des Trashfilms etwa aus Matteis STRIKE COMMANDO und ROBOWAR oder aber aus Fragassos AFTER DEATH kennen dürften und der als eine der Dschungelratten auch selbst mitwirkt. Ihm zur Seite stehen etliche No-Names, deren Filmografien sich jedoch lesen wie der DVD-Wunschzettel des nostalgischen, trashaffinen Actionfans: Da tummeln sich so vielversprechende Titel wie DOUBLE EDGE, TERROR FORCE COMMANDO, WARBUS, NINJA WARRIORS, PHANTOM SOLDIERS, FINAL REPRISAL und etliche weitere, gründen gemeinsam eine knallharte Männer-WG, in der sie durch bloße Konzentration auf die eigene Männlichkeit einen Superninja mit Delta-Force-Vergangenheit und Einzelkämpferausbildung zeugen, dessen Geburt anschließend mit wohlschmeckendem Dieselöl und dem Rauchen einer hübschen Dynamitstange gebührend gefeiert wird.

Nach grandiosem Auftakt, bei dem die Protagonisten mit ihren coolen Decknamen vorgestellt werden, versumpft der Film leider etwas in der Beliebigkeit. Es ist aber auch zugegebenermaßen schwer, auf Bilderbuch-Actionfilmnamen wie „Randy ‚Boom Boom‘ Ellis“ (natürlich der Sprengstoffexperte), „Pete ‚Killer‘ Rayo“ (dessen Namen die deutsche Synchro beharrlich „Riedscho“ ausspricht) – Kommentar: „Sein Name erklärt sich von selbst.“ – oder aber auf Sätze wie „Das ist Corporal Jim Benson, genannt ‚Batman‘, unser bester Funkexperte“ noch einen draufzusetzen. Gerade bei letzterem habe ich mich gefragt, was wohl aus den ganzen vollkommen unqualifizierten und schlechten Funkexperten bei der Armee wird. Dürfen die vielleicht nur Falschmeldungen absetzen? Die sich hier noch andeutende Herrlichkeit ist leider vorbei, sobald die Dschungelratten sich auf den Weg machen. Eine Schießerei reiht sich an die nächste und irgendwann ist einem das alles ziemlich egal, sofern man den Film nicht mit Freunden sieht und sich entsprechend mit Trinkspielen motivieren kann. Zwar funktioniert die Identifikation geringfügig besser als im „Sequel“ SUPER-PLATOON, letztlich sind beide Filme aber nahezu identisch: Ein Trupp kerniger Idioten, der in einem echten Krieg keine fünf Minuten überstehen würde, latscht durch dem Gummibaumbewuchs, beschimpft den Feind als „Gelbhäute“, meuchelt und wird gemeuchelt. Aus dem Sekundenschlaf wird man nur kurzzeitig gerissen, etwa wenn einem riesige Höhlensysteme als die berüchtigten Tunnel des Vietcong verkauft werden oder aber die Beschimpfung einer vermeintlichen Verräterin, die sich als Kontaktperson entpuppt, mit den Worten entschuldigt wird, dass man „habe sichergehen müssen“. Wäre ja auch wirklich unverzeihlich, wenn man sich die Chance, eine Frau als „Schlampe“ verunglimpfen zu können, entgehen ließe. So richtig spannend ist das alles also nicht, auch wenn sich alle Beteiligten redlich Mühe geben. Dass ich mich nur ein paar Stunden nach Sichtung kaum noch an konkrete Einzelheiten erinnern kann, spricht Bände. Ins Regal des komplettierungswütigen Eighties-Actiongülle-Sammlers gehört der Film natürlich trotzdem, weil es einfach geil ist, nebeneinander die DVDs von DSCHUNGELRATTEN und DSCHUNGELRATTEN 2 stehen zu haben. Statussymbole halt.

Der Mangazeichner Nishi kehrt nach Jahren in seine Heimatstadt zurück und trifft dort auf seine Jugendliebe Myon, die jedoch mittlerweile mit dem langweiligen Einfaltspinsel Ryu verlobt ist. Als Nishi bei der Begegnung mit zwei Yakuza-Gangstern kurzerhand erschossen wird, in den Himmel gelangt und dort vom lieben Gott mit der Armseligkeit seines Daseins konfrontiert wird, trotzt er ihm eine zweite Chance ab: Zurück auf der Erde kann Nishi sich seines „Mörders“ selbst entledigen, die anschließende Flucht führt ihn, Nyon und deren Schwester Yan jedoch nicht in Sicherheit, sondern in den Bauch eines gigantischen Wals, in dem auch ein greisenhafter älterer Mann seit 30 Jahren sein Dasein fristet. Nachdem es den Vieren zunächst ganz gut gelingt, sich mit der misslichen Situation zu arrangieren, reift in ihnen der Wunsch, sich aus dem Schlund des Tieres zu befreien …

