gran torino (clint eastwood, usa 2008)

Veröffentlicht: Oktober 4, 2010 in Film
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Der polnischstämmige Korea-Kriegsveteran Walt Kowalski (Clint Eastwood) lebt nicht gerade in Einklang mit sich und der Welt: Seine Ehefrau ist eben verstorben, seine Söhne sind ihm stets fremd geblieben, seine Enkelkinder sind für ihn typisches Beispiel für die Respektlosigkeit der heutigen Jugend und dass sein Viertel mehr und mehr von asiatischen Immigranten übernommen wird, schmeckt ihm auch nicht. Als im Nachbarhaus eine vietnamesische Familie einzieht, begreift er das schon fast als persönlichen Affront, bis sich zwischen ihm und den Sprösslingen dieser Familie, dem schüchternen Thao (Bee Vang) und der mutigen Sue (Ahney Her), eine freundschaftliche Beziehung entwickelt. Als Thao und Sue Probleme mit verwandten Mitgleidern einer asiatischen Gang bekommen, will Walt nicht tatenlos zusehen …

Der durch die Zähne zischende Detective „Dirty“ Harry Calahan ist über die Spanne von rund 20 Jahren und fünf Filmen nicht nur zur Karikatur des zynischen Hardliners des Copfilms geworden, sondern auch zur Filmpersona Eastwoods, der wohl auf ewig als grantelnder Konservativer in einer Welt des zunehmenden Werteverfalls im Gedächtnis bleiben wird. GRAN TORINO aktualisiert diese Figur im Spätherbst ihres Lebens, fungiert natürlich und zwangsläufig auch als Eastwoods persönliche Bestandsaufnahme, ergeht sich dabei aber nicht in fadem Metakino und Biografismus, sondern legt endgültig das menschliche Fundament des Zynikers frei, zeigt ihn nicht als voraussetzungslos Seienden gleichsam als Fels in der Brandung der Geschichte, sondern als durch eben jene geschichtlichen Umstände Gewordenen. Hinter Kowalskis abschätzigem Grummeln, seinem ostentativ vor sich hergetragenen Rassismus und seiner offensiven Arschlochigkeit verbirgt sich zwar auch ein Mann, der altersbedingt mit der modernen Welt überfordert ist und ihr deshalb ablehnend gegenübersteht, vor allem aber einer, der die Zugehörigkeit zu seinem Land noch teuer bezahlen musste. Er mag die Erlebnisse des Koreakrieges spurlos überwunden haben, doch haben sie in Wahrheit tiefe Wunden hinterlassen, die nie ganz verheilt sind. Seine Intoleranz und sein Unverständnis sind nicht im Misstrauen gegenüber den Anderen, sondern vor allem im Misstrauen gegen sich selbst begründet: Kowalski sperrt nicht die Welt aus, er sperrt sich vor ihr ein. Dass sein Rassismus nur Fassade ist, wird deutlich, als er in Thao und Sue zwei Jugendlichen begegnet, die noch nicht korrumpiert sind, die er beschützen will, weil er das Gute in ihnen sieht, und die er seinen Schutzpanzer durchdringen lässt. Nach einem Leben, in dem er große Meisterschaft darin gezeigt hat, Dinge zu zerstören, will er etwas Produktives tun. Und er hat etwas über die Wahl der Waffen gelernt: Es ist kein akzeptabler Weg, das Andere als „böse“ zu bezeichnen und zu zerstören. Man muss ihm anders beikommen …

Eastwood wird ganz bestimmt kein subtiler Filmemacher mehr werden, das wäre wohl etwas zu viel verlangt von einem Achtzigjährigen, der mittlerweile 35 Filme vorgelegt hat. GRAN TORINO ist dann auch manchmal etwas plump in seinen Bildern und Vergleichen (etwa wenn der auf seiner Veranda sitzende und Kautabak rotzende Kowalski mit der auf der Veranda sitzenden und Kautabak rotzenden vietnamesischen Oma parallelisiert wird), aber das ist verzeihlich, weil er immer aufrichtig und integer ist, zu jeder Sekunde hundertprozentig als Eastwood erkennbar. Nachdem ich mir den Großteil seines Alterswerks nach UNFORGIVEN gespart habe, hat mich GRAN TORINO – der mich thematisch einfach interessiert hat – sehr berührt. Ein schöner Film mit einem den Nagel auf den Kopf treffenden Ende. Wenn nur alle Regieveteranen Werke von solch bestechender Klarheit drehen würden …

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