the mighty boosh (seasons 1 – 3, großbritannien 2005 – 2008)

Veröffentlicht: Oktober 25, 2010 in Film
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Vince Noir (Noel Fielding) und Howard Moon (Julian Barratt) sind denkbar gegensätzliche Charaktere: ersterer ein juveniler, androgyn-metrosexueller Szenehengst, der nicht bloß ständig am Puls der Zeit ist, sondern diesen sogar maßgeblich beeinflusst, zweiterer ein eher biederer schnurrbärtiger Jazz- und Lyrikfreund, dessen persönlichen Stil man freundlich als „zeitlos“ und weniger freundlich als „verstaubt“ bezeichnen könnte. Trotzdem sind beide dicke Freunde, liefern sich Pingpong-artig verlaufende Diskussionen und kommen am Ende doch immer wieder irgendwie auf einen gemeinsamen Nenner, wenn der auch nur darin besteht, das beide die Andersartigkeit des jeweils anderen benötigen, um sich selbst zu definieren. Und so überstehen die beiden jedes einzelne der haarsträubenden Abenteuer, die ihnen ihr nur vordergründig einfacher Alltag so beschert …

Die drei Staffeln von THE MIGHTY BOOSH basieren auf einem von Fielding und Barratt erfundenen Comedy-Act, den sie zunächst in losen Fernsehsketchen, diversen Bühnenprogrammen sowie einer Radiosendung etablierten, bevor die großen Resonanzen darauf eine Fernsehshow unumgänglich machten. Tatsächlich unterscheidet sich THE MIGHTY BOOSH massiv von anderen Comedyformaten: dass es keinen die Episoden überspannenden und durchgehenden Handlungsbogen gibt, ist noch nicht ungewöhnlich, wohl aber, dass selbst strukturelle Fixpunkte wie etwa das Setting oder die Betätigung der Figuren hier ins Fließen geraten. Was die Serie zusammenhält, die mehrfach droht, unter der Überfülle in sie hineingestopfter Ideen zu platzen oder sich in ihrem Drängen in mehrere entgegengesetzte Richtungen zu zerreißen, sind die Charaktere der beiden Hauptfiguren, ihr identitätsstiftender Sprachwitz (der mich die Vermutung anstellen lässt, der obskure und nie weiter erläuterte Titel beinhalte die englische Verlautschriftung des französischen Wortes für „Mund“) sowie ein unaufhaltsamer Drang zum Surrealen, der im Kontrast zum DIY-Charme der Serie steht und ihren Reiz ausmacht. THE MIGHTY BOOSH nimmt sich inmitten monothematischer oder aber von ambitionierten narrativen Konzepten förmlich eingeengter Serien der Gegenwart herrlich entspannt aus. Blöde Ideen stehen neben großartigen, misslungene Witze neben guten, manche Episode läuft ins sehenden Auges ins Leere, egal, bei der nächsten klappt es wieder und wenn irgendwas gar nicht funktioniert, macht man kurzerhand was anderes. Alles kann, nichts muss. Dieser herrliche Konzeptmangel – oder besser: Konzeptverzicht – macht es aber auch relativ schwierig, über THE MIGHTY BOOSH zu reden. Ein kurzer Abriss der einzelnen Staffeln wird zeigen, warum.

  • Season 1: Vince und Howard arbeiten als Tierpfleger im „Zooniverse“, einem kleinen maroden britischen Zoo, der von dem extrovertierten, narzisstischen Menschen- und Tierfeind Bob Fossil (Rich Fulcher) geleitet wird, und haben mit allerlei tierbezogenen Problemen zu kämpfen, bei deren Lösung ihnen der Kioskbesitzer Naboo (Michael Fielding), ein magisch begabter Schamane, behilflich ist. Jede Episode beginnt und endet mit den beiden Protagonisten, die vor einen roten Vorhang treten, das Publikum adressieren und auf die folgende Episode einstimmen bzw. es bis zur nächsten Folge verabschieden.
  • Season 2: Vince und Howard leben nun mit Naboo und dessen Gehilfen, dem Gorilla Bollo (Dave Brown), in einem kleinen Appartement, von dem aus sie in ihre unterschiedlichen Abenteuer an verschiedenen Orten starten. Der Schamanenzirkel, dem Naboo angehört, wird eingeführt und spielt in mehreren Episoden eine wichtige Rolle.
  • Season 3: Vince und Howard arbeiten als Verkäufer im Kramladen von Naboo. Das Geschäft bildet das Zentrum der Staffel, hier laufen die erzählerischen Fäden zusammen, der Schamanenzirkel Naboos taucht in mehreren Episoden auf. 

