the expendables (sylvester stallone, usa 2010)

Veröffentlicht: September 20, 2010 in Film
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Die Söldnertruppe „The Expendables“ um Barney Ross (Sylvester Stallone) erhält den Auftrag, die kleine im Golf von Mexiko gelegene Insel Vilena, die sich nach der Übernahme durch den amerikanischen Ex-CIA-Mann Munroe (Eric Roberts) in eine Militärdiktatur verwandelt hat, von ihren Unterdrückern zu befreien. Beim ersten Erkundungsgang, den Ross zusammen mit seinem Partner Lee Christmas (Jason Statham) unternimmt, kommt es zu einer ungeplanten Auseinandersetzung, mit dem Ergebnis, dass die Kontaktperson der „Expendables“, die Tochter von General Garza (David Zayas), in Gefangenschaft gerät und fortan um ihr Leben fürchten muss. Ross beschließt mit seinen Männern, die Mission wider besseres Wissen durchzuführen, um die Frau zu retten …

Ich hatte Angst vor diesem Film. Was vor zwei Jahren, als die ersten Gerüchte über die Besetzung dieses Films kursierten und klar wurde, dass Stallone tatsächlich vorhatte, dem Actionfilm der Achtzigerjahre ein Denkmal zu setzen, indem er alle seiner Protagonisten verpflichten oder gar reaktivieren wollte (zuerst sollte sogar Chuck Norris mitmachen), noch wie eine unerreichbare Utopie klang, war plötzlich und mit nur ein paar kleineren Abstrichen – neben Chuck Norris fehlt auch Jean-Claude Van Damme – Wirklichkeit geworden. Und wahr gewordene Träume sind bekanntlich nicht selten eine Enttäuschung. Der Trailer, der gegenüber dem unfassbaren ersten RAMBO-Teaser um nahezu alle Härten bereinigt war, schien meine Befürchtungen zu bestätigen: Verschwunden waren rohe Gewalt, diese ätzende Bitterkeit und allumfassende Tristesse, stattdessen sah das alles sehr gelackt und eher nach Neunzigerjahre-Spaßaction aus. Und somit nach genau dem, was ich definitiv nicht haben wollte. Jetzt, nachdem ich den Film gesehen habe, bin ich froh, dass ich mich vom Trailer nicht habe abhalten lassen, mir THE EXPENDABLES im Kino anzusehen: Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal so rundum glücklich, ja, geradezu selig aus dem Kino gekommen bin. Mit diesem warmen Gefühl im Herzen, das man vielleicht verspürt, wenn man nach Jahren alte Freunde wiedergetroffen hat und es aller Befürchtungen zum Trotz tatsächlich wieder wie früher gewesen ist.

