e.t., the extra-terrestrial (steven spielberg, usa 1982)

Veröffentlicht: Januar 10, 2011 in Film
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Mal wieder ein biografisches Detail, das an dieser Stelle unerlässlich ist, denn ich habe diesen nach wie vor zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten gehörenden Spielberg-Klassiker gestern zum ersten Mal gesehen. Ein etwas peinliches Geständnis, doch 1982, als sich alle Welt im E.T.-Rausch befand und vor Verzückung über das Knuddelalien und den Knuddel-Elliott fast einem Zuckerschock erlag, war ich ein kleiner Sechsjähriger, dem die über die Mattscheibe flimmernden Ausschnitte aus dem Film panische Angst einjagten und jede Lust auf den Film im Keim erstickten. Besonders gruselig fand ich den Teleskophals des faltigen Außerirdischen und die Begeisterung meiner Altersgenossen wirkte auf mich  demzufolge ebenso befremdlich wie das die Spielwarenabteilungen der Kaufhäuser flutende Merchandising. Wie konnte man nur eine solch grässliche Gestalt verehren, geschweige denn niedlich finden?

Diese Abscheu wich über die Jahre dann einem souveränen, aber altersgemäßen Desinteresse: Welcher Jugendliche schaut sich schon gern einen Kinderfilm über einen liebenswerten Außerirdischen an, wenn es doch so viel coolere Filme mit bösen extraterrestrischen Invasoren gibt, die statt mit dem heilenden Leuchtfinger mit Phaserkanonen herumwedeln? Eben. Das Verhältnis zu Spielberg ist eh ein kompliziertes, weil man als quasi nebenberuflicher Filmseher vor einem enormen Abgrenzungsproblem steht: Auf der einen Seite ist da die Hochachtung (und auch Begeisterung) vor (bzw. für) Spielbergs unzweifelhafte Regie- und Erzählkunst, auf der anderen die Skepsis und der Widerwillen, mit denen man seine Versuche, enorm schwierige und sensible Stoffe in teures massentaugliches und demzufolge möglichst Profit bringendes Affektkino zu verwandeln, betrachtet. E.T., THE EXTRA-TERRESTRIAL muss man in seinem Schaffen zwar als ganz und gar unproblematischen Film betrachten, doch macht ihn das ja im Vorfeld nicht gerade interessanter. Erschwerend hinzu kommt schließlich, dass man als Filmbegeisterter eh schon genau weiß, was in diesem Film passiert, von Spannung im herkömmlichen Sinn also kaum die Rede sein kann. Aber die Zeit war jetzt irgendwie reif dafür, die klaffende Lücke endlich einmal zu schließen. Kurz vor den Weihnachtsfeiertagen, an denen man rührseligen Stoff ja manchmal regelrecht braucht, bin ich dem Reiz, der von dem strategisch überaus clever direkt an der Kasse des bekannten Elektrodiscounters platzierten Sonderangebot ausging, erlegen wie das Kleinkind dem Überraschungsei: Stimmt, den habe ich ja auch noch nicht gesehen, her damit!

Und wie ich es schon geahnt hatte, genießt E.T., THE EXTRA-TERRESTRIAL seinen guten, wenn auch nicht mehr ganz so vehement verbreiteten Ruf natürlich zurecht und man darf die Spielberg-Skepsis ganz ohne schlechtes Gewissen zugunsten der Spielberg-Begeisterung vergessen. Es ist schon beeindruckend, wie Spielberg über weite Strecken des Films ohne expositorischen Dialog auskommt, stattdessen wichtige Informationen nur über die Bilder vermittelt. Während in anderen Filmen ohne Unterlass gequasselt wird, Charaktere beschreiben, was sie gerade tun, ankündigen, was sie in der nächsten Einstellung tun werden, oder berichten, was sie in der vorangegangenen Einstellung getan haben, dient Spielberg der Dialog ausschließlich zur Charakterisierung seiner Figuren oder zur Schaffung von Atmosphäre bzw. Authentizität. Vor allem die Exposition lebt ausschließlich von ihren starken Bildern – das Raumschiff in den Bergen über Los Angeles, die gewaltigen, in den Nachthimmel stoßenden Bäume, die Lichtschwerter der Taschenlampen, die das Dunkel auf der Suche nach den Außerirdischen zerschneiden, der Dunst im Garten von Elliotts Zuhause –, die bereits das dem Film zugrunde liegende Thema andeuten: Spielberg kontrastiert die unschuldige, offene und vorurteilsfreie Sicht der Kinder mit der zielgerichteten, selektiven, voreingenommen und deshalb aggressiven Perspektive der Erwachsenen und deutet an, das letztere die Welt nicht weiterbringen, sondern im Gegenteil viele Probleme schaffen wird. Das ist natürlich recht plakativ und einfach, aber trotzdem niemals kitschig oder rührselig, zumal man allzu krasse Schwarzweiß-Malerei, die das Thema ja eigentlich anbietet, vergeblich sucht. So ist etwa der federführende Wissenschaftler mitnichten ein gewissenloses Monster, sondern ein Gesinnungsgenosse des kleinen Elliott, ein Erwachsener, der immer noch in der Lage ist, die Welt durch Kinderaugen zu betrachten.

