Archiv für September, 2010

Ich habe endlich einmal wieder eine DVD-Rezension für F.LM verfasst: Objekt der Begierde ist diesmal die neue DVD von Bildstörung, Jaromil Jires‘ enigmatischer VALERIE – EINE WOCHE VOLLER WUNDER. Wer mehr über den Film erfahren möchte, bevor er den Film dann kauft und damit das mit einigem Abstand beste deutsche DVD-Label, das derzeit Filme veröffentlicht, unterstützt und belohnt, der klicke hier.

Der Weltraum-Haudegen Mike Colby (Jesse Vint) wird in eine Forschungsstation auf dem entlegenen Planeten Xarbia abkommandiert, wo Wissenschaftler nach einer Lösung für die intergalaktische Ernährungskrise suchen. Das Ergebnis dieser Suche ist Subject 20: ein durch Genexperimente mit einem außerirdischen Mikroorganismus entstandener Mutant, der jedoch außer Kontrolle geraten ist …

Nach dem italienischen ALIEN-Klon CONTAMINATION folgt nun Holzmans Film aus der Corman-Schmiede New World Pictures: Im Eiltempo von 20 Tagen mit einem Minibudget realisiert, ist FORBIDDEN WORLD (auch bekannt als MUTANT) ein ziemlich bizarrer kleiner Film, der die unterschwellige Sexualität von Scotts Film auf den Siedepunkt erhitzt und so in einen dampfenden Eintopf aus schwülem Sleaze verwandelt. Die weibliche Besatzung der Forschungsstation trippelt auf transparenten Fetisch-Pantoletten und in körperbetonenden Stretchhosen rum, die einen jeden Wunsch von den Lippen ablesen ließen, würde es einem gelingen, den Blick von den sekundären Geschlechtsorganen abzuwenden, die stets schweißbeperlt aus halb geöffneten Blousons lugen. Kein Wunder, dass dem tapferen Colby, dessen einziger Gefährte auf den Raumflügen durch die Unendlichkeit ein dissonant fiepender Roboter ist, da schon bald ein amtliches Zelt in der Hose wächst. Als er unmittelbar nach dem absolvierten Schäferstündchen mit der feschen Dr. Barabar Glaser (June Chadwick) die nicht minder attraktive Tracy Baxter (Dune Dunlap) im Dampfbad bedrängt, ihm die Geilheit förmlich aus dem feist grinsenden Gesicht springt, ist das aber durchaus unangenehm für den Zuschauer. Kein Wunder, möchte man meinen, dass sich die beiden Damen wenig später in homoerotischer Eintracht unter der Dusche wiederfinden, wo sie beschließen, dem Killermutanten nicht mit Waffengewalt, sondern mit weiblichem Einfühlungsvermögen auf die Pelle zu rücken. Doch der hat kein grundlegend anderes Verständnis von intersexueller Koexistenz als Colby und präsentiert der armen Barbara den Phallus. Kreisch! Wenn sich das jetzt so anhört, als sei FORBIDDEN WORLD ein vor allem auf den Unterleib abzielendes Männervergnügen, so sei hinzugefügt, dass Holzman (der später unter anderem PROGRAMMED TO KILL drehen sollte, den der Aussenseiter und ich bereits eingehend seziert haben) sich durchaus in der Erzeugung einer außerweltlichen und geradezu halluzinatorischen Stimmung versteht, die nur wenig mit der sachlichen Unterkühlung von Scotts Film zu tun hat. Der Score pendelt zwischen an 2001: A SPACE ODYSSEY gemahnende Klassikkompositionen und elektronischem Wabern und Stampfen, der Cutter wird zu strategisch günstigen Zeitpunkten von der Leine gelassen, um sich in hochfrequentigen dissoziativen Schnittfolgen zu ergehen, und das Drehbuch liefert mit seinen abseitigen Einfällen den passenden Stoff für diese wildgewordene Form. Dass bei den Effekten und Bauten Meister Schmalhans Küchenmeister war, tut dem Gelingen keinen Abbruch, im Gegenteil. Die aus der Not geborenen Designs würde man heute vielleicht als Steampunk-meets-Camp bezeichnen, das wahrscheinlich aus mehreren schwarzen Müllsäcken zusammengeklebte Monster ist wohl die beste Alien-Kopie, die man mit ohne Geld auf die Beine stellen kann, und bei den Splatterszenen hat man einfach einen Extrazentner Rindermett und Schweineblut verwendet. Am billigsten kommt ironischerweise tatsächlich die Eröffnungssequenz daher, die Colby als hansoloesken Weltraumtausendsassa, der feindliche Schiffe abschießt, einführt und mit dem Rest des Film rein gar nix zu tun hat. „Ironischerweise“, weil dies die erste Sequenz ist, die für den Film gefertigt wurde und mit der sich Holzman überhaupt erst als Regisseur bei Corman empfahl. Der hat wahrscheinlich nur gesehen, dass man mit ein paar geschickt im Trailer platzierten Bildern Kasse bei der STAR WARS-Zielgruppe machen kann und den Zuschlag gegeben. Für ihn hat es sich genauso gelohnt wie für den Zuschauer, denn FORBIDDEN WORLD ist nichts anderes als ein Klassiker des neueren B-Films.

