the toxic avenger (michael herz/lloyd kaufman, usa 1984)

Veröffentlicht: Oktober 20, 2010 in Film
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Tromaville, New Jersey ist die Hauptstadt des Giftmülls. Und so ist es gar keine große Überraschung, als der Oberversager Melvin Junko (Mark Torgl) nach einem Streich gemeiner Bullies in einem Giftmüllfass landet. Aus dem schlaksigen Nerd wird dank der radioaktiven Brühe der „Toxic Avenger“ (Mitch Cohen): ein riesenhafter, mit übermenschlichen Kräften ausgestatteter Mutant, der sogleich den Kampf gegen das Übel auf Tromavilles Straßen beginnt. Dabei ist er jedoch ausgerechnet dem Bürgermeister Belgoody (Pat Ryan) und dessen Handlangern ein Dorn im Auge, weil dem daran gelegen ist, dass Tromaville das Dreckloch bleibt, das es ist …

Wie schon angedroht, habe ich mir also mal wieder THE TOXIC AVENGER angeschaut – auch um meine Troma-Schau, die ich hier vor ein paar Wochen angekündigt habe, endlich zu starten. Man kann trefflich darüber streiten, ob THE TOXIC AVENGER für eine solche Retrospektive nun der beste oder doch der schlechteste Startpunkt ist: Als wahrscheinlich populärster Troma-Film führt er zwar ideal in das bunte Schaffen der streitbaren Produktionsfirma ein, doch muss ich mich jetzt damit abfinden, den zweifelhaften Höhepunkt dieses Schaffens schon hinter mir gelassen zu haben. Von hier an geht es – vielleicht mit Ausnahme von CLASS OF NUKE ‚EM HIGH – nur noch bergab, wobei man abschwächend anmerken muss, dass die Fallhöhe nicht besonders hoch ist: Schon THE TOXIC AVENGER ist alles andere als ein guter Film – aber er funktioniert eben auf seine ihm eigene krude Art und Weise. Kritiker bemängeln an Tromafilmen zumeist, dass das Konzept „intendierten Trashs“ von vornherein fragwürdig sei, weil Trash seinen Charme dem unfreiwilligen Humor und einer blinden Aufrichtigkeit verdanke. Dem würde ich entgegen, dass man Trash mit dieser Definition unnötig einschränkt. Trashauteure wie Ted V. Mikels oder Al Adamson waren sich der Defizite ihrer Filme sicherlich genauso bewusst wie die Herren Kaufman und Herz von Troma, der Unterschied zwischen ihnen besteht eher darin, dass letztere diese Defizite noch betonen und hervorheben, was ich durchaus legitim finde. THE TOXIC AVENGER ist auch deshalb gelungen, weil er mit seiner plakativen, unentschlossen zwischen aufmüpfig und unendlich spießig, zwischen schrill-klamaukig und schlicht debil pendelnden Überhöhung realen US-amerikanischen Irrsinns den Nerv der Zeit sehr viel direkter trifft als mancher reflektiertere und intelligentere Film. Und die Tromafilme sind auch ein idealer Spiegel der 80er, während sie deren Eigenheiten – Musik, Mode, gesellschaftliche Zustände – noch auf die Spitze treiben. Sie fungieren ein bisschen als amerikanisches Gegenstück zu den deutschen Klamaukfilmen jener Zeit: Wer damals aufgewachsen ist, wird sich in ihnen sofort zurechtfinden. 

In Tromaville, einem verschlafenen Dreckskaff im Schatten Manhattans feiern sich die Jungen und Schönen im „Tromaville Health Club“, während Lkws den toxischen Abfall in offenen Fässern durch die Stadt kutschieren. Der Bürgermeister hat eine Schar von uniformierten Ja-Sagern um sich versammelt und arbeitet offensiv daran, seine Stadt möglichst lebensunwert zu machen. Polizisten reden mit deutschem Naziakzent und Jugendliche fahren zum Spaß kleine Kinder über den Haufen oder verprügeln alte Omas. Und der hässliche Melvin muss zum noch hässlicheren Giftmüll-Rächer zu werden, um schließlich zum Helden der kleinen Kommune zu avancieren, der gebrechlichen Mütterchen über die Straße hilft, Hausfrauen die Marmeladengläser aufschraubt und fiese Rowdys kurzentschlossen beseitigt. THE TOXIC AVENGER beackert ähnliches Terrain wie etwa Michael Winner ein Jahr später im fulminanten DEATH WISH 3 und selbst die Mittel beider Filme sind ähnlich: Beide überzeichnen die in den Achtzigern sehr realen Ängste vor einem Amoklauf des Verbrechens und urbanen Kriegszuständen und den aus diesen Ängsten folgenden Wunsch nach Zero Tolerance zu einer galligen Satire, in der das Spießertum gnadenlos zurückschlägt. Doch während Winner seine Absichten zum Zwecke der ultimativen Provokation und Bloßstellung verschleiert, machen Kaufman und Herz keinen Hehl aus ihrem satirischen Anliegen. THE TOXIC AVENGER ist schlicht und einfach strunzend blöd, nimmt die amerikanische Heldenverehrung ziemlich aufs Korn, ohne sich jedoch vollständig von ihr zu distanzieren. Ein Stück weit feiert sich die geistige Einfalt hier selbst.          