Abschließend muss ich noch erwähnen, dass ich eine Fassung des Films gesehen habe, die mit aufgehübschten Effekten und neuen Szenen „verbessert“ wurde. So sehr ich es nachvollziehen kann, dass die enormen Fortschritte, die die Effektkunst in den letzten 30 Jahren gemacht hat, in den Filmemachern das Bedürfnis weckt,  ihre „veralteten“ Werke zu korrigieren, so fürchterlich finde ich die Vorstellung, dass alles, was Filme als Produkte ihrer Zeit erkennbar macht, getilgt wird und diese so in buchstäblich zeit- und ortlose Artefakte verwandelt werden. Im vorliegenden Fall sind diese „Verbesserungen“ nicht nur unnötig – Eventkino-Megalomanie ist E.T., THE EXTRA-TERRESTRIAL reichlich fremd –, sie zerstören auch den Eindruck eines homogenen Werks, suggerieren, dass ein Film aus miteinander allenfalls in loser Verbindung stehenden Einzelbestandteilen zusammegfügt ist, die man austauschen kann. Gerade Spielberg sollte es eigentlich besser wissen.

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Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    Ich glaube, ich müsste E.T. auch mal wieder sehen. Nicht, weil er mich besonders interessiert – ich habe ihn zuletzt wohl als Kind gesehen und kann mich nicht mehr erinnern, ob er mir damals gefiel -, sondern weil ich zuletzt (und wie auch von dir angedeutet) gehört haben, dass E.T. sehr schlecht gealtert sei, also nicht nur technisch.

    Der ganze Komplex seit der DVD/Digitalisierung um „Special Editions“ o.ä. und generell Filmversionen (verschiedene Releases eines Films, verschiedene Schnittfassungen) ist eh ein spannendes Thema. Hat da die Filmwissenschaft eigentlich schon draufgeschaut? Die Verunsicherung des Kunden ist ja nur ein Teil, wie du abschließend schreibst ist das nachträgliche Verändern von Filmen aus Kunst-/Kultursicht fragwürdig. Wobei ich mich natürlich auch freue, wenn es Filme wie Blade Runner im „Final Cut“ gibt.

    PS: Habe mal kurz bei Wikipedia die E.T.-Veränderungen nachgelesen. Sehen die neuen Szenen mit E.T. ähnlich schlecht oder „anders“ aus als damals Jabba in den Star-Wars-Neufassungen? Und das Wegretuschieren von Pistolen hat einen ziemlichen revisionistischen Beigeschmack…

  2. Ich fürchtete bereits beim Lesen der ersten Zeilen, dass du die neue Fassung gesehen hast, die wirklich unnötiger als unnötig ist, weil alle Veränderungen komplett unschön sind und teilweise sogar zu Evergreens gewordene Momente verunstalten (Abänderung des Phone-Home-Zitats). Glücklicherweise aber gibt es die Kinofassung in ebenso brillanter Qualität auf DVD, weshalb ich die lausige Special Edition schon gar nicht mehr beachte (anders als bei STAR WARS).