Dabei ist THE EXPENDABLES ganz bestimmt kein perfekter Film. Wollte man unbedingt den Vergleich zu Stallones letzten Werken ziehen, so würde er dabei wahrscheinlich schlechter abschneiden als diese: Ihm fehlen die ehrliche Melancholie von ROCKY BALBOA und die verzweifelte Wut von RAMBO und insofern ist der weiter oben einmal gefallene Begriff „Spaßaction“ gar nicht so verkehrt. Und die Action ist zwar ausufernd und brutal und  nimmt einen nicht unbeträchtlichen Teil der Spielzeit ein, wirkt aber trotzdem wie Beiwerk. THE EXPENDABLES ist trotz seiner exzessiven Gewaltdarstellungen beinahe unschuldig, er scheint nicht aus Schmerzen geboren, sondern mit souverän-lässiger Hand hingeworfen, er ist kein Film, der aus einem inneren Bedürfnis heraus gemacht werden musste, sondern einer, den Stallone einfach machen wollte und ihn dann förmlich im Schlaf gemacht hat: Sly ist hier spürbar zu Hause, er hat ein paar seiner alten Kumpels um sich versammelt, um sich selbst und den oft geschmähten Actionhelden die gebührende Ehre zu erweisen und natürlich um – und hier ist das ausnahmsweise mal keine hohle Phrase –  den Freunden des Genres „Dankeschön“ zu sagen. Was genau bedeutet das? THE EXPENDABLES ist trotz seiner Söldner-Protagonisten und obwohl es im Plot ziemlich umstandslos ums Töten geht, vor allem ein herzlicher Film: Mehr als die ausufernden Actionszenen bilden die Dialoge zwischen den Expendables und deren einzelne Charaktere sein Herz. Dolph Lundgren hat als der unfreiwillig auf die falsche Bahn geratene und zum Gegner übergelaufene Gunner eine wunderschöne Rolle – vielleicht die schönste des Films – abbekommen, die seine irgendwie immer etwas ausgemergelte, sehnige und geschundene Gestalt perfekt einsetzt. Und Mickey Rourke interpretiert den ehemaligen Expendable Tool, der sich nun ganz dem Tätowieren widmet, ganz entgegen dem alternden idiot savant in THE WRESTLER als weisen Schamanen, der sozusagen die Essenz des Films und seines Genres in Worte fasst: Der Actionheld muss dem Ruf seines Herzens folgen, um nicht innerlich zu sterben. Der hinsichtlich ihrer Allstar-Besetzung vielleicht spektakulärsten Szene des Films – jener, in der mit Stallone, Schwarzenegger und Willis die großen Drei des Actionfilms zusammentreffen – könnte man noch am ehesten den Vorwurf des nerdjerkings machen, aber auch sie wirkt nicht kühl kalkuliert, weil sie das einstige Konkurrenzverhältnis als auch die Bewunderung der drei Stars füreinander sinnvoll und geistreich in den Film integriert, ohne sich an ihrem bloßen Zusammentreffen zu berauschen. Die übergroßen blinkenden Gänsefüßchen des postmodernen Zitatekinos sucht man jedenfalls vergeblich, die Szene gliedert sich wunderbar in Rhythmus und Ton des Films ein, anstatt ihn zu zerreißen. Am herrlichsten ist aber das Ende, das alle Helden der Expendables wieder zusammenführt und klar macht, worum es hier geht: um Freundschaft, Gemeinsamkeit, Loyalität. Die eine Geste, die das m. E. besser verkörpert als der pathetischste Woo-Film, möchte ich hier nicht verraten. Ich habe gestrahlt in meinem Kinosessel und dieses Strahlen auch noch in die triste Welt vor dem Kino getragen. Am meisten gefreut habe ich mich aber über die Anwesenheit von Gary Daniels: Die wenigsten Zuschauer von THE EXPENDABLES werden ihn erkennen oder überhaupt wissen, wer das ist, aber er ist da. Sie sind alle noch da. Unersetzlich statt expendable.

EDIT, 16.02.2011: Auf F.LM – Texte zum Film gibt es mittlerweile auch eine DVD-Rezension.

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Kommentare
  1. Marcos sagt:

    „Die eine Geste, die das m. E. besser verkörpert als der pathetischste Woo-Film, möchte ich hier nicht verraten.“

    Ui, ui, ui. Da haust Du mir aber wieder in die Kaldaunen. Aber was wäre ein Text von Dir, ohne das Du mir nicht wenigstens einmal so ein heftiges Dings um die Ohren verpasst, dass ich entweder zu Stein werde oder zu stottern beginne (W-w-w-aa-aaa-s!), weil ich denke: „Das kann er doch jetzt nicht wirklich auch nur im Ansatz ernst meinen.“ 😉

    Darüber hinaus freue ich mich, dass Dir der Film gefallen hat. Mir ging es mit dem gewärmten Herz ganz genauso. Wobei ich auch über manches, vor allem die Biker-Tour am Ende, herrlich lachen konnte.

  2. Oliver sagt:

    Finde die Aussage gar nicht so übertrieben, wenn man weiß, was genau ich meine. Sowas hat Woo nämlich tatsächlich nie gemacht. 😉

    Klar, der Film ist auch witzig. Aber eben auf eine sehr liebenswert-knuffige Art und Weise.

