from paris with love (pierre morel, frankreich 2010)

Veröffentlicht: September 14, 2010 in Film
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James Reece (Jonathan Rhys Meyers), ein junger aufstrebender Agent im Dienste der US-amerikanischen Botschaft in Paris, erhält den Aufrag, mit dem Agenten Charlie Wax (John Travolta) zusammenzuarbeiten, um einen terroristischen Anschlag auf ein in Kürze stattfindendes Gipfeltreffen zu verhindern. Reece ist zunächst erschüttert über die ruppigen Methoden des großmäuligen Amerikaners, doch als sich herausstellt, dass er ganz persönlich in die Pläne der Terroristen involviert ist, ändert sich seine Haltung …

Während die gegenwärtigen Großtaten des amerikanischen Actionkinos überwiegend dem Independentbereich entspringen, zeigen die Franzosen unter Federführung des Produzenten Luc Besson derzeit am eindrucksvollsten, wie die Hochglanzvariante gefälligst auszusehen hat. Von den Nachwuchsregisseuren entwickelt sich vor allem Pierre Morel zu einer ernstzunehmenden Größe: Nachdem er als DoP für den Look von Filmen wie THE TRANSPORTER, UNLEASHED oder WAR verantwortlich war, inszenierte er selbst mit BANLIEUE 13, TAKEN und nun eben FROM PARIS WITH LOVE drei der herausragenden Beispiele des neuen französischen Actionfilms, allesamt geprägt durch eine phänomenale Choreografie ihrer atemberaubenden Actioneinlagen. Nach dem düsteren TAKEN nähert er sich mit FROM PARIS WITH LOVE zwar einer kommerzielleren Ausrichtung des Actionfilms an, wirft dabei aber gottseidank nicht jegliche Relevanz über Bord. Der Abgleich mit dem Vorgänger drängt sich nahezu auf, denn in beiden mischt ein US-Amerikaner die als Hauptstadt der Liebe apostrophierte französische Hauptstadt mächtig auf, verwandelt sie geradezu in ein qualmendes Kriegsgebiet. Doch während sich der Rachefeldzug Liam Neesons als Ex-Agent Mills in TAKEN noch als Kommentar zur Interventionspolitik der USA lesen ließe (oder die Figur einfach als Nachfolger der grenzüberschreitenden Helden des Westerns), so eignet sich Travoltas Charlie Wax eher für eine strukturalistische Lesart. FROM PARIS WITH LOVE – dessen Titel ein ganz fieser Scherz ist – beginnt als beschwingt-romantischer Agentenfilm mit einem smarten, gentlemanhaften Rhys Meyers, der als Reece zudem mit der wunderschönen Caroline (Kasia Smutniak) liiert ist, die jederzeit ein gutes Bondgirl abgeben würde. Er zieht das elegant-erfinderische Anbringen von Wanzen der handfesten Auseinandersetzung vor, macht sich nur ungern die Hände schmutzig und auf den nicht zu anstrengenden Arbeitstag folgt das romantische Candlelight-Dinner mit der Geliebten im Traumappartement über den Dächern von Paris. Die harte Zäsur erfolgt mit dem Eintreffen seines neuen amerikanischen Partners: Schon am Flughafen wird der Frieden durch den Kraftausdrücke und rassistische Verunglimpfungen förmlich sprühenden Wax jäh gestört, die anschließende Zerstörungstour durch als Chinarestaurants getarnte Drogenhöhlen, Hinterhofpuffs und das in den Banlieues angesiedelte Gangland markiert den engültigen Umschwung vom romantischen Agentenfilm hin zum brutalen Actioner mit zunehmend irritierenden komödiantischen Buddyfilm-Anleihen. Aber entgegen der Konventionen dieses Subgenres geht es hier keineswegs um eine beiderseitige Annäherung: Es ist allein Reece, der aus der Zusammenarbeit  mit dem mit allen Abwassern gewaschenen Profis etwas zu lernen hat. Am Ende wird er nicht nur begriffen haben, dass die Geheimdienstarbeit kein glamouröses Abenteuer, sondern vor allem dreckige Arbeit ist, die es auch einmal erfordert, dem Gegner eine Kugel in den Kopf zu jagen. Und diese Lektion wird der junge Agent auf die denkbar schmerzhafteste Art und Weise lernen, in einem Finale, das den bitteren Schlusspunkt unter einen Film setzt, der doch wie ein unschuldiger Spaß begann. 