    E.T. ist auf ewig einer meiner Lieblingsfilme. Ich finde in vielerlei Hinsicht, dass es der konsequente Kinderfilm schlechthin ist, weil Spielberg sich ganz auf die erzählerische Wahrnehmungsebene eines Kindes begibt. Ich verstehe nicht, wieso der Film heute vor allem intellektuell nur auf seine Manipulationsstrategien reduziert wird, die teilweise auch auf Spielbergs Fähigkeit, so geschlossen, dicht und unmittelbar wie kaum ein anderer Geschichten erzählen zu können, zurückzuführen sind.

    Ich kann mir allerdings gar nicht vorstellen, wie das ist, den Film heute zum ersten Mal zu sehen. 😀

  3. Oliver sagt:

    Ich antworte euch beiden jetzt mal zusammen, weil das irgendwie einfacher ist und sich meine Antworten sonst eh überschneiden würden:

    So fürchterlich ich es finde, nachträglich an Filmen rumzupfuschen, den guten Eindruck, den der Film bei mir hinterlassen hat, konnten die Änderungen nicht schmälern, was natürlich auch daran liegt, dass ich ihn vorher nur auszugsweise und dann auch nur auf Deutsch gesehen habe: Es gab einfach keinen prägenden Eindruck, der hätte zerstört werden können. Mir ist auch erst während der Sichtung aufgefallen, dass die Fassung wohl nicht das Original ist, weil mir einige der Effekte doch etwas zu gut erschienen, als dass sie mit einer einfachen Puppe hätten realisiert worden sein können. Erst der Blick aufs Cover bestätigte mich in diesem Verdacht. Zur Qualität der neuen Effekte (sofern ich alle identifizieren konnte): Die sehen durchweg ordentlich aus, fallen aber eben aus dem Rahmen – sie wollen einfach nicht zum Rest des Films passen.

    Zum Behauptung, E.T. sei „nicht gut gealtert“ kann ich nur sagen, dass ich das für Unsinn halte. Das lässt sich m. E. nur aufrechterhalten, wenn man die Ansicht vertritt, alles was nicht dem neuesten Stand der Technik oder den neuesten Trends entspricht, sei altmodisch und damit überkommen. Klar, E.T. würde heute wohl ungleich schneller erzählt und geschnitten werden und mit mehr Effektzauber versehen werden. Dass er dadurch besser würde, wage ich allerdings zu bezweifeln. Und Spielbergs Geschick beim Geschichtenerzählen scheint mir ebenso zeitlos wie seine Leib- und Magenthemen.

  4. Thies sagt:

    Auch bei mir etwas Biographisches vorab: ich hatte den Film zum Start wahrscheinlich im genau richtigen Alter gesehen – mit 11 Jahren war ich wohl alt genug um den der Action innewohnenden Schrecken verkraften zu können, aber auch noch jung genug um dem Zauber des Films von Anfang bis Ende komplett zu verfallen. Mir erschien der Charakter von E.T. so echt wie jeder neben ihm agierende Mensch. Und ich kann mich auch noch deutlich daran erinnern, wie mir die Tränen das Gesicht runter liefen, als Elliot von seinem auf Eis gelegten Freund Abschied nahm. Und wie heftig der Umschwung von Trauer in Freude war, als er wieder auferstehen konnte.

    Und das schöne an dem Film ist, dass er diesen Zauber bis heute für mich immer noch besitzt. Ich habe zu Spielberg inzwischen einen etwas nüchtereren Blick entwickelt – etwa seitdem „Hook“ bei mir eher das Gegenteil von dem Zauber ausgelöst hatte, den ich mir von dem Film erhofft hatte – aber auch heute noch sollte wenn ich mir den Schluss von „E.T.“ ansehe, besser eine Packung Taschentücher in Griffnähe bereit legen.

    Was Filme angeht, scheine ich damit inzwischen eine Art von Schizophrenie entwickelt zu haben – zeig mir, wie Schwarzenegger in „Phantomkommando“ eine Armee von Menschen niedermäht und ich habe nur ein höhnisches Grinsen für die Opfer übrig. Aber wenn Drew Barrymoore eine Gummipuppe küsst und ihr eine Zimmerpflanze als Geschenk mit auf den Weg gibt, dann sagen die für die Tränendrüsen zuständigen Nervenenden sofort: „Alle Rohre frei!“ 😉

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