Im Hafen von New York läuft ein führerloser Frachtdampfer ein. Bei der Begehung des Schiffes durch die Polizei unter der Führung von Lieutenant Tony Aris (Marino Masé) stellt sich heraus, dass die gesamte Besatzung tot ist, im Frachtraum finden sich zudem Hunderte von Kartons, die mit merkwürdigen eierartigen Gebilden gefüllt sind. Deren Inhalt entpuppt sich schon kurz darauf als ausgesprochen tödlich, was den Einsatz von Colonel Stella Holmes (Louise Marleau) erforderlich macht. Experimente zeigen, dass die Eier außerirdischen Ursprungs sind und offensichtlich von einer Marsexpedition auf die Erde gebracht wurden. Den Astronauten Hubbard (Ian McCulloch) hatte man noch für verrückt erklärt, als er die Eier in seinem Bericht erwähnte, nun weiß man es besser. Und sein Partner Hamilton (Siegfried Rauch), der angeblich tot sein soll, ist quicklebendig und bereitet von Südamerika aus die Invasion der außerirdischen Lebensform vor …

CONTAMINATION ist einer von zwei frühen italienischen Versuchen, sich eine Scheibe vom Erfolg von Ridley Scotts ALIEN abzuschneiden (der andere ist der frech betitelte ALIEN 2 – SULLA TERRA von Ciro Ippolito) und gilt nicht zuletzt aufgrund seiner exzessiven Splattereffekte, die man als wenig subtile Interpretation des Original-Chestbursters verstehen darf, als kleiner Klassiker des Italosplatters. Und das sehr zu Recht, wie ich nach meiner erst jetzt absolvierten Erstsichtung erfreut festgestellt habe: Im Blick hatte ich ihn zwar schon seit etlichen Jahren, aber irgendwie ist mir immer etwas dazwischen gekommen bzw. schien mir dringlicher als dieser Film, der ja zudem jederzeit verfügbar war. Aber was ist mir da für ein prächtiges Schätzchen entgangen! Die Parallelen zum Vorbild sind zwar unverkennbar, die Eier sehen tatsächlich fast genauso aus wie in Scotts Meisterwerk, aber Cozzi hat dann doch wesentlich dickere als der inszenierende Werbefuzzi aus England: Statt eines mageren aufplatzenden Brustkorbs gibt es hier etliche davon und die Eingeweide spritzen meterweit und zudem in Zeitlupe, dass einem förmlich das Herz überläuft. Und handlungstechnisch schreitet Cozzi durchaus auf eigenen Wegen: Der Hauptunterschied ist wohl die (budgetbedingte) Verlegung der Handlung von einem Raumschiff/fremden Planeten auf die Erde, die Abwesenheit eines killenden Monsters, das aus den Eiern schlüpft, und eine deutliche Akzentverschiebung in Richtung Bondfilm’scher Weltbeherrschungsfantasien. Die fremde Alienbrut hat nämlich die telepathische Herrschaft über einen Menschen übernommen, der wie ein megalomanischer Superschurke die Invasionspläne „leitet“ und zudem die „Mutter“ der Aliens beherbergt. Das Finale mit dem bizarr aussehenden – und tricktechnisch sehr gut gelungenen – Zyklopenwesen ist der Zuckerguss auf einem ohnehin schon äußerst wohlschmeckend geratenen Alienkuchen und man könnte sogar fast sagen, dass Cozzi hier die erst in Camerons Sequel auftretende Alienmutter vorwegnimmt.

