the bad lieutenant: port of call – new orleans (werner herzog, usa 2009)

Veröffentlicht: Dezember 27, 2010 in Film
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Als der krummen Dingern nicht abgeneigte Cop Terence McDonagh (Nicolas Cage) während der Flut nach Hurricane Katrina einen ertrinkenden Häftling rettet, wird er dafür zwar ausgezeichnet, doch die erlittene Rückenverletzung leitet seinen langsamen Sündenfall ein. Der Schmerzmittelabhängigkeit folgen härtere Drogen und diesen schließlich die Wettschulden. Gleichzeitig gilt es den brutalen Mord an einer afrikanischen Familie aufzuklären und die Prostituierte Frankie (Eva Mendes) vor einem gewissenlosen Mobster zu beschützen. McDonagh schwimmen die Felle davon …

Ein nominelles Remake eines grandiosen Ferrara-Films mit Nicolas Cage in der einst von Harvey Keitel verkörperten Titelrolle? Eine der zahlreichen unfassbar blöden Ideen, die Hollywood in den letzten Jahren am Fließband auszuspucken scheint, so als bettelte man dort förmlich darum, ausgelacht zu werden. Als jedoch klar war, dass der wenig stromlinienförmige und stets unvorhersehbare Werner Herzog die Regie für dieses vermeintlich zum Scheitern verurteilte Projekt übernehmen sollte, verwandelte sich der sichere Rohrkrepierer in einen der potenziell interessantesten Filme des Jahres. Und das ist THE BAD LIEUTENANT: PORT OF CALL – NEW ORLEANS dann auch geworden. Werner Herzog gewinnt, weil er sich dem Original überhaupt gar nicht verpflichtet sieht. Zwar erzählt er eine ähnliche Geschichte, doch sowohl deren Verlauf und Stimmung als auch der Tonfall der Inszenierung unterscheiden sich erheblich vom düster-deprimierenden Ferrara-Film. Herzog etabliert einen surreal-komischen Ton, der nur wenig mit Ferraras katholischer Schuld-und-Sühne-Meditation zu tun hat, stattdessen auf geradezu vergnügt boshafte Art und Weise amoralisch ist. Terence McDonagh benimmt sich wie die Axt im Walde, betrügt, klaut, bedroht und überschreitet seine Kompetenzen in jeder erdenklichen Hinsicht und ist am Ende selbst mehr als nur etwas verdutzt darüber, dass sich alles wie von Zauberhand für ihn zum Besten fügt. Im Polizeifilm, der sich vorzugsweise einer dokumentarischen Trockenheit oder eines zynischen Defätismus befleißigt, nimmt Herzogs BAD LIEUTENANT eine Exotenstellung ein, weil er seine Geschichte mit dem Blick fürs Märchenhafte erzählt, darin den Filmen von David Lynch nicht unähnlich (mit dem Herzog kurz darauf auch den Film MY SON, MY SON, WHAT HAVE YE DONE? gedreht hat). Vielleicht ist das auch der Grund, dass Cage, dessen Rollenauswahl und Leistungen in den vergangenen Jahren Verlust der Zurechnungsfähigkeit vermuten ließen, hier an seine lang, lang zurückliegende Glanzleistung aus WILD AT HEART anknüpfen kann, dem bad cop McDonagh die clownesk verzerrte Maske des permanent am Nervenzusammenbruch vorbeihyperventilierenden, zu allem Entschlossenen Junkies verleiht, die keiner so gut hingrimmassiert wie er.

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Kommentare
  1. Wieso sollte Cage seine Zurechnungsfähigkeit verloren haben?

    In den letzten Jahren hat sich der Mann zum Camp-Actor No. 1 gemausert und das meine ich im allerbesten Sinne. Allein das WICKER-MAN-Remake wird irgendwann einmal zu den größten Trashklassikern aller Zeiten gehören. Wenn Cage aufdreht, schlägt das Herz bei mir höher. Demnach fand ich, ebenso wie du, BAD LIEUTENANT ganz vorzüglich.