  3. Marcos sagt:

    Du sprichst in Deinem Text ja nicht von einer Geste, die Woo nie gemacht hat, sondern dass diese eine Geste das Thema Freundschaft besser verkörpert als ein ganzer Film von Woo. Das ist was anderes. Nebenbei weiß ich auch tatsächlich nicht welche Geste Du meinst, die das zu bewerkstelligen vermag. Und da ich ja nun jemand bin, der (inzwischen) eher eine geteilte Meinung zu Woo hat, geht es mir hier auch nicht um emotionale Affektbelange, sondern es interessiert mich rein von der Logik her. Die Aussage, die mir mehr in die Kaldaunen fährt, ist eine rein auf die relativen Größenverhältnisse bezogene und hat erst mal nichts mit Woo an sich zu tun. Ähnlich würde ich empfinden, wenn Du gesagt hättest, dass die angedeutete Identitätskrise, die Gunnar hat, jeden Hitchcock-Film übertreffe. 🙂

    • Oliver sagt:

      Die eine Geste, die ich meine, funktioniert quasi paradigmatisch. Sie bündelt, das, was Woo über Freundschaft sagen würde, aber auch, was THE EXPENDABLES im gesamten Film vorher sagt, in einem kurzen Moment, der eben durch diese Kürze und die exponierte Stellung am Ende eben besonderes Gewicht erhält. Das haut logisch hin, wenn man bereit ist zu akzeptieren, dass ein Bild mehr als 1000 Worte sagen kann. 🙂

      • Marcos sagt:

        Ok, ich versteh’s nicht, aber vielleicht erklärst Du’s mir mal, wenn wir telefonieren.

      • Oliver sagt:

        Du weißt doch, dass ich hier streng subjektive Eindrücke niederschreibe und dabei auch gern mal eine Schippe obendrauf lege. Ich will nicht meine Hand für jeden Satz ins Feuer legen den ich schreibe, noch ihn vorher dreimal auf seinen objektiven Wahrheitsgehalt abklopfen oder einer strengen Prüfung seiner logischen Implikationen unterziehen. Dass der in Diskussion stehende Satz vor allem dies, nämlich diskussionswürdig ist, sollte klar sein, das wird von mir ja implizit mitkommuniziert.

        Über jedem meiner Texte steht in einer Klammer: „Ich habe das so empfunden.“ bzw. besser „Ich würde meine Empfindungen und Gedanken in folgende Sätze übersetzen.“ Für mich war diese Szene in ihrer Leichtigkeit prägnanter als das, was Woo in seinen (vor mir schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehenen und deshalb auch unzuverlässig beurteilten) Filmen gemacht hat. Dass die seriöse historische Filmrezeption das anders sehen wird und vielleicht bessere Gründe hat, ihre Meinung zu vertreten als ich die meine, nehme ich gern in Kauf, um auch mal etwas Unerhörtes sagen zu können, dass z. B. dir die Kinnlade runterklappen lässt. 😉

      • Marcos sagt:

        Hoffe es steht jetzt an der richtigen Stelle:

        „dass z. B. dir die Kinnlade runterklappen lässt“

        Genau das war’s doch was ich in meinem ersten Kommentar konstatiert habe. Dass das subjektiv ist, liegt doch auf der Hand. Eine Erklärung wollte ich eigentlich gar nicht haben. Darauf bin ich nur eingegangen, weil Du in Deinem Antwortposting auf mein erstes den Eindruck erweckst, als ginge es Dir darum das Thema der Geste genauer zu erklären. Ich wollte eigentlich nur mitteilen, dass Du wieder die „ganz große Keule“ rausholst, die mich ob ihrer Leichtfertigkeit erstarren lässt. Du wirst schon Deine Gründe haben, warum Du es so schreibst.

      • Oliver sagt:

        Jaja, ich bezog mich ja auf deine Kinnlade. 🙂

        Wir telefonieren am besten mal. Fühlte mich aufgrund deines „Ich versteh’s nicht“ eben etwas, sagen wir mal, unverstanden. Deswegen die lange Erklärung.

