inglourious basterds (quentin tarantino, usa/deutschland 2009)

Veröffentlicht: September 27, 2010 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich Tarantinos Zweiten-Weltkriegs-Film im Kino gesehen und hier einen galligen Text darüber veröffentlicht, der mir nun, da ich den Film zum zweiten Mal unter günstigeren Umständen gesehen habe, ziemlich unangenehm ist. Zur Erinnerung: Damals hatte ich Tarantinos nun nicht gerade kurzen Film direkt im Anschluss an das Fantasy Filmfest 2009 in einer Spätvorstellung gesehen und – das muss ich jetzt so sagen – einfach nicht mehr den Nerv, mich wirklich auf ihn einzulassen. Klassischer Fall von Reizüberflutung: Nach einer Woche mit rund 30 Filmsichtungen hätte ich wahrscheinlich besser etwas anderes gemacht, als mich gleich wieder in einen Kinosessel zu fläzen. Irgendwann, als die Müdigkeit zunahm, hat mich INGLOURIOUS BASTERDS dann nur noch genervt. Und dieses Gefühl hat die unangenehme Tendenz, sich zu verselbstständigen.

Dass meine Genervtheit mehr mein Problem als das des Films war, habe ich gestern feststellen dürfen, als mich der Film von Anfang an gepackt und nicht mehr losgelassen hat, als ich jede Wendung der wirklich grandiosen Dialoge verfolgt, jeden kleinen Ausflug auf die Metaebene genossen und mich nun wirklich zu keiner einzigen Sekunde gelangweilt habe. Blöde Ideen, die sich zu keinem sinnhaften Ganzen zusammenfügen, wie ich sie damals glaubte, konstatieren zu müssen, konnte ich diesmal auch nicht mehr ausmachen: Ganz im Gegenteil muss ich sogar sagen, dass der Film sich sehr zielstrebig und geradlinig entwickelt, alles seinen Platz hat und selbst vermeintlich selbstverliebte Manierismen sich plötzlich als absolut entscheidend für den Fortgang der Handlung entpuppen. Mein Vorwurf schließlich, Tarantinos Film versperre sich einem emotionalen Zugang, ist vollkommen unhaltbar: Nach JACKIE BROWN dürfte INGLOURIOUS BASTERDS Tarantinos menschlich wärmster Film sein, wie mich die Geschichte um Shoshanna Dreyfus damals kalt lassen konnte, ist mir ein ziemliches Rätsel. Ich will jetzt nicht mehr allzu viel über den Film schreiben, weil ich dem, was klügere und hellsichtigere Menschen vor einem Jahr schon geschrieben habe, eigentlich nichts mehr hinzuzufügen habe. Vielleicht nur eine Sache: Nach den punktgenauen und absolut virtuos geschriebenen Dialogen, die spätestens hier endgültig nicht mehr als Zierrat verleumdet werden können, sondern tatsächlich der dramatische Kern von INGLOURIOUS BASTERDS und äußeres Abbild aller auf Handlungsebene verhandelten Konflikte sind, freue ich mich unbändig auf das, was da als nächstes von ihm kommt. Mann, was war ich für ein Idiot!

Kommentare
  1. […] vom 27.09.2010: Dieser Text ist Unsinn. Wie ich heute über INGLOURIOUS BASTERDS denke, kann man hier […]

  2. Dein Eingeständnis zeugt von Grösse! Ich hatte ein ähnliches Problem mit „Pulp Fiction“ und machte mich über den Hype um Tarantino lustig, ärgerte mich gar darüber. Vor ein paar Monaten rang ich mich endlich zu einer zweiten Sichtung durch und werde früher oder später Abbitte leisten müssen. – Liegt es eventuell gar am Regisseur, der uns tatsächlich Jahrzehnte voraus ist? 😉 – Vermutlich nicht! Es könnte an meiner mangelnden Bereitschaft liegen, mich beim ersten Mal auf seine „Provokationen“ einzulassen.

  3. Groucho Marx sagt:

    Bei Tarantino und dem von Whoknows Best angesprochenen Hype kommt erschwerend hinzu, dass die Flut epigonaler Nachzügler negativ auf den stilbildenden Urheber zurückfiel. Die Verflüchtigung seiner Sprach- und Stilsicherheit in eine bemühte Zurschaustellung zweifelhafter „Coolness“, musste halbwegs schambegabte Menschen naturgemäß abstoßen. Sicher lassen sich auch hier Ursache und Wirkung rational auseinanderdividieren, aber mir hat das eine ganze Zeit lang meine Tarantino-Rezeption überschattet.

    Vor dem Hintergrund dürfte es kein Zufall sein, dass Tarantino die Erwartungen einer einschlägigen Klientel mit seinen jüngeren Filmen eigentlich konsequent unterlaufen hat.

  4. Oliver sagt:

    Hey, Groucho! Schön, mal wieder von dir zu lesen! 🙂

    Tarantino hat es dem kritischen Zuschauer auch insofern nicht leicht gemacht, weil sein Stil nun sehr offensiv ist, es unmöglich ist, ihn bei Betrachtung seiner Filme zu „übersehen“ oder zu „überhören“. Das Urteil, dass dieser Stil dann nur Augenwischerei ist, liegt immer nah, bzw. fällt leicht. Tatsächlich hat dieser Fokus auf die Dialoge dazu geführt, dass man Tarantino darauf reduziert hat und ihnen gegenüber die Betrachtung seiner Bildinszenierung bzw. seiner nicht-dialogischen Narration unterschlagen hat. Wenn ich da nur an Elsässers Interpretation von PULP FICTION in „Hollywood heute“ denke, schäme ich mich schon dafür, Tarantino immer so großzügig als vernachlässigbar abgeurteilt zu haben.

    Aber du hast natürlich Recht: Die Tatsache, dass es zahlreiche Epigonen gab, die Tarantino nicht verstanden haben, hat diese Fehlbetrachtungen noch begünstigt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.