Pixar, eat you heart out! MAINDO GÊMU, was nichts anderes als „Mind Game“ bedeutet (so auch der internationale Verleihtitel), beweist eindrucksvoll, dass Animationsfilm weitaus mehr leisten kann als langweilige technische Perfektion und das Wiederkäuen längst ausgereizter 08/15-Plots. Masaaki Yuasas Film ist ein rasanter Trip, eine ästhetische Tour de Force, bei der ein genialer und (irr)witziger Einfall den nächsten jagt, ohne dass dabei das große Ganze aus dem Blick geraten würde. Statt kantenloser 3D-Animationen gibt es unter Koffeineinfluss hingeworfene, aber stets liebevolle Zeichnungen, die in ihrer Lebendigkeit manchmal ein wenig an Bill Plympton erinnern und hier und da mit verfremdetem Film- und Fotomaterial oder psychedelischen Farbexplosionen angereichert werden. Yuasa frönt in der Akkumulation seiner Bilder dem Vertical Cutting, springt in die Gedanken seiner Figuren, zerdehnt die Zeit, lässt sie ganz stehenbleiben oder beschleunigt sie auf Höchstgeschwindigkeit und jongliert mit den Zeitebenen als wäre das nichts. Das eigentliche Wunder besteht jedoch nicht darin, wie er diese schier unendliche Flut an Ideen umsetzt, sondern darin, dass MAINDO GÊMU immer nachvollziehbar bleibt und wie aus einem Guss wirkt, anstatt in seine Einzelteile zu zersplittern. Unterstellt man manchen Filmen, dass sie wie Trips wirkten, den Zuschauer mit rauschhaften Bildern bombardierten, so bedeutet das ja nicht selten, dass sie sich in solcher experimenteller Formenvielfalt erschöpfen, aber darüber hinaus nur wenig fürs Herz bieten. Das ist bei MAINDO GÊMU komplett anders: Sein psychedelisches Spiel der Formen steht immer im Dienst der Geschichte, ob es einem nun die Figuren näherbringt oder aber schlicht neue, originelle Wege findet, das Bekannte so darzustellen, dass sich neue Persepktiven und Erkenntnisse eröffnen. Umgekehrt mindert diese Funktionalität aber niemals die rauschhafte Wirkung seiner Bilder: Selten saß ich so gebannt vor dem Bildschirm, voller Vorfreude auf den nächsten Einfall, die nächste visuelle Überraschung, die nächste komplett entfesselte Sequenz, mich ganz und gar in die Hände des Regisseurs überantwortend. MAINDO GÊMU kulminiert gegen Ende, wenn man eigentlich schon glaubt, eine Steigerung sei nicht mehr möglich, in einer ca. zehnminütigen Sequenz, die den berühmten Sternenflug aus Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY zur naiven Kleckserei eines Ahnungslosen degradiert: Zehn Minuten lang tritt Yuasa das Gaspedal bis zum Anschlag durch und interpretiert die Flucht seiner Protagonisten aus dem Maul des riesigen Wals als existenzielles Wettrennen, als Sieg des menschlichen Willens über die Gesetze der Natur und der Wahrscheinlichkeit: Film als Niederreißen aller einengender Grenzen, als triumphaler Bildersturm und orgiastisch-orgasmisches Formenspiel. Man hört es mir vielleicht an: MAINDO GÊMU ist wahrscheinlich das größte Filmkunstwerk, dass ich seit langer, langer Zeit gesehen habe. Die kanonisierten Meisterregisseure, ob sie nun Scorsese, Scott, Gilliam, Burton oder sonstwie heißen, können mit ihrem langweiligen, saft-, kraft- und eierlosen, sich in der Wiederholung des Immergleichen suhlendem Konsenskino genauso einpacken, wie die über Gebühr gehypten Protagonisten des neuen „Mindfuck“-Kinos, die im Regelfall doch gar nicht erst bis in das zu fickende Gehirn vordringen mit ihrem durchkalkulierten Eventmoviequark. MAINDO GÊMU ist formal revolutionär, sensationell unterhaltsam, witzig, ergreifend, spannend, herzerwärmend und bewegend.

eastbound & down (usa 2008)

