holocaust 2000 (alberto de martino, italien/großbritannien 1977)

Veröffentlicht: September 14, 2010 in Film
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Der Industrialist Robert Caine (Kirk Douglas) will auf dem afrikanischen Kontinent ein hochmodernes Kernkraftwerk bauen, das die Dritte Welt mit einem Schlag von allen Sorgen befreien würde. Doch ihm schlägt reichlich Protest von Umweltschützern und Skeptikern entgegen, die die Risiken, die mit der neuen Technologie verbunden sind, für zu groß halten. Doch Caine, der von seinem Sohn Angel (Simon Ward) tatkräftig unterstützt wird, gibt nicht auf und nähert sich tatsächlich seinem Ziel, weil alle Kritiker auf mysteriöse Art und Weise das Zeitliche segnen. Erst als Caine auf zahlreiche Parallelen zwischen seinem Vorhaben und der Offenbarung des Johannes stößt, beginnt er an der Richtigkeit seiner Pläne zu zweifeln. Ist er gar der Vorbote der Apokalypse? 

Mit L’ANTICRISTO inszenierte De Martino 1974 die italienische Antwort auf Friedkins bahnbrechenden Erfolgsschocker THE EXORCIST. Konnte er dessen technischer Finesse auch nicht das Wasser reichen, so hatte er Blattys erzkatholischem Originaldrehbuch zumindest eine gewichtige antiklerikale Stimme entgegenzusetzen, die L’ANTICRISTO für mich wenn schon nicht zum besseren, so doch zumindest zum sympathischeren Besessenheitsfilm macht. Wie dem auch sei: L’ANTICRISTO war meines Wissens ein beachtlicher Erfolg und so war De Martino für findige Produzenten wahrscheinlich die erste Adresse, als es zwei Jahre später mit THE OMEN den nächsten amerikanischen Okkulthorrorhit zu vereuropäisieren galt. Eine ungleich leichtere Aufgabe, stellte Donners Film doch im Gegensatz zu Friedkins radikaler Attacke auf die Nerven seiner Zuschauer lediglich aufwändig produzierten, aber inhaltlich doch eher harmlosen Schabernack dar. So verwundert es kaum, dass HOLOCAUST 2000 dem amerikanischen Vorbild unter der routinierten Regie De Martinos ziemlich nahekommt: Statt Hollywood-Veteran Gregory Peck agiert hier Hollywood-Legende Kirk Douglas, der stilprägende sinfonische Score kommt nicht von Jerry Goldsmith, sondern von Ennio Morricone, das Teufelsbalg ist zwar kein Kind mehr, aber doch ein kaum weniger engelsgleich aussehender junger Mann und als Splatterhighlight wird nicht David Warner von einer Glasplatte, sondern Spiros Focas von einem Rotorblatt enthauptet. Lediglich mit dem Pacing hat De Martino einige kleinere Probleme:  HOLOCAUST 2000 tritt zwischendurch etwas auf der Stelle, zögert die schreckliche Offenbarung auch dann noch heraus, als der Zuschauer (der das Original kennt) längst schon weiß, wer da im Hintergrund die Strippen zieht. Der Moment, in dem es auch Caine dann endlich wie Schuppen von den Augen fällt, hat in seiner bombastischen Aufdringlichkeit daher durchaus etwas unfreiwillig Komisches, aber dank Morricones Score und der eindringlichen Montage obsiegt letztlich doch der Schauder. „Schauder“ trifft es eh ganz gut: Es gibt eine sehr unheimliche  Szene, in der Caine sich bei einem Standspaziergang in einer malerischen Bucht an der englischen Küste mit einem Wissenschaftler unterhält, der ihn eigentlich unterstützen sollte. Auch dieser vermeintliche Verbündete ist jedoch zu dem Ergebnis gelangt, dass das Atomkraftwerk eine erhebliche Gefahr darstellen würde und keinesfalls gebaut werden darf. Caine, dem die Zahl der Meinungsumschwünge in seinem Umfeld zunehmend unheimlich wird, dreht sich kurzerhand um und rennt weg, bald bemerkend, dass das Wasser um ihn herum stetig ansteigt. Als er das rettende Ufer endlich erreicht hat und sich umdreht, muss er erkennen, dass die Bucht mittlerweile komplett geflutet und der Wissenschaftler spurlos verschwunden ist. Die Szene ist so effektiv, weil sie den machtvollen Zugriff der bösen Macht spürbar macht, ohne dabei allzu eindeutig zu sein. Das Meer liegt ebenso unschuldig wie unmissverständlich drohend vor dem an seinem Verstand zweifelnden Empiriker Caine. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch das Ende, dem man vielleicht vorwerfen könnte, antiklimaktisch zu sein. Ich würde das hingegen als seine eindeutige Stärke ansehen. Weil De Martino die Zerstörung der Umwelt durch profitgierige Industrialisten als Teufelswerk identifiziert und die biblische Apokalypse sozusagen in die Realität zurückholt, ist die resignative Note, auf der sein Film endet, von wesentlich größerer Durchschlagskraft als das offene Ende von Donners Film. Vor diesem weltlichen Bösen gibt es kein Entrinnen, also bleibt dem Menschen nichts anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen. Es ist wohl diese Nüchternheit, die HOLOCAUST 2000 am deutlichsten von THE OMEN unterscheidet.