Schon anhand dieser Kurzbeschreibung lässt sich erkennen, wie das BOOSH-Universum beständig pulsiert, sich ausdehnt und wieder zusammenzieht. Während Season 1 recht konsequent sein Zoo-Setting nutzt – zugegebenermaßen auf reichlich abgedrehte Art und Weise – und seine beiden Protagonisten ausschließlich als Angestellte beschreibt (beide tragen einen grünen Zoo-Overall, den Vince als der Modenarr der beiden aber mit kleineren Accessoires ausgestattet hat), ist das Wohnungssetting der zweiten Staffel ein reiner Platzhalter, der in der dritten Staffel mit dem Geschäft jedoch wieder durch ein definierteres Setting ersetzt wird. Dass alle diese Settings sich dabei eher unglamourös, rustikal und klein ausnehmen, hat durchaus Programm. Der äußeren Enge setzen Fielding und Barratt nämlich eine geistige, innere Weite gegenüber: Vince und Howard sind Helden ihrer eigenen Welt, der eine ein Selfmade-Szenemogul, der es im Verlauf der Serie dank seines Styles immer mal wieder auf die Titelseite des Mod-Modemagazin „Cheekbone“ schafft (das so hip ist, dass es unmittelbar nach Erscheinen schon wieder hoffnungslos veraltet ist), der andere im Selbstverständnis ein schöngeistiger Dichter und Jazzflötist, der jedoch weder besonders gut dichten noch musizieren kann, und dessen antiquierten Vorlieben ihn zum gesellschaftlichen Außenseiter stempeln.

Und dieser Kontrast des Innen und Außen setzt sich auch in der geografischen Welt von BOOSH fort: Den bürgerlichen englischen Verhältnissen steht eine unergründliche Sagenwelt gegenüber, die jedoch gleichzeitig fest in den britischen Alltag integriert ist. So eröffnet sich hinter den Türen des Zooniverse-Dschungelhauses eine riesige Urwaldlandschaft, in der man sich nicht nur hoffnungslos verirren kann, sondern in der unbemerkt von der Zivilisation „draußen“ eine ganz eigene Welt entstanden ist. Ein Fischerort hat nicht nur einen See mit einer mysteriösen Sagengestalt, die in einer Unterwasserhöhle lebt, zu bieten, sondern auch eine ganze Kneipe voller Seemannsgarn spinnender Fischer, die jedoch noch nie in einem Boot gesessen haben. Zu Naboos Schamanenkollegen gehört ein Alien, das nur aus Kopf und Tentakeln besteht, hinter dem Kramladen wohnt ein cracksüchtiger Fuchs in einem sich bis zum Himmel erstreckenden Berg aus Müllsäcken und andere Abenteuer führen die beiden Freunde in die Arktis, ins Limbo, in den Blutkreislauf des anderen oder auf andere Planeten. Und diese Erlebnisse stellen nicht etwa eine bewusstseinserweiternde Zäsur im Leben der Helden dar, sie integrieren sich als gleichberechtigte Ereignisse zwischen all den anderen.

Mehr als alles, was ich in den letzten Jahren gesehen habe, verdient THE MIGHTY BOOSH das heute irgendwie überkommene Prädikat „Kult“, das man als gewissenhafter Mensch lange nicht mehr benutzen wollte, weil es spätestens seit der Vereinnahmung durch die Knorr-Familie seine Unschuld verloren hatte. Aber mit seiner Vielzahl großartiger Figuren, schlicht irrsinniger Plotideen, den zahlreichen kleinen Details, die der Serie so viel Leben verleihen, und zitierwürdigen Dialogzeilen und Gags, ist THE MIGHTY BOOSH geradezu prädestiniert für dieses Label. Auch wenn es aufgrund des inkonsistenten Gesamtkörpers nahezu unmöglich ist, alles an der Serie zu lieben, so muss man doch Fielding und Barratt doch Respekt dafür zollen, wie es ihnen gelungen ist, so frei zu assoziieren, ohne dabei Herz und Seele aus den Augen zu verlieren. Und dazu kommt noch, dass sie einfach begnadete, unfassbar gut getimete Dialoge schreiben können. Jeez! Wer’s noch nicht mitbekommenhat: THE MIGHTY BOOSH ist fantastische Serie, die hoffentlich fortgesetzt wird. Man munkelt, es solle einen Film geben …

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