brooklyn’s finest (antoine fuqua, usa 2009)

Veröffentlicht: Oktober 12, 2010 in Film
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Ein schwarzes Auto, geparkt auf einer ausgestorbenen nächtlichen Straße am Rande eines Friedhofs. Man hört die Stimmen der beiden Insassen, die Kamera nähert sich dem Wagen langsam, fast unmerklich, bis der Zuschauer sich schließlich in dessen Innenraum befindet. Es ist ein Dialog zwischen Freunden, so scheint es, bis ein Schuss das Gespräch jäh unterbricht und einer der beiden tot in seinem Sitz zusammensackt. Diese Auftaktszene von BROOKLYN’S FINEST funktioniert nicht nur deshalb paradigmatisch, weil der kurze Dialog quasi das dem Film zugrunde liegende moralphilosophische Dilemma vom richtigen Handeln im Falschen (und umgekehrt) thematisiert, sondern auch, weil sie die Stimmung der nächsten zwei Stunden maßgeblich prägt.

Der Polizist Sal Procida (Ethan Hawke) sinkt tief in Korruption und Kriminalität, weil er dringend Geld braucht, um seiner in Kürze um Zwillinge anwachsenden Familie ein neues Heim zu schaffen. Gleichzeitig fiebert sein über die Jahre in Apathie versunkener Kollege Eddie Dugan (ein unglaublich alt und gar nicht mehr glamourös aussehender Richard Gere) seiner kurz bevorstehenden Pensionierung entgegen, nur um zu erfahren, dass er sich in seinen letzten Tagen noch einmal um heißblütige Neuanfänger kümmern soll. Auf der anderen Seite des Gesetzes agiert der Undercover-Agent Clarence „Tango“ Butler (Don Cheadle), der in die Organisation seines soeben aus der Haft entlassenen Jugendfreundes Casanova Phillips (Wesley Snipes) eingeschleust wurde, nun aber aussteigen will, weil die Grenzen zwischen Richtig und Falsch zunehmend verschwimmen. In einer schicksalhaften Nacht treffen die drei aufeinander …

Antoine Fuqua ist bislang beständig unbeständig gewesen. Egalen bis fürchterlichen Filmen wie THE REPLACEMENT KILLERS und TRAINING DAY (dem ich aber vielleicht nochmal eine Chance einräume) stehen in seiner Filmografie annehmbare wie der diskutable TEARS OF THE SUN und erstklassige wie SHOOTER gegenüber (KING ARTHUR habe ich noch nicht gesehen). BROOKLYN’S FINEST ist zwar nicht ohne Fehl und Tadel, darf aber durchaus als weitere Großtat verbucht werden, was vor allem einem Feintuning der formalen Gestaltung zu verdanken ist. Fuqua war schon immer ein Anhänger der Michael-Mann-Schule und ließ in seinen Filmen stets ein Faible für glänzende Oberflächen, dekorative Lichteffekte und slicke Farbfilter erkennen, doch drohte er seine Geschichten mit diesem Gestaltungswillen zu ersticken oder aber ihre vorhandenen Brüche vollständig zuzukleistern. Auch BROOKLYN’S FINEST lässt den Ästheten erkennen, sieht im Vergleich zu etwa TEARS OF THE SUN aber geradezu spartanisch aus mit seinen matten Kontrasten zwischen dunklen Schatten und funzeligen Lichtquellen. Man könnte kritisieren, dass Fuqua in seinem Cop-/Gangster-Ensemblefilm nichts als Klischees reproduziert, denn seine Charaktere sind allesamt Standards ihrer jeweiligen Genres und auch ihre Konflikte nehmen weitestgehend bekannte Verläufe: Sal ist der typische Lower- Middleclass-Bulle mit Einwandererhintergrund, dessen asthmakranke und hochschwangere Gattin schwer unter dem Schimmelpilzbefall des viel zu kleinen Hauses leidet und der nur einen einzigen Weg aus der Misere sieht. Mit seinen Unterschlagungen von Drogengeldern reflektiert er die sozialen Nöte jener korrupten Polizeibeamten, gegen deren Auswirkungen sich einst Frank Serpico in Lumets SERPICO stellte. Eddie Dugan ist der durch die tägliche Konfrontation mit Tod und Gewalt gleichgültig gewordene, resignierte Veteran, der sich keinerlei Illusionen mehr über seine Aufgabe hingibt. Ein Arbeitstag will vor allem überstanden werden, mit möglichst wenig Aufwand. Sein guter Rat an seine jüngeren Kollegen lautet, nichts von der Arbeit mit nach Hause zu nehmen: Doch selbst kann er seinen Job auch dann nicht vergessen, wenn er von seiner Stammprostituierten oral bedient wird. Tango schließlich steht vor der Wahl zwischen der Freundschaft zu dem Gangster Casanova, der der Kriminalität den Rücken kehren will, und seiner eigenen Karriere: Wenn er sich gegen den Befehl von oben stellt, Casanova nicht ausliefert, waren die Entbehrungen jahrelanger Undercover-Arbeit völlig umsonst. Ihm stellt sich die Frage, ob er tatsächlich auf der Seite der „Guten“ arbeitet.

Der Klischee-Vorwurf muss an Fuqua wirkungslos abprallen, weil es ihm ja nicht um Realismus geht oder darum, gesellschaftliche Missstände anzuprangern: BROOKLYN’S FINEST tritt nicht in Diskurs mit einer wie auch immer gearteten Realität, sondern mit anderen Filmen. Sein Projekt ist nicht Investigation und Kritik, sondern Empathie und Absolution. Und so lässt er keinen Zweifel an der Integrität seiner Charaktere, die durch die äußeren Umstände auf Irrwege geraten sind: Sie haben unser Mitgefühl, wenn sie das Schicksal ereilt, das sie mit ihrem Handeln heraufbeschworen haben. Nur für einen von ihnen gibt es ein Morgen: Doch diese Möglichkeit setzt die Selbsterkenntnis und -überwindung voraus, die seinen Leidgenossen verwehrt blieb. Man mag es angesichts seiner Düsternis nicht direkt bemerken, aber BROOKLYN’S FINEST ist vom Glauben an das Gute im Menschen beseelt. Das macht ihn in einer Filmwelt, die sich mehr und mehr damit begnügt, den moralischen Verfall zu konstatieren und den Zynismus zu feiern, zu einer absoluten Ausnahmeerscheinung. Toll!

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