universal soldier: regeneration (john hyams, usa 2010)

Veröffentlicht: September 10, 2010 in Film
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Terroristen verschaffen sich Zugang zum Kernkraftwerk von Tschernobyl und drohen damit, die Reaktoren zu sprengen, sollte der russische Präsident ihrer Forderung, politische Gefangene zu befreien, nicht Folge leisten. Die Situation wird dadurch noch verschärft, dass die Terroristen im Besitz eines NGU sind: eines mit neuesten wissenschaftlichen Mitteln hochgezüchteten Supersoldaten (Andrei „The Pitbull“ Arlovski). Als sämtliche auf das besetzte Gelände eingeschleusten Einsatzkräfte – darunter auch einige NGUs – dieser Kampfmaschine zum Opfer gefallen sind, gibt es nur noch eine Hoffnung: den Einsatz des NGU-Prototypen Luc Devereaux (Jean-Claude van Damme). Doch der befindet sich eigentlich mitten in einer Therapie, die ihn wieder zu einem „normalen“ Mitglied der Gesellschaft machen soll …  

Das Cyborg-/Maschinenmensch-Motiv, das sich bis in Stummfilmtage zurückverfolgen lässt (DER GOLEM von Carl Boese und Paul Wegener aus dem Jahr 1920) und auch in den berühmten FRANKENSTEIN-Filmen der Universal aus den Dreißigerjahren aufgegriffen wird, dreht sich im Kern nicht so sehr um die Frage, ob sich menschliches Leben künstlich erzeugen lässt, denn die wird von den Filmen ziemlich eindeutig mit „Ja“ beantwortet. An diese Erkenntnis knüpfen sich vielmehr weiterführende und dringlichere Fragen: Was ist die Essenz von Menschlichkeit? Was zeichnet den Menschen aus, wenn auch eine Maschine menschlich sein kann? John Hyams – Sohn des Regieroutiniers Peter Hyams, der den Film seines Sohnes mit seiner grandiosen Kameraarbeit veredelt – liefert im zweiten Sequel der UNIVERSAL SOLDIER-Reihe zwar keine wesentlich neuen Antworten auf diese Fragen, aber er liefert durch die Überkreuzung des Menschmaschinen-Motivs mit dem in den letzten Jahren im Actionfilm neu etablierten (und durch das Altern seiner Darsteller begünstigten) Thema des Alterns des Helden neue Impulse hinsichtlich einer Typisierung des Actionhelden. UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION ist auf den ersten Blick zunächst einmal ein unglaublich düsterer und trostloser Film: Das Tschernobyl-Setting – das Realität gewordene postnukleare, posthumanistische wasteland – wird in ein stählern-kaltes Blaugrau getaucht, das nur durch ein infernalisch loderndes Flammengelb in den Reaktorraum-Szenen „aufgelockert“ wird, dazu wummert ein technoid-synthetischer Score. Und als human factor in einem Film, der ausschließlich von Soldaten, Terroristen, kühl kalkulierenden Politikern, größenwahnsinnigen Wissenschaftlern und deren Zombiesoldaten bevölkert scheint, wird dem Zuschauer mit Luc Devereaux ein Mann serviert, dessen Restmenschlichkeit nicht ausreicht, um ihn als Mensch leben zu lassen. Sein Blick ist erloschen, seine Gesichtszüge eingefallen, jegliche Fähigkeit, Emotionen zu empfinden, ist ihm abhanden gekommen, erinnern kann er sich an fast nichts. Nur ein Instinkt ist ihm geblieben: der Instinkt zu kämpfen, zu töten, zu überleben. Und der soll nun durch eine Therapie unterdrückt werden. 

Es gibt eine erschütternde Szene, in der Devereaux mit seiner Therapeutin in einer Bar sitzt, misstrauisch einen Mann beäugt, der den Raum betritt, völlig unvermittelt aufspringt und wie ein Berserker auf diesen einzudreschen beginnt. Nur das Eingreifen der Therapeutin verhindert, dass Devereaux zum Mörder an einem vollkommen Unschuldigen wird. Die Szene endet damit, dass die Therapeutin Devereaux hinausführt, der Mann wird keine weitere Rolle mehr spielen. Man kann den ganzen Film durchaus als humanistischen Kommentar verstehen, als krasse Verbildlichung der verheerenden psychischen Schäden, die Soldaten in Kriegseinsätzen erleiden, aber mehr Durchschlagskraft erhält UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION, wenn man ihn als Kommentar zum Status quo des Actionhelden liest. Die tapferen Krieger für die gute Sache stehen plötzlich in einem anderen Licht da, wenn man sie mit Devereaux abgleicht – oder auch mit Scott (Dolph Lundgren), dem anderen NGU: Dessen unwillkürliche auftretenden Impulse zur Kontemplation und Reflexion werden immer wieder durch die Eingriffe seines Schöpfers unterbunden, dem sie schlicht unwillkommen sind; als Kriegsmaschine habe Scott gefälligst bedingungslos zu funktionieren. Die Forderung, seine Menschlichkeit zu vergessen, die Trautman – ganz väterlicher Freund – mit seiner „full circle“-Frage an Rambo richtet (siehe auch meine Texte zu RAMBO und THE ROOKIE), findet in UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION Widerhall in den Worten des Wissenschaftlers, der Devereauxs Regenerationsprozess mit einer Spritze unterbindet: „I can make you whole again.“ Ganz, eins, das ist Devereaux nach dem Verständnis des Wissenschaftlers dann, wenn dieser seine Zweifel vergisst und sich ganz seiner von außen auferlegten Bestimmung unterwirft, seine Funktion erfüllt, ohne sie weiter zu hinterfragen. So betrachtet sind die Actionhelden plötzlich traurige, unterjochte Geschöpfe (Frankensteins Monster nicht unähnlich – ich habe diesen Vergleich schon einmal gezogen), seelische Krüppel, für die es keine Erlösung jenseits des Todes mehr geben kann.