Will man den Film seriös kritisieren, liefert er einem reichlich Munition: Die Schauspieler haben die Lizenz zum Overacten und sehen schon aus wie die Karikaturen, die sie darstellen sollen, die Effektleute täuschen mit comichafter Drastik über die technische Limitierung hinweg, eine Dramaturgie ist kaum vorhanden, vielmehr hangelt sich THE TOXIC AVENGER von einer schwachsinnigen Sequenz zur nächsten, Schnitt, Schauspieler- und Kameraführung sind unterirdisch. Ich hatte dann auch schonmal mehr Freude an ihm: Das war in einer Zeit, als ich mir Filme noch wegen der in irgendwelchen schwachsinnigen Lexika verteilten „Gorepunkte“ angesehen und dann Best-of-Tapes kompiliert habe und eigentlich nur eine passende Untermalung für das gleichzeitige Vertilgen von Dosenbier suchte, das mir sonst zu langweilig gewesen wäre. Ob man THE TOXIC AVENGER auch jenseits solcher längst vergangener Zeiten noch etwas abgewinnen kann, hängt nicht zuletzt von der Fähigkeit ab, sich in selbige zurückzuversetzen. Ohne Nostalge geht hier gar nix.

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Kommentare
  1. Funxton sagt:

    Wie haben es die wohlbekannten Szene-Kritiker Bertler & Lieber einst so (wenn auch bezüglich eines anderen Films) formuliert? – „Ein intellektueller Offenbarungseid“ :-)) Leider darf ich deine wahrscheinlich folgenden Toxie-Kritiken nicht lesen, weil ich wie gesagt die anderen Filme noch nicht kenne. Mir ist aber die Spitzen-Idee gekommen, sie von dir auszuleihen, wenn du damit durch bist!
    Ich hoffe ferner, deine Troma-Schau beinhaltet auch die beiden wunderbaren „Fortress Of Amerikkka“ & „War“, wobei ich gerade noch die weitere grandiose Idee habe, dass wir die eigentlich auch zusammen gucken könnten…

  2. Oliver sagt:

    Die Genannten sind unterwegs zu mir. 🙂

    Ferner vorgesehen sind: IGOR AND THE LUNATICS, CLASS OF NUKE ‚EM HIGH, BLOODSUCKING FREAKS (nur im Vetrieb der Troma, aber egal), SURF NAZIS MUST DIE, SGT. KABUKIMAN und diverse weitere von Troma „eingekaufte“ Filme. Habe mir nämlich die „Toxie’s Triple Terror“ komplett geordert. 🙂

  3. Funxton sagt:

    Der „Kabukiman“ ist auch klasse!

  4. Funxton sagt:

    Die „Surf Nazis“ fand ich damals stinklangweilig. Ist aber auch schon ewig her.

  5. […] sprüht vor einfältigem, aber durchaus sympathischem Witz, versprüht zudem mehr Kunstblut als der Vorgänger in 90 Minuten und findet seinen absurden Höhepunkt in der Szene, in der ein Lilliputaner von Toxie […]

  6. […] machen: IGOR AND THE LUNATICS ist ein großes Nichts, eine Amateurproduktion ohne Charme, die den TOXIC AVENGER daneben wie einen Sommerblockbuster aussehen lässt. Dass ich diesen Mist zu Ende geschaut habe, […]

  7. […] wirkt auch der Troma-Schabernack etwa um die durchgeknallten Cretins viel stärker. Wo in THE TOXIC AVENGER einfach alles bescheuert ist, man nichts ernst nehmen kann und folglich irgendwann das Interesse […]

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