living to die (wings hauser, usa 1990)

Veröffentlicht: September 13, 2010 in Film
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Als ein einfacher Gefangentransport in einem Blutbad endet, quittiert Polizist Nick Carpenter (Wings Hauser) den Dienst und verdingt sich fortan als Privatdetektiv. Sein alter Kumpel, der rücksichtslose Spekulant Eddie Minton (Asher Brauner), wendet sich an ihn, weil er vom Fotografen Jimmy (Arnold Vosloo) erpresst wird. Der weiß nämlich, dass Minton der letzte Kunde der verstorbenen Prostituierten Maggie (Darcy DeMoss) war, die vor Mintons Augen einem drogeninduzierten Herzanfall erlegen war. Carpenter sucht den Fotografen auf, der aber erschossen wird, bevor er etwas sagen kann. Dafür macht er wenig später die Bekanntschaft mit der vermeintlichen Toten – und verliebt sich in sie … 

Hausers zweite Regiearbeit, die er für die Produktionsfirma PM Entertainment von Richard Pepin und Joseph Merhi vorlegte, ist anhand der deutschen Synchronfassung zwar kaum fair und abschließend zu beurteilen, aber dass es sich bei LIVING TO DIE um einen ziemlich dreckigen und düsteren Film handelt, erkennt man trotzdem. Das nächtliche Las Vegas liefert mit seinen Glitzerfassaden eine attraktive Kulisse, statt in schicken Casinos und mondänen Hotels spielt Hausers Film aber meist in gammeligen Nachtclubs und heruntergekommenen Absteigen. Und dazu passend leistet die deutsche Synchronisation vor allem in der ersten halben Stunde Schwerstarbeit, um den Film zu einer denkbar schmierigen und asozialen Angelegenheit zu machen: Die rotzig intonierenden Sprecher greifen tief in die Kiste mit den saftigen Kraftausdrücken, das Englische „fucking“ wird treffend mit „verfickt“ übersetzt, Nutten immer mit besonders viel Nachdruck als solche bezeichnet. Es ist eine hässliche Welt, in die uns Hauser entführt. Er selbst hingegen, der ja auf cholerische Prolotypen geradezu abonniert ist, agiert eher zurückgenommen, ist eindeutig die Sympathiefigur und auch im Vergleich zu seinen Detektivkollegen etwa aus der Schwarzen Serie ein eher moderater Charakter: kein knurriger Einzelgänger, sondern ein gutgelaunter, optimistischer Zeitgenosse. Das Ende, das das Drehbuch für ihn bereithält, trifft da umso härter, zumal ich die finale Wendung, die den Film im Unterschied etwa zum kürzlich gesehenen WAR tatsächlich aufwertet, nicht habe kommen sehen. Mir hat LIVING TO DIE nach anfänglicher Irritation sehr gut gefallen, aber man sollte sich schon auf preiswert gemachten Sleaze einstellen, um ihn goutieren zu können. Action gibt es eher wenig, der Film ist ganz dem Noir verpflichtet, liefert aber eine angemessene Gossenversion dieses ja auch inhaltlich eher schmuddeligen Genres. Ich habe die deutsche Billig-DVD, die den Film in angemessener Qualität mit nicht zu sauberem Bild und nicht zu gutem Ton präsentiert, vor ein paar Jahren für nen Appel und nen Ei erstanden und erst jetzt als Nachtisch zu NO SAFE HAVEN ohne große Erwartungen eingeworfen. Die ideale Vorraussetzung, um diesen kleinen Schmierlappen zu genießen und ihn ins blutende Herz zu schließen.

Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Thema Plottwist: Wohl nur ein Gefühl, aber vor der Plottwist-Mania, die in den 90ern begann, konnten sie einen Film wirklich aufwerten. Führten gewissermaßen noch mal auf eine neue Ebene oder waren einfach nur naiv. Heute sehe ich da nur noch ein permanentes Haken schlagen, um Einfallslosigkeit zu kompensieren. Der Plottwist bezieht sich heutzutage auch nicht mehr so sehr auf die Motive bestimmter Figuren oder den Wandel einer Handlungsebene, sondern ganze Handlungswelten werden permanent durcheinander gewürfelt, dass irgendwann einfache Kognitionsregeln der Wahrnehmungspsychologie greifen und der Rezipient schlicht den Überblick bzw. noch schlimmer, das Interesse verliert.