Veröffentlicht: August 23, 2010 in Film
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Mit 19 Jahren wird Kenny Powers (Danny McBride) zum Superstar: Völlig unerfahren wird er im Endspiel der World Series im Baseball als Pitcher eingesetzt und wirft das Strikeout, das seinem Team die Meisterschaft einbringt. Doch mit dem kommenden Ruhm kann Powers nicht umgehen: Eh ein streitbarer Charakter, verprellt er sowohl Fans als auch Medien mit seinen Verunglimpfungen, seinem Größenwahn und seiner Söldnermentalität, während seine Leistungen kontinuierlich schlechter werden. Als ihm dann auch noch ein Steroid-Skandal in die Quere kommt, ist seine Laufbahn beendet: Mit Mitte 30, Drogenproblemen und völlig außer Form findet sich Powers mittellos als Untermieter im Haus seines Bruders Dustin (John Hawkes) und dessen Familie wieder. Sein Geld verdient er als Sportlehrer an der Schule, an der auch seine ehemalige Highschool-Flamme April (Katy Mixon) arbeitet. Doch Kenny denkt nicht daran, sich mit dem Durchschnitt abzugeben: Er will mittelfristig nicht nur April zurückerobern, sondern auch zurück in die Major League … 

Unter anderem produziert von Komödienstar Will Ferrell (der auch die Rolle des schleimigen BMW-Händlers Ashley Schaeffer spielt) und Adam McKay, Regisseur der Ferrell-Hits ANCHORMAN, TALLADEGA NIGHTS und STEP BROTHERS, gliedert sich EASTBOUND & DOWN auf den ersten Blick fast nahtlos in deren bisheriges Oeuvre ein. Wie die genannten Filme widmet sich EASTBOUND & DOWN einer skurrilen Figur, die von Mitautor Danny McBride mit grässlicher Vokuhila-Figur, Südstaatenakzent und Bierwampe zum Leben erweckt wird. Weil das Ganze eine Produktion des Bezahlkanals HBO ist, darf man sich auf nackte Tatsachen, mit Vulgaritäten gepfefferte Dialoge und anderen „explicit content“ freuen, die jedoch längst nicht nur den Status oberflächlicher Kosmetik innehaben: Sie markieren vielmehr eine Verschiebung vom zwar in der Realität gründenden, aber dennoch eher harmlosen Quatsch der oben genannten Filme hin zur erwachsenen Tragikomödie. Die Sichtung der sechs 25-minütigen Folgen der ersten Staffel ist dann auch mit der ein oder anderen Irritation verbunden. Denn auch wenn die Komödienhistorie reich an eigentlich unsympathischen Hauptfiguren ist, die dem Zuschauer gegen jede Vernunft aufgezwungen werden und diesem seine Identifikation förmlich abringen müssen, so stellt Kenny Powers sicherlich einen Extremfall dieses Typus dar: Er ist dumm, arrogant, eingebildet, selbstverliebt, vulgär, rassistisch, verantwortungslos, selbstmitleidig, unverschämt, undankbar, unbeherrscht und schlicht und ergreifend peinlich mit seiner Frisur, seinem auf Rebell getrimmten Outfit und seinem ganzen unflätigen Benehmen. Die Entwicklung, die er durchmachen muss, um die Geschichte einem (guten?) Ende zuzuführen, ist jedoch nicht wie sonst üblich mit Selbsterkenntnis und einer anschließenden persönlichen Wandlung verbunden: EASTBOUND & DOWN widmet sich vielmehr einem Mann, der in der Lage ist, jede Situation so zu deuten, dass die anderen Schuld sind und er so bleiben kann wie er ist. Das erinnert jedoch nur selten an die Übungen in Sachen Fremdscham, die in den letzten Jahren so in Mode gekommen sind, stattdessen stellt sich bald Mitleid mit diesem Narren ein, der als ungebildeter Klotz ja auch Opfer einer Maschinerie geworden ist, die er mit seinen begrenzten Mitteln gar nicht verstehen kann. Baseball ist hier sicherlich nicht willkürlich als Powers‘ Sportart gewählt worden: Anders als in den anderen populären US-Sportarten kann sich der Ruhm im Baseball mit einem einzigen Wurf einstellen und das Vorurteil, dass Baseball der Sport ungebildeter Weißer sei, hält sich ebenfalls so hartnäckig, dass man es nicht als vollkommen aus der Luft gegriffen bezeichnen möchte. Insofern widmet sich EASTBOUND & DOWN fast schon einem gesellschaftlichen Problem: Was passiert mit diesen Leuten, wenn sie sich als nicht geeignet für das nach streng wirtschaftlichen Kriterien operierende System „Profisport“ erweisen? Wie ergeht es einem, der plötzlich eine Persona non Grata ist, nachdem ihm zuvor Abertausende zugejubelt haben? Wenn man für alle Mitmenschen als Versager gilt, als einer, der zu deumm war? Kann man ein Leben als Popstar einfach ad acta legen und in einem 9-to-5-Job neu anfangen als wäre nichts gewesen? Wenn man doch gleichzeitig von allen anderen nicht als normale Person, sondern eben als Ex-Superstar betrachtet wird?