Man könnte monieren, dass FROM PARIS WITH LOVE seinen amerikanischen Antihelden etwas zu extrovertiert anlegt, dass dessen wilde Sprücheklopferei nicht ganz zur ernsten Wendung passt, die der Film im letzten Drittel nimmt – die Verbindung von Travolta & Paris machte eine Royale-with-Cheese-Referenz wohl unumgänglich -, doch das hieße auch, die erwähnte strukturalistische Ausrichtung des Films zu übersehen, ebenso wie die Tatsache, dass Wax eben kein ausgereifter Charakter, sondern  Typ ist, der sich durch bestimmte durch Kinokonvention präfigurierte Wesenszüge auszeichnet – und der vom Scientologen Travolta überdies mit viel Verve und sichtbarer Ferkelsfreude gegeben wird. Und natürlich, dass FROM PARIS WITH LOVE ganz großes Entertainment darstellt, dessen Actionsequenzen geradezu fulminant sind und der unter anderem die vielleicht bestinszenierte Schießerei enthält, die ich seit langer Zeit gesehen habe. Den finalen Schub erhält der Film aber eben durch sein bitterböses und tragisches Ende, das mit einer Romantisierung des Agentendaseins endgültig aufräumt. Und dass er für seine Schlusseinstellung dann wieder zum beschwingten Ton zurückfindet, ist nicht etwa als pietätlos zu betrachten, sondern als endgültiger Knockout.

Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    Hm, irgendwie hatte ich mir nach deiner Kritik etwas mehr versprochen. Welche Szene war denn die „vielleicht bestinszenierte Schießerei“ seit langer Zeit? An sich waren die Schießereien schon sehr interessant umgesetzt, mit guter Mischung aus Tempo und Übersicht, manchmal hätte ich mir jedoch weniger Schnitte zwischen Schütze und Opfer gewünscht. Die Fahrszene war dafür super (und die kurze Verfolgung übers Dach allein aufgrund des Setting).

    Bezüglich der Handlung war ich irgendwie konstant irritiert und konnte selten nachvolziehen, warum Travolta (der teils sehr merkwürdig aussah im Gesicht, aber sein Schal glich das aus 🙂 nun was macht (undurchschaubarer Agentenalltag „vom König zum Bauern“?). Dadurch war es aber auch gerade unterhaltsam, wenn wieder eine völlig merkwürdige Wendung stattfand. Da leider quasi alle Charaktere im Rahmen des wankelmütigen Tonfalls des Films Schablonen bleiben, hat mich das ernste Ende jedoch kaum mitgenommen.

  2. Oliver sagt:

    Schade, dass er dir nicht so gut gefallen hat. Ich kann wohl kaum verhehlen, ein Fan des neuen französischen Actionkinos zu sein, insofern muss man da als neutraler Betrachter immer etwas von meinen Bewertungen abziehen. (Außerdem gefallen einem gekaufte Filme immer besser als geliehene, das kommt noch hinzu.) 🙂

    Mit der „bestinszenierten Schießerei“ meinte ich die Auseinandersetzung zwischen den Protagonisten und den Gangstern im Plattenbau. Die hatte schon ziemlich viel Power finde ich, die Einschüsse sahen zudem sehr realistisch aus und ich finde, dass sich Morel mit der Schnittfrequenz noch relativ zurückgehalten hat. Finde, dass der ganze Film trotz seiner Geschwindigkeit recht übersichtlich daherkommt.

    Die Verständnisschwierigkeiten kann ich nachvollziehen, die hatte ich auch, zumal auf der NL-DVD keine englischen Untertitel zuschaltbar sind. Aber erstens gehört das zu diesem Genre ja irgendwie mit dazu, zweitens schien mir das durchaus beabsichtigt, weil es ja auch um die Überrumpelung von Reece geht, der nach seinem beschaulichen Berufsalltag plötzlich mit der „Realität“ konfrontiert wird. Außerdem ist der Film einfach sauschnell und erklärt wirklich nix zweimal.

    Nun, dem Vorwurf der Schablonenhaftigkeit würde ich nicht nichtmal widersprechen. Die hat mich ja überhaupt dazu gebracht, eine strukturalistische Interpretation anzuschlagen. Aber sie ist m. E. mittlerweile fester Bestandteil des Actionkinos und steht zumindest bei mir nicht mehr einer emotionalen Involvierung entgegen. Ich denke, da ist man dann einfach als Zuschauer gefordert, Empathie aufzubringen, das Gezeigte „für voll“ zu nehmen. Reece muss am Ende erkennen, dass es die richtige Lösung ist, seine Geliebte zu erschießen. Das gönne ich auch einer Schablone nicht.