  2. Oliver sagt:

    Vor der von dir so bezeichneten Plottwist-Manie gab es ja noch nicht einmal diesen Begriff, zumindest war dieses Mittel noch nicht so durchinstrumentalisiert wie heute. Ein Film hatte damals eben einfach eine Überraschung zu bieten, die aber mit dem Rest immer noch verbunden war. Ein gelungener „Twist“ war vor allem ein Beleg für die Fähigkeiten des Autors, während es ja heute fast einen Twistbaukasten gibt: Am Ende einfach zeigen, dass alles nur ein Traum war, eine handelnde Figur Produkt der Fantasie einer anderen ist etc. pp. Die heutigen „schlechten“ Plottwists erinnern mich in ihrem Angeklebt-Sein strukturell an den Brauch etwa der Slasherfilme der Achtziger, am Ende noch einen Epilog nachzuschieben, der die Fortsetzung ermöglichte. Im Grunde hatten auch diese Auferstehungsszenen mit dem vorangegangenen Film nichts mehr zu tun. Über die Enthüllung am Ende von PSYCHO – ein lupenreiner Plottwist – kann man das nicht sagen. Ja, der Plottwist ist ein reines Gimmick geworden. Es geht nur noch um die Überraschung an sich. Ausnahmen bestätigen die Regel.

  3. Marcos sagt:

    Ich weiß jetzt nicht genau wie präzise Du das meinst. Der Begriff des „twists“, oder spezieller des „plot twists“, stammt doch m.W. aus der Literaturgeschichte. Traumauflösungen, Wahnvorstellungen etc. gab es als „plot twist“ oder „twist ending“ schon vor 100 Jahren. Eines der berühmtesten frühen Filmbeispiele eines komplexen „plot twists“ ist DAS CABINETT DES DR. CALLIGARI (alles nur ein Traum bzw. Wahnvorstellungen). Auch „plot twists“ im Sinne von Wahrnehmungsverschiebungen sind in britischen Haunted-House-Filmen durchexerziert worden. Mir ging es mehr um quantitative Zunahmen sowohl innerhalb artfremder Genres, als auch innerhalb der filmischen Werke selbst. Permanente Handlungsumkehrungen, -Abweichungen oder -Verfremdungen. Doppelebenen, Scheinfiguren die dann natürlich zu dem von Dir erwähnten Aspekt führen, dass es nur noch um die Überraschung selbst geht. DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN pointiert und ironisiert den „plot twist“ von 100 Jahren Kino sehr amüsant (passenderweise 1995 gedreht, wo Film seinen offiziellen 100. Geburtstag hatte). Doch irgendwie wurde das ein „Lebenskonzept“ des Unterhaltungskinos.

    Ich erinner mich noch, wie das Publikum bei DALLAS den Tod Bobby Ewings nicht akzeptieren wollte und deshalb 50 Folgen oder so einfach als ein schlechter Traum von Pamela Ewing abgestempelt wurden. Das Publikum war zwar froh Bobby wieder zu haben, ärgerte sich aber über diesen schon damals im Soap-Opera-Bereich (!) völlig abgestanden „plot twist“ enorm.

  4. Oliver sagt:

    Ja, hast Recht. Was ich sagen wollte war, dass ein klassisches „twist ending“ eben auch nur ein mögliches, legitimes Ende für eine Erzählung war, während der Plottwist dem Zuschauer heute als Zusatzleistung verkauft wird, Filme auf den Twist am Ende förmlich hinkonstruiert werden. Das geht ja soweit, dass man bei manchen Filmen schon währenddessen merkt, dass sie auf eine „Überraschung“ hinauslaufen, der restliche Film eigentlich banaler Quark ist. Was soll das für eine Überraschung sein, die man schon vorher kommen sieht?

    Ich meine zu beobachten, dass es heute fast eine Art „Plottwist-Genre“ gibt, die mancherorts so bezeichneten Mindfuck-Movies. Denen geht es mit dem Twist eben nicht zuerst darum, eine Geschichte adäquat enden zu lassen, sondern lediglich um Zuschauerverwirrung. Der Twist in PSYCHO ist ja vor allem deshalb ein solcher, weil Hitchcock vorher mittels der Inszenierung entsprechende Erwartungen geweckt hat, die er dann unterläuft. Dass Normans Mutter tot ist, ist ja eigentlich gar nicht so überraschend – schließlich hat man sie kein einziges Mal vorher gesehen. Das wäre ein klassisches Twist Ending. Das Ende von WAR ist ein Plottwist neuer Schule – er ergibt aus dem Film heraus keinen Sinn, ist reiner Selbstzweck, um den Zuschauer mit einem Aha-Effekt aus dem Kino zu entlassen.

  5. Marcos sagt:

    Völlige Zustimmung.

    Der Begriff des „Mindfuck-Movies“ sollte sowieso erst mal schärfer definiert werden. Bisher habe ich noch keine mich überzeugende Definition gelesen, die nicht nur einen weiteren Begriff für ein werbekonzeptioniertes Zielpublikum oder postmoderne Theoriespielereien in die Welt stellen würde.

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