halloween ll (rob zombie, usa 2009)

Veröffentlicht: Oktober 5, 2010 in Film
Schlagwörter:, , , , , ,

Zwei Jahre nach den Ereignissen aus HALLOWEEN lebt die traumatisierte Laurie Strode (Scout Taylor-Compton) bei Sheriff Brackett (Brad Dourif) und seiner Tochter Annie (Danielle Harris), die den Amoklauf von Michael Myers ebenfalls knapp überlebte. Eine Therapie zeigt keine nennenswerten Erfolge, während Dr. Loomis (Malcolm McDowell) sich mit seinen reißerischen Büchern zum Thema eine goldene Nase verdient. Was beide nicht ahnen: Michael Myers (Tyler Mane) lebt immer noch und begibt sich – getrieben von Visionen seiner Mutter (Sherri Moon Zombie) – auf den Weg nach Haddonfield, um seine Familie wieder zu vereinen. Laurie ist nämlich niemand Geringeres als seine Schwester …

Meine persönliche Geschichte mit Zombies Filmen ist von akuten Stimmungsschwankungen geprägt: THE DEVIL’S REJECTS fand ich bei Erstsichtung zum Kotzen; eine Einschätzung, die sich bei Zweitsichtung um 180 Grad drehte. Der weit gehend mit Verrissen bedachte HALLOWEEN gefiel mir ausgezeichnet, eine weitere Sichtung relativierte die Begeisterung wieder etwas. Lediglich sein Debüt HOUSE OF 1000 CORPSES gefällt mir heute noch genauso gut wie beim ersten Mal. Und HALLOWEEN II? Ganz sicher hat Zombie die Schwierigkeiten, sich in einen fremden Stoff, zudem noch einen absoluten Klassiker, einzufinden, die im Vorgänger noch unübersehbar waren, überwunden und der Geschichte um Michael Myers endgültig seinen eigenen Stempel aufgedrückt. Das Original-Sequel wird nur kurz angerissen und auf eine zehnminütige Horrorsequenz eingedampft, bevor der Film über den Großteil der Spielzeit Neuland betritt, sich zwar der in der Serie etablierten Verwandtschaft von Michael und Laurie bedient, aber dies in eine Richtung entwickelt, die mit Zombies HALLOWEEN und dem dort begonnen Projekt der konsequenten Psychologisierung der Geschichte in Einklang steht. Michael wird von Visionen getrieben und auch Laurie kann ihre wahre Herkunft nicht länger verbergen. HALLOWEEN II entwickelt sich so auf die finale Enthüllung von Dwight Littles viertem Teil hin, lädt diese aber mit Bedeutung auf, anstatt sie als schnöden Schlussgag zu verheizen. Gegenüber der Originalreihe mit ihren Reißbrettfiguren und mechanisch den Slasherfilm-Gesetzen folgenden Szenenabläufen gewinnt Zombie der Geschichte um das mordende Phantom eine menschliche Seite ab: Gewalt ist nicht bloß Thrill, Schrecken kein Spaß, der Tod real. Und Myers ist kein entpersonalisierter Dämon, sondern ein jeder Humanität beraubtes Tier, das den Unterschied zwischen Gut und Böse nie verstanden hat, letztlich blind seinen Emotionen und Impulsen folgt. Dass Zombie Mitleid für ihn aufbringt, wäre wohl zu viel gesagt, nicht jedoch, dass der gewissenlos auf seinen Gewinn schielende Loomis der eigentliche Schurke des Films ist und – dank der famosen Leistung von McDowell – für die dringend nötige Auflockerung in Zombies misanthropischer Gewaltorgie sorgt.

