white dog (samuel fuller, usa 1982)

Veröffentlicht: Dezember 8, 2010 in Film
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Die junge Schauspielerin Julie Sawyer (Kristy McNichol) fährt einen weißen Schäferhund an, den sie nach dessen Behandlung bei sich aufnimmt. Die Bindung zwischen den beiden wird gefestigt, als das Tier einen Vergewaltiger vertreibt, der in Julies Haus eingebrochen war. Nach einem weiteren Zwischenfall erkennt Julie jedoch, dass der neue Gefährte buchstäblich darauf trainiert wurde, Menschen anzufallen. Es handelt sich bei ihm gar um einen „White Dog“,  einen Hund, der von einem Rassisten speziell auf Schwarze abgerichtet wurde. Der Tiertrainer Keys (Paul Winfield), der den Hund ent-konditionieren soll, selbst ein Schwarzer, entwickelt ein überaus persönliches Interesse an der „Heilung“ des Hundes …

Es muss irgendwann zwischen 1984 und 1987 gewesen sein, dass ich diesen für mich damals eigentlich noch ungeeigneten Film bei seiner Ausstrahlung im deutschen Fernsehen zu sehen bekam, und obwohl ich mich nicht mehr konkret an ihn erinnern konnte, ist mir der Film dennoch immer im Gedächtnis geblieben. Das gestrige (verspätete, denn die Criterion-DVD steht schon geraume Zeit bei mir im Regal) Wiedersehen war insofern ein freudiges, auch wenn diese Formulierung anlässlich eines Films, den ich jetzt mal spontan als einen der traurigsten, die ich kenne, bezeichnen möchte, etwas unpassend ist. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wieder in Superlativen oder Heiligenverehrung ergehe: Es ist eine kaum zu überschätzende Großleistung Fullers, dass er das gewaltige tragische Potenzial des Stoffes erkannt und in seinem Film herausgearbeitet hat, der in weniger sensiblen Händen allzu leicht zum peinlichen Tearjerker und Hundemelodram oder zum tumben Tierhorrorfilm verkommen wäre. (Ja, richtig gelesen: Ich habe Fuller eben tatsächlich das Attribut „sensibel“ zugeschrieben und meine das vollkommen ernst.) Weniger groß ist hingegen die Leistung von Paramount anzusehen, das sich vor Angst, man könne den Film als rassistisch missverstehen – die NAACP hatte idiotischerweise einen Boykott angedroht, ohne WHITE DOG überhaupt gesehen zu haben -, gegen eine Veröffentlichung entschloss. Dabei lässt Fuller, der sich in seinen Filmen schon häufiger mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt hatte, keinen Zweifel an seinen Motiven: Er transzendiert seine Geschichte zur bitteren Parabel auf die Dummheit und Grausamkeit des Menschen, der vor nichts Halt macht, um seine verkommenen Interessen und Überzeugungen durchzusetzen. Der Rassismus ist eine besonders dumme Ausprägung dieser Grausamkeit und er richtet sich in WHITE DOG gleich gegen zwei Opfer: gegen die Schwarzen, die vom weißen Herrenmenschen als Jagdwild betrachtet werden, auf das man einen Hund ansetzt, um es zur Strecke zu bringen, aber auch in der Brutalität gegen das unschuldige Tier, das zum Vollstrecker der niedersten Triebe des Menschen abgerichtet wird, ohne sich dagegen wehren zu können. Der Mensch manipuliert mit seinem Hass die Natur, schreibt seine eigene Bösartigkeit unauslöschlich in diese ein und hinterlässt eine Welt, in der es sich schlechterdings kaum noch leben lässt. So ist auch das pessimistische Ende zu sehen: Wenn der Keim der Zwietracht einmal gesät ist, ist es fast unmöglich, sein Wuchern noch aufzuhalten, geschweige denn vollkommen rückgängig zu machen. WHITE DOG ist ein schmerzhafter, todtrauriger Film, der das Bild einer am Abgrund tanzenden Zivilisation wieder einmal mit der für Fuller typischen bestechenden unsentimentalen Klarheit zeichnet, und Ennio Morricones unvergesslicher Score bohrt sich dazu tief ins Herz. Ein unauslöschliches Filmerlebnis.

Kommentare
  1. Alex sagt:

    Ich glaube, bei der genannten TV-Ausstrahlung habe ich den damals auch gesehen und war tief beeindruckt. Danke für die Erinnerung, den muß ich unbedingt noch mal auffrischen!

  2. Oliver sagt:

    Hol‘ dir die Criterion. Die sieht super aus und hat ein schön dickes Booklet.

  3. Ghijath Naddaf sagt:

    Kommt im März auch von „Masters of Cinema“ als Blu-Ray/DVD Combo.

  4. Was für ein großartiger Film. Danke für die Vorstellung, bin erst durch sie auf den Film gekommen.

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