sundown: the vampire in retreat (anthony hickox, usa 1990)

Veröffentlicht: Oktober 20, 2010 in Film
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Der Wissenschaftler David Harrison (Jim Metzler) reist mit seiner Familie in das kleine Wüstenkaff Purgatory, wo er an der Produktion eines Blutersatzes auf Pflanzenbasis mitarbeiten soll. Was David nicht weiß: Hinter dem Projekt verbirgt sich Jozek Mardulak (David Carradine), ein Vampir, der hofft, dass seine Rasse in Einklang mit den Menschen leben wird, wenn sie nicht mehr auf deren Blut angewiesen ist. Die Vampire, die die gesamte Bevölkerung von Purgatory stellen, haben sich mithilfe von Sonnenbrillen, -hüten und extrastarker Sonnenmilch zumindest schon gegen das Sonnenlicht immunisiert, doch so ganz können sie von ihren Trieben noch nicht lassen. Und deshalb formiert sich unter den Vampiren offener Widerstand gegen Mardulaks Pläne …

Ich hatte hier anlässlich von WAXWORK und WAXWORK II schonmal über Hickox schwadroniert. SUNDOWN war mir zwar bekannt, aus mir unerfindlichen Gründen hatte ich ihn aber bislang immer als vernachlässigbar einsortiert. Diese Verfehlung hat aber auch ihr Gutes, denn so bin ich gestern in den Genuss gekommen, ihn zum ersten Mal sehen zu dürfen. Und was war das für ein Genuss! SUNDOWN ist nicht nur enorm einfallsreich, witzig, geistreich, originell und mit Schauspielern wie Bruce Campbell, Deborah Foreman, M. Emmet Walsh, John Ireland und TWIN PEAKS-Star Dana Ashbrook überaus gut besetzt, sondern darüber hinaus auch noch eine absolute Augenweide. Dank einer eleganten Kameraführung und des Scopeformats erblüht Hickox‘ Westernhommage im Vampirfilmgewand in voller Pracht und erscheint deutlich größer, als sie eigentlich ist. Das beginnt schon bei der schön animierten (und kein bisschen antiquiert wirkenden) Titeleinblendung und setzt sich bei der spektakulär eingefangenen Naturkulisse – SUNDOWN wurde unter anderem im Arches National Park in Utah gedreht – fort. 

Solche ästhetischen Reize nützten natürlich nix, wenn Hickox nicht auch eine schöne Geschichte zu erzählen hätte, mit der er seiner Zeit zudem gute zehn Jahre voraus war. Beschäftigt man sich im Vampirfilm seit BLADE häufiger mit der Frage der Resozialisation der Vampire, so betrat Hickox damit Ende der Achtzigerjahre, als der Horrofilm sich in eine Phase der Stagnation befand, Neuland. Und er schlachtet seine Prämisse längst nicht nur für visuelle Einfälle (man denke etwa an die drei Vampire von der Tankstelle) aus, sondern hat dabei durchaus Relevanz zu bieten. Es ist doch offenkundig, dass es in SUNDOWN nur an der Oberfläche um Vampire geht, darunter aber vor allem um eine Konservatismus-vs.-Fortschritts-Diskussion um Integration des „Anderen“ und die Probleme, die diese bereitet (womit er zudem beängstigend aktuell ist): Mardulak will die friedliche Koexistenz von Mensch und Vampir, die aber eben an die Bedingung geknüpft ist, dass der Mensch von letzterem nichts mehr zu befürchten hat. Und das setzt wiederum einen Sinnes- und Lebenswandel der Vampire voraus, zu dem diese längst nicht alle bereit sind, weil er gegen ihr „Wesen“ verstoße. Auch dass Hickox diese Geschichte vor dem Hintergrund alter Westernfilme austrägt, ist längst nicht nur Gimmick: In SUNDOWN geht es um einen Aufbruch zu neuen Ufern, zur Überschreitung einer bis dato festen, unüberwindlichen Grenze und die Begründung einer neuen Zivilisation: mithin um die Kernthemen des Westerns. Und wie in diesem ist der Prozess der Zivilisation leider mit Opfern verbunden. Auch deshalb kann man SUNDOWN durchaus kritisch diskutieren, denn es muss sich ja vor allem eine Seite – die der Vampire – anpassen und wer von ihnen keine Lust darauf hat, muss eben gewaltsam weichen. Auch der Schlussgag, der ziemlich plakativ zeigt, dass die „neuen“ Vampire jetzt tatsächlich „angekommen“ sind in der Gemeinschaft der Menschen, ist eigentlich nur in einem Genre entschuldbar, das von Scharzweißmalerei, einer gewissen Simplifizierung und einem Reaktionismus geprägt ist, dessen Aussagen mithin von vornherein nicht eins zu eins auf komplexe Sachverhalte angewendet werden können. Insofern ändert dieser Kritikpunkt – so man ihn als solchen empfindet – auch nichts an meinem Urteil, stützt es sogar noch, weil er mit dazu beiträgt, dass SUNDOWN auch über seine rasanten 90 Minuten hinaus beschäftigt: Ein völlig unterschätzter Film und sehr wahrscheinlich Hickox‘ bester.

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