Was CONTAMINATION im direkten Vergleich mit ALIEN fehlt, ist neben den ganz offenkundigen production values und dem superioren Giger-Design vor allem die Atmosphäre repressiver Sexualität samt der entsprechenden Symbolik – Cozzis Film ist einfach nur straighter, aber sehr stimmungsvoller Alien-Invasion-Splatter ohne jedweden Subtext – sowie die so genial erdachte Genese der fremden Rasse. Die lückenlos-zyklische Entwicklung der Aliens von der Mutter zum Ei zum Facehugger zum Chestburster zum fertigen Alien weicht in CONTAMINATION einer traurigen Eintagsfliegen-Existenz: Die Alienmama brütet Eier aus, die dann platzen und Menschen töten. Der Freude tut dies aber, wie gesagt, keinen Abbruch: Mithilfe von Kameramann Giuseppe Pinori und Editor Nino Baragli gelingen einige formidabel umgesetzte Szenen – sehr gut hat mir etwa das Zusammenspiel der beiden in einer eigentlich eher unspektakuläre Szene auf einem Hotelflur gefallen, aber auch die Mars-Rückblende ist toll -, Goblin hat einen hübschen Score beigesteuert, die Effekte sind spitze und Siegfried Rauch hat eine wahrhaft saftige Rolle abbekommen. Wenn es etwas zu meckern gibt, dann nur, dass das arg schematische offene Ende dem Film rein gar nichts bringt. Verschmerzbar im Gegensatz zu seinem platzenden Brustkorb, möchte man meinen.

the being (jackie kong, usa 1983)

Veröffentlicht: September 20, 2010 in Film
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Weil eine Sondermülldeponie wohl doch nicht so sicher ist, wie ihr Betreiber Garson Jones (Martin Landau) gern behauptet, hat das beschauliche Kleinstädtchen Pottsville, Idaho, plötzlich ein ernsthaftes Monsterproblem. Detective Lutz (Bill Osco) begibt sich auf die Jagd …

Nach SPAWN OF THE SLITHIS der nächste Radioaktive-Monster-Film. Unter der Regie von Jackie Kong, die ein paar Jahre später die BLOOD FEAST-Hommage BLOOD DINER kredenzen sollte, ist der Monsterspaß hier objektiv betrachtet rundum besser gelungen: besser gespielt, besser geschrieben, besser gefilmt. Leider muss THE BEING dafür aber ohne die charmanten Verzeichnungen auskommen, die Traxlers Film erst so liebenswert und interessant gemacht hatten. Kongs Film läuft eher formelhaft ab, weiß dieses Manko lediglich durch den Einsatz hübscher Splatter- und Schleimeffekte  sowie die Anwesenheit von Martin Landau und José Ferrer, der sich im Herbst seiner Karriere wohl auch für nichts zu schade war, aufzufangen. Legitime Mittel, die aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ein akuter Ideenmangel zu diagnostizieren ist. Das Monster selbst sieht man erst zum Schluss, wohl auch, weil es mit seinem riesigen Schwabbelkopf und dem doof glotzenden Zyklopenauge  eher mitleiderregend ist, bis dahin wird es aber recht effektiv in kaschierenden Pars-pro-Toto-Aufnahmen eingesetzt. Insgesamt habe ich mich schon eher gelangweilt, aber das würde ich nicht unbedingt dem Film anlasten wollen. Mir hat SPAWN OF THE SLITHIS im direkten Vergleich einfach besser gefallen, auch wenn mir die Mehrheit der Menschen, die beide Filme gesehen haben, da wahrscheinlich vehement widersprechen würden.

In Venice werden erst grausam verstümmelte Tiere und dann schließlich auch Menschen aufgefunden. Die Polizei vermutet hinter den Morden das Treiben einer Sekte, doch der Journalist und Lehrer Wayne Connors (Alan Blanchard) entdeckt an einem der Tatorte eine merkwürdige schlammartige Substanz, die er seinem Freund, dem Wissenschaftler Dr. John (J. C. Claire) zur Analyse überlässt. Der stellt fest, dass der Schlamm – vermutlich durch ein Leck in einem Kernkraftwerk – Schlamm radioaktiv verseucht ist und außerdem einige weitere merkwürdige Eigenschaften aufweist. Tatsächlich ist unter dem Einfluss von austretender Radioaktivität ein Monster entstanden, dass nun den Ort unsicher macht …