Wahrscheinlich war es nicht zu überlesen: HOLOCAUST 2000 hat mir – wie schon L’ANTICRISTO – sehr gut gefallen und wie bei jenem griffe es meines Erachtens viel zu kurz, ihn nur als Plagiat eines ungleich größeren und aufwändigeren Films zu begreifen. Anstatt die Vorlage plump zu kopieren, hat De Martino sich dessen Schablone vielmehr angeeignet, um daraus etwas eigenes zu machen. Machte er aus dem Gottesbeweis von THE EXORCIST einen Film über die verheerenden psychologischen Auswirkungen eines gerade in seinm Heimatland wütenden religiösen Fanatismus, so wendet er den pathetischen Hokuspokus von THE OMEN zum mahnenden Endzeitstoff. Dass er sich dabei nie von seinem südländischen Enthusiasmus überrumpeln lässt, vielmehr mit geradezu unterkühlter Sachlichkeit inszeniert, ist vielleicht – neben der Weigerung, in die Abgründe des Kannibalen- und Zombiesplatters hinabzusteigen – der Hauptgrund dafür, dass dieser tolle Regisseur bei Italofilmfans nie den Status eines Argento, Fulci, Lenzi oder Castellari oder selbst solcher eher durchschnittlich begabter Filmemacher wie Sergio Martino oder Aristide Massaccesi erreichte. Wer jetzt Lust auf HOLOCAUST 2000 bekommen hat: Unter dem Titel RAIN OF FIRE ist eine ausgezeichnete amerikanische DVD erhältlich.

Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Komisch, dass so häufig übersehen wird, dass Friedkin in DER EXORZIST durch die formalen Mittel das pro-katholische Drehbuch von Blatty nicht nur unterläuft, sondern geradezu attackiert. Friedkins Ablehnung gegenüber der Drehbuchmessage wird in jeder Einstellung spürbar. Auch einen Gottesbeweis gibt es liefert der Film zu keinem Zeitpunkt. DER EXORZIST sieht sich wie Griffiths GEBURT EINER NATION. Inhalt ist nur Beiwerk zur Kraft eines Filmes.

  2. Oliver sagt:

    Daran, dass das Drehbuch „prokatholisch“ ist, ändert das aber wohl nix. Sagst du ja schließlich selbst. Dass Friedkin anderes im Schilde führt, ist mir schon klar, an Blatty kann ich aber einfach nicht vorbeigucken.

  3. Marcos sagt:

    Ich finde gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen dem Drehbuch (für mich i.d.R. die unwichtigste Ebene für die Beurteilung eines Films) und dem tatsächlich realisierten Film so faszinierend. Sonst dürfte man GEBURT EINER NATION, PANZERKREUZER POTEMKIN, TRIUMPH DES WILLENS etc. ja auch nicht als die filmischen Meisterwerke sehen, die sie sind. Aber das ist natürlich auch recht akademisch gedacht.

