dead end drive-in (brian trenchard-smith, australien 1986)

Veröffentlicht: Oktober 8, 2010 in Film
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Im Jahr 1990 steht die Welt vor dem Abgrund: Der wirtschaftliche Kollaps ist eingetreten, die Menschen sind aus Armut in die Barbarei zurückgefallen, die Umwelt ist zerstört. Wer nicht zur Polizei oder zu den „Cowboys“, einer marodierenden Gang, gehört, muss um sein Leben fürchten und sich irgendwie durchschlagen. Nur noch an einem Ort kann man der tristen Realität für ein paar Stunden entfliehen: im Autokino. Als Crabs (Ned Manning) und seiner Freundin Carmen (Natalie McCurry) dort während eines Films die Reifen geklaut werden und ihnen der Kinobesitzer ungerührt mitteilt, dass sie das Kino ohne Auto nicht verlassen dürften, dämmert ihnen jedoch, was es mit diesem Ort tatsächlich auf sich hat: Es ist ein Gefangenenlager für unliebsam gewordene Gesellschaftsmitglieder …

DEAD END DRIVE-IN hatte mich gestern vom glorreichen Beginn an fest im Griff: Im Stile von RED DAWN werden ein paar kurze Schlagzeilen eingeblendet, die den Weg zum diegetischen Status quo  knapp umreißen: Wirtschaftskrise, Umweltverschmutzung, Krieg. Bang, bang, bang! Das erste Bild zeigt darauf eine ruinöse Industrielandschaft, die vom flirrenden Sonnenuntergang in ein infernalisches Smogorange getaucht wird, dazu erklingt ein typischer Achtziger-Upbeat-Synthiepopsong, der seine maschinelle Kälte vor diesem bildlichen Hintergrund jedoch nicht mehr länger verbergen kann. DEAD END DRIVE-IN spielt zwar in der damals nahen Zukunft der Neunzigerjahre, aber wer in den Achtzigerjahren aufgewachsen ist, erkennt sofort ihren grassierenden No-Future-Fatalismus wieder. Im Stile von MAD MAX liefert sich die motorisierte Polizei Kämpfe mit den „Cowboys“, Punks, die mit ihren aufgemotzten Karren die Straßen unsicher machen und sich mit Abschleppwagenfahrern – den neuen Rittern der Straße – um die zahlreich herumliegenden Autowracks prügeln. Ein Plakat kündigt RAMBO VIII: RAMBO TAKES RUSSIA an und im Autokino, das am Ende einer Straße liegt, die für Fußgänger, Fahrradfahrer und Tiere (?) gesperrt ist, läuft Trenchard-Smiths glorioser TURKEY SHOOT. Es ist eine kaputte Welt, aber ihre Einwohner geben ihr Bestes, das zu verdrängen. Es wird ihnen durch den herrlichen Soundtrack zwischen New Wave, Synthiepop und Post Punk erleichtert.

Der Clou des Films ist neben seiner wunderbar detailfreudigen Ausstattung (Die Kostüme! Die Frisuren! Die Settings! Die Requisite!) die schlicht geniale Prämisse, die unter der Regie von Trenchard-Smith im Verlauf des Films immer mehr zur umfassenden Gesellschaftsmetapher ausgebaut wird: Die ausnahmsweise einmal zurecht als „kafkaesk“ zu bezeichnende Absurdität der Situation, aufgrund einer Lappalie gefangen zu sein (in einem Autokino!) und dieses unglaubliche Faktum mit bürokratischer Nüchternheit präsentiert zu bekommen, ist schon ein brillantes Bild für eine buchstäblich in der Warteschleife gefangene Jugend. Die im Autokino eingesperrten Jugendlichen gammeln den ganzen Tag herum, machen sich die Haare oder schlagen sich zum Spaß die Köpfe ein – auf jeden Fall arrangieren sie sich mit der Situation: Sie bekommen immerhin täglich etwas zu essen. Das riesige Areal erinnert an ein Flüchtlingslager, dessen Bewohner sich dort unter Zuhilfenahme der Gegenstände, die die Umgebung bereithält, und etwas Impovisationstalent eingerichtet haben. Und obwohl sie nur wenige Kilometer von ihrer Heimat entfernt sind, ist die so unerreichbar für sie, dass sie auch auf einem anderen Planeten sein könnten. Auch das, die Verschränkung und Invertierung von Raum und Zeit, ist ein typisches Kafka-Element (man denke etwa an die Parabel von der kaiserlichen Botschaft, deren Überbringer trotz eines jahrelangen Rittes nicht nur nie beim Empfänger ankommt, sondern es noch nicht einmal schafft, auch nur die Sphäre des Schlosses zu verlassen). Doch Trenchard-Smith belässt es nicht bei diesem Bild: Als die Polizei eine Wagenladung asiatischer Immigranten in das Gefangenenlager bringt, entbrennt nämlich der Zorn der bisherigen Einwohner, die sich von den fremdländischen Neuankömmlingen in ihrer gewohnten Umgebung bedrängt fühlen. Anstatt ihre Situation zu verdammen, ihren Hass gegen ein System zu richten, das sie ohne jede Verurteilung oder auch nur Angabe von Gründen und ohne Hoffnung auf Entlassung einsperrt, anstatt sich also gegen die Obrigkeit zu wenden, keilen die Insassen nun ihrerseits nach unten, gegen die noch Schwächeren, von denen sie ihr lachhaftes Hab und Gut bedroht sehen. Nur der Held Crabs (auf die Frage, warum er so heißt: „I once thought I had them. I didn’t. The name stuck.“) hat keine Lust, bei dieser Manipulation mitzumachen, wagt den Kampf und gewinnt. Und wenn der Film über eine Stunde lang im Limbo des Autokinos, der zwanghaft auferlegten Bewegungslosigkeit und des sinnlosen Wartens förmlich gefangen war, explodiert er mit dem Moment, in dem Crabs mit seinem Auto über den Zaun springt, der ihn eingesperrt hat: Der Film beschleunigt mit Crabs von null auf hundert, die Kamera rast in Knöchelhöhe über den unter uns wegfliegenden Asphalt und die Musik erzählt von Freiheit. Euphorie. Einem Neuanfang. Ende. Was für ein geiler Film!

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