SPAWN OF THE SLITHIS (die DVD von Code Red nennt den Film nur SLITHIS) ist ultrabillig nach dem Vorbild der Monsterfilme der Fünfzigerjahre gefertigter Monsterschlock, der ein bisschen mithilfe von JAWS-Anleihen (die abschließende Jagd mit dem Schipperkahn) aufgepeppt wurde, aber seinen eigentümlichen Reiz vor allem einigen merkwürdigen Drehbuch- und Regieeinfällen sowie dem heruntergekommenen Lokalkolorit der Strandpromenade von Venice mit ihren zahlreichen Saufköpfen und Verlierertypen verdankt verdankt. So gibt es zwischendurch eine auf authentisch getrimmte Sequenz, in der sich der objektive Kamerablick völlig unvermittelt in eine diegetische Subjektive verwandelt und einer der angesprochenen Alkoholiker direkt in diese hineinspricht, als würde er vom Fernsehen interviewt werden. Und kurz vor Beginn des letzten Aktes verabschiedet sich der Film dann für gut zehn Minuten komplett von den bisherigen Protagonisten – und zunächst auch ganz von der Handlung – um zwei Opfer einzuführen, die nach einer ziemlich ausgedehnten Szene vom Monster dahingerafft werden: Bei diesen handelt es sich um einen ca. 45-jährigen Burt-Reynolds-Look- und auch -Behave-alike, der eine 18-Jährige bei einem gut besuchten und frenetisch bejubelten Schildkrötenwettrennen (!) aufreißt und für ein Schäferstündchen auf sein Boot entführt. Dort nimmt er mit ihr an einem Tisch platz, auf dem ein gerahmtes Foto von ihm in smarter Verführerpose steht, öffnet eine Flasche Pennerglück und schaltet mit den Worten „instant atmosphere“ das Pufflicht aus dem Baumarkt an als sei er Casanova persönlich und nicht der Kinderschänder, der mit seinem Zuhälterschlitten vor der Grundschule wartet. In einer anderen Szene suchen die Protagonisten einen Wissenschaftler auf, der zunächst immer genau so abgelichtet wird, das man sein Gesicht nicht sieht, bis er dann aus dem Schatten tritt und – huibuh! – eine entstellte Fratze zum Besten gibt. Wiesoweshalbwarum interessiert dann jedoch nicht mehr, der besagte Wissenschaftler hat mit dieser Szene seine Schuldigkeit getan und verschwindet aus dem Film. So bewegt sich SPAWN OF THE SLITHIS, dessen Handlung eigentlich bereits nach der Exposition keine Überraschungen mehr bereithält, von einer zarten Zuschauerirritation zur nächsten und hält so das schnell zu erlahmen drohende Interesse wach. Auch die zwischen nur doof und skurril-humorvoll schwankenden Dialoge („I detest bathrobes!“) tragen ihren Teil dazu bei, dass es zumindest mir schwerfällt, den Film so als völlig missratenen Schund abzutun, wie das die Bewertungen im Netz auszudrücken scheinen. Trashig ist die Soße natürlich, wer hätte das gedacht, darüber hinaus – und wie es sich für einen Monsterfilm aus den Siebzigern gehört – aber auch ziemlich dreckig und schmuddelig. Das Monster – ein Mann im Gummianzug – sieht ganz ordentlich aus, das blutige und abrupte Ende passt wie der Arsch auf den Eimer. Wer findet, das Seventies-Tristesse und Monsterspaß sich nicht ausschließen und viel zu selten eine Ehe miteinander eingegangen sind, wird wohl seinen Spaß haben. Nur Mimi Leder, die für SPAWN OF THE SLITHIS noch als Script Supervisor fungierte, dachte wohl, es sei besser, Eventmovie-Kacke wie THE PEACEMAKER und DEEP IMPACT zu inszenieren. Selbst Schuld.

Die Söldnertruppe „The Expendables“ um Barney Ross (Sylvester Stallone) erhält den Auftrag, die kleine im Golf von Mexiko gelegene Insel Vilena, die sich nach der Übernahme durch den amerikanischen Ex-CIA-Mann Munroe (Eric Roberts) in eine Militärdiktatur verwandelt hat, von ihren Unterdrückern zu befreien. Beim ersten Erkundungsgang, den Ross zusammen mit seinem Partner Lee Christmas (Jason Statham) unternimmt, kommt es zu einer ungeplanten Auseinandersetzung, mit dem Ergebnis, dass die Kontaktperson der „Expendables“, die Tochter von General Garza (David Zayas), in Gefangenschaft gerät und fortan um ihr Leben fürchten muss. Ross beschließt mit seinen Männern, die Mission wider besseres Wissen durchzuführen, um die Frau zu retten …

