the breakfast club (john hughes, usa 1985)

Veröffentlicht: Januar 3, 2011 in Film
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Oje. Ein Wiedersehen mit einem einst sehr geliebten Film, das leider nicht ganz so erfreulich verlaufen ist. Ich fürchte, ich bin der Zielgruppe einfach entwachsen: Die Probleme, die einem als Teenager unüberwindlich und existenziell erscheinen, habe ich hinter mir gelassen und irgendwie scheint sich damit auch der Bedarf für THE BREAKFAST CLUB erübrigt zu haben. Beziehungsweise: Die größere Distanz zum Film hat den Blick geöffnet für arge dramaturgische Schwächen, die mir so vor 15 Jahren nicht aufgefallen sind – oder die damals einfach nicht ins Gewicht fielen.

Dabei war mir ja durchaus bewusst, dass THE BREAKFAST CLUB – der TWELVE ANGRY MAN des Teeniefilms – konzeptionell nicht unproblematisch ist. Da werfen ein paar Nachsitzer ihrem Lehrer vor, sie in Schubladen zu stecken, anstatt sie als Individuen zu begreifen, und Hughes steckt sie selbst in diese Schubladen. Klar, das gehört zum Kniff des Films, der sowas wie das Manifest des Teeniegenres ist: Der Jock, der Nerd, die Prinzessin, die Durchgeknallte und der Kriminelle, sie alle werden durchpsychologisiert, mit Background und Neurosen ausgestattet, sodass kein nachfolgender Film sich diese Arbeit noch machen musste. Und weil Klischees natürlich nicht aus dem Nichts kommen, Hughes zudem über einiges Fingerspitzengefühl und glaubwürdige Darsteller verfügt, emanzipieren sich seine Figuren von ihren Etikettierungen und werden lebendig.

Zumindest für die ersten beiden Drittel des Films. Denn danach stellt der über allem stehende pädagogische Eifer Hughes ein Bein. Zu SIXTEEN CANDLES hatte ich noch geschrieben, dass er in seiner Episodenhaftigkeit sympathisch, aber auch noch etwas zerfahren ist, während spätere Filme – etwa THE BREAKFAST CLUB – dieses Problem in den Griff bekommen hätten. Das stimmt nicht. THE BREAKFAST CLUB ist genau solange großartig, wie er episodisch erzählt, wie er aufbaut, die fünf denkbar unterschiedlichen Schüler dabei zeigt, wie sie versuchen, die Zeit rumzukriegen, wie sie ihre Claims gegeneinander abstecken, sich belauern und abtasten, wie sie schließlich über die Konfrontation mit dem gemeinsamen Feind – Principal Vernon (großartig: Paul Gleason) – zueinander finden und eine Allianz bilden, die ihre Differenzen bröckeln lässt. Wenn sich im Schlussdrittel aber alle fünf zusammensetzen und voreinander ihr Innerstes offenbaren, fühlt man sich eher an Schülertheater und Psychologie-AG erinnert. Zeigte Hughes zuvor großes Geschick, seine Figuren in kleinen Gesten oder pointierten Dialogzeilen zu charakterisieren, ergeht er sich nun in den Klischees der Inszenierung: Alle müssen weinen und der Ernst, mit dem die Teenieprobleme durchgekaut werden, grenzt schon an unfreiwillige Komik. Hughes‘ Vorhaben ist sicherlich ehrenhaft: Er will diese Teenies mit ihren Sorgen ernst nehmen, eben nicht mit der angeblichen Weisheit des Alters auf sie herunterblicken. Aber da kommt ihm eben das Konzept in die Quere, das diese Jugendlichen zum Zweck der Dramaturgie auf Schablonen reduziert, damit es passt. Dass am Ende alles aufgehen muss, jeder seine Lektion gelernt hat – selbst der Rektor, der in der besten Szene des Films ausgerechnet vom Hausmeister auf seine Fehler aufmerksam gemacht wird –, alle Mädels unter der Haube sind, ist einfach zu viel des Guten – wenn nicht gar verlogen. THE BREAKFAST CLUB ist natürlich ein eminent wichtiges filmisches Zeitzeugnis, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber dass er seinen Status als Klassiker und Kultfilm genießt, ist eher darauf zurückzuführen, dass er seiner Zielgruppe damals aus der Seele sprach, nicht darauf, dass er ein wirklich großer Film wäre.