Hier komme ich nun nämlich zu den Problemen, die ich mit HALLOWEEN II hatte. Schon die ersten Sekunden, wenn per Schrifteinblendung erklärt wird, was es laut psychoanalytischer Traumdeutung mit dem Motiv des weißen Pferdes auf sich hat, nur um in der unmittelbar folgenden Einstellung zu zeigen, wie der junge in der Anstalt einsitzende Michael Myers ein weißes Spielzeugpferd von seiner Mutter geschenkt bekommt, machen deutlich, woran es Zombie vermissen lässt. Er ist einfach nicht in der Lage, Zurückhaltung zu üben, will in jeder Sekunde alles und kennt daher nur Vollgas und Lautstärke 10. Diese Strategie war bei einem Film wie HOUSE OF 1000 CORPSES, der in seinem Schlussakt vollkommen ins Surreale abdriftet und auch sonst Züge einer überdrehten Komödie trägt, sehr angemessen, führt bei HALLOWEEN II, im Kern einem Film über Menschen und ihre seelischen Abgründe, aber dazu, dass einem nach kurzer Zeit nur noch zwei Möglichkeiten bleiben, ihm zu begegnen: das Geschehen nicht mehr ernst zu nehmen oder sich abzuwenden. Ich bin kein Kind von Traurigkeit, zähle etwa CANNIBAL HOLOCAUST zu meinen Lieblingsfilmen und habe nichts gegen Gewaltdarstellungen auf der Leinwand. Aber ich bin der Ansicht, dass ein Filmemacher lediglich so viel zeigen sollte, wie es für seinen Film nötig ist. Wenn Zombie zeigt, wie Myers x-Mal mit voller Wucht auf eine bereits Tote einsticht, den Kopf einer Prostituierten mehrfach gut sichtbar gegen einen Spiegel rammt, dann ist dieses Maß für mich eindeutig überschritten. Der Zuschauer weiß längst, wie unmenschlich Michael handelt, wie tödlich eine Begegnung mit ihm ist, wie grausam der Tod, den man in seinen Händen findet. Ja, Gewalt soll wehtun und ich verstehe, dass Zombie genau dieses Unwohlsein evozieren wollte, das ich in einigen Szenen empfunden habe, ihm eben keinen Thrill bescheren wollte. Aber hätte er das nicht auch mit etwas weniger erreichen können? Gleiches gilt für die Dialoge, die bei Zombie schon immer extrem offensiv – um nicht zu sagen: plump – waren. Nach dem gefühlten hundertsten geschrieenen „Fuck!“ etc. hat mich dieser Vulgarismus aber einfach nur noch genervt. Zombie peilt ein Kino der Körperlichkeit an, eines in dem Bedeutung nicht mehr unter der Oberfläche versteckt ist, auf dass sie mittels präziser Analyse zutage gefördert wird, sondern alles offen und auf fleischlicher Ebene verhandelt wird. Menschen sterben schreiend und aus allen Löchern blutet, wenn sie von der Urgewalt Michael Myers nicht gleich völlig pulverisiert werden. Und die Kamera hält voll drauf, hoffend, dass jede Aufnahme durch die Mittel der Postproduction in ihrem Effekt noch potenziert wird. HALLOWEEN II ist ein irrsinnig intensiver Film, das kann ihm niemand absprechen, und insofern ist er bemerkenswert und im Rahmen des Horrorfilms auch einzigartig. Nur finde ich, dass das keine allzu große Leistung ist, weil Zombie zur Affizierung seiner Zuschauer den leichtesten Weg gewählt hat. Wenn er häufiger mal einen Gang zurückzuschalten würde, er sich trauen würde, ein Bild oder eine Stimmung auch mal zu halten, anstatt sie gleich wieder zu zerstören, gefielen mir seine Filme deutlich besser. Um einen martialischen Vergleich zu verwenden: Wäre Zombie ein Soldat, dann wäre er der Typ, der schreiend ein ganzes Magazin aus seiner vollautomatischen Waffe in die Feindesschar ballert. Das erfüllt seinen Zweck, aber ich bewundere dann doch eher die Ökonomie des Scharfschützen. 

Aber wer weiß, vielleicht habe ich beim nächsten Mal auch wieder eine ganz andere Meinung.

Kommentare
  1. Funxton sagt:

    Ich bekomme langsam ein schlechtes Gewissen: Jetzt war’s schon das zweite Mal, dass du mir eine so üble Gewaltpackung anrechnen musst. Immerhin: Der letzte Satz, dein Resümee, gefällt mir sehr, besonders, da er sich auch wunderbar in die andere Richtung umpolen ließe
    😀 Manchmal schätze zum Beispiel ich auch die Streuung, zum Beispiel die eines AK-47. Außerdem hat genau das diesen ganz speziellen Sound, wenn damit auf einen geschossen wird.

  2. Oliver sagt:

    Naja, so schlimm wie den PUNISHER damals fand ich HALLOWEEN II keineswegs. Ich fand den Film auch nicht schlecht, nur eben teilweise, äh, zu viel.

    Und zum Maschinengewehr: Gegen die Waffe selbst habe ich auch nix, aber die Leistung des Schützen ist beim Streufeuer eher zu vernachlässigen. 🙂

  3. Funxton sagt:

    Das stimmt, der Effekt dafür umso weniger – zumindest sofern in dieser Form beabsichtigt.

  4. Oliver sagt:

    Lass es mich mal so sagen, um vom Waffenbild wegzukommen: Zombie inszeniert effektiv, aber nicht effizient.

    Aber ich habe schon verstanden, dass du den Film magst. 😉

  5. Weil er ein Meisterwerk ist.

  6. Gut gekontert! Aber –

    es lautete:

    „Vielleicht träume ich, aber früher war es meiner Meinung nach so, dass der Begriff ‚Meisterwerk‘ das letzte Wort war und am Ende einer Diskussion stand – nicht am Anfang.“

    – ich befinde mich am Ende.

    😀

  7. Oliver sagt:

    Mit mir hast du aber nicht diskutiert. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.