Was UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION aber über den resignativen Nihilismus hinausführt, ist dieser Funken Hoffnung, der in Form des nicht unterzukriegenden Drangs der Menschlichkeit, sich gegen äußere Zwänge zu behaupten, in Devereaux und Scott am Leben bleibt und Hyams Film davor bewahrt, zum allzu tristen Memento mori zu werden. Es ist das Ringen um ihre Restmenschlichkeit, das Devereaux und Scott inmitten einer Welt, die Menschlichkeit nur noch als Schwäche begreift und sie deshalb mit allen Mitteln abzutöten gedenkt, zu Sympathieträgern macht und den Blick in die Zukunft eröffnet. Ein wahrhaft großer Film: Und eine Actiongranate vor dem Herrn überdies.

Kommentare
  1. Marcos sagt:

    „So betrachtet sind die Actionhelden plötzlich traurige, unterjochte Geschöpfe (Frankensteins Monster nicht unähnlich – ich habe diesen Vergleich schon einmal gezogen), seelische Krüppel, für die es keine Erlösung jenseits des Todes mehr geben kann.“

    Genau das ist die absolute Hoffnungslosigkeit und das „Auf-der-Linie-wandern“. Der Tod bietet auch keine Erlösung mehr. Deveraux ist schon einmal gestorben – Scott sogar zweimal, weswegen er in Shakespeare-Gestus über das Sein reflektiert – und zurückgekehrt. Ein Leben als Mensch ist nicht (mehr) möglich, der Tod bietet aber auch keine neuen Möglichkeiten. UNI SOL 3 führt in die nächste Stufe, da die final frontier Tod bedeutungslos geworden ist. Hier wird ebenso Sartre wie Peckinpah weitergedacht. Luc Deveraux bleibt nur der Run auf der „Grenz-Linie“ zwischen Tod und Existenz und die Hoffnung auf transzendentale Auflösung. Peter Hyams zitiert hier dann auch indirekt das Ende seines Regiedebuts DIE SPUR DER GEWALT. Dass der letzte Kampf Deveraux‘ dann noch nicht mal ein Sieg war, wird durch den Epilog verdeutlicht. Der getötete Super-Uni-Sol war nur ein Modell von Hunderten. Das Modell des Actionhelden der 80er ist endgültig in der Depersonalisierung angekommen.

    • Funxton sagt:

      Peter Hyams ≠ John Hyams, niwoa?

      • Marcos sagt:

        Dass John Regisseur war und Peter die Kamera geführt hat, geht doch aus Ollis Text hervor. Hatte überlegt, ob ich Peter oder John schreiben soll, aber mich dann für Peter entschieden, weil er die Kamera führt und mit seinen fast 50 Jahren Erfahrung in der Film- und Fernsehbranche seinem Sohnemann bestimmt auch den ein oder anderen Tipp während der Dreharbeiten gegeben hat.

        Was dieser Art von Verbesserung soll, erschließt sich mir nicht.

    • Funxton sagt:

      @ Marcos: Entschuldige. Unaufmerksame Lektüre und unverbesserliches Besserwissertum.

  2. Oliver sagt:

    Sehr schöne Zusammenfassung, der ich nichts weiter hinzufühen kann, außer: Danke! (Und SPUR DER GEWALT muss ich mir jetzt endlich mal ansehen.)

    Eine Kleinigkeit nur: Der NGU, der da am Ende mehrfach reprosuziert auf Eis liegt, ist m. E. nicht der „Russe“, sondern der „gute“ NGU, der zuvor von diesem im Zweikampf getötet worden war.

  3. Marcos sagt:

    Ah, OK, dann hat Deveraux also doch noch eine letzte Schlacht „Mann gegen Mann“ geschlagen. Gefällt mir persönlich auch besser (als alter Pathos-Fan 😉 )

  4. Funxton sagt:

    Muss man den zweiten teil kennen um den dritten einbußenlos genießen zu können?

    • Oliver sagt:

      Also, ich kenne den zweiten Teil auch nicht und glaube auch nicht, dass der dritte in irgendeiner Form auf ihn Bezug nimmt. Wenn doch habe ich das jedenfalls nicht bemerkt. Womit deine Frage hinlänglich beantwortet sein sollte. Kauf dir das Teil, es wunderte mich, gefiele er dir nicht. (Hach, Konjunktiv.)

  5. […] nix daran, dass ich diesmal ein klein wenig enttäuscht bin. Aber ich habe ja noch ICARUS und UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION in der Hinterhand […]

  6. […] angenommen hat, habe ich hier zuletzt häufiger geschrieben, etwa anlässlich des herausragenden UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION. CYBORG SOLDIER könnte man als Ausarbeitung von dessen Andrew-Scott-Charakter beschreiben, der […]

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