Kommentare
  1. […] mag nicht ganz so bekannt und ausgereift sein wie seine späteren genredefinierenden Erfolgsfilme THE BREAKFAST CLUB, WEIRD SCIENCE oder FERRIS BUELLER’S DAY-OFF, dafür besitzt er eine anarchische Wildheit, […]

  2. Whoknows sagt:

    Ich denke, du sprichst ein Problem an, das man als Erwachsener oft mit Teenagerfilmen hat („Ferris Bueller’s Day Off“ mag in dieser Hinsicht eine erfrischende Ausnahme sein). Ich sah z.B. erst als Tattergreis Joel Schumacher’s „St.Elmo’s Fire“ – und kann bis heute nicht begreifen, was junge Leute einst in diesem „Werk“ gesehen haben wollen (allein schon Demi Moore – but that’s a different story…).

    • Oliver sagt:

      Ich würde das nicht so pauschal sagen wollen, auch wenn man den Filmen rein biologisch irgendwann entwächst. (Ich schätze aber, dass Teenies von heute mit dem BREAKFAST CLUB auch nix mehr anfangen können.) Bei Hughes‘ Film trifft das (für mich) ohne Zweifel zu, weil er sozusagen die Innenperspektive einnimmt – deswegen ja auch mein Vergleich mit dem Schülertheater: Sein Film betrachtet die Probleme seiner Figuren so, wie die sie selbst betrachten, da wird nicht weiter reflektiert. Das macht für mich das Problem aus. Dazu kommt eben der Zwang, zu einer Lösung zu kommen, anstatt den Film offener enden zu lassen. Da ist er einfach immens ungeschickt. Es kulminiert für mich darin, dass Ally Sheedy sich am Ende mithilfe von etwas Lippenstift und Wimperntusche in eine Traumprinzessin verwandelt, so als könnte man seelische Verwundungen (die sie ja erlitten haben soll) einfach wegschminken. (Dass ich sie vorher süßer fand, ist natürlich rein subjektiv.)

      Zu ST. ELMO’S FIRE: Den mag ich auch gar nicht, finde ihn aber ebenfalls als Zeitgeistdokument ganz interessant, weil er den damaligen hohlen Materialismus gut einfängt. Der Film ist fast schon bizarr, weil man aus heutiger Sicht keine einzige Sympathiefigur in ihm finden kann. Alles bornierte, selbstverliebte Arschgeigen.

  3. […] von John Hughes, in der Molly Ringwald eine auf der Einkommensachse gespiegelte Version ihres BREAKFAST CLUB-Charakters gibt. Die Klassenkampf-Thematik, die in den Achtzigerjahren oft adressiert wurde – […]

  4. Nils sagt:

    Hab gestern meine Zweitsichtung absolviert, hatte ihn als Teen einmal (oder nur zum großen Teil gesehen) und gemocht, aber nicht geliebt. Vielleicht ist das der Grund, warum ich ihn immer noch sehr gut fand, auch wenn mir einige deiner Kritikpunkte ebenfalls aufgefallen sind.
    Gerade die Konstruiertheit merkt man extrem, wenn Vorgänge, die normalerweise Tage und Wochen dauern, in einer neunstündigen Nachsitzsession durchexerziert werden (Freundschaft schließen, sein Innerestes offenbaren und dann vor allem die von dir angesprochenen Paarfindungen zum Schluss). Doch als Kommentar zum Thema Schubladendenken finde ich ihn durchaus raffiniert, da Hughes eben auch nicht darauf reinfällt ein idealistisches „Ach, die sind ja gar nicht alle so“ zu predigen. Klischees haben einen Ursprung und so entsprechen die Figuren diesen eben auch zu einem gewissen Grad (auch in der Realität hat ja jedes Klischee gewisse Ursprünge), aber halt mit feinen Erweiterungen. Ich kenne nur wenige Filme, in denen der Jock das „bullying“ schwächerer Mitschüler reflektiert, sogar Gründe dafür liefert, die über das simple Arschlochsein der Figur hinausgehen. Insofern kann ich die gewisse Konstruiertheit als „suspension of disbelief“ abbuchen und den Film immer noch dufte finden.

    Aber ja, Sheedy fand ich vor der Transformation auch süßer 🙂

    • Oliver sagt:

      Wollte dir auf deine E-Mail eigentlich noch geantwortet haben, habe es aber vor lauter Papasein vergessen. 🙂

      Natürlich reflektiert Hughes seine Klischees, aber am Ende fällt er dennoch hinter sie zurück: Dass der Jock insgeheim weiß, dass er ein Arschloch ist, ist doch klar und meist wird er ja auch genau auf diese Weise erwischt. Hughes formuliert das hier nur explizit aus. (Das meinte ich mit dem Teeniefilm-Manifest.)

      Ich finde einfach, dass dem Film und seinen Figuren der pädagogische Impetus schadet, weil er die Figuren in ein teleologisches Korsett zwängt, anstatt sie einfach sein zu lassen. Da würde ich dann auch deiner Mail widersprechen, in der du geschrieben hattest, dass Hughes kein komisches Talent, kein Gespür für Timing habe (oder so ähnlich). Ich bin der Meinung, dass er genau das kann, aber eben Probleme bekommt, wenn er dieses Talent für spritzige Szenen einem größeren dramturgischen Zweck unterwirft.