Ich hatte Angst vor diesem Film. Was vor zwei Jahren, als die ersten Gerüchte über die Besetzung dieses Films kursierten und klar wurde, dass Stallone tatsächlich vorhatte, dem Actionfilm der Achtzigerjahre ein Denkmal zu setzen, indem er alle seiner Protagonisten verpflichten oder gar reaktivieren wollte (zuerst sollte sogar Chuck Norris mitmachen), noch wie eine unerreichbare Utopie klang, war plötzlich und mit nur ein paar kleineren Abstrichen – neben Chuck Norris fehlt auch Jean-Claude Van Damme – Wirklichkeit geworden. Und wahr gewordene Träume sind bekanntlich nicht selten eine Enttäuschung. Der Trailer, der gegenüber dem unfassbaren ersten RAMBO-Teaser um nahezu alle Härten bereinigt war, schien meine Befürchtungen zu bestätigen: Verschwunden waren rohe Gewalt, diese ätzende Bitterkeit und allumfassende Tristesse, stattdessen sah das alles sehr gelackt und eher nach Neunzigerjahre-Spaßaction aus. Und somit nach genau dem, was ich definitiv nicht haben wollte. Jetzt, nachdem ich den Film gesehen habe, bin ich froh, dass ich mich vom Trailer nicht habe abhalten lassen, mir THE EXPENDABLES im Kino anzusehen: Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal so rundum glücklich, ja, geradezu selig aus dem Kino gekommen bin. Mit diesem warmen Gefühl im Herzen, das man vielleicht verspürt, wenn man nach Jahren alte Freunde wiedergetroffen hat und es aller Befürchtungen zum Trotz tatsächlich wieder wie früher gewesen ist.

Dabei ist THE EXPENDABLES ganz bestimmt kein perfekter Film. Wollte man unbedingt den Vergleich zu Stallones letzten Werken ziehen, so würde er dabei wahrscheinlich schlechter abschneiden als diese: Ihm fehlen die ehrliche Melancholie von ROCKY BALBOA und die verzweifelte Wut von RAMBO und insofern ist der weiter oben einmal gefallene Begriff „Spaßaction“ gar nicht so verkehrt. Und die Action ist zwar ausufernd und brutal und  nimmt einen nicht unbeträchtlichen Teil der Spielzeit ein, wirkt aber trotzdem wie Beiwerk. THE EXPENDABLES ist trotz seiner exzessiven Gewaltdarstellungen beinahe unschuldig, er scheint nicht aus Schmerzen geboren, sondern mit souverän-lässiger Hand hingeworfen, er ist kein Film, der aus einem inneren Bedürfnis heraus gemacht werden musste, sondern einer, den Stallone einfach machen wollte und ihn dann förmlich im Schlaf gemacht hat: Sly ist hier spürbar zu Hause, er hat ein paar seiner alten Kumpels um sich versammelt, um sich selbst und den oft geschmähten Actionhelden die gebührende Ehre zu erweisen und natürlich um – und hier ist das ausnahmsweise mal keine hohle Phrase –  den Freunden des Genres „Dankeschön“ zu sagen. Was genau bedeutet das? THE EXPENDABLES ist trotz seiner Söldner-Protagonisten und obwohl es im Plot ziemlich umstandslos ums Töten geht, vor allem ein herzlicher Film: Mehr als die ausufernden Actionszenen bilden die Dialoge zwischen den Expendables und deren einzelne Charaktere sein Herz. Dolph Lundgren hat als der unfreiwillig auf die falsche Bahn geratene und zum Gegner übergelaufene Gunner eine wunderschöne Rolle – vielleicht die schönste des Films – abbekommen, die seine irgendwie immer etwas ausgemergelte, sehnige und geschundene Gestalt perfekt einsetzt. Und Mickey Rourke interpretiert den ehemaligen Expendable Tool, der sich nun ganz dem Tätowieren widmet, ganz entgegen dem alternden idiot savant in THE WRESTLER als weisen Schamanen, der sozusagen die Essenz des Films und seines Genres in Worte fasst: Der Actionheld muss dem Ruf seines Herzens folgen, um nicht innerlich zu sterben. Der hinsichtlich ihrer Allstar-Besetzung vielleicht spektakulärsten Szene des Films – jener, in der mit Stallone, Schwarzenegger und Willis die großen Drei des Actionfilms zusammentreffen – könnte man noch am ehesten den Vorwurf des nerdjerkings machen, aber auch sie wirkt nicht kühl kalkuliert, weil sie das einstige Konkurrenzverhältnis als auch die Bewunderung der drei Stars füreinander sinnvoll und geistreich in den Film integriert, ohne sich an ihrem bloßen Zusammentreffen zu berauschen. Die übergroßen blinkenden Gänsefüßchen des postmodernen Zitatekinos sucht man jedenfalls vergeblich, die Szene gliedert sich wunderbar in Rhythmus und Ton des Films ein, anstatt ihn zu zerreißen. Am herrlichsten ist aber das Ende, das alle Helden der Expendables wieder zusammenführt und klar macht, worum es hier geht: um Freundschaft, Gemeinsamkeit, Loyalität. Die eine Geste, die das m. E. besser verkörpert als der pathetischste Woo-Film, möchte ich hier nicht verraten. Ich habe gestrahlt in meinem Kinosessel und dieses Strahlen auch noch in die triste Welt vor dem Kino getragen. Am meisten gefreut habe ich mich aber über die Anwesenheit von Gary Daniels: Die wenigsten Zuschauer von THE EXPENDABLES werden ihn erkennen oder überhaupt wissen, wer das ist, aber er ist da. Sie sind alle noch da. Unersetzlich statt expendable.