    • Marcos sagt:

      Tja, jetzt hast Du mir das Ende also doch noch verraten. Aber so schlimm ist das nicht, denn das konnte ich mir schon anhand Deines Textes zum Film denken. Mehr Personen waren ja nicht mehr übrig, um ein „bitterböses“ und „tragisches“ Ende beim Zuschauer zu evozieren.

    • HomiSite sagt:

      „Nicht so gut gefallen“ klingt nun aber auch negativer – der Film hat mir ja auf jeden Fall gefallen, vor allem weil er konstant abstruse Entwicklungen und Szene hat, die aber gleichzeitig auch die Bindung zum Zuschauer stören. Du hast sicher recht, dass der Zuschauer mit genug Empathie sich hineindenken kann (soll), das funktionierte bei mir aber bei diesem Film nicht so. Vielleicht auch weil die (überraschende) Verwicklung von Nebenfiguren leider auch gerne vorhersehbar ist. Da haben Serien mit mehr Zeit zur Charakterentwicklung einen klare Vorteil.

      Ich ziehe mal den Vergleich zu Taken, den ich mir gestern dann als Double Feature gab (und spoilere): Als Travolta am Tisch die Freundin erledigte, dachte ich zwar auch „WTF?“, aber war irgendwie noch total von der Atmosphäre perplex: Travolta quasi als bester altbekannter Freund der Familie und so. Während bei Taken die ähnliche Szene wirklich reinhaut! (Taken fand ich ob seiner Stringenz auch besser, aber ist auch klar ernster und anderes Subgenre.)

      Ich bin übrigens auch Fan des frz. Actionkinos, also zumindest Transporter fand ich brilliant. Mir kommt’s aber vor, dass diese Filme ihre Ideen manchmal nicht adquat umsetzen oder sie nicht ordentlich in den Gesamtfilm einbauen (Transporter 2 kommt mir da in den Sinn).

      Ah so, noch was zur Action von From Paris With Love: Ja, die war gut und du hast recht, dass die Plattenbauschießerei sehr gut war und der ganze Film (wie Taken) auch „echt“ bzgl. Treffer wirkte (nieder mit CGI-Blut). Ich hätte aber wie im ersten Comment schon angedeutet öfters mal Schießereien ohne Schnitte zwischen den Akteuren. Und eine absolute Unsitte scheint übrigens mittlerweile die (Nicht-)Streuung von Feuerwaffen zu sein: Sowohl in Inception als auch Taken ballern die Schurken gerne mal aus allernächste Nähe mit Schnellfeuerkanonen und treffen nix.

      • Oliver sagt:

        Ja, oft sieht man in moderneren Filmen Überraschungen und Verwicklungen voraus: zum einen, weil es mittlerweile unabdingbar geworden zu sein scheint, eine spektakuläre Enthüllung aufzubieten (ich hatte dazu neulich anlässlich meines Textes zu LIVING TO DIE eine Diskussion mit Marcos geführt), zum anderen weil äußere Merkmale dies nahelegen – wenn etwa ein berühmter Schauspieler eine allzu unspektakuläre Rolle spielt, kann man sicher sein, dass er sich als Täter entpuppt. In diesem Fall fand ich die in der Dinnerszene aufgebotenen Überraschungen aber beide total unvorhersehbar. Und das lag m. E. nicht zuletzt daran, dass FROM PARIS seine Figuren ohne lange Einführung hinstellt und sie einfach mal machen lässt, der Film lange Zeit – eigentlich bis zum Finale – „unentschieden“ scheint bzw. etwas vorgaukelt, was er dann doch nicht ist: nämlich eine Buddy-Komödie. Und das greift dann auch deine Kritik an, ihm gelänge es nicht, Einzelideen ins Ganze einzugliedern: Das Ganze ist bei PARIS von vornherein eine ziemlich fragmentierte Angelegenheit.

        Die TRANSPORTER-Reihe scheint mir hingegen sehr stringent zu sein. Vielleicht mit Ausnahme von Teil 2, von dem bei mir fast gar nix hängen geblieben ist.

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