  2. Oliver sagt:

    Klar, kann man das so sehen und ich sehe das im Grunde auch so wie du. Trotzdem kann man es schon als Abstieg betrachten, wenn ein Schauspieler nach Oscar-Nominierungen und höchsten kritischen Weihen plötzlich nur noch als lustiger Quatschonkel in blöden Filmen wahrgenommen wird, der sich von einem Overacting-Anfall zum nächsten deliriert.

  3. Gerade seine Prestigerollen, wie eben beispielsweise die oscargekrönte im Mieffilm LEAVING LAS VEGAS, haben mir nie zugesagt. Sicher, in MONNSTRUCK etc. war er nett, aber sein hysterisches Potenzial haben vor seinem Abstieg in Camp-Gefilde nur wenige ansatzweise erkannt (z.B. die Coens), weshalb ich seine Perückentrashphase ab CON AIR dann doch deutlich mehr mag. Cage war sogar mal mein größter Hassschauspieler, unglaublich, wie sich die Dinge manchmal ändern.

    Machst du eigentlich eine Jahresliste? It’s Listen-Time. 🙂

  4. Oliver sagt:

    Für mich ist Nicholas Cage auf ewig mit WILD AT HEART und RAISING ARIZONA verbunden, die ihn zu einem meiner damaligen Lieblinge gemacht haben. Als er mit dem Dreischlag THE ROCK, CON AIR und FACE/OFF zum Actionstar avancierte, machte er ja nichts anderes mehr, als seine Masche zu Tode zu reiten. (Ich fand CON AIR damals spaßig, heute komplett unerträglich. Der ist die Apotheose all dessen, was ich am Actionfilm der Neunziger so verachte.) Das gelang mal besser, mal schlechter, aber hatte für mich irgendwie immer den Ruch des faulen Abkassierens. Das Erlebnis, das meine Meinung etwas geändert hat, war dann GHOST RIDER, den ich wirklich zum Schreien komisch fand.

    Eine Liste gibt’s in Kürze bei der Filmgazette, ein Hinweis folgt dann. Ich selbst bin eigentlich kein Listenfreund. Oder vielmehr: Ich schaue mir gern Listen an, aber mache nur ungern selbst welche.

  5. Nils sagt:

    Zum Film: Da kann ich echt jede Meinung von Meisterwerk bis Bullshit nachvollziehen. Hab ihn jetzt schon vor vielen Wochen gesehen und kann immer noch nicht genau sagen wie ich ihn denn fand. Ich und mein Mitgucker haben uns auf jeden Fall köstlich über Cages Ausraster amüsiert.

    Zu Cage: Seine Rollenwahl seit der Jahrtausendwende ging ja oft echt in die Hose, wobei ich weder die Overactingfilme noch die seriösen Darbietungen in seinem Gesamtwerk präferiere. Hat in beiden Kategorien mehr und weniger Sehenswertes gemacht. Allerdings scheint er schon früh auf der Camp-Schiene unterwegs gewesen zu sein wie dieser herrliche Zusammenschnitt beweist: http://www.youtube.com/watch?v=xP1-oquwoL8&feature=player_embedded
    VAMPIRE’S KISS und DEADFALL habe ich zwar nicht gesehen, die müssen sich aber vom Overactingfaktor wohl nicht vor WICKER MAN und BAD LIEUTENANT verstecken.

  6. Oliver sagt:

    Also, als Bullshit würde ich gar keinen Film bezeichnen, der mich in irgendeiner Form berührt, insofern kommt das bei BAD LIEUTENANT für mich absolut nicht in die Tüte. Und den Meisterwerk-Begriff würde ich ja am liebsten abschaffen, wen mir damit nicht ein wichtiges Werkzeug zur Leserüberrumpelung verloren ginge. Aber eines ist wohl klar: Herzog weiß ganz genau, was er tut, insofern kann man davon ausgehen, dass er Cages Ausraster ganz gezielt eingesetzt hat und jede Szene so geworden ist, wie er sie haben wollte.

    Über Cages vermeintlichen, von mir so bezeichneten Abstieg gibt es auch hier einen sehr schönen Artikel mit Bildbeweisen: http://www.cracked.com/blog/lets-play-nicolas-cage/.

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