  4. HomiSite sagt:

    Wirklich tief im Genre der „Actiongülle“ watete ich nie, aber als „80er Baby, 90er Kind“ hat man zumindest die bekannten Filme von Sly & Co. mitbekommen. Aber auch ohne zu wissen, wer Gary Daniels ist, unterhält der Film blendend und augenzwinkernd. Man merkt, dass die ganzen Schauspieler viel Spaß beim Dreh hatten. Das große bis ärgerliche Manko des Films ist jedoch die Wackelkamera (wenn man billiges CGI-Blut außer Acht lässt), die zumindest eine Martial-Arts-Szene ruiniert.

    PS: Hm, ich grübele gerade, welche Schlussszene zu meinen könntest (ist schon wieder fast ein Monat her, seitdem ich den Film sah).

    • Marcos sagt:

      „Das große bis ärgerliche Manko des Films ist jedoch die Wackelkamera (wenn man billiges CGI-Blut außer Acht lässt), die zumindest eine Martial-Arts-Szene ruiniert.“

      Ja, das fand ich auch etwas schade. Beim Kampf zwischen Lundgren und Li hatte ich das Gefühl, das kaum eine Aktion zu Ende geführt wird. Der Schnitt lässt einen immer am Resultat vorbeigleiten. Das Aufkommen dieser Schnittechnik in den frühen 1990ern wird inzwischen nur noch im Hyperspeed-Mode zelebriert.

      • Oliver sagt:

        Will HomiSites Frage hier ungern auflösen, weil ich vom Spoilern bei aktuelleren Filmen abgekommen bin. Um eine Hilfestellung zu geben: „Geste“ ist vielleicht weniger speziell zu verstehen als es sich anhört. Es gibt eine Überraschung am Schluss. Genau die meine ich. (Mit „Geste“ wäre also eine Geste des Regisseurs gemeint.)

        Klar, formal ist THE EXPENDABLES der filmischen Gegenwart verpflichtet. Mich hat das zumindest bei diser Sichtung nicht wirklich gestört. Das lag aber wohl auch daran, dass die Actionszenen für mich hier sowieso fast ausschließlich Bonusmaterial waren.

      • HomiSite sagt:

        Lu vs. Li:
        Hab gelesen, dass es auch einen bekannten Hongkong-Choreographen gab, was es umso unverständlicher macht, dass diese Kampfszene nicht einmal ansatzweise intakt gelassen wurde. David Bordwell hat zu dieser nervigen Inszenierungs(un)art gebloggt.

        Spoiler:
        Ich halte es mittlerweile so, dass die Texte spoilerfrei (oder es wird angekündigt), die Kommentare aber ungefiltert sind zwecks Diskussion. Wie auch immer, zur „Überraschung“ könnte ich mir vorstellen, äh, was du meinst. Andernfalls warte ich auf den Director’s Cut – mal sehen, ob Sly da auch am Schnitt was ändert.

        „Fast ausschließlich Bonusmaterial“:
        Okay, das kann nur von jemandem kommen, der extrem bewandert in der Materie ist :). Ein weiterer Kritikpunkt meinerseits war auch der etwas zähe Mittelteil – ich wollte ja „alte Helden“ in Daueraction sehen und nicht bei Teekränzchen.

  5. Marcos sagt:

    „Ein weiterer Kritikpunkt meinerseits war auch der etwas zähe Mittelteil – ich wollte ja „alte Helden“ in Daueraction sehen und nicht bei Teekränzchen.“

    Das ging mir zuerst auch so. Das lässt sich ganz gut als Remineszenz (ob nun bewusst oder unbewusst sei mal dahingestellt) an die einfache Dramaturgie vieler Actionfilme in den 80ern begreifen. Hat mir nach dem Erkennen dann mehr Spaß gemacht, weil es den Zeitreisefaktor unterstützte.

  6. […] noch sehr tastend versuche) allein. Es geht um The Expendables (die ich nicht so gut fand wie z.B. Oliver, aber vielleicht ähnlich wie Michael) und um das Pariser Étrange Festival, von dem ich bereits […]

  7. […] hatte ja anlässlich meines Kinobesuchs schon im vergangenen Jahr einen Text zu THE EXPENDABLES verfasst, (fast) pünktlich zur DVD-Veröffentlichung gibt es nun auf F.LM […]

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