EDIT, 16.02.2011: Auf F.LM – Texte zum Film gibt es mittlerweile auch eine DVD-Rezension.

public service announcement no. 1: der ninja-marathon

Veröffentlicht: September 17, 2010 in Über mich, Zum Lesen
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Ich langweile mich gerade und poste deshalb schon mal eine erste kleine Ankündigung für ein Blog-Event, das ich derzeit plane und das mich jetzt schon seit ein paar Tagen beschäftigt. Weil mir demnächst eine Woche des Strohwitwertums bevorsteht, bei mir zu Hause noch ein ganzer Stapel ungesehener Ninjafilme herumliegt (bzw. noch darauf wartet, bei Filmundo ersteigert respektive gekauft zu werden), jeder einzelne davon aber wahrscheinlich eine viel zu traurige Angelegenheit ist, um ihn einer „normalen“ Filmsichtung zu unterziehen, und ich außerdem ein Freund von überzogenen, unüberlegten, von Selbstüberschätzung geprägten Mammutaktionen Werner Herzog’scher Ausmaße bin, dachte ich mir, ich nutze die einmalige Gelegenheit und unterziehe mich einem nie dagewesenen Ninjafilm-Selbstversuch, den ich im Blog entsprechend dokumentieren werde. Der ungefähre Plan sieht so aus: Ich benenne einen noch festzulegenden Termin, an dem ich mir dann möglichst viele Ninjafilme hintereinander anschaue (mit Pausen zur lebensnotwendigen Nahrungsaufnahme und Befriedigung anderer pressierender Bedürfnisse, versteht sich), Ende der Veranstaltung offen. Von dieser Aktion verspreche ich mir nicht nur, dass sich genug empathiefähige Leser finden, die meine Leidens- und Opferbereitschaft zu schätzen wissen, sondern 1. ein tieferes Verständnis des gegeißelten Ninjafilm-Genres, 2. die endgültige Beantwortung der Frage, ob es sich bei diesem Genre tatsächlich um das konzeptionell missratendste, filmisch traurigste und künstlerisch minderwertigste aller bislang erdachten Filmgenres handelt, sowie natürlich 3. ein bewusstseinserweiterndes Erlebnis, das im Idealfall sogar ein paar lustige Texte nach sich zieht. Worüber ich derzeit noch nachdenke, ist der Modus meiner Texte bzw. ihrer Veröffentlichung. Eigentlich böte sich ja ein Live-Blogging, sprich ein fortlaufender stream-of-(un)consciousness an, der das zeitliche Fortschreiten der Filme und den damit einhergehenden kontinuierlichen Kollaps meines Geisteszustandes parallelisiert und nachvollziehbar macht, allerdings weiß ich weder, ob das schreiberisch praktikabel ist, noch, ob dabei wirklich lesenswerte oder auch einfach nur lesbare Texte rumkommen. Außerdem scheint mir der Erfolg dieses Modus zu sehr von der „Qualität“ der Filme abzuhängen. Wer Erfahrungen mit dem Liveblogging hat, ist gern dazu eingeladen, mir diese mitzuteilen und mich so zu indoktrinieren. Ich werde auf diesen Seiten in den nächsten Wochen Updates meiner Pläne und dann auch irgendwann einen festen Termin nennen, an dem die Sache steigen wird. Geplant ist ein Tag Ende Oktober/Anfang November. Es kribbelt schon …