there was a little girl (ovidio g. assonitis, italien 1981)

Veröffentlicht: September 29, 2010 in Film
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Als die Lehrerin Julie Sullivan (Trish Everly) von Father James (Dennis Robertson) erfährt, dass ihre Zwillingsschwester Mary (Allison Biggers) todkrank im Krankenhaus liegt und sie  nach mehr als sieben Jahren der Trennung sehen möchte, kommen in ihr längst verarbeitet geglaubte Ängste hoch: Unter der wahrhaften teuflischen Mary musste Julie als Kind nämlich unbemerkt von Eltern und anderen Erwachsenen wahre Todesängste und körperliche Torturen ausstehen. Die durch eine Knochenkrankheit schwer entstellte Mary macht bei Julies Besuch dann auch da weiter, wo sie einst aufhören musste, und droht ihr, sich am bevorstehenden gemeinsamen Geburtstag an ihr zu rächen. Als sie wenig später aus dem Krankenhaus verschwindet und Menschen aus Julies Umfeld auf mysteriöse Weise ums Leben kommen, ist sie sich ihres Lebens nicht mehr sicher. Doch weder ihr Freund Sam (Michael MacCrae) noch Father James schenken ihren Befürchtungen Glauben …

Unter dem Titel MADHOUSE – PARTY DES SCHRECKENS stieß Assonitis‘ Film bei der deutschen Staatsanwaltschaft auf nur geringes Verständnis und noch weniger Gegenliebe und wurde so im Zuge des Großreinemachens Mitte der Achtzigerjahre Anfang der Neunzigerjahre kurzerhand beschlagnahmt, wovon er aber im Gegensatz zu anderen Filmen, die durch das Verbot zu kultisch verehrten Artefakte wurden, merkwürdigerweise kaum profitieren konnte. Assonitis Film ist heute fast vergessen und fristet ein Dasein im Schatten deutlich bekannterer, aber auch wesentlich schlechterer Skandalfilme wie etwa Lenzis MANGIATI VIVI oder D’Amataos ANTHROPOPHAGUS. Hinsichtlich seiner Splattereffekte bleibt THERE WAS A LITTLE GIRL zwar bei aller Zeigefreude stets im Rahmen des noch Erträglichen und dürfte die FSK heute relativ problemlos und unbeschadet passieren, doch ist er in den ersten 60 Minuten unleugbar von einer fiesen, misanthropischen Stimmung geprägt, die mich stärker erwischt hat, als irgendwelche kannibalischen Ausweidungen oder sonstige Späße. Assonitis legt nach einer gialloesken, albtraumhaften Creditsequenz einen Schocker vor, der sehr davon profitiert, dass er die in der Kindheit geprägten und damit auf ein irrationales Ausmaß angewachsenen Ängste Julies zur Triebfeder seines Films macht. Was Mary ihrer Schwester wirklich angetan hat, bleibt weitestgehend ungewiss – Assonitis beschränkt sich auf eine kurze, eher harmlos anmutende Erzählung der Protagonistin -, doch Julies Blick lässt den Zuschauer die wahren Abgründe hinter den Worten erahnen und ihre schon Jahrzehnte zurückliegenden Angstzustände fast körperlich nachfühlen. Die Etablierung einer grundlos bösen Figur, die zudem bis auf wenige Sekunden, in der man sie sieht und hört, ausschließlich in der Erinnerung ihrer Schwester ihr Unwesen treibt, verlagert den Schrecken von der Leinwand in die Fantasie des Zuschauers, was sich im Horrorfilm immer wieder als Gewinn erweist. Mithilfe einer famosen Kamerarbeit, die die ungemütlichen Schatten in Julies Wohnhaus bedrohlich in den Vordergrund rückt und mehr als einmal sehr effektiv eine Subjektive vortäuscht (und zudem deutlich macht, dass es den modernen, mit Computernachbearbeitung auf siffig, eklig und schmuddelig getrimmten Horrorfilmen vor allem an Dunkelheit mangelt), und dem Gänsehaut evozierenden, einschmeichelnden und melancholischen Streicherscore von Riz Ortolani, in den dann wie schon beim Jahrhundertsoundtrack zu CANNIBAL HOLOCAUST immer wieder kalte Synthiesounds hereinplatzen und die Harmonie brutal zerreißen, gelingt Assonitis so ein ungemein wirkungsvoller, kreuzunheimlicher und origineller Horrorthriller. Der macht nach 60 Minuten aber einen krassen left turn, den sich vergleichbare Filme für die Schlussüberraschung aufzusparen pflegen und mit dem THERE WAS A LITTLE GIRL nahezu eine 180-Grad-Wende vollzieht. Im auf der hervorragenden DVD von Dark Sky enthaltenen Interview mit Assonitis bekundet der, dass er dem Drehbuch eine schwarzhumorige Seite abringen wollte, und das ist ihm zweifelsohne gelungen. Allerdings bin ich mir heute noch nicht so sicher, ob ich diese Wendung des Films wirklich gut finde: Nach den düsteren, albtraumhaften ersten zwei Dritteln des Films begibt er sich gegen Ende dann doch wieder auf vertrautes und „sicheres“ Terrain, doch wie er da hinkommt, hebt ihn vom Gros der Slasherfilme doch deutlich ab. Bleibt ein Film, der mir gestern bei gelöschtem Licht gehörig das Fürchten gelehrt hat und der die Aufmerksamkeit von Horrorfreunden unbedingt verdient hat. Egal, zu welchem Schluss man dann auch kommt: THERE WAS A LITTLE GIRL lässt sich sicherlich nicht fein säuberlich in eine der zur Verfügung stehenden Schublade einsortieren.

EDIT: Ich habe den Film ein zweites Mal gesehen und eine kleine Ergänzung formuliert.

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