in the electric mist (bertrand tavernier, usa/frankreich 2009)

Veröffentlicht: Oktober 1, 2010 in Film
Schlagwörter:, , , , , ,

In den Sümpfen von New Iberia, Louisiana, findet Detective Dave Robicheaux (Tommy Lee Jones) den verstümmelten Leichnam einer jungen Prostituierten. Der örtliche Mafiosi und Daves Jugendfreund Julie „Baby Feet“ Balboni (John Goodman) scheint ebenso in den Fall involviert wie die vor Ort gastierende Filmproduktion, die von Balboni mitfinanziert wird. Als der Schauspieler Elrod Sykes (Peter Sarsgaard) in der Nähe des Sets die Leiche eines vor mehr als 30 Jahren ermordeten Schwarzen findet, wird auch Robicheaux persönlich in den Fall hineingezogen, denn er war damals als Augenzeuge anwesend …

Taverniers IN THE ELECTRIC MIST ist ein ruhiger, träumerischer Film, der sehr von der geheimnisvollen Sumpflandschaft Louisianas profitiert und diese immer wieder dekorativ ins Bild rückt. Es ist eine Landschaft, die zu leben scheint und in die sich die Ereignisse der Geschichte – die Verwüstungen von Hurricane Katrina, der bis in die Sechzigerjahre akute Rassenhass und schließlich die Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs – unauslöschlich eingeschrieben haben, sodass sie auch in der Gegenwart immer noch Spuren hinterlassen. Die Suche nach dem Mörder der jungen Prostituierten wird für Robicheaux so auch zu einer Konfrontation mit der eigenen befleckten Vergangenheit, die zu der Erkenntnis führt, dass Schuld nicht verjährt und auch Jahrzehnte später noch ihren Tribut fordert. Tavernier erzählt diese Geschichte sehr unaufgeregt, nimmt sich für seine Inszenierung der lakonischen Ruhe seines Protagonisten an, der von Tommy Lee Jones gewohnt souverän verkörpert wird. Robicheaux weiß, dass es manchmal der Ruhe und der Geduld bedarf, um zum Ziel zu kommen, dass man in dieser so empfindlichen und belasteten Region Vor- und Rücksicht walten lassen muss, auch wenn es den inneren Empfindungen widerstrebt. Die Geister der Vergangenheit sind im Nebel der Sümpfe lebendig und einer von ihnen wird Robicheaux dann auch mit Rat und Tat zur Seite stehen, ihm dabei helfen, den richtigen Weg zu finden, die Erkenntnisse in die richtige Perspektive zu bringen.

IN THE ELECTRIC MIST ist ein Film, dem man die große Erfahrung und die damit einhergehende Gelassenheit seines Regisseurs, dessen Spielfilmdebüt L’HORLOGER DE SAINT-PAUL gleich ein veritables Meisterwerk war, in jeder Einstellung anmerkt. Keine Einstellung ist vergeudet, kein dummer Einfall zerstört den ruhigen Fluss des Films, jedes Wort des Drehbuchs ist wohl überlegt und sitzt an der richtigen Stelle. Leider hat diese Routine hier aber etwas Lähmendes, weil die klassische American Gothic von IN THE ELECTRIC MIST längst schon zum Klischee geworden ist und so überraschungsarm auf ihr vohersagbares und unspektakuläres Ende zuläuft. Die Auflösung des Kriminalfalls ist egal, weil es um sie eh nicht wirklich geht (der Killer ist dann auch einfach irgendeine Figur des Inventars; nicht zu offensichtlich gewählt, aber auch nicht wirklich überraschend), der fantastische Strang um die Geister jederzeit als abgegriffene Metapher erkennbar und die Erkenntnis, dass die Vergangenheit ihre Arme in die Gegenwart streckt, hatte man auch schon vorher. John Sayles hat mit LONE STAR einen inhaltlich ganz ähnlichen Film gemacht, der seiner Americana durch die genaue Herausarbeitung der sozialen Verflechtungen seines texanischen Grenzortes aber etwas Neues abgewann, einfach präziser und genauer beobachtete. Nun geht es Tavernier offenkundig nicht darum, ist er mehr an Stimmungen und Emotionen interessiert als an Soziologie. Aber die Zydeco- und Blues-getränkte Melancholie trägt IN THE ELECTRIC MIST einfach nicht über 110 Minuten, man vermisst neue Impulse und einen gewissen Enthusiasmus, der einem vermitteln würde, was Tavernier an seiner Geschichte eigentlich interessiert hat. Den Film hier zu kritisieren ist undankbar: weil ich ihn so gern mögen wollte und weil er natürlich keineswegs schlecht ist, irgendwie ja auch ein Gegenmittel zum hektischen Hollywood-Einerlei. Aber das einzige Wort, dass meine Gefühle für ihn beschreibt, ist ein herber Schlag: IN THE ELECTRIC MIST ist bieder.

Kommentare
  1. […] an. COUP DE TORCHON schreit förmlich nach Mehrfachsichtungen – und Taverniers letzter, IN THE ELECTRIC MIST, erscheint im direkten Vergleich gleich nochmal so […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.