      • Nils sagt:

        Ne, so hart war das bei weitem nicht. Ich finde nur, dass sein komödiantisches Timing teilweise schwächelt und die Filme für mich eher über die Figuren funktionieren.
        Gerade WEIRD SCIENCE ist für mich albernes und streckenweise echt nerviges Kasperletheater, das irgendwelche Gags ohne Sinn für Pointen rauskloppt, und bei mir noch wesentlich mehr durchgefallen wäre, wären die beiden Nerd-Hauptfiguren nicht so gut angelegt. Auch PLANES, TRAINS & AUTOMOBILES ist in meinen Augen schlecht gealtert, wie mir eine Zweitsichtung vor Augen führte, da das Rumgealbere eher leidlich amüsant istt und sowohl Candy als auch Martin da nur ihre Standardrollen runterspielen, während ich das Ende des Films bemerkenswert finde, nämlich jene Szene, in der Candys Figur dann einen emotionalen Moment hat und offenbart, warum er so ist wie er ist. Auch einige Comedymomente bei BREAKFAST CLUB wie z.B. Sheedys Sandwichszene finde ich als reine Gags eher mau, als Bestandteil der Figur dann wesentlich interessanter. Wenn ich dann zum Vergleich den von mir verehrten THE SURE THING von Rob Reiner ansehe, dann funktionieren die Gags immer noch phantastisch.

        Zum Thema Jock usw.: Wie gesagt, mir fallen wenige Filme ein, die zumindest versuchen es reflektieren. Und das Ende lässt ja offen, inwiefern sich die Figuren nun tatsächlich geändert haben oder ob Montag tatsächlich alles wieder so sein wird wie vorher – alles Ansätze, die anderswo kaum gewagt werden.

      • Oliver sagt:

        OK, habe dich da unfairerweise aus dem Gedächtnis zitiert.

        WEIRD SCIENCE muss ich mal wieder sehen, um mich dazu äußern zu können und PLANES hat mir damals auch nicht gefallen, was aber vor allem daran lag, dass ich ihn als Steve-Martin-Film gesehen habe und auf eine ähnliche Gagdichte wie bei THE JERK gehofft hatte.

        Aber in gewisser Hinsicht hast du Recht: In BREAKFAST CLUB gibt es eigentlich keine Gags in herkömmlicher Hinsicht, keine Szenen, die auf eine komische Pointe hinzulaufen würden. Ich würde das aber nicht als Schwäche oder Mangel bezeichnen: Es ist einfach etwas, was Hughes nicht macht. Bei ihm entsteht Witz eher wie du richtig sagst aus Charakterbeobachtung und -zeichnung und aus temporeichen Wortgefechten. Deshalb würde ich in jedem Fall widersprechen, wenn du ihm Timingschwächen unterstellst, denn Timing ist genau das, was etwa die Exposition in BREAKFAST CLUB so großartig macht. Er braucht unheimlich wenig Anlauf, um die Figuren einzuführen. Diese oft lästige und langatmige Vorarbeit erledigt er wie im Vorbeigehen mit ein paar kurzen Szenen und Dialogen. Und ihm kommt zugute, dass man seine Figuren schon einordnen kann, bevor man auch nur ihre Namen kennt. Deswegen finde ich den Finalakt auch so mau: Je mehr die Figuren über sich erzählen, umso weniger glaubwürdig sind sie. Sie bestätigen in ihren verbalen Offenbarungen nur noch das, was Hughes vorher viel eleganter in kleinen Gesten, verbalen Austäuschen oder Blicken eingefangen hat.

  5. […] und Action entäußert wie im Falle Jeans und Rooneys, muss sich Cameron am Schluss wie bei THE BREAKFAST CLUB in einem überdeutlichen Monolog erklären und seinen Entschluss äußern, dem Vater die Stirn zu […]

  6. […] deutlich entspannter und lockerer vonstatten als im ambitionierteren und auch ernsteren Vorgänger THE BREAKFAST CLUB. Geschadet hat es Hughes nicht, WEIRD SCIENCE war ein veritabler Erfolg und zog noch zehn Jahre […]

  7. […] einen weitaus größeren Bekanntheitsgrad und braucht sich hinter Evergreens des Teeniefilms wie THE BREAKFAST CLUB oder FERRIS BUELLER’S DAY OFF keineswegs zu […]

  8. […] des Films völlig unglaubwürdig: Anthony Michael Hall – der in den Filmen von John Hughes als linkischer Nerd brillierte und hier das komplette Gegenteil seiner etablierten Persona spielen muss – ist […]

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