Diese Aspekte hieven EASTBOUND & DOWN eindeutig über den Status einer normalen Komödie, auch wenn die Serie über weite Strecken so tut als sei sie nicht mehr als das. Dies macht die Einordnung manchmal schwer, denn einige Plotlines strapazieren den Goodwill des Zuschauers etwas über: die Liebegeschichte zwischen Kenny und April etwa. Dass eine attraktive und gebildete Frau etwas an diesem selbstbesessenen Arschloch findet, will sich nicht unmittelbar erschließen. Ein Urteil fällt nach sechs Episoden auch deshalb ziemlich schwer, weil noch nicht eindeutig abzusehen ist, welchen Weg die Serie und mit ihr Kenny Powers nehmen werden. Wird er sich mit der Realität abfinden müssen, nachdem alle Versuche zur Rückkehr in den Profisport gescheitert sind? Wird er wider jede Vernunft das Wunder schaffen und an seine früheren Erfolge anknüpfen können? Es ist nicht wenig erstaunlich, dass sich diese Fragen überhaupt stellen, wenn man bedenkt, wie formelhaft das Gerne der Komödie doch für gewöhnlich abläuft. Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf die zweite Staffel, die hoffentlich Antwort auf die Frage geben wird, ob man EASTBOUND & DOWN als konzeptionellen Geniestreich oder doch nur als harmlose Komödie mit unangenehm zynischen Untertönen im Gedächtnis behalten wird. Bis jetzt bin ich bereit, sie als gelungenen Spaß einzuordnen.

Der Fall des Danny Hicks (Eric Stoltz), eines Siebzehnjährigen, der wegen des Mordes an seinem Vater vor Gericht steht und die Verhängung der Todesstrafe erwartet, schlägt medial hohe Wellen. Die junge Prostituierte Charlene (Monica Carrico) verliebt sich in den Jungen aus dem Fernsehen und schreibt ihm mehrere Liebesbriefe. Als ihm die Flucht aus der Obhut der Polizei gelingt, sucht er deshalb bei ihr Unterschlupf, wo die beiden von Charlenes Liebhaber, dem Fernsehreporter Tom Bond (Richard Bradford), überrascht werden und ihn im folgenden Handgemenge umbringen. Die zwei Jugendlichen treten die Flucht an, dicht gefolgt von Officer Trent (Stuart Margolin) …

Wie schon die zuletzt hier besprochenen SHALLOW GRAVE oder LETHAL PURSUIT ist auch RUNNING HOT ein kleiner, unspektakulärer Film, der aber in Zeiten eines perfekt durchgestylten Eventkinos oder aber passgenau auf die angepeilte Zielgruppe ausgerichteter Genreware umso erfrischender und ehrlicher wirkt. Inhaltlich im Grunde genommen der Stoff, aus dem belanglose TV-Dramen gemacht sind, sind es die unaufgeregte, aber routinierte Inszenierung, die guten Leistungen der Schauspieler – allen voran der jugendlichen Hauptdarsteller – und eben der Verzicht auf irgendwelche vom Wesentlichen ablenkenden Gimmicks, die RUNNING HOT auszeichnen. Mark Griffiths schlachtet die tragische Geschichte zweier Jugendlicher, denen in einer rücksichtslosen Erwachsenenwelt zunehmend die Optionen ausgehen, nämlich weder für ihren exploitativen Gehalt aus noch drückt er auf die Tränendrüse des Zuschauer. Stattdessen wahrt er stets die gebührende Zurückhaltung, lässt die Geschichte unaufhaltsam ihren vorgezeichneten Weg gehen und vertraut auf die emotionale und moralische Integrität seiner Zuschauer. Das Schicksal von Danny und Charlene berührt auch ohne inszenatorische Überrumpelungsstrategien und gefühlsduselige Theatralik, die letztlich einer Bevormundung gleichkämen. Und während vergleichbare Werke ihren Humanismus ostentativ vor sich hertragen (und ihn damit im Grunde genommen unterlaufen), ist er hier eine unabdingbare Selbstverständlichkeit. Ein feiner, kleiner Film, der in Deutschland unter dem ausgesprochen sensiblen Titel TODESKALIBER 45 sogar auf DVD verfügbar ist und hiermit wärmstens empfohlen sei.