    • Oliver sagt:

      Ich will dir da gar nicht grundsätzlich widersprechen. Und ich habe ja in den wenigen Sätzen, die ich hier über THE EXORCIST geschrieben habe – es ging ja immerhin um HOLOCAUST 2000 -, auch die von dir angesprochene Differenz zwischen Drehbuch und Film zwischen den Zeilen erwähnt.

      Du hast was Friedkin angeht mir gegenüber sicherlich einen privilegierten Zugang: nicht nur durch deine Psychologie-Kenntnisse, sondern vor allem deshalb, weil du seine Film vor nicht allzu langer Zeit erst komplett gesehen hast. Meine letzte EXORCIST-Sichtung liegt schon einige Jahre zurück. Die Probleme, die ich mit dem Film habe und die allesamt mit Blattys Drehbuch zu tun haben, konnte ich bisher nicht lösen. Ihn so lapidar in zwei, drei Sätzen abzuhandeln, war wohl nicht so ganz gerecht. Was ich über ihn gesagt habe, ist zur Einschätzung der De-Martino-Filme aber dennoch recht hilfreich. Dem schwierigen – und nicht zuletzt deshalb so interessanten und spannenden – Friedkin-Film gegenüber hat L’ANTICRISTO eben den Vorteil der Klarheit. Es ist der einfachere Film.

  4. Marcos sagt:

    Wollte auch nur plaudern, um dem Lernen aus dem Weg zu gehen. 😉

    Dass Du hier einen anderen Film besprichst, war mir auch aufgefallen. Ich hatte mich schon gewundert, warum Du immer von diesem Martino redest, wo doch Joe D’Amatao PORNO HOLOCAUST 2000 gedreht hat.

  5. Oliver sagt:

    Faulpelz!

    Lass dich übrigens nicht von meinem angepissten Tonfall stören. Dieses Scheiß-Internet versteht mich und meine Umgangsformen einfach nicht. 🙂

    Würde bei Gelegenheit übrigens gern mal mit dir über THE EXORCIST plaudern und mir deine Analysen anhören.

    Kleiner Klugschiss noch am Rande: Wenn du behauptest, dass Friedkins Film von einem Spannungsverhältnis lebt, ist es m. E. nur folgerichtig, dass beide Seiten – sowohl der Katholizismus Blattys als auch Friedkins Verwerfung desselben – im Film angelegt sind und von einem Zuschauer je nach eigener Herangehensweise geborgen werden können. Ich würde den Regisseur zwar auch jederzeit gegenüber dem Script-Autoren den Vorzug geben, aber das Drehbuch ist ja trotzdem noch da. Selbst Blatty war ja lange Zeit der Ansicht, THE EXORCIST sei eine adäquate Verfilmung seines Buches. Ich glaube, er hat sich ja später ziemlich mit Friedkin verkracht. Auf meiner Prä-DC-DVD war er jedenfalls noch sehr angetan von THE EXORCIST.

  6. Marcos sagt:

    Interessant. Ich habe mal gelesen, dass Blatty den Film zuerst gar nicht mochte und nach Previews unterbinden wollte (er soll auch Druck auf Warner ausgeübt haben mehr Katholizismus unterzubringen). Nach dem beispiellosen Erfolg des Films, also im Grunde unmittelbar nach Erscheinen 1973 in den Kinos, schwenkte er auf einmal um und fand ihn ja schon immer großartig. Auch Friedkin hieß dann auf einmal nur noch Billy. Aber Friedkin wollte ja auch angeblich keinen DC, weswegen er immer nur von Extended sprach, dann aber doch wieder DC. Das ist das Problem, wenn man direkte Aussagen der Künstler miteinbezieht. Dann blickt man irgendwann nicht mehr durch, weil die selbst nicht durchblicken.

    • Oliver sagt:

      Ja, richtig. Auf dem Bonusmaterial meine Jubiläums-DVD (25. Geburtstag, meine ich) spricht Friedkin noch davon, dass die Kinofassung der DC sei, und begründet glaubwürdig und luzide, warum jene Szenen, die später für den DC wiedereingefügt wurden, draußen geblieben waren. Ich kam mir etwas verarscht vor, als dann der von Friedkin autorisierte DC erschien …

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